Amour fou (oder der Verrat), 2. Teil

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Mittags verließ er das Haus in kleinen Schritten. Kurzatmig erreichte er das Stehcafé, wo er frühstückte. Er holte sich am Ausschank eine Tasse Kaffee und ließ sich von einer willigen Bedienung zwei Croissants bringen (du Pascha). Dann nippte er an diesem Tag: Er verharrte, nahm wahr, fasste keine Entschlüsse. Er wollte alles überdenken und schaffte keinen Anfang. Vielleicht sollte er zum Arzt gehen, denn krankenversichert war er (das hatte die Hochschulverwaltung geregelt). Er sinnierte über den altväterlichen Ausdruck ´am Fleische´ und fand ihn passend. Der Schmerz war fleischlich, nicht nervlich. Man konnte ihn gut aushalten, ein Schmerz für Helden. Der Chirurg würde nähen oder die Vorhaut entfernen, ihn zum Juden oder Mohammedaner machen. Die Angst, Vera könnte ihn angesteckt haben, blieb aus. Er dachte die Angst nur, er fühlte sie nicht. Vera war keine Kneipenhure, sie tat es nicht für Geld, erwiesenermaßen. Sie war die erste Frau, die er richtig gefickt hatte (trotz seines Alters). Er müsste von Zeit zu Zeit nach ihr sehen, sich um sie kümmern. Er würde im Dreieck aufkreuzen und nach dem Rechten sehen, mit ihr Bier trinken und sie, wenn ihm danach ist, aufs Zimmer nehmen. Er würde ihr einen Schein in die Handtasche stecken, damit sie essen geht oder sich eine neue Strumpfhose kauft. Aber sonst? Er konnte sie nicht einkleiden, ihr keine Wohnung finanzieren, keinen Job besorgen. Und er würde sie niemals heiraten, dafür war sie zu alt.

Seine erste furchtbare Affäre, eine verpatzte Gelegenheit, hatte er mit der Bedienung des „Kurfürsten“. Sie war eine weitläufige Verwandte (Chris schätzte sie auf 5 Jahre älter, als er damals war), beileibe keine schöne Frau, aber sie hatte einen gewaltigen Arsch, der ihr Kleid über die Kniekehlen zog, die Chris als besonders aufreizend in Erinnerung hatte. Sie stand im Ruf, jeden dieser Schnösel am Tresen – alle in seinem Alter, also siebzehn – aufzuladen und galoppieren zu lassen. Beim Ball der freiwilligen Feuerwehr hatte er sie geknutscht in einer ähnlichen Situation wie gestern im Dreieck (nur mit besoffenen Feuerwehrleuten statt der Polizisten). Ihm war damals alles so schnell in die Hose gefahren, dass er ihr Angebot, dem jungen Herrn zu zeigen, was Sache ist, hatte ausschlagen müssen. Sie war erhitzt und ärgerlich gewesen und hatte zur Antwort unheildrohend gelacht.

Die erste sexuelle Bekanntschaft mit seinem Glied verdankte er einem pädagogischen Sendboten, der im Auftrag der Kirche die Sexualität als „köstliches Geschenk unseres Schöpfers“ pries. Der Mann stand, die Finger aneinander gelegt und geneigten Haupts, das mit rosa und silberner Farbe bedeckt war, vor den besetzten Stuhlreihen des Katechumenen-Raums, wo frühmorgens Psalmen aufgesagt und Dr. Martin Luthers Katechismus gelesen wurde, und erläuterte den Kindern, worin der Segen der Sexualwerkzeuge liege und worin ihr Abusus. Darin nun bestehe seine frohe Botschaft, dass der Herr gnädig ist und Verfehlungen, die einer bereut, nicht wie unsere Altvorderen zu glauben Anlass gesehen hatten, mit Schwachsinn bestrafe. Chris rezitierte diese Predigt im Geiste. Er erinnerte sich an die salbungsvolle, protestantische, bohnerwachsgetränkte Stimmung dieses der Sexualität gewidmeten Nachmittags, an das Wort Abusus, dessen Bedeutung sich ihm damals nicht erschlossen und von dem er geglaubt hatte, dass es eine wissenschaftlich ausgedrückte Eigenschaft der Sexualität sei. Noch am selben Tag hatte er die Bereitschaft seines Gliedes, sich aufzurichten, dazu genutzt, die ihm bis dahin verborgene Gabe zu erforschen. Der Lustgewinn war kurz und danach blieb sein Werkzeug abgestumpft gegen die heftigen Bemühungen dauerhafter Glückseligkeit.

