Strassenrandsofas

von Pablo Wezel (copyright)

Der laue Sommerabend berieselte mein Herz und liess mich für einen kurzen Augenblick all das vergessen, was nicht gut war. Und das war eine Menge. Ich kniete nieder. Auf der Wiese. Nicht auf dem Asphalt. Das tat weh. Die Wiese hingegen liess meine Knie einige Millimeter tief in sie eindringen. Das war angenehm. Hinter mir, auf dem tiefschwarzen Asphalt peitschten die dummen Autos vorbei. Genau wie mein ganzes Leben an mir vorbeischoss. Ausser viel Lärm nichts hinterlassend. Ich schämte mich für jeden Atemzug den ich nahm. Meine Tochter schoss sich in mein müdes Gehirn. „Männer sind wie Sofas, sagte sie, Man kann sich für keins entscheiden. Manche machen dich einfach nur müde. Andere sind abgrundtief hässlich. Dafür unkompliziert, gutmütig und vor allem unkaputtbar. Manche haben ein gutes Design, entsprechen dem letzten modischen Schrei, sind aber im Gegenzug absolut unerträglich.“ Damals war sie acht Jahre alt. Damals lachte sie noch. Damals hatte sie noch Sauerstoff in ihren Lungen. Ein Fahrzeug bremste hinter mir ab und kam auf meiner Höhe zum Stillstand. Autoreifen machen Pause. „ He sie, brauchen sie Hilfe?, forschte mir eine potente Männerstimme in meinen Nacken. Ich bewegte keinen meiner Muskeln. Hilfe? Hilfe, dachte ich mir. Nein, jetzt brauchte ich keine Hilfe mehr. Jetzt war ich an einem Punkt angekommen, wo man auf den Luxus von Hilfe verzichten konnte. Ja, ich hätte sie brauchen können. Und ich suchte auch nach ihr. Ich schrie nach Hilfe. Aber meine weinenden, ärmeausgestreckten Hilferufe schwebten hoch über die Köpfe der Menschen hinweg in einen stinkenden Abfluss irgendeiner verwahrlosten, öffentlichen Herrentoilette, in welcher der betrunkener Rest von mir an einem Sonntagmorgen, im eigenen Erbrochenen wieder das Bewusstsein erlangte. Leider. Damals hatte ich noch die Kraft um Hilfe zu betteln. Jetzt nicht mehr. Mein ganzes Leben war eine verwahrloste Herrentoilette. Als meine Tochter noch im Besitz ihrer Körpertemperatur war und noch Leben in ihrer jungen Seele hauste, hatte meine Herrentoilette zumindest noch grosse, helle Fenster. Aber als dieser betrunkene Autofahrer das letzte Stück Leben aus ihrem kleinen Körper zerquetschte, mauerten sich meine Toilettenfenster zu und ich sass im uringetränkten Dunkel. Sofas mit Metallfüssen machen grosse Kratzspuren im Parkettboden und bringen bei der Wohnungsübergabe nichts als Aerger mit sich. Der Asphalt war mein Parkettboden. Und ich die Kratzspur. Die Haut hinter ihren Ohren küssen. Nach Hause kommen. Schlechtes Gewissen, wenn man sie mit drohenden Worten ins Bett gejagt hatte, obwohl man selber wusste, dass es noch viel zu früh war. Ich war kein Vater. Ich war nur ein Mensch, der einem anderen Menschen Leben eingehaucht hatte. Sie hatte Zeit für einen Traum. Unser Buch las ich alleine zu Ende. Nein, jetzt brauchte ich keine Hilfe mehr. Ich kniete regungslos vor mich hin. „ Na dann eben nicht, murmelte die Stimme hinter mir. Weibliche Stimmbänder legten einen kichernden Teppich in den Hintergrund. Die Autoreifen hatten ihre Pause hinter sich gebracht und taten nun das einzige, was sie ausser stillstehen sonst noch konnten. Sie drehten sich wieder und entfernten die potente Stimme aus meinem Nacken. „Bekloppter Idiot“, grunzte jemand. Ich war nicht allein. Mein weisser Plastiksack lag neben mir auf der Wiese und erregte die Aufmerksamkeit einer Schnecke. Auf einem roten, lederüberzogenen Designersofa hätte die Schnecke eine glänzige Schleimspur hinterlassen. Auf einem Stoffbezogenen hingegen weniger. Ich zog einen hässlichen Plastikblumenstrauss aus dem Sack und presste ihn an den Holzpfosten vor mir. Mit der anderen Hand wickelte ich eine Schnur darum. Es schien zu halten. Hinter meinem Rücken brauste das Leben vorbei. Hin und wieder. Ich vernichtete den Annäherungsversuch der Schnecke indem ich den Sack aufhob. Mit einem Ruck bescherte ich einer Kerze das Tageslicht und stellte sie am Fusse des Pfostens ab. Ich zündete sie nicht an. Beim nächsten Fahrzeug würde sie ja doch wieder erlöschen. Sie anzuzünden und zu glauben, sie würde standhalten, wäre eben so dumm gewesen, wie der Versuch, in meinem Leben einen Sinn zu entdecken. Ich war ein hässliches, modebewusstes schleimspurüberzogenes Ledersofa mit Metallfüssen. Die Schnecke sah mich vorwurfsvoll an und die Abendsonne war fies-grinsend untergegangen. Beim Hervorziehen der Kerze war mir mein Hemd aus der Hose gerutscht. Ich verkniff mir, es wieder zurückzustopfen. Das hatte ich mein Leben lang getan. Und im Nachhinein brachte mir diese Perfektion rein gar nichts. Als Letztes zog ich eine kleine Schrifttafel aus dem Sack und lehnte sie an den Holzpfosten, hinter die Kerze. Der nun leere Plastiksack gehörte eigentlich in einen Abfalleimer. Oder man hätte ihn auch unter ein hässliches Kunststoffüberzogenes, unkaputtbares Sofa schieben können, damit die viel zu früh erschienenen, bereits vor der Haustüre wartenden Gäste die Unvollkommenheit des Haushaltes nicht registrieren würden. Ich würgte den Sack in meine Hosentasche. Die Schnecke wandte sich beleidigt von mir ab. Ein angenehmer Wind streichelte meine Wangen. Ich stand wieder auf und sah auf herab auf die Wiese. Und tatsächlich. Meine Knie hatten eine Spur hinterlassen. Gras zerdrückt und getötet. Genau wie die Metallfüsse den Parkettboden töten. Ich drehte mich um und blickte auf den dummen Asphalt. Der Wind wurde nun kräftiger und unterstützte mein Vorhaben. Ich ging, vom Wind im Rücken getragen, vorwärts. Betrat den Asphalt. Das Gurgeln eines schweren Fahrzeuges glitt durch meine Gehörgänge. Ich sah Wolkenbilder am Himmel hängen. Dann Schloss ich meine müden Augen. Ich hatte Unrecht. Die Autoreifen konnten noch mehr, als nur stehen bleiben oder sich vorwärts bewegen. Sie konnten auch noch kreischen. Jetzt kam der Wind von vorne. Während mein Hinterkopf unaufhaltsam warm wurde, hörte ich das Lachen meiner Tochter. Behutsam kroch ich zu ihr unter das Sofa.

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