Wie die Türme der Tower Bridge

von Dimil Stoilov (copyright)

Ihre Brüste seien so groß wie die Türme der Tower Bridge. Das war die kompetente, taktvolle Einschätzung von Petjo der Brechstange aus der achten Klasse. Ausgerechnet dieser aufrichtige Prügelheld und Schulschwänzer war zu solch einer enzyklopädischen Beurteilung der Londoner Sehenswürdigkeiten fähig. Erstaunlich.
Damals, als dieser erschütternd bildliche Vergleich entstand, waren wir noch Siebtklässler und sie zum Glück unsere Mitschülerin. Seit der fünften Klasse schon hatten ihre Türme einen üppigen Kurs eingeschlagen, doch damals waren Spott und Gelächter für all die unwissenden, jungfräulichen Dummköpfe wie mich noch das Äquivalent für Begierde und Wollust. Wir hatten nicht die leiseste Ahnung von den geheimen Windungen des menschlichen Leibes und der menschlichen Seele, und Rubens war auch nicht unser Lieblingsmaler. „Milky“ – ihr Spitzname war volkstümlich erniedrigend. Namensgeber war nämlich der Milchladen „Edelweiß“ neben der Schule, in dem man die Dickmilch in großen kegelförmigen Aluminiumgefäßen verkaufte. Man schöpfte die Dickmilch mit einer großen Kelle aus dem Aluminiumkegel, um sie in Becher abzufüllen. Auf ihrem Weg zur Waage zitterte und wackelte sie in der Kelle, genau wie die Türme von Milky. Besonders während des Sportunterrichts, wenn sie über den Hof laufen musste und ihr weißes T-Shirt immer den Körper überholte.
Lässt man die „Türme“ außen vor, dann erscheint ein schlankes, hochgewachsenes Mädchen, freundlich und sehr ehrgeizig – in allen Fächern war sie Klassenbeste, sogar in Sport. Irgendetwas Altgriechisches verbarg sich in ihrem Gesicht – ihre Nase stach zu sehr heraus, doch die Linie von der Stirn bis zu ihrem Kinn verlief gleichmäßig und ruhig. Mit ihren großen, hellbraunen Augen und schwarzen Haaren sah sie auf eine seltsame Weise edelmütig aus. Es war jedoch nicht ihr Edelmut, der die älteren Jungs begeisterte, und so schallte ihr Lachen mal aus irgendeiner Ecke im Flur, mal aus dem hintersten Teil des Hofes hinter dem Springbrunnen oder unter den drei Maulbeerbäumen. Ihr Lachen war erstaunlich. Zunächst ähnelte es einem Schnurren, dann trippelte es wie zu einem schnellen Reigentanz, bevor es sich schließlich erhob und keuchte, als würde es den Mont Blanc erklimmen, und dann schnurrte es wieder…

Wer den Türmen nähergekommen war, erntete ehrfürchtige, respektvolle Blicke. Er hatte es in die erste Liga der Aufgeklärten geschafft. Doch das war schon bald nicht mehr genug. Als Männlichkeitsbeweis galt es nun, den Vulkan ihres Lachens zum Ausbruch zu bringen. Fast jeder prahlte schon mit dieser Errungenschaft, und Milkys Lachen ertönte nun aus sämtlichen Ecken des Flurs und des Hofes, aber wahrscheinlich machten die anderen Mädchen sie einfach nach, oder wir bildeten uns das schon ein. Es kursierten viele Geschichten darüber, wie man sich ihr näherte, wie sie einen teuflisch ansah und selbst die fremde Hand auf einem ihrer Türme kreisen ließ, bis man darunter die harte Spitze spürte. Es waren bloß Gerüchte, aber Einiges stimmte. Denn in der siebten Klasse kam ich endlich auch zum Zug.
Alles fing damit an, dass ich die Wahl zur Brieftaube gewann. Neugierig pendelte ich also zwischen Milky und Petjo der Brechstange, um die aufregenden Einzelheiten der nächsten Verabredung auszurichten. Das Rätsel um diese ihre Männerwahl konnte ich nie lösen, denn das einzig Sinnvolle, das ich jemals von Petjo gehört habe, betraf die Londoner Brücke und deren Türme. Aber von mir aus…
Mit diskreter Genauigkeit muss ich gestehen, dass Milky täglich mehrere Anwärter mit ihren Nachrichten beglückte. Natürlich war ich nicht ihr persönlicher Briefträger. Aber eines Tages baute sich Petjo die Brechstange an der Imbissbude vor mir auf und raunte mir zähneknirschend zu:
„Hör mal, du Pfeife! Du wirst der einen mit den Tower Bridge-Türmen gefälligst sagen, dass sie mir eine Nachricht schicken soll, verstanden?“
„Verstanden!“, krächzte ich und rannte los – ohne meinen Imbiss. So kam ich unbeabsichtigt zu meinen Botschaftsdiensten, mit denen ich aber scheinbar Pluspunkte sammelte. „Den Mittler“ hatte ich bis dahin noch nicht gesehen, und von Leslie Poles Hartley hatte ich auch nicht die leiseste Ahnung.
Milky wusste meine Diskretion zu schätzen, denn für sie wechselte ich schon mal den Brieftaubenkurs und brachte ihre Botschaften auch zu anderen auserwählten Empfängern. Schließlich war sie von meiner Loyalität so ergriffen, dass sie mich auf eine ihrer Parties einlud. In der geräumigen Wohnung auf der „Vitoshka“ beeindruckten mich weder die Möbel, die Teppiche, das Kristallgeschirr, noch die Bilder oder Fotos – ihr Großvater hatte in Deutschland studiert, ihre Großmutter in Frankreich, bis zu ihren Eltern kam ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur, dass ich damals eine Pall Mall geraucht habe – die erste Zigarette in meinem Leben. Ich musste beim dritten Zug fürchterlich husten, trank dann zwei Gläschen Amaretto, ein absolut schales Zeug, und fand mich dann schließlich neben Milky auf dem Teppich sitzend wieder. Aus der Anlage dröhnte gute Musik – Bee Gees, Smokie, Grand Funk und Eagles. Bei „Hotel California“ war Milky irgendwie zärtlich gestimmt, und wie ich so neben ihr saß, packte sie meinen Kopf, drückte ihn gegen einen ihrer Türme und schwang leicht im Takt der Musik mit, die uns „Herzlich Willkommen“ an einem besonders schönen Ort hieß. Mein Ohr versank in ihrer Brust, es fühlte sich an, als würde es auf einer Herdplatte brutzeln, mein Atem stockte, und ich spürte wie die Wärme durch meinen ganzen Körper floss. Meine Gedanken schwebten zu einem exotischen Ort, irgendjemand wies mir den Weg. Unmerklich hatte sich mein ganzer Körper in ein riesiges Ohr verwandelt, das sich in einer gemütlichen Höhle eingekuschelt hatte. Als das Lied zu Ende war, schob mich Milky etwas unsanft beiseite und widmete sich ihren anderen Gästen, doch in mir war die Berührung geblieben. Auch ich gehörte nun zu diesen hoffnungstragenden Auserwählten, die es bis zu den Türmen geschafft hatten. Ich war einfach ein toller Typ!
