Von Zähnen und Vitrinen
von Pablo Wezel (copyright)
Es ist soweit. Das Jahr wird immer älter. Die Tage kürzer und die Scheibenwischer haben Hochbetrieb. Vor den Schaufenstern der Reisebüros bleiben die Menschen immer etwas länger stehen und mit Tränen in den Augen wird das letzte Sandkorn vom Urlaub aus dem Auto gesaugt. Von den Bäumen fallen die Blätter und aus meinem Mund die Zähne. Oder zumindest einer. All die Jahre war er mir treu. Kaute sich tapfer durch alles was da kam. Und nun verriet er mich. Rächte sich auf teuflische Art und Weise für all meine Sünden. Anfänglich erfreute er sich meiner Aufmerksamkeit mit kurzen Blitzen. Einige Nächte später unterstrich er meine Träume mit einem monotonen „Bum, Bum, welches mich glauben liess, die Street Parade ziehe vor meinem Fenster vorbei. Unermüdliche dumpfe Schläge liessen mich von halbverfaulten Pfosten, die bis zur Hälfte im Wasser stehen träumen. Jedes Mal, wenn wieder eine Welle an das morsche Holz klatschte, kam der Schmerz. Völlig übermüdet und mit einem herrlichen Medikamentenrausch ging ich morgens zur Arbeit. Ich griff zum Telefon und wimmerte um Hilfe. Noch während ich den Hörer wieder auflegte, grübelte ich auch schon über meinen aktuellen Kontostand nach. Wieder einmal würde er mehr als nur strapaziert werden. Gerne hätte ich mit den Zähnen geknirscht. Wäre da bloss nicht dieser pulsierende Druck in meinem Unterkiefer gewesen. Und die freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung hatte noch den schwarzen Humor, mir einen schönen Tag zu wünschen. Tausende Pulsschläge später sass ich mit meinem Zahn auf einem Stuhl im Wartezimmer meines Erlösers. Von den vielen schlaflosen Nächten gezeichnet blätterte ich in irgendeinem Magazin herum, dessen Inhalt mich momentan in keiner Weise interessierte. Fremde Buschvölker im Süden Indonesiens. Ein Hochglanzbildchen eines Eingeborenen strahlt mich lachend an. Was macht die bloss, wenn sie Zahnschmerzen haben? Nächstes Heft; Wohnwände für jedes Budget. Beleuchtete Vitrinen. Ideal um gezogene Zähne darin auszustellen. Dann Fischer aus Sizilien. Das eine Bild eines Fischers zeigt mir eine Möglichkeit, nie wieder unter Zahnschmerzen leiden zu müssen. Dann geschah es. Umgeben von grellem Licht stand sie da. Die Zahnarztgehilfin. Wie Engelsmusik klang es, „Herr Wezel bitte“. Mit letzter Kraft legte ich mich auf dem Gestühle nieder. Ausdrücke wie Wurzelzange flossen durch meine Gehörgänge und liessen mich wohlig aufatmen. Bald würde der Trommelkurs in meinem Kopf ein Ende finden. Den Versuch die quergelegenen Metalllamellen an der Decke zu zählen hatte ich längst aufgegeben. Der Zahnarzt beugte sich über mich und liess mich den Zweikampf im Spiegelbild seiner Brille teilweise mitverfolgen. Eine handvoll Minuten strichen durch die Praxis, bis mir eine Stimme befahl zu spülen. Ich gehorchte. Einige Gramm leichter schlenderte ich etwas später über den Dorfplatz und vermied aus naheliegenden Gründen jegliches Gespräch. Aber wer mich ganz genau anblickte, konnte ausser einer dicken Backe auch noch ein Lächeln entdecken.