Amour fou (oder der Verrat), 1. Teil

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

I.

Chris hielt es in seiner Bude nicht aus. Manchmal fuhr er ins Zentrum zu Studententreffs, Cafés, wo man tanzte, Kneipen, wo junge Frauen standen (keine Akademikerinnen, wenn man dem Augenschein traut). Das Gedränge, der Lärm, Parfum und Gelächter, das entspannte ihn, das machte ihn bettreif. Die Mädchen waren nicht wohlfeil, sie gingen nicht mit jedem. Zweimal brachte Chris das Mädchen, mit dem er getanzt hatte, zur Straßenbahn. Danach stolperte er nach Hause, die Erinnerung an Gerüche und Berührung widerkäuend. Sie vereinbarten nie (trotz des Verlangens), sich zu einer festen Zeit am selben Ort zu treffen. Sie überließen es dem Zufall, vielleicht glaubten sie: dem Schicksal, das für sie wählt. Die Einladung, mit ihr nach Hause zu fahren – er hatte sie ihr abgerungen – zerschlug sich durch die verfrühte Rückkehr ihrer Eltern. Er behauptete, er habe die Tochter heimgebracht, weil die Straßen unsicher seien. Dafür wurde er belobigt und gnädig entlassen. Danach nahm er vierzehn Tage hintereinander die Strapazen auf sich, ins Tanzcafé zu gehen, wo er die junge Frau getroffen hatte. Aber sie kam nie wieder. Und darum kehrte er zu seiner Gewohnheit zurück, sich im eigenen Viertel die Beine zu vertreten.

Der Schankraum war gegen zehn Uhr voll. Die Gäste im „Dreieck“ hatten seine Abwesenheit kaum bemerkt. Trotz der lauten Wortwechsel herrschte ein friedlicher Umgangston. Keiner wurde ausgegrenzt, auch nicht die Einsamen, die an den schmalen Tischen vor den Wandbänken am Bier nippten. Sie durften unbelästigt zusehen und ungestraft dazwischenrufen. Heute setzte sich Chris am Tresen nieder, um der Wirtin ins Dekolleté zu sehen. Sie trug keinen Büstenhalter unter dem ausgeschnittenen Pullover, nur ein Hemdchen. Sie wippte immer: Mit dem Hintern, wenn sie stand, mit den Schultern, wenn sie ging. Sie war rastlos und nervös vor den Männern, die ihr zuschauten und etwas zuriefen, ein unbeholfenes Kompliment, über das sie in Lachen ausbrechen konnte. Sie rief zurück, aufgedreht, übermüdet. Sie trällerte nach stets derselben Melodie, einem altmodischen Schlager, in dem Ascot vorkommt, Frauen, Hüte, Pferde, Wetten und die Erfüllung von Träumen.

Zwei Alabasterlampen hingen an kurzen Stielen unter dem Plafond, der eine eierfarbene Tönung erhalten hatte. Sie beleuchteten gewissermaßen die Dunkelheit, die sich von den Wänden und aus den Ecken nicht vertreiben ließ. Die Holztäfelung und die braune Lackfarbe oberhalb des Simses, der das Getäfel überdachte, schluckten die Helligkeit. Über dem Schanktisch war eine Reihe kleiner Leuchten angebracht, die das Licht unter Messingschirmen hervor auf das Tresenblech abstrahlten, so dass durch den Zigarettenqualm gesehen der Eindruck eines nächtlichen Lagerplatzes, eines wärmenden Versammlungsortes entstand. Am Tresen-Ende, wo man sein Bier auf dem Sims abstellen konnte (wenn man hoch genug hinauflangte), spielten zwei Frauen und ein alter Mann mit Würfeln. Eine der Frauen zog ihn an, trotz ihres verwahrlosten Aussehens und trotz ihrer Nervosität, worin sie der Wirtin glich.

Er hatte keine Zeit, sich Rechenschaft darüber abzulegen, denn die Tür wurde aufgestoßen, der Stoffvorhang beiseite geschoben. Ein kalter Luftstrom vertrieb die Schwaden und das Licht, das sich wie Goldstaub darauf niedergelassen hatte. Zwei Männer in Trenchcoats drängten sich an den Gästen vorbei, einer besetzte die Tür zur Toilette, der andere die zum Gesellschaftsraum. Ein dritter Mann blieb an dem Vorhang stehen, der jetzt noch einmal geteilt wurde und den Weg für einen freundlich wirkenden Herrn in Zivil freigab. Hinter ihm drängte sich eine uniformierte Frau in den Gastraum. Der Herr griff in die Manteltasche und sagte in gekünstelter Jovialität:
„Passkontrolle. Wenn Sie MEINEN Pass kontrollieren wollen, bitte.“
Er hielt mit priesterlicher Gebärde einen Ausweis hoch.

