Der Tod hat ein Gesicht
von Eduard Breimann “Der Tod hat ein Gesicht”, Erzählungen
Seite in Bearbeitung
Im Covertext heisst es:
Auch in seinem zweiten Band schildert Eduard Breimann mit grosser Intensität Probleme, die uns allen geläufig sind und auf eine zu Herzen gehende Weise dargestellt und vertieft werden. Hier geht es um eine SS-Vergangenheit, die Folgen falschen Handelns, Erziehungsprobleme, die längst der Vergangenheit angehören sollten, um die Ausgestossenen unserer Gesellschaft, seien es Penner oder HIV-Infizierte. Es sind wieder meisterhaft behandelte Themen unserer Zeit.
Leseprobe aus “Nur ein Kuss”:
„Kennst du den, wo der Neger sagt, er wolle ins Guinness Buch der Rekorde?“
„Nein, womit denn?“, fragte August Blech.
„Er legte ein Attest vor, in dem stand: Garantiert HIV-frei!“
Ein brüllendes Gelächter belohnte den Erzähler und August Blech stand auf. „Na dann, bis später“, sagte er zu Paul, nahm den zweiten Apfel und zog mit den Männern ab.
Paul aß seinen Käse, wischte mit dem letzten Brotstück den Tellerrand sauber und ließ sich ein Glas Wasser geben. Der Rücken schmerzte und die Beine zitterten so stark, dass er sie zusammen drückte. Im Nacken spürte er den Schweiß, der von den Haaren perlte.
„Geht’s dir gut, Paul?“ Peter setzte sich zu ihm und stellte einen Teller mit Braten und Kartoffeln auf den Tisch.
„Geht so – sind die Scheißmedikamente. Interessante Leute hast du eingeladen. Alle Achtung!“
„Viele wollen lieber was Rustikales essen – wie früher nach dem Krieg. Französisch ist out – essen mein ich!“, sagte er grinsend. Dafür sind Schweinebraten und Roastbeef wieder in. Die Weiber stehen allerdings mehr auf Fisch.“
„Ist sicher gesünder.“
„Und? Unterhältst du dich gut? Wie ist’s mit dem Minirock? Dein Kaliber?“
„Eher nicht. Versteh mich nicht falsch, Peter. Es geht nichts mehr.“
„Na, na! Was heißt das? Ein paar Jahre Afrika. – Na und?“
„Ich war krank; hab lange in der Klinik in Kumasi gelegen.“
„Weiß ich doch! Irgendeine Virusinfektion. Kriegt doch hier auch jeder mal.“
„Nicht jeder, sonst würden wir aussterben.“
„Hä?“ Er stierte Paul an, kaute an dem Fleischrand, das Fett schlich sich an seinem Kinn herunter und ein Tropfen fiel auf die Tischdecke.
„Peter! Hör zu! Ich hab mir da was eingefangen. Aber – bitte – du bist mein bester Freund. Ich bitte dich, halt´s für dich, ja? Ich hab mich angesteckt! Ich bin positiv getestet. HIV – du weißt, was das heißt. Bin unvorsichtig gewesen – einmal nur in der ganzen Zeit.“
„Du hast was? Spinnst du?“
„Nein, leider nicht. Inzwischen ist es ausgebrochen – schon sehr früh, nach knapp zwei Jahren. Ich habe Soor-Ösophagitis, sagen die Ärzte; ist eine Variante vom Aids!“
„Nein!“ Das halb zerkaute Fleischstück wurde deutlich sichtbar, als Peters Mund fassungslos offen hing. Paul ekelte sich und blickte auf seinen Teller.
„Doch. – Es ist so.“
„Aber – da läufst du einfach so rum? Musst du da nicht in Quarantäne oder so? Du bist doch ansteckend.“
„Ja, sicher. Aber kein Aidskranker kommt in Quaran-täne. Ich stecke niemanden an. Hör zu, Peter: Ich bin in Behandlung und mir bleibt noch etwas Zeit. Ich mach diese Haart-Therapie mit den neuesten Medikamenten. Deshalb bin ich zurück gekommen. Es ist sauhart; mir geht’s schlecht und ich hab niemanden, mit dem ich reden kann. Ich brauche ein normal reagierendes Umfeld, sagen die Ärzte. Sagen die so locker, als gab’s das auf dem Markt zu kaufen. Ich bin keine Gefahr – für niemanden.“
„Das sagst du so!“ Peter warf das Besteck auf das Fleischstück, schob den Teller weg und betrachtete seine Hände. „Entschuldige! Muss mal eben zum Klo.“
Paul blickte ihm nach und wischte sich den Schweiß aus dem Nacken. Der Lärm rundum war wieder stärker geworden, seitdem fast alle ihre Teller leer gegessen hatten. Der Klavierspieler klimperte lustlos; Paul sah, dass er immer wieder zum Buffet schielte.