Milky und ich gingen nur noch einige Monate auf dieselbe Schule. Von „Hotel California“ wusste sie natürlich nichts mehr, doch mein Ohr brummte und errötete immer noch wie eine Herbstsonne. Sie schrieb sich dann in das englischsprachige Gymnasium ein, ich wählte das Deutsche. Nach Jahren liefen wir uns noch ein paar Mal in der Sofioter Universität über den Weg, tranken gemeinsam Kaffee und tauschten Erinnerungen an unsere sorglosen Schuljahre aus. Eine erschütternde Beziehung mit einem Nigerianer hatte sie schon hinter sich. Sie sei sogar ein bisschen verheiratet gewesen, doch schon nach einer Woche habe sie kalte Füße bekommen und sei nach Bulgarien zurückgekehrt, als Jungfrau zweiter Wahl. Sollte sich ihr Selbstbewusstsein unter ihren üppigen Brüsten verstecken, so war es kein Bisschen erschüttert worden durch dieses Abenteuer. Mehr noch – die Türme, delikat entblößt, hatten beeindruckende Ausmaße erreicht und lechzten wie ein seufzender Magnet nach jedem ernstgemeinten Männerblick. Die Ideen, Pläne, Projekte brodelten nur so aus ihr heraus – sie studierte und arbeitete zeitgleich als Übersetzerin in irgendeiner englischen Firma. Sie benahm sich, als gehöre ihr die Welt, in der nicht nur die Männer ihr gefälligst zu Füßen liegen sollten. Ich versuchte nicht einmal etwas über mich zu erzählen, sie interessierte sich offensichtlich auch nicht sonderlich dafür. Für sie war ich eben nur ein rachitisches Gräschen, das sich abseits des Weges zur ruhmreichen Zukunft krümmte.
Einmal bat sie mich innerhalb von zwei Tagen ein zwanzigseitiges, deutschsprachiges Angebot aus der Bauchtechnik zu übersetzen. Sie stellte es so geschickt unschuldig an, dass es am Ende aussah, als hätte ich mit den Fäusten auf dem Boden trommelnd selbst darum gebettelt. Der Gefallen kostete mich eine schlaflose Nacht.
„Ich hätte die Zeit lieber mit dir als mit den trockenen deutschen Bautermini verbracht.“, scherzte ich am nächsten Tag. Ich vernahm das Schnurren und den schnellen Reigen im Lachen, die Türme wackelten wohlgesonnen. Doch es gab kein Erklimmen. Sie bedankte sich herzlich, sie würde es ihr Leben lang nicht vergessen. Ich bezahlte auch diesmal den Kaffee in der Wiener Konditorei.
Zwanzig Jahre lang war sie wie vom Erdboden verschluckt. Ich habe sie weder gesehen noch gehört. Schon lange reizten mich die gut ausgestatteten Frauen nicht mehr, denn ich hatte den Zauber der kleineren, festeren Formen für mich entdeckt. Drei meiner Gedichtbände waren schon erschienen – ein Beweis früherer seelischer Sünden. Widerwillig hatte ich mein Junggesellendasein zu den Akten gelegt. Meine Werbeagentur ging bankrott, ich fand in der Redaktion einer seriösen Zeitung Unterschlupf und beglückte von da an die Leser mit wirtschaftlichen Beobachtungen und Analysen.
Auf der „Vitoshka“ liefen wir uns in die Arme. Sie verließ gerade eine Boutique, beladen mit Papiertüten voller Einkäufe. Ich hatte soeben meine düsteren Wirtschaftsprognosen für den Wohlstand des Durchschnittsbulgaren in den nächsten zwanzig Jahren ausgespien, und meine Seele schmeckte bitter wie der Satz schlecht gemahlenen „Brazilia“- Kaffees. Ich freute mich, sie zu sehen, und später fragte ich mich lange Zeit – warum eigentlich?
Man sah ihr die Jahre nicht an, die Gründe dafür erfuhr ich sogleich. Als Untertanin Ihrer Majestät der Königin von England lebe sie jetzt im Zentrum von London, nördlich vom Hyde Park, ganz in der Nähe der Oxford Street. Die Metro nehme sie immer an der Paddington Station. Sie sah müde von ihrer Einkaufstour aus, die Tüten schienen schwer zu sein, also lud sie mich selbst ins nächste Café ein. Ihr Mann stelle Baumaschinen her, erzählte sie. Alle möglichen Berufe habe sie ausprobiert, nun sei sie Chefin einer Veranstaltungsagentur, außerdem noch Vorsitzende einer Stiftung zur Pflege bulgarisch-englischer Kulturbeziehungen und organisiere Ausstellungen für Bilder, kleine Plastiken, Töpferhandwerk, Holzschnitzereien.
„Die Engländer stehen auf sowas. Aber genug von mir, wie geht es dir, was machst du so?“
Ich kann nicht sagen, was dieses plötzliche Interesse an meiner Person ausgelöst hat. Ich glaube, es war meine höhnische Bemerkung darüber, dass ihr das Töpfern als Handwerk wohl liege, weil es in der Ausführung dem Formen einer weiblichen Figur ähnele. Und es gibt weiß Gott Körper wie den ihren, die immer wieder den Ofen der Leidenschaft entfachen.
Ich erzählte ihr von meiner Menschenliebe, faselte noch anderen Blödsinn und merkte, wie sie meine Erfolge und Misserfolge scannte. Es war ihr nicht begreiflich, wie ich nach meiner Selbständigkeit wieder als Angestellter arbeiten konnte. Mit ihrem Talent und meinen Geschäftsbeziehungen könnten wir doch gemeinsam eine Werbeagentur gründen, deutete sie kurz an. Eifrig packte ich meine Kenntnisse über die bulgarische Werbemarktstruktur aus, dann tauchte die Idee in ihre großen braunen Augen und erlosch gänzlich.
