Der Nikolaus, der kein Weihnachtsmann war:
Anlässlich der Frankfurter Buchmesse, im Herbst 2008 ist bei uns erschienen:
von Jürgen Jesinghaus, „Nikolaus, der Mann aus Myra“
Covertext: Fernab von allen Heiligenlegenden, hat Jürgen Jesinghaus ein wunderbares Buch geschrieben, das Jugendlichen und Erwachsenen gleichermassen hohen Lesegenuss bietet.
Dieser Nikolaus ist ein rechtschaffener und praktischer Mann, der die Werte des Christentums lebt, bevor es ihm bewusst ist. Sein Amt als Bischof nimmt er anscheinend nur beiläufig, neben seiner Tätigkeit als Spediteur wahr, vertritt seine Überzeugung aber klug und unerschütterlich, selbst unter der Folter des römischen Geheimdienstes.
Dieses Buch ist überdies ein moderner Bildungsroman, wie selbstverständlich bereichert um mathematische, astronomische und philosophische Themen, Leckerbissen für Wissbegierige.
Jürgen Jesinghaus schildert das Leben im griechischen Lykien, das zur Zeit des Bischofs von Myra, im 4. Jahrhundert nach Christus, zum römischen Reich gehörte, intelligent, feinsinnig und mit hintergründigem Humor.
Ein Roman, der auch durch seine unaufgeregte, gekonnte Sprache zu einer Entdeckung wird.
Waschzetteltext:
Dieser Nikolausroman räumt nicht nur mit allen bisherigen Darstellungen des heiligen Nikolaus auf, das Buch ist eine inhaltsreiche, konkrete und spannende Darstellung des Protagonisten in seiner Zeit.
Schon früh fällt Nik durch seine Redegewandtheit auf, die ihm bei vielen Gelegenheiten hilfreich ist, begonnen bei der drohenden Verurteilung wegen Mordes, bei seiner ersten Wahl zum Bischof, bei einer Begegnung mit Piraten, die sein Schiff kapern wollen, anlässlich des Konzils von Nizäa vor Kaiser Konstantin und auch bei den Auseinandersetzungen mit dem Geheimdienst-Offizier der römischen Herrschaft nach Folterungen, deren ‹intelligente› Methoden dem Repertoire der Jetztzeit gleichen.
Sein Verhalten in diesem Fall lässt ihn an sich selbst – als Christ – zweifeln.
Hier, wie in anderen Zusammenhängen auch, werden Fragen des richtigen Verhaltens, bis hin zur Frage der Befehlsverweigerung, wie Nikolaus sie gesehen haben könnte, aus christlicher und philosophischer Sicht, spannend dargestellt.
Der geschickte Kaufmann und Bischof sah in der Nächstenliebe die eigentliche Aufgabe als Christ. Er distanzierte sich daher von theoretischen theologischen Disputen und gründete lieber Waisen- und Leprosenheime und beschaffte in Notzeiten Getreide für die Hungernden. So findet hier eine der vielen Nikolaus-Legenden, das Weizenwunder, beispielhaft seine praktische Erklärung.
Ein Höhepunkt in seinem Leben ist die Entdeckung eines Briefes seines Lieblings-Evangelisten Lukas in den Felsengräbern von Myra.
Wunderbar, geheimnisvoll und traurig sind seine besonderen Beziehungen zu Frauen, von seiner Frau Zenia, der Fischfrau, bis zur „Königin von Ägypten“.
Seine Vertrautheit mit dem Wissen der griechischen Philosophen fliesst in faszinierende Gespräche ein.