Die Frauen in der Ecke hatten ihr Würfelspiel eingestellt und sich auf den Hockern umgedreht, so dass Chris auf die Knie der Würfelspielerin, die ihm gefiel, schauen musste. Angesichts der Nacktheit, die durch zwei Löcher des Strumpfes leuchtete, bekam er eine Blutstauung. Er beugte sich vor, um niemanden im Gedränge zu berühren.
„Ist Ihnen nicht gut?“ fragte der Herr in Zivil.
Chris griff mit einer Hand an den Bauch, um Übelkeit vorzutäuschen, und mit der anderen in seine Jackentasche. Er fand den Studentenausweis und zeigte ihn.
„Naja.“ Der Herr nahm den Ausweis und schwenkte ihn seiner uniformierten Kollegin an der Nase vorbei, als wollte er ihr Luft zufächeln.
„Sie täten besser daran, Herr Studiosus, nach Hause zu gehen und ihren Kopf in Bücher zu stecken.“
„Wenn ich mein Bier ausgetrunken habe, Herr Wachtmeister.“
Diese Bemerkung, obwohl ohne Witz vorgetragen, verursachte ein unterdrücktes Gelächter. Chris wurde rot vor Stolz.
„Ich könnte Sie natürlich auch aufs Präsidium bestellen, damit Sie mir Ihren Personalausweis vorzeigen, den Sie bei sich zu haben verpflichtet sind!“
Der überschnappende Ton des Mannes, der mit seiner Gemütlichkeit auch sein Alter abgestreift hatte und sich wie ein strammer Dreißiger vor Chris aufbaute, verhieß eine dramatische Wendung. Er riss den Ausweis in einer verweigernden Pose an seine Brust. Chris senkte den Kopf. Nach einem Augenblick der Stille, in der man den Schaum in den Biergläsern knistern hörte, drückte ihm der Zivilist den Ausweis doch noch in die Hand, wandte sich und schritt grußlos auf den Vorhang zu. Die bemäntelten Männer an den Türen verließen augenblicklich ihren Posten. Sie nickten wenigstens, als hätten sie lauter Bekannte getroffen. Chris konnte wieder aufrecht stehen.

Er schob sich an die Frau in der Ecke und rief:
„Jetzt brauch ich ein neues Pils. Ich spendier Ihnen auch eines.“
„Dass ich nicht lache, Herr Studiosus“, sagte die Frau mit den Löchern in den Strümpfen und hustete, „besorg mir auch Zigaretten, dann spielst du mit. Wir spielen um Nickelchips.“
Das Gespräch wurde übertönt durch Rufe nach Bier und Musik. Die Rückkunft des Rauches, der wie ein guter Geist, pelzig und gold gesprenkelt, aus den Schatten der Vorhänge schwebte, sorgte für die vorige Stimmung. Chris vergaß seine Demütigung und erinnerte sich nur an den Triumph. Hatte er die Bullen nicht zum Fortgehen bewegt? Man konnte es so sehen, und einige Gäste taten ihm den Gefallen. Er würfelte, zählte Augen, sagte an, verglich, blinzelte und dachte: Es ist ein Erlebnis. Nach der Bierbestellung und den ersten kräftigen Zügen begann das Tanzen. Es war mehr ein ausdrucksvolles Gehen nach der Melodie des Ascot-Schlagers. Chris blieb sitzen, schlug im Takt mit den Fingern auf das Tresenblech und blickte in das Gewirr der Beine. Die Wirtin wogte zwischen den tanzenden Paaren und berührte mit den Fingerspitzen die Schultern der Männer, eine Umarmung andeutend.