„Kann ich dich um einen Gefallen bitten? Ich habe da so einen Text, den du dir als Fachmann doch mal ansehen könntest. Was meinst du?“
Vermutlich habe ich an dieser Stelle bloß geistig verwirrt gestammelt, dass mich das sehr glücklich machen würde.
„Es ist nichts Anspruchsvolles, nur ein paar zusammengewürfelte Ideen, und wenn es doch was geworden ist, dann würde ich es gern herausgeben. Es ist sehr intim und persönlich. Gewidmet ist es meinen Großeltern, die mich aufgezogen haben, während meine Eltern Arabien bereisten.“
Zum ersten Mal erfuhr ich etwas Intimes und Persönliches von ihr. Aber weinen musste ich zum Glück noch nicht.
„Ich weiß nicht, inwiefern ich dir nützlich sein kann“, trat ich den Rückzug an.
„Nun sei doch nicht so bescheiden. Du hast doch schon drei Bücher veröffentlicht. Eines habe ich im Büro von Petjo gesehen. Weißt du noch, unser Mitschüler?“
Natürlich wusste ich noch. Petjo die Brechstange. Tower Bridge. In seiner kleinen Werkstatt, wo er Unfallautos ausbeulte, hatte er mal meinen zerknitterten Skoda geliftet. In der naiven Hoffnung auf einen kleinen Preisnachlass schenkte ich ihm damals eines der Büchlein. Schon seinerzeit, beim Vordrängeln am Imbissstand, habe er gemerkt, was für ein prima Typ ich sei, sagte er lobend. Und nahm mir jegliche Aussicht auf Rabatt. Später eröffnete er eine Kfz-Werkstatt und einen Autosalon. Eine zweifelhafte Ehre, dass mein Buch nun sein Büro schmückte.
„Versprich mir, dass du es dir ansiehst!“
Ich versicherte, den Text mit der nötigen Strenge, Gerechtigkeit und Ehrlichkeit zu prüfen. Was blieb mir auch anderes übrig? Dieses Mal zahlte sie den Kaffee, und das war gut so.
Schon am nächsten Tag flatterte ein großer weißer Briefumschlang in die Redaktion. Neugierig zog ich ein Blatt heraus und stieß auf eine unleserliche Schrift, niedergekritzelt mit einem schmierigen Bleistift des Typs 3B. Um mir den Abend zu verderben, sah ich mir den gesamten Inhalt des Umschlags erst zu Hause an. Meine düstersten Vorahnungen erwiesen sich als rosafarbene Puffwölkchen im Vergleich zum Unwetter, das mich in Wirklichkeit erwartete. Nach einem mehrstündigen Kampf hatte ich aus drei Seiten voller krakeliger Auswüchse ganze zehn Wörter entziffert. Ich erwartete ihren Anruf wie auf einem Kaktus sitzend.
„Halloo“, das „o“ war lang gezogen, laut und energisch. „Was machst du, schöner Mann?“ Ohne die Antwort abzuwarten fuhr sie fort: „Also, wann sehen wir uns wieder? Ich schlage vor, um sechs „Bei Schwejk“ auf ein Bier mit Bratkartoffeln. Das passt dir doch oder? Also bis bald, ich hab noch viel zu tun!“
Mit lauter schönen Menschen hatte ich selbst genug zu tun! Ich steckte bis zum Hals im Aufklärungsprozess eines Kommunalgeschäfts mit Grundstückskonzessionen. Am liebsten hätte ich entgegnet, dass ich nicht ihr schöner Mann sei, dass ich die Redaktion wie ein frisch erblühter Kaktus ziere, dass ein Treffen gar keinen Sinn habe, und dass ich mit meiner Frau und meiner Tochter eigentlich zur selben Zeit bei „Happy“ Pizza essen wolle. Ich fühlte mich wie ein blöder, pickliger, pubertierender Siebtklässler, dem man irgendwelche Zettelchen in die Hände schiebt und ihn wieder zur gehorsamen Brieftaube macht. Am besten, ich ließ mich an unserem Treffpunkt gar nicht erst blicken.
Um Punkt sechs war ich da. Ich leerte gerade mein großes Bierglas, da kamen sie angewackelt: Zuerst die zwei Türme, dann die Untertanin der Queen höchstpersönlich. Sie trug eine große Papiertüte mit der eingestanzten Aufschrift „Beauty“. Über ihrer Oberlippe hatten sich einige Schweißperlen gebildet. Mit eleganter Geste holte sie ein Päckchen Taschentücher aus ihrer Handtasche. Der Duft von Rosenöl stieg mir in die Nase, als sie mit dem Taschentuch den Tau unter ihrer Nase wegtupfte. Dann wischte sie sich damit über die hohe Stirn, weitete etwas das Dekolleté ihres blauen, geometrisch gemusterten Sommerkleides und steckte ihre Hand in den provokativen Spalt.
„Es ist heiß, nicht?“
Wahrscheinlich um die 30 Grad, erstattete ich mir selbst Bericht.
„Du bist nicht böse oder, schöner Mann? Ich hatte Ärger mit den Mietern meiner Geschäfte auf der „Solunska“. Eine äußerst lästige Angelegenheit. Sie hätten kein Geld, die ewige Ausrede.“ Sie legte ihre Hand auf meine und ließ ihre Finger sanft rauf und runter streichen.
„Wahrscheinlich halten auch die Menschen in England eine Uhr für überflüssig.“
„Du suchst Streit. Das steht dir nicht.“
Ihre Finger strichen weiterhin über meinen Handrücken.
„Ich rufe sofort den Kellner. Bleiben wir beim Bierchen? Und jetzt raus mit der Sprache: Was hältst du von meinem Text?“
„Gar nichts.“
„Wie?“, schluchzte sie überrascht. „Es stimmt schon, die Aufzeichnungen sind ganz anspruchslos…“
„Wir lieben immer die, welche uns bewundern.“
„Was soll das heißen? Ich verstehe dich nicht. Ist es tatsächlich so schlecht? Dann hat es wohl keinen Sinn…“
Ein unruhiger Schatten schlich sich auf ihr gespanntes, helles Gesicht. Zum ersten und letzten Mal beherrschte ich die Situation und eine wohlige Wärme der Schadenfreude durchströmte meinen Körper. Es war nur ein winziger Racheakt dafür, dass ich in diesem Moment das Pizzaessen mit meiner Frau und meiner Tochter versäumte.
„Das stammt von La Rochefoucauld. Ich wollte herausfinden, ob du nicht eher zu La Bruyère tendierst, aber vielleicht ist es falsch, dich mit den Moralisten des 17. Jahrhunderts zu vergleichen.“ Nun lächelte sie beruhigt.