Jürgen Jesinghaus
Nikolaus, der Mann aus Myra
Roman
Verlag Universal Frame
September 2008
Gebundene Ausgabe
306 Seiten
Grösse: 21.6 x 13.2 x 2.6cm
ISBN 978-3952298176
Euro 19.80 (D)
Weitere Informationen und Bestellmöglichkeit:
Nikolaus, der Mann aus Myra
Leseprobe 1 (Kapitel 4, Seite 19):
(die durchgängige Schreibweise ss für ß entspricht schweizerischer Orthographie)
Als die Sonne hinter den Felsen verschwand und der Fluss kaum noch zu sehen war, nur durch eine etwas andere Grünfärbung sich von seiner Umgebung abhob, sagte Hanna zu ihrem Sohn:
„Geh jetzt zu ihm und wünsch ihm eine gute Nacht. Die erste Nacht ist die schwerste, danach gewöhnen sie sich allmählich an ihren Zustand.“
Nik richtete seine aufgerissenen Augen auf die Mutter. Sie mochte glauben, dass er sich scheute, in das Zimmer des Toten zu gehen. Darum erklärte sie ihm, wie wichtig es sei, den Toten beizustehen, weil sie wie Neugeborene noch nicht wüssten, sich alleine zurechtzufinden. Er brach in Tränen aus, aber bevor Hanna ihren Auftrag zurücknehmen konnte, wischte er sich das Gesicht und bestand darauf, dem alten Mann, der ihm zugelächelt hatte, eine gute Nacht zu wünschen. Er verschwand in der Dunkelheit, die bis an den Himmel gestiegen war. Zefir folgte ihm.
Nik betrat, seine Hände zu Fäusten geballt, das Gemach des Toten, das halb offen stand. Zefir blaffte. Nik wies ihn fort. Der Hund knurrte, trollte sich aber, als er die Faust des Kindes auf sich gerichtet sah. Eine Fackel blakte zu Füssen der Leiche und warf unruhige Schatten, die ihr Gesicht zu beleben schienen. Nik senkte seine Faust über der Brust des Toten und legte den grünen Stein darauf, den steinernen Käfer. Der eine Reiter sass auf einem Stuhl in dem Teil des Zimmers, wo die Schattenmasse, obwohl aufgewühlt durch die Fackelflamme, die Oberhand über das Licht behielt, so dass Nik ihn nicht bemerkte. Der Mann konnte sich das Verhalten des Kindes nicht erklären und schüttelte nur so für sich selbst den Kopf, aber er schwieg, weil er weder den Toten noch das Kind erschrecken wollte. Denn die Toten, so sagte man in jenem Lande damals, sind schreckhaft, und sie sind es, die frisch Gestorbenen, die sich fürchten und die sich erst allmählich vom Schreck des Sterbens erholen, bevor sie sich, wie die Kinder zum Gehen angelernt, in der jenseitigen Welt zurechtfinden und langsam wieder erwachsen werden.
Leseprobe 2 (Kapitel55, Seite 164 ff)
Seine Ohren rauschten. Sein rechtes Auge war verklebt, sein Kiefer ausgerenkt, sein Körper voller Blutergüsse. Nik atmete flach, weil die gebrochene Rippe ein richtiges Durchatmen nicht zuliess. Er vegetierte jetzt schon fünf Tage auf der Akropolis von Myra. Die ersten zwei Tage hatte man ihn in Ruhe gelassen, scheinbar vergessen. Er war auf den wackeligen Tisch gestiegen, um durch das hoch angebrachte, vergitterte Fenster hinauszusehen.
An den folgenden Tagen hatte man ihn dann geschlagen und die Pausen zwischen den Schlägen dazu genutzt, ihm nahezulegen, sein Christentum heimlich auszuüben, aber dem Kaiser zu huldigen und an seiner Gottheit mindestens öffentlich nicht zu zweifeln. Da er sich geweigert hatte, war er weiter mit Schlägen traktiert worden. Nachts erholte er sich soweit, dass er seinen Entschluss durchzuhalten am nächsten Tag erneuerte. Bald kam ihm der Verdacht, dass seine Peiniger genau das beabsichtigten, um das grausame Spiel auf seine Kosten fortzusetzen.
Der Riegel knarrte. Nik fuhr zusammen. Er spürte den kalten Schweiss auf seiner Stirn. Ein Mann in Zivil betrat den Raum. Nik hatte ihn nie zuvor gesehen.
„Sind Sie vielleicht der sogenannte Bischof von Myra?“
„Bischof von Myra“, lallte Nik.
„Wie belieben?“
„Ich bin …“
„Aha, dann wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir in mein Büro folgen würden. Aber nur, falls es Ihnen nichts ausmacht. Ich kann Ihnen dort vielleicht eine kleine Erfrischung anbieten.“
Nik erhob sich mühsam und hielt sich an der Mauer fest.