Chris verschwendete den Tag mit nutzlosen Betrachtungen. Die Elektrodynamik erschien ihm unwirklich. Erstaunt, dass er sich damit befasst hatte, nahm er sein Lehrbuch in die Hand und wog es. Er legte es auf den Kleiderschrank und ließ es überkragen, so dass es nicht in Vergessenheit geriete, wenn er sich eines Tages damit würde beschäftigen wollen. Es war noch hell, als er sich hinlegte. Er hatte die Vorhänge nicht zugezogen. Aus dem Oberlicht eines Küchenfensters klang in der hohen spröden Tonlage eines Jungen vor dem Stimmbruch die Melodie von Maa-ama. Hinterhöfe waren für Chris nicht abstoßend. Sie hatten etwas Heimeliges, Ewiges. Verwitterte Fensterrahmen, abblätternde Farbe, zerbröckelnder Kitt, schieferndes Holz. Das verglühende vulkanische Rot der Ziegelmauern erinnerte ihn an den Birnbaum, der im Garten seiner Eltern die dreieckige Krone der Mauer zum Nachbarn eingedrückt hatte. Teppichstangen, Teerpappe, Holzschuppen. Er dachte an die holunderselige Enge halbverwilderter, keinem Hausmeister untergebener Höfe, an Farn, der sich aus dem Mauerwerk rollt, an Eisenhaken, Zinkfensterrahmen, an den Holzgeruch der Böden und an den Blick über Dächer in das Licht, das an den Heinrich-Heine-Abenden hinter Kaminen und Giebeln hervor durch die Baukastenkonstruktion einer Hochbahn hindurch den Hinterhöfen eine Gloriole verpasst hatte. Er wachte auf, als es längst dunkel war und die Lichter aus den Fenstern herüberleuchteten. Er drehte sich um, genüsslich langsam (und sehr vorsichtig) und schlief wieder ein.

II.

Nach drei Tagen der Normalität kam Vera. Sie klingelte kurz vor Mitternacht. Sie klingelte anhaltend, weil Chris lange nicht begriff, dass es ihm galt. Die Nachbarin pochte an seine Tür und rief: „Für Sie ist das.“ Sie wiederholte es in albtraumhafter Monotonie, bis er sich aufraffte und den Morgenmantel überwarf. Er öffnete, und vor ihm stand in einem Wust aus rosa Stoffbahnen die Nachbarin, übelriechend, die gelben Haare im Netz gefangen, mit geröteten Augen stand sie vor ihm und rief hinter den weißen Zähnen einer Prothese hervor:
„Für Sie ist das. Das Schellen gilt Ihnen, nicht mir, auch nicht Herrn Bösenacker, es ist für Sie, erst zweimal dreimal, dann war eine Pause, dann zweimal dreimal, dann war es weg, dann wieder dreimal hintereinander, es muss für Sie sein, ich bin wach geworden, obwohl es nicht für mich ist. Gehen Sie, sagen Sie Ihrem Bekannten, er soll aufhören, wir haben mitten in der Nacht.“
Sie wandte sich und wankte zu ihrem Zimmer, blieb dort stehen und beobachtete Chris, wie er in die Dunkelheit hineinging und am Flurende den Haustüröffner drückte. Erst als Absätze auf der Treppe hörbar wurden und Chris die Alte flehentlich ansah, verließ sie ihren Beobachtungsposten und schloss die Zimmertür hinter sich.