„Ach, darum geht es. Warte, warte, lass mich kurz nachdenken… Ja, ich glaube es ging so: Nur wenige Menschen sind klug genug, hilfreichen Tadel nichtssagendem Lob vorzuziehen.“
Der Punkt ging an sie. La Rochefoucauld. Ich eröffnete ihr die schlichte Wahrheit, dass ich einfach nichts hatte entziffern können. Möglicherweise schauspielerte sie einfach gut, als sich ihre großen Mandelaugen mit Tränen füllten. Eine Dummheit kommt selten allein, also schlug ich ihr drei Varianten vor. Sie könne ihren Text mit der Schreibmaschine abtippen oder ihn mir per E-Mail schicken oder auf Audiokassette aufnehmen. Es stellte sich heraus, dass sie in einigen Tagen schon wieder nach London abreisen musste. Dort bestünde auch nicht die geringste Chance, eine Schreibmaschine mit kyrillischer Tastatur aufzutreiben. Zum Heulen. Und einen eigenen Computer habe sie auch nicht. Great tragedy. Am besten sei die Audiokassette, ich sei ja so klug. Besonders nach der siebten Klasse, fügte ich vorsichtshalber hinzu. Also würde sie mir den Text auf eine Audiokassette diktieren und ich könnte ihn beim Schreiben gleichzeitig redigieren. Auf jeden Fall würde sie das wieder gutmachen. Dann fiel mein Blick auf ihr noch provokanter geöffnetes Dekolleté, und ich spürte die Wärme ihres Oberschenkels unter dem Tisch.
Diesmal erkundigte sie sich überraschend gesellig, ob ich denn Zeit hätte, auch mal „nur so“ zu schreiben, für die Seele. Ich sei mir meiner Seele nicht mehr so sicher, entgegnete ich mit heller Finsternis und schob ihr mein neuestes Buch als Geschenk zu.
„Oooh, toll, das sieht klasse aus. Ich werde es mit Vergnügen lesen.“ Ihr Gackern war unehrlich übertrieben. Ob ich denn an einer Veröffentlichung meiner Gedichtsammlung in England mithilfe ihrer Stiftung interessiert wäre. Zugegeben, da hatte sie mich schon ein wenig an der Angel. Es gibt keinen Textkritzler, der nicht in den Katakomben seines kranken Bewusstseins einige angekettete Narzisse hütet. Und wer würde diese Gelegenheit versäumen und stattdessen seine Gedichte in der Nähschublade verstecken wie Emily Dickinson, dieser Dummkopf. Ich definitiv nicht.
Wir knabberten an unseren Bratkartoffeln mit Käse, benetzten unsere Lippen mit der herben Flüssigkeit der Marke „Männer wissen warum“ und lösten die ungezähmten Pferde der schöpferischen Illusion von ihren Zügeln. Und zu Hause warteten sie auf das Pizzaessen und waren gar nicht erfreut über meine zweistündige Verspätung.

Keine fünfzehn Tage später stellte die Sekretärin des Chefredakteurs verlegen einen Anruf aus London zu mir durch.
„Halloo, halloo, schöner Mann, bist du es? Hier regnet es, und neblig ist es, furchtbar! Wie geht es dir? Und deiner zarten Seele?“ Ich hatte mich schon an die Fragen gewöhnt, die keine Antwort erforderten, und wartete auf die wesentliche Information.
„Deine Idee war genial, ich könnte dich küssen. Die erste Kassette ist schon fertig, ich schicke sie dir zu. Es funktioniert, du wirst sehen. Vielleicht werden es fünf oder sogar noch mehr. Ein Bekannter reist heute nach Bulgarien, er wird dich anrufen, wahrscheinlich schon morgen. Küsschen.“
„Küsschen“, antwortete ich wie ein dämliches Echo.
Der Typ machte mich tatsächlich schon am nächsten Tag ausfindig. Ein Abgeordneter, der hier einige Tage zu Besuch war. Wie verabredet postierte ich mich also um Punkt zwölf neben dem Polizeibeamten hinter dem Parlamentsgebäude und wartete mehr als eine halbe Stunde, bis ich die wertvolle Sendung endlich in Empfang nehmen konnte. Für ihn war ich etwas mehr als ein Amtsbote und wesentlich weniger als eine Vertrauensperson. Solch ein seltsamer Hybrid verlangt wohl eine spezielle Behandlung, also brachte mich der Abgeordnete notgedrungen in die Parlamentsbar und lud mich auf einen Pickwick-Tee ein. Ganz nebenbei erzählte er, wie er fast eine Audienz bei der Queen bekommen habe, er aber dafür ausschließlich mit Personen verkehre, die ihrem Rang beinahe ebenbürtig wären, und das sei mehr als tröstlich. Und noch, dass er das British Museum, das Parlament und Westminster Abbey besucht und Fotos von Big Ben sowie Tower Bridge gemacht habe. Als er von den endlos und überdimensional weisen Gesprächen in Milkys Cottage berichtete, entschied ich mich, die Konnotation der zuletzt genannten Sehenswürdigkeit doch für mich zu behalten. Ich verabschiedete mich rechtzeitig bevor er mein hybrides Wesen ganz entschlüsseln und mir mit seinen ganzen Heldentaten als bescheidener Patriot auf die Nerven gehen konnte.
Ich legte die Kassette ein und setzte mich vor den Computer, doch von einem Erfolgserlebnis keine Spur. Drei Stunden lang spulte ich das Band immer wieder zurück und hatte schließlich eine einzige mickrige Seite geschrieben. Sie sprach ungleichmäßig dumpf, verschluckte Wörter, ganze Ausdrücke konnte ich nicht entschlüsseln, so oft ich die Aufnahme auch anhörte. Zugegeben, mein Zweifinger-Tippsystem begünstigte die Operation nicht besonders.
Ich fing an, diese innige Tätigkeit zu hassen und wartete nur noch unbewusst auf das nächste „Halloo“. Und das ließ nicht lange auf sich warten. Das Schema war dasselbe. Die Sekretärin des Chefredakteurs rief mich mit zittriger Stimme an, um mich mit Neuseeland zu verbinden.
