29. Oktober
von Pablo Wezel (copyright)
Die Haut auf beiden Seiten seiner Augen spannte sich beim Nachdenken mehr, als es ihm lieb war. Wie Flüsse auf einer Landkarte, schlängelten sie sich unaufhaltsam weiter. Bahnten sich ihren Weg, auf einer Landkarte, welche zwar noch nicht ganz fertig war, aber deren Konturen immer deutlicher wurden. Noch war es verfrüht, etwas endgültiges an ihr erkennen zu wollen. Aber man konnte bereits mit dem Gedanken spielen, für eine endgültige Beurteilung so langsam Luft zu holen. Der Gedanke, endgültig zu sein, liess ihn in absoluter Hilflosigkeit ertrinken. Die stumpfen Blitzgedanken daran, dass es bereits Einschränkungen zu verzeichnen gab, das ewige Bilanz ziehen, um letztendlich unter dem Strich in roten Zahlen zu ertrinken, das hilflose Kindergeschrei eines erwachsenen Menschen, wo denn all die verflogenen Jahre hinseien, der stetige, unaufhörliche und doch so sinnlose Kampf, nicht alles besser wissend, mit kugelrundem Bauch an einem Stammtisch herumzurülpsen, der ewige Blick auf die Uhr, das Aufbäumen gegen eine Gesellschaft, deren Bestandteil man letztendlich ja doch ist, an diesen Einsichten drohte er regelmässig zu ersticken. Und vollkommen egal wie sehr er sich auch bemühte. Die Einsichten kamen immer zu spät. Der grösste Makel unserer Spezies besteht darin, wirklich schlechte Dinge erst dann zu erkennen, wenn sie bereits geschehen sind.
Bestimmt und diktatorisch beendete ein „Klick“ das Werk der Sparlampen im Treppenhaus. Es verstrichen einige seiner wertvollen Atemzüge, ehe sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Die Betonmassen umschlangen ihn und er dachte an reiche, ganz alte Damen, wie ihnen beim Hinausgehen ihr schwerer Mantel von der gut bewachten Garderobe, über die runzligen Schultern gelegt wird. Tote Tiere auf fast toten Menschen.
Seinen Körper, seine Seele und seine Lebensgeschichte hatte er ganz bewusst auf jener Treppenstufe niedergelassen, mit derer Hilfe seine ältere Tochter einst ihren ersten Milchzahn verlor. Für sein Alter bedenklich schnell, erhob er sich und drückte die tiefschwarzen Betonmassen ein kleines Stückchen von sich. Mit einer Portion Vorsicht, jedoch nicht tastend, führte er seine Schritte zur Wohnungstür. Wohl eher unbewusst aber reichlich weise, gönnte er den Sparlampen die Arbeit und griff nach der beneidenswerten Türfalle. Nicht gänzlich abgeneigt augenblicklich mit ihr zu tauschen, umklammerten seine knochigen Finger das Eisenwerk. Nichts, worüber sich die Türfalle hätte Gedanken machen müssen. Kein Bilanz ziehen. Erspart wurden ihr all die schier unerträglich wichtigen Entscheidungen. Ihre Berufung von Beginn an bestimmt, erkannt und akzeptiert. Hatte er sie vor vielen Jahren noch verflucht, weil seine jüngere Tochter an ihr hängen geblieben war und sich dabei ihr zartes Handgelenkchen brach, so dankte er ihr heute für die zärtlichen Erinnerungen, jedes Mal wenn er sie berührte. Er trat ein und liess den schwarzen Beton solange vor der Tür warten. Auf Teppichsocken zog er an der Küche vorbei und dachte daran, was sie mit ihm vor langer Zeit einmal dort angestellt hatte. Dinge, welche er in seinem Herzen mitnehmen würde, ohne sie jemals irgendjemandem preiszugeben. Ob seine Kinder mittlerweile denselben „Küchengedanken“ in sich hüteten, wollte er nicht wissen.
Das Schlafzimmer trug ihren Duft. Und dies bereits seit tausenden von Tagen. Und noch immer hatte er Angst, diesen durch seine Anwesenheit zu verändern. Ihn seiner Perfektion zu berauben. Und er sah seine Angst als gerechtfertigt. Nur die kleinste Abweichung ihres Duftes, seines Seelenfutters hätte eine Katastrophe zur Folge gehabt, deren Ausmass zu erkennen die Menschheit nicht im Stande gewesen wäre.
Am Bettrand sitzend, liess er seine Augenlieder hinuntergleiten. Dunkel. Nur ohne „ Klick“. Atemlos legte er seine Beine neben ihre Wärme und kam nach Hause.