Vera zog die Schuhe aus, als sie die Wohnung erreichte. Sie war nicht betrunken (sie war nie betrunken), roch aber nach Alkohol. Sie nahm ihre Pumps in die Hand, ging wortlos an Chris vorüber in sein Zimmer und warf sich aufs Bett. Der Rock verschob sich. Von ovalen Löchern aus zogen sich Laufmaschen über die Strumpfhose. Vera hatte sich die Knie aufgeschlagen. Sie wischte das Blut fort. Die Handinnenflächen und die Kniescheiben waren hellrot verschmiert. Chris setzte sich neben sie und streichelte ihre Beine.
„Wir waschen das weg.“
Sie sah ihn an.
„Kann ich bei dir übernachten?“
„Ja, sicher. Bist du gefallen?“
„Gefallen! Der Idiot hat mich zu Boden gerissen.“
„Welcher Idiot?“
„Egal.“
„Müsste ich es wissen, ich meine, bevor mir jemand ein Messer …“
„Ach, so toll ist das nicht, kleiner Romeo. Du machst dich um mich verdient, wenn ich hier schlafen darf, bist du so lieb?“
„Also, es geht mich nichts an?“
Vera lachte. Ihr Lachen steigerte sich zu einem Kreischen, bevor Chris ihr die Hand auf den Mund drücken konnte. Eine Tür klappte im Flur, dann war es unangenehm ruhig.
„Die Alte horcht.“
Vera riss sich los und zischte:
„Na und! Mach auf, schick sie ins Bett, sie soll pennen!“
Trotz ihres schmutzstarrenden Äußeren fühlte er sich ihr unterlegen. Vielleicht machte es die Art, in der sie mit ihm sprach. Er wurde den Eindruck nicht los, dass sie ihn verachtete. Wenn ich anfange, sie zu schlagen oder herumzukommandieren, ob sie mich dann für voll nimmt? Er kannte sie nicht. Außer, dass sie Vera hieß und um die vierzig war, wusste er nichts von ihr, nicht einmal ihren Nachnamen.
„Hat er dich geschlagen?“
„Das genügt doch wohl!“
Sie hatte ihren Rock und die Strumpfhose ausgezogen und zeigte auf ihre Knie. Er sagte:
„Ich hol jetzt Wasser. Warte hier und rühr dich nicht vom Fleck.“
„Wenn die Alte reinkommt, behaupte ich, dass ich deine Mutter bin“, rief sie ihm nach.

Er schlich durch den Flur zum Emaillebecken und ließ so leise wie möglich Wasser in den Eimer laufen. Als er zurückkehrte, hatte Vera eine Schüssel in dem kleinen Haushalt aufgetrieben und ans Bett geschoben. Sie saß auf dem Bettrand und blätterte in einem Buch. Sie klappte es zu und legte es schnell zur Seite. Chris tat so, als übersähe er es, und sagte obenhin:
„Du bist eben meine Kusine aus Amerika.“
„Ach nee, und von wo aus Amerika?“
„Aus Tusculum.“
Sie schaute ihn lange an. Ihr Blick nahm Chris gefangen. Er konnte ihm nicht ausweichen. Sie sahen in den anderen hinein, jeder in des anderen Schädel.
„Du hältst mich wohl für schön blöd, du kleiner Cicero. Wenn ich nicht eine so versoffene Hure wäre, du Miststück, …“
Sie unterbrach sich, um nicht merken zu lassen, dass ihr nach Weinen zumute war. Chris stellte den Eimer hin und küsste sie auf den Mund. Sie ließ es gefallen, ohne Erwiderung. Er nahm den Eimer wieder auf und goss Wasser in die Schüssel. Er holte ein Unterhemd aus dem Schrank und gab es ihr.
„Benutz es als Waschlappen. Zieh die Bluse aus, du kriegst meinen Pullover.“
Sie gehorchte in allem und schwieg. Er fürchtete, dass es noch einmal schellen würde, dass ein randalierender Mann, der Anspruch auf diese Frau erhob, ein Messer zwischen den Zähnen, die Treppe heraufstürmte. Chris würde etwas unternehmen müssen: seine Tür verbarrikadieren und darauf warten, dass die Alte nebenan die Polizei riefe, oder sich auf einen Zweikampf einlassen. Eine Messerwunde auf der Backe könnte er in seinem Bekanntenkreis nur erklären, wenn er die Primadonna an der Staatsoper vor den Nachstellungen des eifersüchtigen italienischen Tenors hätte in Schutz nehmen wollen (so wäre er des Mitgefühls wenigstens der männlichen Bekanntschaft sicher). Aber diese Situation? Unmöglich.