„Halloo! Wie geht es dir, schöner Mann? Hast du die Sendung bekommen? Bist du damit schon fertig?“
Dass ich mich mit dem Teufel eingelassen hatte, ahnte ich immer noch nicht. Ich besaß sogar die Kühnheit, mit ihr zu scherzen, obwohl ich immer noch benebelt von der Information „Neuseeland“ war. Sie halte sich dort auf, weil sie auf irgendeiner Insel in der Nähe als erste das neue Jahrtausend des Planeten begrüßen würde, und so eine Gelegenheit dürfe sie nicht verpassen. Ich hatte nichts gegen das neue Jahrtausend. Auch gegen die darauffolgenden nicht. Ich konnte sie weder aufhalten noch die vergangenen übergehen. Deshalb gestand ich ruhig und ehrlich:
„Es geht wieder nicht. Wenn ich weiterhin allein mit dem Dechiffrieren der Aufnahme zurechtkommen soll, dann möchte ich nicht wissen, aus welchem Teil der Erde du mich das nächste Mal anrufen musst.“
„Was willst du mir jetzt damit sagen?“
„Ich muss jemanden auftreiben, der mir die Texte von der Kassette runterlädt, damit ich sie im Anschluss redigieren kann.“
„Das ist doch kein Problem. Beauftrage einfach jemanden, wir klären alles Weitere dann unter uns.“
„Ich hoffe, dass du wenigstens aus Neuseeland keine sexuellen Absichten mir gegenüber hast.“
„Leg los, schöner Mann, wir rechnen dann nach deiner Art ab. Nach etwa zwei Wochen kannst du mit der zweiten Kassette rechnen. Ciao und Küsschen.“
„Küsschen.“
Ich machte mich gut als Echo. Ein neuseeländisches Echo. Schon beim Auflegen des Hörers wusste ich, wer mir helfen konnte. Nur Mirchen und kein anderer. Vor einiger Zeit hatte sie in ähnlicher Weise Nachrichten von BBC heruntergeladen, außerdem fegten ihre Finger fehlerfrei über die Tastatur. Die Zeitungsredaktion hatte sie schon längst verlassen, weil sie dem Chefredakteur zu alt geworden war – mit 35. Die neuen kurzröckigen Kolleginnen lebten jetzt ihre virtuelle Welt vor den Computern aus, pickten mit zwei lackierten Fingerchen auf die Tasten, und auf ihren hübschen Gesichtchen lächelte ein ungetrübter Heroismus über die glorreiche Leistung. Mirchen war eine liebe Frau – gutmütig, und deshalb betrogen und verlassen mit zwei Kindern. Ich hörte mich ein wenig bei Bekannten um und fand mich schließlich in einer Querstraße von „Vitoshka“ wieder, in einem kleinen düsteren Schuhlädchen, dessen Ware offensichtlich aus der Türkei oder wahlweise aus irgendwelchen privaten Werkstättchen stammte. Wir freuten uns über das Wiedersehen und küssten uns, nicht wenige Nachtschichten hatten wir miteinander verbracht. Von der Aufgabe war sie nicht begeistert, sie hätte das Maschinenschreiben schon fast verlernt, würde jetzt Fernunterricht nehmen und hätte sowieso große Sorgen zu Hause. Ich wusste, dass sie mich nicht wegschicken würde, und das schlechte Gewissen nagte an mir, weil ich mich auf ihre Gutmütigkeit verließ. Eine Woche später stattete ich dem dunklen Schuhlädchen einen zweiten Besuch ab, wo bloß eine verirrte Fliege ihre müden Kreise durch die Luft zog und daran erinnerte, wie fürchterlich die Einsamkeit ist.
„Der Text ist absoluter Müll“, sagte Mirchen, „manche Stellen musste ich zehnfach anhören und konnte sie trotzdem nicht verstehen.“
„Vielleicht ist er Müll, aber ich habe dich nicht als Literaturkritikerin engagiert.“
„Du bist scheußlich. Ich bemitleide dich nur, weil du dich nun damit beschäftigen musst.“
„Das stimmt, darüber will ich noch gar nicht nachdenken.“

Von nun an besuchte ich das dämmrige Lädchen in unregelmäßigen Abständen. Allem voraus ging in der Regel dieses abscheuliche „Halloo“, mal aus New York, mal aus Madrid, Caracas oder Paris. Dann folgten Telefonate über Erkennungszeichen und Treffpunkte, dann Verabredungen mit mir unbekannten Menschen. Gepuderte Kunstwissenschaftler, begabte Chirurgen-Metzger, auf Hochglanz polierte Professoren mit unbestimmter Fachrichtung, Vorsitzende exotischer Assoziationen und aufgeblasene Businessmänner waren darunter, die alle wie die UNO von der Überzeugung besessen waren, sie hätten viel zu wenig Zeit, doch sie waren gequält höflich und beharrlich pünktlich bei jeder Übergabe der brennenden Küsse meiner Freundin sowie des unverwechselbaren kleinen Päckchens mit der nächsten Audiokassette. In der Redaktion bekam ich schnell den Spitznamen Pepo Neuseeländer, und Mirchen, so gut sie auch war, wurde mit jedem meiner Besuche im Lädchen bekümmerter, trauriger und finsterer. Sogar als ich meine Schulden für den riesigen Gefallen beglichen habe – natürlich zum schlechten Freundschaftstarif – schlich sich nur noch ein müdes Lächeln ein, unauffällig wie ein verängstigter Spatz. Offensichtlich war ich blind, denn auch dieses entsetzliche Warnzeichen übersah ich wie einen vorbeiziehenden namenlosen Dorfbahnhof.
Vertieft in die Texte, einwandfrei abgetippt von Mirchen auf schneeweißen DIN A4 Blättern, überkam mich allmählich die paranoide Vorstellung, ich wäre über noch unentdeckte Alexandrinische Schriften gestolpert.
Milky war schon längst eine Frau von Welt geworden, und dafür beneidete ich sie offen und ehrlich. Durch ihre Aufzeichnungen schlüpfte ich einfach so auf die 42ste Straße in New York, in das Restaurant eines Bulgaren, dem man etwas andersartige Neigungen zuschrieb. Ich konnte die Stufen zum Guggenheim-Museum hinauf steigen und in die Pop-Art eintauchen, ich konnte auf der „Rivoli“ spazieren gehen oder die Alpen erklimmen – die österreichischen, schweizerischen und französischen, an einem regnerischen Tag in Basel sein und an einem sonnigen in Nizza, ich konnte vor der Kathedrale in Clermont-Ferrand oder Gap ehrfürchtig erstarren, mein Spiegelbild im See Lafraye oder im Lago Maggiore anschauen. Das Manuskript offenbarte einen kompletten Reiseplan von internationalen Fluglinien, einen Reiseführer voller Museen und Sehenswürdigkeiten. Und ein unverhohlen überhebliches Gefühl, dass der Papst dich aus nur einem halben Meter Abstand wohlwollend angeschaut hat, dass Lady Di bloß fünfzehn Minuten schneller war beim Verlassen des Restaurants, um sich von den Paparazzi bis in den Tod verfolgen zu lassen, dass der bulgarische Präsident ein geachteter Gast in deiner neuen Wahlheimat war und dir vieldeutig gesagt hat: „Wir vertrauen auf unsere Landsleute“, und die besagten Landsleute lassen sich das fällige Osterlamm-Barbecue schmecken, garniert von tiefgründigen „Tafelrunden“, die über die Zukunft der bulgarischen Wirtschaft und Kultur sinnieren.