„Du hast es ihnen aber gegeben“, sagte sie zu Chris, zog ihn vom Hocker und machte mit ihm einen wiegenden Schritt, lachte, spreitete die Finger beider Hände und erteilte ihm einen Stups, so dass er, der im Gedränge einen schlechten Stand hatte, sich auf die durchlöcherten Strümpfe seiner Nachbarin setzte, die vom Tanz zurückgekehrt war.
„Pass auf, wo du hinfällst“, sagte sie. Er stützte eine Hand in ihre Leistengegend.
„Verdammter Fummler.“
„Tut mir leid, tanzen wir?“
Sie zierte sich, schaute desinteressiert zur Seite, bis sich die Falten um ihre Augen vertieften. Ein Lächeln.
„Okay, Fummler.“
Sie tanzten jeder für sich, und obwohl er mit den Augen fummelte, beachtete sie ihn nicht. Sie grüßte hierhin und dorthin, rief etwas über die Köpfe hinweg: Namen und Andeutungen, die nur kannte, wer lange genug Stammkunde war. Dadurch fühlte sich Chris ausgeschlossen. Als sie jemandem zurief: Glück im Spiel, Pech in der Liebe, und als der Angerufene darüber lachte, als wäre es der beste Witz, griff Chris hart nach ihren Armen, die sich sofort in die Tanzpose hoben, so dass er mit der Rechten um ihre Taille fassen konnte. Unter der Bluse fühlte er das grobe Gewebe eines Hemdchens hindurch, über das seine Hand auf dem glatten Kunststoff der Bluse hin und her rutschte.
„Na endlich“, sagte sie an ihm vorbei. „Herr Hauptmann“, fügte sie hinzu. Es kam ihm sinnlos vor, aber er traute sich nicht, sie danach zu fragen. Als die Körperwärme allmählich in seine Hand floss, schwoll der Kamm, und er schämte sich nicht, seine Hosentüte in ihren Schritt zu stemmen. Erst als er im Tabakschwaden, im gerinnenden Licht, im Gejohle des nie endenden Ascot-Schlagers seine beiden Hände auf die Bluse quetschte, zischte sie:
„Geh in den Puff!“
Bevor er beleidigt abziehen, ja bevor er eine Entschuldigung murmeln konnte, nahm sie seine Hände, die er hatte fallen lassen, und bog sie in die Position, die sie vor dem Überfall eingenommen hatten. Sie schaute ihn zwar nicht an, aber er fühlte jetzt zu seiner Verwunderung, dass sie ihn an sich zog. Die Wärme strömte auf breiter Fläche herüber.

„Ich heiße Christian.“
Sie bestätigte den Empfang der Neuigkeit mit einem Soso.
Er verstummte und rutschte mit der Hand über den Blusenstoff in die Nähe des BH-Verschlusses, als hülfe ihm die genaue Kenntnis der Lage, etwas Kluges zu sagen, das sie anerkennen würde.
„Ich studiere Elektrotechnik und wohne hier um die Ecke.“
„So genau will ich es nicht wissen.“
„Ich sage es dir ja nur.“
„Duzen wir uns?“
Chris schloss die Augen zum Zeichen des Verstummens, wozu der Mund alleine nicht ausgereicht hätte. Sie soll mich duzen dürfen, die ganze Zeit, und mir wäre es verboten? Bin ich ein Kind, ist sie meine Direktorin? Er ordnete seine Hände und rückte von ihr ab. Nach einer Weile, er hatte seine Augen wieder aufgemacht, fragte er vorsichtig:
„Wohnen Sie hier?“ Es sollte sein letzter Versuch sein. Eben noch durfte er ihre Brust durch die Bluse packen, jetzt gab sie sich wie eine Vorzimmerdame, die ihn bei dem Versuch ertappt, die Chef-Korrespondenz zu lesen.
„Ach komm, hör auf“, rief sie vor ihm aus. Es klang gequält. Sie ließ ihn stehen. Chris stand betäubt in dem Gedränge der Tänzer. Dann ging er zur Toilette. Er würde anschließend zahlen (das nahm er sich vor) und dann verschwinden und nie wieder hierher kommen.