„Was macht deiner?“
„Bitte?“
„Was macht dein allerbestes Stück?“
Er kam sich vor wie ein kleiner Junge. „Es geht“, sagte er, und dachte: Ehe denn die Berge wurden, ehe die Sonne bei Capri im Meer versinkt, werde ich dich ganz langsam ficken. Chris rezitierte lautlos in seinen Hals hinein, feierlich und albern, während er ihr beim Abtrocknen half. Als sie sagte: „Guck weg“, stellte er sich mit dem Gesicht zur Kochplatte und brühte den Instant-Kaffee auf. Er drehte sich erst wieder um, als er das Bett knarren hörte und sicher sein konnte, dass sie sich zurechtgesetzt hatte. Zugedeckt und an der Wand lehnend, nahm sie eine Tasse entgegen, und jetzt lächelte sie zum ersten Mal.
„Du bist ein lieber Junge, auch wenn du mich für blöd hältst.“
„Tut ja keiner“, murmelte er und setzte sich auf die Bettkante. Das Haus war ruhig, nicht gänzlich – eingepasst in die mitternächtlichen Geräusche einer Großstadt.
„Nur diese eine Nacht“, sagte sie nach einer Weile, „er ist ein Miststück, zwei Kerle haben ihn festhalten müssen. Du brauchst keine Angst zu haben, er hat mich nicht verfolgt, er konnte es gar nicht, er weiß nicht, wo du wohnst.“
„Und wenn er es wüsste“, fragte Chris leichthin, „müsste ich, um ihm vorgestellt zu werden, Karate lernen?“
„Aaa“, rief sie gedehnt, ohne laut zu werden, sie zeigte mit der Tasse in der Hand auf ihn, „du brauchst keine Angst zu haben, mein Schatz, er weiß nicht, wo du wohnst. Soll ich sagen, wer er ist?“
Sie fiel in ihr Schweigen zurück, nippte an der Tasse und schaute an Chris vorbei auf die Wand.
„Sag bloß, du stehst auf die!“
Chris hatte ein Bild aus einem Magazin ausgeschnitten und an die Wand geheftet. Vera belustigte sich.
„Ihr habt doch sonst nichts im Kopf, darin seid ihr alle gleich, abgesehen von den Schwuchteln. Vielleicht bist du so eine. Tarnst dich mit einer Tittentusse an der Wand, erzählst überall rum, dass du Frauen in Kneipen anbaggerst.“
Bevor er etwas sagen konnte, fuhr sie fort:
„Achwas, wer sich eine Naht aufreißt wie du, steht auf Frauen und weiß nur nicht, wie ers machen soll. Du bist ein Lieber. Komm zu mir.“
Er nahm ihre Tasse entgegen, die sie ihm entgegengestreckt hatte, und stellte sie mit seiner zusammen auf den Tisch.
„Du wolltest mir erzählen, wer der Kerl ist. Er hat dich immerhin tätlich angegriffen. Hast du schon mal ans Anzeigen gedacht?“
„Tätlich angegriffen! Anzeige! Hört sich an, als ob du Bulle studiertest und auf einer alten Triumph rumhacken wolltest: Name, geboren, Sternzeichen. Dieses Miststück behauptet, mein Verlobter zu sein, er ist über fünfzig, ein alter Sack, und macht Kohle mit Geschenkartikeln, sagt er.“
„Und? Bist du verlobt?“
„Komm jetzt und mach das Licht aus.“
Es sollte ihm egal sein. Er machte das Licht aus, lehnte das Fenster an, zog den Vorhang zu, tastete sich zu ihr ins Bett. Sie nahm seine Hand und legte sie auf ihren Bauch.
„Du weißt, dass es jetzt nicht geht“, flüsterte er.
„Kindskopf, man kann jemanden auch ohne das Ding glücklich machen. Halt jetzt den Mund“. Beide glitten in einen unruhigen Schlaf, wachten mehrmals auf, drehten sich gegeneinander und miteinander auf der Suche nach der besten Packung der Rümpfe und Glieder in einem durchgesackten Bett. Mal war es ihnen zu kalt, mal zu heiß, und beide waren froh, dass der Wecker schrillte. Vera zog sich an und verabschiedete sich mit einem Kuss auf seine Haare. „Ciao, Cicero.“