Hätten wir einen Reiseführer geplant – so wäre alles in Butter. Sogar La Rochefoucauld konnte mich nicht damit beruhigen, dass nichts so ist wie es scheint – weder so gut, noch so schlecht. Die Überwachung und die schwachen philosophischen Versuche eines Menschen, der ständig auf dem Olymp thront, vermischt mit dem Firlefanz der gekünstelten Sprache, servierten mir einen schwer verdaulichen Borschtsch aus Syenitgestein. Für die Redaktion der ersten zehn Seiten brauchte ich Ewigkeiten. In der Zeit hätte ich unter anderen Umständen eine eigene Trilogie geschrieben. Und immer noch war ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden, die Unkrautbekämpfung schien mir wirkungslos, die neu gesäten Samen verschönerten nur bedingt den Garten der zuvor wuchernden Exotik.
Mein Blick wurde griesgrämig. Immer seltener spielte ich mit meiner Tochter, immer weniger redete ich mit meiner Frau. Früher reichte einfach unsere Dreisamkeit aus, und vor unseren Augen begann der Weihnachtsbaum der gemeinsamen Glückseligkeit zu funkeln.
Ich bestand nicht darauf Radi, meiner Tochter, bei dem Aufsatz über „Das Muttersöhnchen“ oder „Nach Chicago und zurück“ zu helfen, und das nicht nur aus Ablehnung der schöpferischen Inquisition innerhalb unseres Bildungssystems. Ich eilte auch nicht mehr in die Küche, um die Tomaten, Gurken und das unvermeidliche Sauerkraut für den abendlichen Salat liebevoll kleinzuschneiden – mein bescheidener und einziger Beitrag zu den gemeinsamen Mahlzeiten, zusätzlich zum Tischdecken und der Versorgung mit gekühltem Schnaps. Nein. Ich wollte mich nur noch vor den Computer setzen und die unförmigen Beete harken.
Vorgestern ließ Sonja, meine Frau, vorsätzlich einen tiefen Porzellanteller auf den Boden fallen. Sie sammelte die weißen Scherben mit dem orangefarbenen Kehrbesen auf, erhob ihren Blick zu mir und formte mit ihrem wunderschönen Hals ein diskretes Fragezeichen.
„Hast du dich vielleicht verliebt und brauchst nun Einsamkeit, um eine endgültige Entscheidung zu treffen?“
„Du hast sie wohl nicht mehr alle“, entgegnete ich zivilisiert und versuchte ihr mein ganzes Herz zu offenbaren – genau wie Danko, der etwas in Vergessenheit geratene Held Maxim Gorkis. Gerade eben hatte mich Milky mal wieder mit ihrem tonisierenden „Halloo“ beglückt, um mir mitzuteilen, dass sie es nicht zum Heiligen Grab zu Jerusalem schaffen, dafür aber das Haus der Mutter Gottes besuchen würde, deshalb reise sie auf ihrem Weg in die Türkei durch Bulgarien und bestehe darauf, die Ergebnisse unserer gemeinsamen Arbeit zu begutachten. Sonja stand wieder aufrecht mit dem orangefarbenen Kehrbesen in den Händen und hörte sich meine Ungereimtheiten an, und als ich nichts mehr zu sagen hatte, fügte sie leise hinzu: „Wofür brauchst du das alles?“
„Aber ich habe es dir doch schon erklärt, es geht um Sentiment, eine Reise um die Welt, vielleicht auch um was anderes.“
Ich hatte ihr immer noch nicht meine Hoffnung auf den einen oder anderen Lev gestanden, auch nicht, dass ich die Arbeit von Mirchen bisher aus meiner eigenen Tasche bezahlt hatte. „Du verstehst das einfach nicht…“
„Ja, genau, ich bin auf eine Behindertenschule gegangen und begreife solche komplizierten Zusammenhänge einfach nicht. Wenn du der Meinung bist, dass Radi und ich zu meiner Mutter ziehen sollten, musst du mir das schon klar und deutlich sagen.“
„Wieso sagst du solche Sachen, warum kannst du nicht verstehen…“
Natürlich hörte Sonja mir nicht mehr zu, sondern brachte die weißen Scherben zum Müll. Frauen besitzen wohl ein besonderes Gespür, das sie vor Gewitter warnt, selbst wenn sie sich noch hinter zehn Bergen zusammenbrauen. Ich dagegen suhlte mich weiterhin in Ignoranz.
Am nächsten Abend schneite Milky-Halloo herein. Sonjas Zornfalte hielt meine Freundin nicht davon ab, bei uns einzudringen wie ein Amerikaner in den Irak.
„Oh, Pepi, was für eine schöne Frau du hast, was für eine wunderbare Tochter. Ich freue mich so, die beiden einmal kennenzulernen. Du bist ja ein richtiger Glückspilz, beneidenswert. Hier habe ich ein paar kleine Mitbringsel für euch.“
Radi bekam einen Bären-Schlüsselanhänger, für Sonja war eine elegante Papiertüte mit der Aufschrift „Paris“ bestimmt, deren Inhalt aus einem Flacon Eau de Toilette, einem Shampoo-Fläschchen, einer Miniseife sowie einer Polyethylen-Badehaube in einer Pappschachtel bestand. Den kompletten Kosmetiksatz hatte sie offensichtlich aus einem Hotelzimmer abgestaubt, das auf eine nicht allzu hohe Sternkategorie schließen ließ. Sonja war offensichtlich verstimmt. Mich beglückte Milky mit einem Gemälde von der Tower Bridge in den Maßen 25x10cm, das Werk eines nicht besonders geschickten Straßenkünstlers. Aus reiner Höflichkeit zwitscherten wir unsere Begeisterung über die Geschenke herunter und wiederholten unentwegt, dass das doch nicht nötig gewesen sei. Sonja hatte ihre Badehaube noch nicht entdeckt.