Die Toilette lag im Dunkeln. Er musste die Türe zum Gastraum einen Spalt offen lassen, um nicht daneben zu pissen. Im Spiegel sah er den konturlosen Fleck seines Kopfes. Er wollte auf der Stelle herausfinden, ein wie blödes Gesicht er hatte, dass ihn eine Kneipenhure stehen ließ. Was bildet die sich ein! Und du, du bist ein großer Elektriker, ein Armleuchter! Ach leck mich. Er stieß die Tür mit dem Fuß auf und drängte sich zurück zum Tresen, der lang genug gewesen wäre, den Geldschein auch an einer anderen Stelle, als ausgerechnet neben der Kneipenhure hinzuknallen und auf das Wechselgeld zu warten (als Student war er auf seine Herausgabe angewiesen). Jetzt stand er neben ihr und verlangte nach der Bedienung. Auch so ein Luder, zieht einfach keinen BH an, und die Männer saufen zwei Bier mehr als sie vorhatten, nur weil sie einen Blick ins Dreidimensionale riskieren. Er sah blind auf eine Sammlung von Karnevalsorden, die in einer Vitrine ausgestellt waren. Eine Hand griff unter sein Kinn und zwang seinen Blick in die Richtung, die er meiden wollte.
„Nimmst du mich mit nach Hause?“ fragte dieselbe Frau, die ihn stehen gelassen hatte. Chris wollte Zeit gewinnen (nicht noch einmal hereinfallen).
„Natürlich, aber ich genehmige mir noch ein Bier, falls du nichts dagegen hast.“
Er kümmerte sich nicht mehr darum, ob ihr das Du gefiele. Sie nickte und setzte sich. Er musste neben ihr stehen bleiben. Er betrachtete ihr Haar und ihre Halsgruben. Sie war ungepflegt. Er mochte sie. Er würde sie bei sich schlafen lassen. Das macht keine Umstände, weil sich in dem Mietshaus, das er auf der zweiten Etage über einer Metzgerei bewohnte, bisher niemand um Besuch gekümmert hatte.

Er beugte sich zu ihrem Ohr.
„Was ist mit deiner Wohnung?“
Sie entschloss sich zu einer Antwort erst, als sie mit gewohnter Schnelligkeit das Bier vom Tresen nahm, das die Wirtin vor sie hingestellt hatte (wann habe ich es bestellt?).
„Ich lebe bei meiner Mutter, aber die hat Besuch. Ein Holländer interessiert sich für die alte Dame, seriös, im Urlaub kennengelernt undsoweiteretceterapépé. Wenn du nicht willst, können wir es lassen. Dann muss ich eben nach Hause. Guten Abend, hier bin ich, komme gerade aus der Volkshochschule. Kann ich dem Herrn zu Diensten sein oder regelt das meine Alte, die sich trotz Etepetete gerne bumsen lässt?“
Sie krächzte es mit gespielter Albernheit und drehte dabei ihre Arme wie ein Bali-Mädchen. Dann streckte sie die Zunge heraus und fand zu ihrer melancholischen Grundstimmung zurück. Sie blickte in eine Zimmerecke, wo die braune Wand mit der gelb gewordenen Decke zusammenstieß. Wollige Fäden, aus zerrissenen Spinnnetzen zusammengewickelt, hingen herab und schaukelten im Luftzug. Chris legte seine Hand auf ihr Haar. Es pappte. Sie wandte sich ihm zu und sah schmollend zu ihm auf, so dass er loslassen musste, sonst hätte er ihre Frisur derangiert.
„Wir können es ja lassen“, sagte sie noch einmal.
„Ich möchte dich einladen, bei mir zu schlafen.“
„Ich will mit dem Taxi fahren.“
„Ich wohne nur um die Ecke.“
„Trotzdem“, sagte sie, „sonst komme ich nicht mit.“
(Dann bleibst du eben hier, sieh zu, wo du pennst). Er fragte nach dem Telefon (es beißt dich, junger Mann) und ob er telefonieren dürfe (aber nur Ortsgespräch), erkundigte sich nach der Nummer der Taxizentralen (118) und orderte ein Mietauto zum Dreieck (keine Besoffenen). Chris wollte ihren Mantel holen. Sie hatte keinen. Sie zahlte selbst ihren Bierdeckel (sie ist keine Gelegenheitshure, viel zu alt). Chris schätzte sie auf Anfang vierzig (sie hat immer noch eine gute Figur).
„Wie heißt du?“ fragte er, als er ihren Arm nahm, um sie nach draußen zu führen.
„Sag ich dir später.“
Aber im Taxi sagte sie kein Wort.