Vera kam in unregelmäßigen Abständen. Sie verbrachten den Rest des Tages und den Beginn des neuen mit wortkargen Unterhaltungen, in einer spröden geschwisterlichen Liebe, solange Chris nicht wieder hergestellt war. Sie hatte stets eine besondere Begründung für ihr Kommen. Ihre Ankunft an der Etagentür war immer kurzatmig und wortlos. Ihre Nervosität verschwand, wenn sie auf dem Bett saß. Manchmal legte sie eine Hand auf die Brust und atmete tief. Sie wollte nie etwas zu essen haben. Sie begnügte sich mit Kaffee. Das Richtfest seiner wiederhergestellten Männlichkeit vollzog sich an einem regnerischen Tag um Mitternacht. Er hatte sie wie eine nasse Katze zur Tür hereingelassen. In aller Kurzatmigkeit streifte sie ihre Kleider ab und verlangte – aus Gründen der Gerechtigkeit – dasselbe von Chris. Da sie in ihrer weichen, gerade noch üppigen Gestalt vor ihm stand und in ihm wiederum den unbeherrschten Reflex des Zupackens auslöste, verweigerte sie sich und sagte:
„Wir machen es, aber wir machen es anders.“

Chris fürchtete ihre Hingabe, die bettelnden Versuche ihrer Hand oder ihres Mundes. Trotz ihrer spöttischen Rede, ihrer herausfordernden oder herabsetzenden Art, genoss sie ihn, aber in einer ihm unzugänglichen Weise, die ihn zwar jedesmal befriedigte, aber auch viel abverlangte an aufgezwungener Geduld, die sie durch herrische, schmerzhafte Zeichen der Hand, durch Kneifen, Klammern und Schlagen erzwingen konnte, so dass er ihre Erlaubnis, sich gehenzulassen, herbeisehnte. Wenn es soweit war, vergaß er jede Rücksicht. Dann trachtete er danach, das Bett zu zertrümmern und die Spannung der Sprungfedern zu brechen. Sie überstand diese Angriffe mit einem weinerlichen Ausstoßen hastig eingesogener Luft, was ihn wahnsinnig machte. Zum Schluss die Demütigung, der Klaps auf den flaumigen Teil des Rückens.
„So“, sagte sie dann, „das wäre geschafft, du tobsüchtiges Kind.“

Danach zeigte sich Vera ausgeruht, ja, sie neigte zu gesteigerter geistiger Aktivität. Sie schien ihm vor Augen führen zu wollen, dass er ein unfertiges Wesen sei, ein Mann, ein kleiner Student. Kneipenhure, dachte er und packte sie einmal an beiden Armen, in einer Mischung aus Wut und Gier.
„Komm doch“, sagte sie, „zeigs mir, das willst du doch, zeig mir, was du kannst.“
Er ließ sie los und flennte:
„Müssen wir so miteinander umgehen?“
Sie nahm ihn in die Arme.
„Ich werde dir lästig. Du hast Ärger meinetwegen. Du wünschst mich zum Teufel. Du bist froh, wenn die Zicke abhaut, aber erst fickst du sie in Grund und Boden, du reitest die Welle ab und siehst sie gern von hinten. Adieu Marie.“
„Nein“, schrie er und richtete sich auf. Und sie:
„Sag bloß das nicht, von wegen Liebe, amour, amore, I love you undsoweiteretceterapépé. Ich bin abgetakelt, Kleiner. Du kommst in die besten Jahre, wenn ich weg vom Fenster bin.“
Sie erhob sich, zog sich an und setzte hinzu:
„Außerdem komm ich nicht mehr.“
„Wo willst du denn jetzt hin?“
„Soll dir egal sein.“ Sie blieb unschlüssig stehen.
„Ist mir aber verdammt nicht egal!“
Er schrie es heraus. Sie wurde blass. Es war so ruhig, dass man das nahende Unheil spürte. Er ging zur Zimmertür, warf sich in den Morgenmantel, der auf dem Boden gelegen hatte, und dirigierte Vera in die Ecke hinter der Tür, damit sie niemand zu sehen bekäme, wenn der Fall eintreten sollte, den Chris befürchtete.