„Überanstrengen Sie sich nicht! Sie wissen ja bereits, dass wir über sehr viel Zeit verfügen. Das sollten Sie ruhig nutzen.“
Als sich Nik im Büro hinsetzte, hatte der Mann seine Ironie gegen ein scheinbar freundliches Verhalten eingetauscht. Fast nachdenklich, ohne Schärfe im Ton begann er zu reden. Nik strengte sich an, seine Gedanken von der versprochenen Erfrischung auf die Rede des Mannes zu lenken, der nicht daran dachte, sein Versprechen einzulösen.
„In den letzten Tagen haben Sie eine völlig veraltete Methode der, sagen wir mal, Überredung kennengelernt. So kann man es nicht machen, und Sie werden mir darin Recht geben. Ich selbst bedauere die Vorfälle ausserordentlich, alleine wegen des professionellen Anspruchs gegen meine Funktion. Sehen Sie, meinen Kollegen in Nikomedia ist da ein Fall untergekommen, den sie falsch angepackt haben. Eine Dame namens Barbara wurde von ihrem eigenen Vater angezeigt, der es nicht leiden konnte, dass seine Tochter einer irregeleiteten Sekte anhing. Er wollte nicht hinnehmen, dass sie dem Kaiser vorenthielt, was des Kaisers ist, nämlich gebührende Verehrung und die Anerkennung seiner göttlichen Abstammung. Haben Sie mir nicht selbst gesagt, dass Ihre Sekte den Grundsatz befolgen sollte: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist? Und was müssen wir täglich erleben? Lauter Scherereien, weil Sie und jene Dame wie viele andere ihre eigenen Prinzipien nicht hochhalten. Aber was beklage ich mich! Nun, der Vater, ein Mann namens Dioskuros, hatte seine Tochter sogar in einen Turm gesperrt, um wenigstens die Unschuld ihrer Gedanken zu schützen. Was geschah? Sie entfloh der väterlichen Fürsorge, mit einem Trick übrigens, den meine Kollegen bis heute nicht haben rekonstruieren können. Ich sagte Ihnen ja eingangs, dass man an diesen Fall anders hätte herangehen müssen. Kurz und gut, man fing die junge Dame wieder ein und fragte sie, ob sie jetzt vielleicht Vernunft annehmen möchte. Nein. Na schön, dann passierte das, was zugegebenermassen zu den Kinderkrankheiten unseres Amtes gehörte. Sie wurde körperlich behandelt und ist dabei leider gestorben. Die Details der Behandlung erspare ich Ihnen und mir, weil ich eine lebhafte Fantasie und einen schwachen Magen habe. Ich überlegte mir: Wie liesse sich die Behandlung vermeiden und wie hätte man diese heroische Jungfrau, die sie trotz ihrer 21 Jahren vor der Behandlung gewesen zu sein schien, wie hätte man sie also mit besserem Erfolg überzeugen können, ohne ihr weh zu tun und ohne sie zu verstümmeln? Sie sagen sich vielleicht: Das wird nicht einfach sein, sie besitzt doch keinen Mann und keine Kinder. Aber ich sage Ihnen: Irgendein schwarzgelocktes Kind von der Strasse hätte genügt. Der Behandlung anderer zu widerstehen ist viel schwerer als der eigenen, nicht wahr? Ich nenne das die intellektuelle Methode.“
Nikolaus hatte diesem Mann mit wachsendem Grauen zugehört. Jetzt sprang er auf, ohne auf die Schmerzen zu achten, machte drei Schritte nach vorn, wankte, und im Fallen schlug er dem Mann mit der Faust ins Gesicht, bevor er auf den Steinboden fiel und dort beinahe ohnmächtig liegenblieb.
„Hoppla“, sagte der Getroffene, „das ist keine gute Voraussetzung für weitere Gespräche. Ich halte Ihnen zugute, dass Sie verbittert sind. Ihre körperliche Verfassung gibt mir Anlass zur Besorgnis, deswegen lasse ich einen Arzt holen und Sie soweit kurieren, dass Sie Ihre Kritik verbal äussern können und auf die ungeschickte Pantomime nicht mehr angewiesen sind.“ Er trat Nik in die Rippen und verliess das Zimmer.