In der Etagenwohnung über der Metzgerei gehörte ihm nur das Zimmer zum Hof. Die anderen waren an alleinstehende Rentner vermietet (eine Frau, einen Mann). Chris schloss leise die Wohnungstür auf. Seine Begleiterin streifte ohne Aufforderung ihre Schuhe ab, offenbar an solche Zustände gewöhnt. Als sie in seinem Zimmer standen, zeigte sie keinerlei Enttäuschung.
„Ich bin hundemüde, hast du was Trinkbares? Ich heiße Vera. Ich habe mir den beknackten Namen nicht ausgesucht.“
„Ich finde ihn schön.“
„Hör auf, Süßholzraspler. Darf ich mich vielleicht setzen?“
Er wies auf das Bett. Der einzige Stuhl war belegt mit Wäsche unter Büchern, die er an einem der wachen Vormittage, denen er sein Studium widmete, in der Uni-Buchhandlung gekauft hatte. Vera ließ sich fallen und tat zunächst gar nichts. Dann sagte sie gegen die Decke:
„Du bist ein netter Junge. Ich mach dir bestimmt keine Scherereien.“
Sie war bescheiden und gab sich mit Nescafé zufrieden.
„Du hättest viel lieber was Jüngeres in deinem Zimmer, das seh ich dir an.“
„Du bist schon richtig.“
Chris war wie ein Bruder, der sich mit ihr, zum ersten Mal fern vom Elternhaus, zu der mystischen Liebe von Geschwistern verabredet hatte. Vera legte ihre Nervosität ab. Sie sprach nicht viel. Chris konnte sich jetzt nicht vorstellen, mit ihr zu schlafen. Vorhin hatte er noch einen buschigen Schwanz, nur weil durch die Löcher ihrer Strumpfhose das Fleisch leuchtete.
„Es hätte nicht viel gefehlt, und der Bulle hätte mich eingesackt. Aber glaub nicht, dass ich eine Nutte bin. Wenn du das glaubst, hau ich auf der Stelle ab.“
„Weswegen?“
„Was weswegen?“
„Wollte der Bulle dich einsacken?“
„Lassen wir das. Seh ich vielleicht aus wie eine Etepetete? Wegen Landstreicherei, der Arsch. Ich habe noch nie für Geld mit einem Kerl geschlafen, eher spring ich von Gottweißwo runter.“ Sie fing an, sich auszuziehen und legte ihre Sachen über den Stuhl. Als er das Licht ausgemacht hatte und zu ihr ins Bett stieg, sagte sie:
„Lass mich schlafen, ja?“
Es war ihm recht. Ein säuerlicher Geruch dünstete aus ihrer Haut, als Chris an ihr schnupperte, und vermengte sich mit dem Achselschweiß und dem Duft des Haarfestigers, auch mit dem Zigarettengestank, der aus den Kleidern aufstieg und sich im Zimmer verbreitete. Sie atmete durch den Mund (Schnarchen konnte man es nicht nennen). Er drehte sich auf die andere Seite und bog seinen Rücken gegen ihre Schulterblätter. So schützte er ihren warmen Schlaf und reckte seine Rippen. Er döste. Die Geräusche des Hauses, ferne Stimmen, Rhythmen und Stühlerücken nahm er mit in seinen Schlaf.

Als er aufwachte, war es noch dunkel. Vera saß aufrecht neben ihm: „Ich muss mal.“ Chris drehte sich aus dem Bett. Ihn fröstelte. Er zog einen Pullover über und knipste das Licht an. Aus dem Schrank hob er seinen blauen Morgenmantel vom Bügel. Jedes kleine Geräusch kam ihm vor wie mutwilliger Krach. Vera saß mit eingefallenen Schultern auf dem Bettrand und kniff die Beine zusammen.
„Zieh das über“, sagte er und hielt ihr den ausgebreiteten Mantel vor. Sie gehorchte. „Du gehst ganz durch den Flur, dann durch die Etagentür, direkt links. Nimm den Schlüsselbund mit, der Schlüssel mit ´vico´ ist es.“
„Ohne Brille kann ich nicht lesen. Du hast eine alte Frau abgeschleppt.“
Sie lüftete den Mantel und stellte sich seiner kritischen Begutachtung.
„Deine Titten sind wunderschön.“
„Sind sie das!“
Sie zupfte ihren BH vom Stuhl und hängte ihn Chris vor die Beine.
„Komm wieder runter.“
Dann huschte sie aus dem Zimmer. Chris setzte Kaffeewasser auf. Als sie zurückkehrte, merkte er, dass sie sich gewaschen und mit dem Mantel abgetrocknet hatte. Er zog ihr den Morgenrock aus, schlüpfte selbst hinein und schlich auf den Flur hinaus. Jedes Knarren der Dielen erschreckte ihn.