Das hohle Geräusch eines Lichtschalters durch die Wand, Ächzen, Bohlenquietschen, Schlurfen, eine Pause, die Chris endlos vorkam. Jetzt klopfte es. Chris zählte in sich hinein und öffnete zögerlich die Tür. Er kniff die Augen zusammen, um Müdigkeit vorzutäuschen.
„Ich kann nicht schlafen“, sagte die Alte von nebenan. Chris staunte über diese Eröffnung der Beschwerdeführerin, die wie ein Leichnam stank, nach allen Säften, die ein schlaffer Körper in seinen Kammern und Röhren nicht mehr kanalisiert, sondern auf die Haut entlässt. Er entgegnete:
„Kann ich Ihnen helfen?“
„Sie sind so laut, laut. Sie schreien mitten in der Nacht. Es klingelt auch immer in der Nacht, dass unsereins nicht schlafen kann.“
Sie fasste sich an die Schläfe und machte keine Anstalten, wieder zu gehen oder ihrer Beschwerde etwas hinzuzufügen. Sie brachte nichts heraus und starrte ihn an, als hätte sie ihren Text vergessen, als müsste er ihn kennen und soufflieren. Chris sah sich deshalb zu der Antwort genötigt:
„Es tut mir leid, entschuldigen Sie. Ich habe geträumt, ich muss furchtbar geträumt haben.“
„Ja, ja“, versetzte die Alte, Vorwurf und Skepsis schwangen mit. „Geträumt!“
Sie versuchte, mit ihren farblosen Augen etwas vom Inneren des Zimmers einzufangen.
„Geträumt! Die jungen Leute können noch träumen. Wissen Sie, dass ich Schmerzen habe?“
Sie schaute ihn an mit den klugen Augen eines Tieres. Chris ließ sich dadurch bewegen, die Tür weiter zu öffnen.
„Soll ich Ihnen eine Tablette geben?“ Sie schüttelte den Kopf und schlurfte, ohne sich einmal umzusehen, in das finstere Loch ihres Zimmers. Chris fragte sich, ob sie es verriegeln würde. Ihm kam der Gedanke, dass seine Tür nie abgeschlossen war, auch nicht während er mit Vera schlief. Er merkte, dass die Alte ihre Tür nur angelehnt hatte. Er riss deshalb seine auf und entließ einen breiten Lichtstrom in den Flur, um die Alte zu bewegen, sich einzuriegeln. Vera kam aus ihrer Ecke, nahm ihre Schuhe auf und schlich, nach einem flüchtigen Kuss, auf Strümpfen durch den Flur zum Ausgang.

Veras bedrückende Inanspruchnahme war für heute vorbei, vielleicht (das hatte sie durchblicken lassen) für immer. Er setzte sich aufs Bett und blätterte wahllos in einem Buch. Er begann zu lesen, ohne etwas zu behalten. Nach einer Weile klappte er es zu und legte es auf den Fußboden. Er wollte die Alte von nebenan besuchen. Die klaglose, in einer Frage getroffenen Feststellung, sie habe Schmerzen, stand ihm deutlich wie ein Lehrsatz im Gedächtnis. Er dachte an die klar erfassenden und darum ergreifenden Blicke, die er schon einmal bei einem verletzten Tier gesehen hatte. Aber die Angst, missverstanden zu werden (als Dieb von Sparbüchern zu gelten), und die Angst, eine lange quälende Lebensbeichte hören zu müssen, hielten ihn ab, seinem Impuls zu folgen. Er verschob es auf ein anderes Mal und legte sich hin, nur in den Morgenrock gehüllt. Er vergaß, das Licht zu löschen. Als er spät am Morgen aufwachte, war es ausgeschaltet. Er hatte die Putzfrau nicht gehört. Der Papierkorb war leer.