Ohne Zeit zu verlieren, machten Milky und ich es uns im Wohnzimmer bequem, schalteten trotz des mürrischen Gesichtsausdrucks von Radi und des unausgesprochenen Widerstandes meiner Frau den Fernseher aus, breiteten die weißen Zettel wie einen chinesischen Fächer aus und fingen an, über die Änderungen zu diskutieren. Zwei Stunden kämpfte ich mit mir selbst, bis ich mir meine Niederlage eingestehen konnte. Es bestand nicht die geringste Chance, dass die Manuskripte besser würden, mehr noch, es gab nicht mal die Hoffnung, dass sie einigermaßen vernünftig würden. Milky erlaubte keinerlei Intervention, hatte auch nicht die Absicht, einen Teil der Begebenheiten weiter zu entwickeln, obwohl einige davon geradezu nach Verlängerung schrien. Immer wieder passierte es, dass ein einzelner Satz, den ich streichen wollte, plötzlich eine Geschichte verbarg, die sie mir dann erzählte und die hundertmal interessanter war als die Aufzeichnungen.
Radi schlief im Sessel ein und ich trug sie ins Schlafzimmer. Sonja war müde geworden, uns ständig Häppchen und Bier zu servieren. Taktvoll stellte sie die Anthologie der bulgarischen Literaturavantgarde – gewiss eine merkwürdige Lesewahl für diesen Abend – in das mittlere Bücherregal, direkt neben das kürzlich gekaufte Buch „Warum Männer lügen und Frauen weinen“ – das war wohl Absicht – und sagte leise:
„ Ihr habt wahrscheinlich noch viel zu tun, und für mich ist schon Schlafenszeit.“
„Liebes“, ich wusste, dass dieses Wörtchen Sonja zum Kochen brachte, „es tut mir ja so leid, dass ich dir deinen Mann klauen muss, aber morgen Mittag reise ich schon wieder nach Istanbul weiter, und wir müssen hier einfach fertig werden. Du verzeihst mir doch oder?“
„Natürlich“, antwortete Sonja überzeugend. Sie hatte ihre Badehaube noch nicht entdeckt.
Bei Seite fünfzehn angekommen, waren die vorgenommenen Änderungen bloß beschämend kosmetisch und beleidigend künstlich. Eigentlich hatte es keine Bedeutung, aber als Textschaffender hoffte ich bei jedem Manuskript, selbst wenn es als äußerst anspruchslos angekündigt worden war, auf die Verwandlung vom hässlichen Entlein zum anmutigen Schwan. Meine Qualen waren unsinnig. Zum Trost lenkte ich mich mit Milkys lyrischen Weggabelungen ab – immerhin war sie diejenige, die den ganzen Planeten bereist hatte – Wellington, Reykjavik, Caracas, Rabat, Papua Neuguinea, Bhutan, San Marino, Costa Rica. Es zerriss einem das Herz vor Neid.
Um drei Uhr morgens, als auch meine zweite Schachtel Zigaretten leer war, hatten wir doppelt so viele Seiten bearbeitet, was aber kein großer Trost war. Ich schlief schon fast am Tisch ein, so sehr sie auch nach neuen schriftlichen Eroberungen drängte. Ich schlug vor, ihr die Couch für die Nacht herzurichten, da zückte sie blitzschnell ihr Telefon und bestellte sich ein Taxi, das sie direkt ins Sheraton-Hotel bringen sollte. Zu meiner kurzen, ganz kurzen Freude.
Am späten, fast mittäglichen Morgen, nachdem ich mich mühsam mit Streichhölzern zwischen den Augenlidern in die Redaktion geschleppt, und bevor ich den zweiten Schluck meines giftig bitteren Kaffees hinuntergekippt hatte, baute sich wie die Karyatide aus der Korenhalle des Erechtheion im Londoner British Museum Ihre Majestät Milky auf. Auf ihren Schultern schleppte sie einen Ökomantel aus Schneefuchsimitat, die Schichten von Make-up, Cremes und Düften konnte ich nicht bestimmen, aber ihr Überfluss an Energie war unübersehbar.
„Hast du ausgeschlafen, schöner Mann? Eine tolle Frau und Tochter hast du. Also, in einer halben Stunde geht es weiter nach Istanbul, da wollte ich nochmal klären…“
Sie wollte weder meine Antworten hören, noch hatte sie Zeit dafür. Ich hatte nicht die Absicht ihr zu erzählen, dass Sonja direkt nach dem Aufstehen die Badehaube und die ganzen restlichen Hotelkinkerlitzchen in den Müll befördert hatte mit den Worten:
„Die hält uns wohl für Eingeborene aus Untervolta!“
Milky wollte also das Manuskript mitnehmen, um es sich auf dem Weg noch einmal anzusehen. Auf dem Rückweg würde sie es mir wieder mitbringen, und ich sollte in der Zwischenzeit einige Druckangebote einholen. Nach einer Woche, und noch eine später – hier bin ich mit dem Reiseplan durcheinander gekommen – nach ihrer Rückkehr aus London, auf ihrem Weg nach Athen, wo sie ihre Erinnerungen an den Zeustempel, das Lord-Byron-Denkmal und die Akropolis auffrischen musste, bevor sie dann weiterfuhr nach Kreta und Rhodos, würde sie wieder in Sofia vorbei kommen. Dann sollten wir das Projekt abschließen.
Meine Versuche, sie zu unterbrechen, hatten nicht mal einen bescheidenen Erfolg. Das Buch sollte einen verstärkten Umschlag haben, mit einem durchsichtigen Band darum. Das Format – nicht mehr als eine Handbreite und um einiges höher als gewöhnliche Bücher. Das Papier sollte matt sein wie in einem altertümlichen Manuskript, aber mindestens wie in dem Buch von Lindisfarne vor dem Überfall der Wikinger. Für das Titelbild sollte ich einen guten Maler engagieren, der Le Mystère Des Voix Bulgares oder wenigstens das Weltall-Stimmwunder von Valja Balkanska abbilden sollte.
„Das geht nicht so einfach und schnell, wie du dir das vorstellst“, konnte ich schließlich kleinlaut einwerfen.
„Willst du mir jetzt etwa sagen, dass ich nicht auf dich zählen kann? Bis eben hast du dir doch noch auf die Brust getrommelt. Ich habe dir vertraut, obwohl ich tausend andere Möglichkeiten gehabt hätte… Ich habe es nur für dich getan…“
Aus naivem Ehrgeiz schickte ich sie nicht mit ihren restlichen neunhundertneunundneunzig Möglichkeiten zum Teufel, sondern wiederholte nur, dass jeder dieser Arbeitsprozesse bis zur Fertigstellung des Buches nun mal seine Zeit brauche.