Sie hatte sich wie eine Squaw in die Federdecke gehüllt, als er das Zimmer betrat, und hielt eine Tasse. Vera deutete mit dem Kopf in Richtung Kochplatte, wo eine zweite Tasse stand. Chris reichte ihr den Morgenmantel, aber sie wollte ihn nicht.
„Es geht mir gut, zum ersten Mal an diesem verdammten Tag.“
„Was erwartest du“, sagte er, „wir haben halb drei.“
Sie lachte, so dass Chris seinen Finger auf den Mund legte. Aber sie kümmerte sich nicht darum und sagte ausgelassen:
„Du siehst wie ein Löwe aus, oben Pullover und unten pullernackt.“
Er drängte sich an ihr vorbei und streifte sie mit seiner Rute. Er ließ sich neben dem Fenster mit dem Rücken an der Wand entlang auf den Boden gleiten.
„Wer holt mir jetzt den Kaffee?“
Zu seiner Überraschung wickelte sie sich aus der Decke, stand auf und schritt auf Zehenspitzen zur Kochplatte (sie tut es nur, um die Titten rauszudrücken). Sie holte die Tasse.
„Bitte, du Pascha.“
Sie beugte sich herunter. Er sah die schrundige Haut über den Brüsten. Sie küsste ihn aufs Haar. Er wollte trinken und verschluckte sich. Da nahm sie ihm die Tasse fort und zog ihn hoch.
„Ab ins Bett, es ist viel zu früh.“
Er stolperte zur Tür, warf die Tasse um, knipste das Licht aus, trat in die Kaffeelache und legte sich zu Vera.

Ohne Umschweife griff er nach ihren Brüsten. Er fiel zwischen Veras Beine. Nach vier Stößen, die er mit verzweifelter Kraft geführt hatte, stach ihn ein Schmerz und zwang ihn, sich zaghaft zu bewegen. Bei jeder Bewegung hätte schreien mögen. Dann hielt er still und folgte, umgeben von einem lichten Schmerz, der Dünung ihrer Hüften, dem mahlenden Kauen ihrer Kamelmaulfotze. Als aus einem fernen Punkt, wie Licht durch ein sich weitendes Loch, der Orgasmus seine Qual für kurze Zeit verdrängte, hörte er sie hecheln und spürte danach einen Biss auf der Schulter. Es verschlug ihm vor Schmerz und Jieper den Atem. Er zog sich langsam heraus und rollte sich auf den Rücken. Das Laken war nass. Er begann zu weinen. Sie küsste ihn.
„Baby, war es so schlimm? Ich konnte ja nicht wissen, dass es das erste Mal war.“
„Das ist es nicht“, presste Chris hervor, „ich glaube, ich habe mir den Schwanz aufgerissen.“