In der übernächsten Nacht schellte es. Chris, der begonnen hatte, an die Normalität seines Lebens zu glauben, erschrak bis unter die Bauchdecke. Er spielte mit dem Gedanken, nicht zu öffnen, dann fürchtete er, dass Vera Dauerfeuer geben und die Greisin nebenan auf den Flur treiben würde. So öffnete er.
„Es ging nicht früher, Schatz.“
Vera sagte es gegen ihre Gewohnheit schon an der Etagentür. Dort blieb sie stehen und wartete auf ein einladendes Zeichen. Er berührte sie an der Schulter, sie zog daraufhin wie gewohnt ihre Schuhe aus und ging auf Zehenspitzen ins Zimmer. Chris fiel auf, dass sie beim Friseur gewesen war und sich sorgfältig geschminkt hatte. Sie trug einen grauen Pullover und ein schwarzes Minikleid. Chris sah ungepflegt aus, denn er hatte mit ihrer Ankunft nicht gerechnet. Er schmuggelte seine Zahnbürste in die Tasche seines Rocks und verließ das Zimmer, den Kessel in der Hand. Nach der Katzenwäsche und dem Kaffeebrühen, als Vera und er auf dem Bett saßen, räsonierte er über ihre neue Aufmachung, dass der graue Pullover ihr gut stehe und die Brust betone. Er war stolz, dass sie ihm gehören sollte. Seine ruppige Gier wehrte sie ab (die neuen Klamotten, zerreiß sie nicht). Wenigstens hatte er gelernt, seinen Unterleib nach Veras Anweisungen zu benutzen. Sie schaltete. Sie bestimmte den Rhythmus, während er mit beiden Händen ihre Brüste auftürmte, von den Rippen aufwärts. Immer siegte die Fülle ihres Fleisches über seine Hände, und er musste den schnappenden Mund zu Hilfe nehmen. Er ließ die Pferde aus der Koppel. Sie küsste ihn, dass die Zungenbänder schmerzten.

„Hast du keine Angst?“
„Wer nicht?“
„Heißt das, du lässt es drauf ankommen?“
„Das musste ja mal ins Spiel gebracht werden!“ Sie presste ein Lachen hervor. “Weißt du, mein kleiner Prinz, bei dir muss man sich um alles kümmern, die Ohren auswischen, die Nase putzen. Nein, mein Lieber, ich habe mich da ganz auf dich verlassen, du Überschwemmer meines Tales, Vater meiner Söhne.“
Chris sah sie fassungslos an.
„Ist das dein Ernst?“
„Deine Empörung kannst du dir sonstwo hinstecken. Du bist in allem ein Student. Ich bin die große Bums-Simulations-Maschine, ja? Getestet und keimfrei, und wer so galoppiert wie du, kriegt einen Übungsschein.“
Sie sprach leise, aber eindringlich. Sie hatte sich im Bett aufgerichtet und die Arme um die Beine geschlungen. Um ihre wachsende Wut zu bändigen, legte er seine Hände auf ihre Füße. Dabei sah er, dass ihre Nägel lackiert waren. Sie hat sich etwas von diesem Abend versprochen, jetzt ist sie enttäuscht und macht dich fertig. Ihr Ton war nicht verletzend. Gerade deshalb fühlte er sich ausgestopft, als läge ein Sack im Magen. Seine Seele hatte da wenig Platz. Vera war im Recht.
„Aber müssen wir so miteinander reden?” Das fragte er laut in ihren Redefluss, als sie angekommen war bei:
„… keine Kinder mehr.“
Sie entzog ihm ihre Füße und setzte sich auf die Bettkante.
„Du hörst mir nicht zu. Hast du verstanden, was ich sage? Zweiter und letzter Versuch.“
Sie wandte sich halb zu ihm und hob mit dem Zeigefinger seinen Kopf in Augenhöhe.
„Ich wiederhole es, mein Schatz, weil es auch für dich wichtig zu sein scheint: Ich hatte eine Operation. Du kannst dich auf mich verlassen.“
Chris traute sich nicht, sie in die Arme zu nehmen, weil er damit rechnete, dass sie sich entziehen würde. Er schaute zur Seite, der Halterung ihres Fingers entronnen. Das Blut schoss ihm in den Kopf. Er war eingezwängt in dicke, pulsierende Wände, von innen und außen beinahe erdrückt, von blutführenden heißen Schläuchen umwickelt. Vera griff zu ihrem Pullöverchen und zog es über.
„Was den Ton anlangt und ob wir so miteinander reden müssen, das liegt daran, dass …“, sie pausierte, dann sagte sie hastig, leise und undeutlich, aber auch unwiderruflich: „… ich dich liebe. Aber die Umstände sind nicht danach, und zwar überhaupt nicht, in jeder Beziehung nicht.“

Amour fou (oder der Verrat), 3. Teil /Prosa

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