Leseprobe 3 (Kapitel81, Seite 276)
Alle Waisenkinder waren vorgestern übungshalber in den alten Eleutherios-Hafen gewandert und hatten dort eine Generalprobe zum Empfang der Kaiserin-Mutter gemacht, Liedchen gesungen, Fähnchen geschwenkt, damit am Tag der Ankunft auch ja nichts schief ginge. Hebe kannte also ungefähr den Weg, und sie rannte die Caracallastrasse hinunter bis zum Hippodrom. Dort vor den eintönigen Kolonnaden und endlos scheinenden Mauern verlor sie ihre Orientierung und begann nun, Leute zu fragen. Zum Hafen? Ja, zu welchem denn, mein Kind? Byzanz ist eine grosse Stadt! Und die Erwachsenen zählten an ihrer Hand ab, welche Häfen alle in Betracht kämen. Was willst du denn dort? Deine Mutter? Soso, achja. Die Kaiserin ist deine Mutter? Was du nicht sagst. Du darfst mich aber nicht anlügen, sonst kann ich dir den Weg nicht zeigen!
„Ich muss zu der Kaiserin!“ rief sie, „die Kaiserin ist meine Mutter! Ich muss zu der Kaiserin!“
Das Kind irrte umher, und immer sprach es von der Kaiserin, die seine Mutter sei und heute mit dem Schiff von weither komme. Endlich kapierte es jemand. „Die Kaiserin-Mutter, mein Kind, ja die soll heute oder morgen hier eintreffen. Du gehst die Mittelstrasse immer geradeaus und biegst dann an der Xerolophosstrasse links ab zum Eleutherios-Hafen. Kannst du dir das merken? Xe-ro-lo-phos, E-leu-the-ri-os. Da fragst du noch mal. Die meisten Regierungsschiffe landen im Eleutherios, E-leu-therios. Aber es kann natürlich auch sein, dass die alte Kaiserin jetzt schon im Neuhafen anlegt, am Chry-so-ke-ras, dann müsstest du aber in die entgegengesetzte Richtung gehen, warte mal. Du gehst am besten wieder über die Mittelstrasse bis zum Forum, und das Hippodrom lässt du rechts liegen. Oder im Sophienhafen. Dann solltest du allerdings …“
Aber Hebe hatte schon gar nicht mehr hingehört. Der erste Vorschlag des Mannes, die Mittelstrasse nach Westen weiterzugehen, weckten in ihr die Erinnerung an den Hafenbesuch, und sie schritt energisch, den Kopf voran, die Händchen zu Fäusten geballt, durch die Mittelstrasse und bog in die erste Seitengasse, durch die das Wasser der Propontis heraufglänzte. Dort setzte sie sich in Trab, und dann lief sie. Im Hafen vor ihr schwammen bewimpelte Schiffe.
„Die Kaiserin, die Kaiserin!“
Sie rannte. Obwohl ihr die Füsse so weh taten, rannte sie. Upps. Sie prallte gegen die Beine von Tigellinus und fiel plumps auf den Rücken. Sie verzog ihr Mäulchen zu einem Greinen, als der fremde Mann über ihr stand.
„Hier gehts nicht weiter“, sagte Tigellinus und senkte seine Hand hinab, um das Mädchen aufzuheben.
„Hier ist Schluss für heute.“
„Ich muss zu der Kaiserin. Die Kaiserin ist meine Mutter!“
Tigellinus nahm das Mädchen auf den Arm und sagte: „Die Kaiserin-Mutter, das ist die Mutter unseres Kaisers Konstantin. Und wir bewachen sie. Deshalb darf auch niemand hier weitergehen. Auch du nicht.“
„Aber sie ist meine Mutter!“
„Wer kennt sich mit Kindern aus?“ fragte der Wachoffizier in die Runde. Einige Soldaten lachten. „Am Besten, du machst, was sie will. Früher oder später kriegen sie doch alle ihren Willen.“
„Sie will zur Kaiserin!“
Jürgen Jesinghaus
Nikolaus, der Mann aus Myra
Roman
Verlag Universal Frame
September 2008
Gebundene Ausgabe
306 Seiten
Grösse: 21.6 x 13.2 x 2.6cm
ISBN 978-3952298176
Euro 19.80 (D)
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Nikolaus, der Mann aus Myra
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