Sie warf die Decke zurück, erhob sich und verließ am Fußende das Bett. Sie machte Licht. Chris erkannte eine klaffende Wunde in der Vorhaut. Sie hatte schon zu bluten aufgehört. Er beruhigte sich allmählich.
„Es ist nicht schlimm“, sagte Vera beschwichtigend, „du musst darum keine Angst haben, sonst hätte es der Doktor sowieso gemacht.“
„Du bist unten zu eng.“
„Nein. Ich bin eine alte Frau und ausgeleiert, aber du bist wie ein Torpedo reingeschossen, das tut man nicht, Dummkof.“
Er grinste. Seine Wunde stammte aus einem ordentlichen Gefecht, wo er seinen Mann gestanden hatte. „Dummkopf“, sagte sie noch einmal. Damals wusste er nicht, wie töricht er sich angestellt hatte und wie genügsam eine Witwe ist, wie kunstvoll sie dem unerschlossenen Boden ihre Lust abgewinnt.
„Kindskopf, ich könnte dich lieben. Wo hast du Handtücher?“
Er zeigte auf die Schranktür. Vera kramte Handtücher hervor und deckte die nassen Stellen ab.
„Das kommt davon, wenn man eine männliche Jungfrau vögelt.“
Sie legte sich zu ihm und wölbte ihre Hand über das geschundene Glied.
Der grelle Schmerz wich einem gleichmäßigen Pochen. Wärme breitete sich aus, das angenehme Gefühl einer bestandenen Gefahr. Es war seine Feuertaufe. Er wunderte sich, als sie sagte:
„Dass Mütter ihren Söhnen das nicht beibringen können! Es gibt Kulturen, am Amazonas oder auf Borneo, wo es zu den elterlichen Pflichten gehört, den Kindern beizubringen, wie man vögelt.“
„Hättest du es gerne von deinem Vater gelernt?“
Statt zu antworten, stand sie auf und löschte das Licht.
„Rutsch mal.“ Sie streckte sich neben ihm aus, Chris steckte seine Hand zwischen ihre Beine, als hätte er es sich verdient, und flüsterte:
„Ich liebe dich.“ Er wischte sich die Hand an seinen Schenkeln ab und legte sie dann auf ihren Bauch. „Ich liebe dich.“
„Geiler Dummkopf, du liebst mich nicht.“
„Jetzt liebe ich dich.“
„Jetzt! Weißt du, wer ich bin? Ich bin eine, die jeder in den Arsch treten kann, die jeder mitnimmt, und nicht einmal für Moneten. Das bin ich. Zwei so große Idioten wie uns gibt es nicht auf der ganzen Welt.“

Chris wachte auf, als sie aus dem Bett stieg. Die Sprungfedern hoben ihn. Er beobachtete Vera zwischen den Wimpern hindurch beim Ankleiden. Nachdem sie den Rock eingehakt hatte, kniff er die Augen zu, um sich schlafend zu stellen. Sein Glied spannte. Jetzt, da er sich darauf konzentrierte, brannte es. Er bemühte sich, an etwas anderes zu denken. Mit der Badeanstalt würde er heute und morgen nichts werden. Er wollte so lange im Bett zu bleiben, bis er sich wieder unter die städtische Dusche stellen könnte. Der Putzhilfe des Metzgers würde er durch die geschlossene Tür zurufen, dass er krank sei. Er öffnete die Augen. Vera drehte sich im Hinausgehen zu ihm, ohne ihn anzusehen. Sie schloss die Tür hinter sich. Er lauschte auf die Schritte im Flur. Die Etagentür dröhnte hinter ihr (man kann sie nur offenlassen oder zuknallen, wenn man keinen Schlüssel hat). Er glaubte, ihre Schritte auf den Steintreppen zu hören. Es war zwecklos, danach zu lauschen, wie sie durch die tagsüber stets offene Haustür auf die Straße tritt und mit verwehendem Klappern davongeht. Er hatte sie ohne Abschied entlassen. Er fühlte sich elend. Erst als er sich einredete, alles zu unternehmen, um sie wiederzusehen, verflog die Unstimmigkeit und machte einer gedankenlosen Betrachtung Platz.

Es war eine Minute ganz still. Das ferne durch viele Fenster, Treppenhäuser und Hinterhöfe gebrochene Geräusch des Autoverkehrs umrahmte diese Stille rings im Zimmer. Er stierte gegen die Decke und hielt seine Augen offen, bis sie tränten. Er brach die selbst auferlegte Folter ab, als sich die Tür des Nebenzimmers in den Angeln drehte. Danach war es wieder ruhig, während die alte Nachbarin an seiner Tür lauschte. Er vernahm ein sich entfernendes Schlurfen und dann den Aufprall des Wasserstrahls im emaillierten Becken. Es klang hölzern, wie wenn schusterkugelgroße, in Leder eingenähte Wassertropfen auf Holzbohlen fielen, in beklemmender Nähe. Die Putzfrau schaute herein, sah ihn liegen und zog ohne besondere Rücksicht, wie er fand, die Tür ins Schloss. Er stand auf, stieß an die Tischkante, fiel auf den Stuhl, auf seine Wäsche und die Bücher, und krümmte sich fluchend. Er verdammte seine Geilheit und schwor, sich die nächsten Wochen nur dem Studium hinzugeben. Das Pissen brannte lichterloh. Er legte sich wieder hin. Auf dem Bett verhallte der Schmerz.

Amour fou (oder der Verrat), 2. Teil /Prosa

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