„Hör zu, Paul.“ Peter stand einen halben Meter vor dem Tisch und sah zu ihm herunter. „Meinst du, dass es richtig ist, zu Partys zu gehen, als wenn nichts wäre? Bist du nicht zu krank dafür?“
„Nein, bin ich nicht. Ich fühl mich wohl unter Leuten. Ich brauche etwas Ablenkung.“
„Ja, schon. Aber das ist doch gefährlich, Paul. – Wie lange hast du noch?“
„Wie meinst du das? Willst du wissen, ob ich auf deiner Party tot umfalle? Das wär das Ereignis des Jahres für deine Gäste, was? Sondereinlage zur Belustigung der VIPs bei Peter Bender. Aber ich kann dich beruhigen. Meine Kombinationspräparate bremsen den Verfall und ich halt´s noch ein paar Tage aus.“
„Okay, okay! Pass aber bitte auf, ja? Komm keinem zu nahe. Hab keine Lust auf Scherereien. Mach mir keinen Skandal, hörst du? Den kann ich wirklich nicht gebrauchen. Diese Party ist die wichtigste meines ganzen Lebens.“
Er ging weg, sah sich mehrfach sichernd um; sein Blick war rätselhaft. Er ging ins Foyer, blickte sich noch einmal um und war dann nicht mehr zu sehen.
Paul lehnte sich zurück und schloss die Augen; vernahm alle Geräusche intensiver und drängender. Als er es nicht mehr aushielt, öffnete er die Augen und sah Betty, die mit großen Schritten ins Bad stürmte. Sofort danach kam Peter ins Bild, blickte sich immer wieder um und verschwand hinter der selben Tür. Zwei Frauen gingen an Paul vorbei, musterten ihn neugierig.
„Hat der die schon informiert? Warum glotzen die sonst so?“, dachte er und blickte auf die Tischplatte. Seine Arme waren schwer und als er sich mit der Serviette den Mund abwischte, rutschte die Rechte kraftlos an der Brust herunter.
„Paul! Was erzählt Peter? Du hast was?“
Betty stand in gehörigem Abstand vor dem Tisch, die Hände in den Hüften. „Ich kann’s nicht glauben! Und dann kommst du hier her? Warte mal. Halt! Halt! Du hast mich geküsst! Oh, du mieses Schwein! Ich zeig dich an, ich verklag dich, du …“
„Nein! Ich hab dich noch nie geküsst. Auch heute nicht. Nur die Luft neben deinen Ohren. Außerdem ist das nicht ansteckend. Wir hatten weder Oralverkehr noch einen anderen Spaß miteinander. Oder?“
„Paul! Das ist kein Spaß!“
„Nein, wirklich nicht. Das versichere ich dir.“
„Wenn wir das gewusst hätten – das ist doch viel zu anstrengend für dich. Musst du dich nicht hinlegen? Soll ich dir ein Taxi rufen?“ Ihre Stimme hatte einen besorgten Tonfall angenommen und er sah die Lüge in ihren unsteten Augen.
„Das kann ich selber noch. Es ist nett von dir, dass du dich so um mich sorgst. Ich werde nicht mehr lange bleiben.“
„Kommen Sie mal her! – Sie! Ja, Sie! Und ein bisschen flott!“ Betty winkte einer Bedienung heftig zu. Das Mädchen kam mit schnellen Schritten und hielt Paul ihr Tablett hin.
„Nein, nein! Kein neues Getränk. Bringen Sie alles weg, was auf dem Tisch steht; Teller, Besteck, Servierte und Glas. Alles in den Mülleimer! Haben Sie mich verstanden? Alles sofort in den Müll!“
„Ja, natürlich“, sagte das Mädchen und blickte Paul fragend an. Sie war sehr jung, hübsch und hatte traurige Augen. Paul dachte an den Blick der sterbenden Anti-lope; es war seine letzte Jagd vor dem Ausbruch der Krankheit gewesen und das angeschossene Tier hatte ihn mit großen Augen abgefragt. Die Frage nach dem ‚Warum’ stand auch in diesen Augen.
„Ich fass es nicht! Du hast Aids, gefährdest uns und ziehst alle anderen Gäste auch damit herein. Uns – deinen langjährigen Freunden – tust du das an. Hat Peter dir nicht gesagt, wie wichtig diese Party für uns ist?“
Betty hatte das Mädchen völlig vergessen; sie existierte für sie nicht. Es stand wie angewachsen neben dem Tisch, schaute abwechselnd Betty und Peter an. Er sah, wie ihr Adamsapfel rauf und runter rutschte.
„Geh noch ein Stück zurück, Betty, damit ich dir nicht zu nahe komme. Ich steh jetzt auf; ich muss raus. Mir ist schlecht geworden bei deinem Anblick – und es könnte sein, dass ich dir auf deinen kostbaren Teppich kotze.“
„Nein!“ Sie atmete hörbar aus, machte tatsächlich einen raschen Schritt rückwärts; er stand auf und wollte zur Terrassentür.
„Bitte! Er steckt doch niemanden an. Bitte!“ Das Mädchen stellte das Tablett auf den Tisch und sah Betty an.
Bettys Kopf flog herum. Sie brauchte einige Sekunden um die Stimme, die Worte und die Sprecherin miteinander zu kombinieren.
„Also! – Was erlauben Sie sich? Schweigen Sie! Nehmen Sie den Abfall und machen Sie, dass Sie wegkommen. Sie hören noch von mir.“
Der Tod hat ein Gesicht
Erzählungen
von Eduard Breimann
Verlag Universal Frame
November 2004
Taschenbuch
139 Seiten
Grösse: 18.8 x 12 x 0.8 cm
ISBN 978-3952298115
Euro 11.80 (D)
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