„Jede Frist unterliegt menschlicher Ordnung und kann verkürzt werden, ist es nicht so, sag mir, ist es nicht so?“
Einerseits schon, andererseits aber wiederum nicht, murmelte ich zweideutig. Sie kehrte mir schwungvoll mit ihrem prunkvollen Mantel den Rücken und hinterließ nur schwere, verkaterte Erinnerungen und ungute Vorahnungen. Nach ihrer Rückkehr aus der Türkei wurde unser Heim erneut von ihrer Anwesenheit beehrt. Sonja stopfte das Nötigste in eine Reisetasche und flüchtete mit Rada zu ihrer Mutter. Milky fragte mich mit Unschuldsmiene:
„Heute Abend schien mir deine Frau etwas genervt, bin ich zufällig der Grund dafür?“
„Nichts dergleichen“, ersparte ich uns schamlos die Wahrheit. „Sie hatte versprochen ihre Mutter zu besuchen und wollte bloß pünktlich sein.“
Sichtlich erleichtert schöpfte Milky dieses Mal bis vier Uhr morgens meine letzten Kraftreserven aus. Wieder reiste ich durch den Wendekreis des Krebses und des Steinbocks, durch den Süd- und Nordpazifik, durch Ozeane, Inseln und Länder, es war irgendwie lieblich, aber auch leidvoll, wenn ich nur an den Blick dachte, den mir Sonja beim Verlassen der Wohnung zugeworfen hatte. Die letzten Tage bis zur Veröffentlichung des Buches verliefen wie auf einem Schlachtfeld. Milky bombardierte mich mit Anrufen und ständig neuen Ansprüchen. Der Maler, der nicht nur mit bulgarischen, sondern auch mit vielen ausländischen Kunden gearbeitet hatte, musste ihr zehn Entwürfe für den Bucheinband vorlegen, bis sie endlich mit dem Elften zufrieden war. Er gestand mir, dass er in seiner zwanzigjährigen Karriere noch nie einen solchen Fall erlebt und sich einzig und allein für mich geopfert habe. Auf Eierschalen balancierend musste ich mit der Lektorin und dem Mädchen aus der Druckerei verhandeln, weil sich der Zeitrahmen unter Milkys Druck ständig verkürzte. Überall, wo wir auftauchten, ob in der Druckerei oder in der Nationalbibliothek, wo wir eine ISBN beantragen mussten, loderten Skandale auf. Denn niemand war so dumm wie ich, ihre Sonderwünsche auf der Stelle zu erfüllen. Und je näher das Projekt seinem Ende kam, desto seltener erwähnte sie, wie schön es doch wäre, wenn ich sie in London besuchen und sie mich bei der Publikation meines Gedichtbandes in England unterstützen würde.

Das Buch musste unbedingt zum Geburtstag ihres geliebten Gatten erscheinen, was mir endgültig jegliche Manövrierchancen nahm. Eine ganze Kiste mit Harddrinks brachte ich in die Druckerei, und dennoch hing alles bis zum letzten Moment am seidenen Faden. Und das war noch nicht alles. Bei jeder Bezahlung feilschte meine Freundin wie auf dem Basar, als wüsste sie nicht, dass ich meine Beziehungen hatte spielen lassen und die meisten Preise bereits Nachlässe enthielten. Als Einzelkämpferin hätte man ihr das Fell über die Ohren gezogen. Einige Male gingen meine Nerven mit mir durch und ich sagte ihr wörtlich, sie möge bitte ihren wertvollen Text nehmen und ihn im geliebten England drucken lassen. Wie ich denn jetzt sowas sagen könnte, konterte sie mit einem breiten Lächeln und wackelte mit ihrer Tower Bridge, die mich schon lange kalt ließ. Erst recht, als sie mir einen Mindestlohn zahlte, nachdem ich ihr die Unbezahlbarkeit meiner Arbeit verdeutlicht hatte. Unglaublich, aber ich tat es nicht des Geldes wegen, das ich auch noch so zögerlich annahm…
Wie auch immer – das Buch erschien. Klein, hübsch, elegant, schnuckelig, wenigstens äußerlich. Doch das Drama setzte sich fort, denn die frischgebackene Autorin suchte nach Medienpräsenz. Bescheiden versuchte sie anfangs bei diversen Kabelsendern ihr Glück, bis sie es endlich zu BTV schaffte. Die Premiere fand im Saal der Stadtbibliothek statt. Es war klar, wer sie dort präsentieren sollte, auch wenn ich mich aufrichtig dagegen wehrte. Dem Chefredakteur sagte ich, dass ich zu Recherchezwecken in die Bibliothek müsse, was ja immerhin zur Hälfte stimmte.

Im Saal hatten sich an die zwanzig Personen versammelt, ihre elitären Freunde und Verwandten, allesamt sentimental-gerührt gestimmt. Meine Ansprache über die Textqualität war kurz, ich mäßigte meine Abscheu und beschränkte mich auf die Geschichte von der Audiokassette zum Buch. Sie hörten mir sowieso nicht richtig zu, weil sie eigentlich gekommen waren, um ihre prominente Angehörige aus England zu ehren. Die Küsse und Blumen nahmen Überhand und gaben mir die Gelegenheit mich leise aus dem Staub zu machen und unauffällig an meinen Arbeitsplatz zurückzukehren.
Leider nicht ganz so unauffällig wie sich später herausstellte. Einige Medien hatten die Unvernunft besessen, öffentlich über die Veranstaltung zu berichten, und am nächsten Tag teilte mir der Chefredakteur freundlich mit, dass er mich nun nicht mehr brauche.
Tja, so sieht es aus. Meine Frau ist nicht mehr nach Hause gekommen, wahrscheinlich hat sie es vergessen. Von Zeit zu Zeit helfe ich noch irgendeinem manischen Schreiber bei der Veröffentlichung seines Buches und bin auf Abruf für Kleinaufträge verfügbar. Milky hat sich seitdem natürlich nicht mehr gemeldet, was mich auch freut. Das Gemälde des Straßenkünstlers mit der Tower Bridge habe ich Petjo der Brechstange vermacht, und er hat versprochen, beim nächsten Mal mein Auto kostenlos zu reparieren. Seitdem gehe ich Frauen mit großen Brüsten aus dem Weg und hasse mich selbst, wenn mein Blick manchmal doch hartnäckig auf einer weiblichen Kurve verweilt.

Auszug aus: Dimil Stoilov, EIN MANN MIT GUTEM GESCHMACK, erschienen 2005 im Verlagshaus Hermes, Plovdiv, Bulgarien
Übersetzung: Dessislava Georgieva

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