Die sehr traurige Christbaumkugel

von Pablo Wezel (copyright)

Der Wind schnitt sich durch die kältegequälten Holzbalken des Dachstuhls. Draussen lag der Schnee auf den Ziegeln des Daches und drückte das ganze Haus noch etwas tiefer in den Boden. Es hatte aufgehört zu schneien. Selbst den Schneeflocken schien es zu kalt. Würde man bei diesen Temperaturen draussen sein “Geschäft” erledigen, würde man riskieren, ernsthafte Verletzungen davon zu tragen. Die klirrende Kälte hatte auch vor dem Dachstuhl des alten Hauses keinen Halt gemacht. Die alte, dürre Spinne oben an der Ecke hatte sich schon verdächtig lange nicht mehr gerührt. Allerdings war sie ohnehin schon sehr alt. Hatte sie doch die grosse Renovation damals überlebt. Und die lag schon einige Jahre zurück.
Verdächtig lange nicht mehr gerührt hatte sich auch die graue Schachtel in der hinteren Ecke des Dachstuhls. Irgendwie hatte man sie vergessen. Im Inneren der Schachtel, ummantelt von Dunkelheit und Stille lag eine uralte Christbaumkugel. Manchmal, wenn der Wind die trockenen Balken verschonte, konnte man ein leises Wimmern aus der grauen Schachtel vernehmen. Die Christbaumkugel war sehr traurig und wütend. Verbittert dachte sie oft an die alten Zeiten zurück. Stolz erzählte sie sich selber, wie sie schon bei Fürsten und Zaren an deren Weihnachtsbaum hing. Wie sie den vornehmen Damen die Schamröte ins Gesicht trieb. Wieviel Zigarrenqualm von erfolgreichen Geschäftsmännern und Industriellen sie bereits über sich ergehen lassen musste. Und sich niemals beschwerte. Glänzende Kinderaugen wiederspiegeln, welche den Knigge schon vor ihren ersten Schritten auswendig beherrschten. Sie musste erleben, wie ein russischer Komponist von seiner Geliebten hinterhältig vergiftet wurde. Nach der Auktion des russischen Komponisten landete sie in Wien. Dort musste sie mit ansehen, wie ein gewisser Wolfgang von einem Herren Salieri übergangen wurde. Aus irgendwelchen Kellern lauschte sie den dumpfen Explosionen, als Berlin bombardiert wurde. Auf jüdischen Händen wurde sie nach Prag verschleppt. Dort, am Baume eines italienischen Gewürzhändlers geschah es. Die Christbaumkugel verlor ihr Herz. Sie war wunderschön. Ihr blau-violett schien das ganze Wohnzimmer des Gewürzhändlers zu bereichern. Ihre zarten Rundungen brachten die Christbaumkugel beinahe um den Verstand. Leider hing sie genau auf der gegenüberliegenden Seite des Weihnachtsbaumes. Erst wenn die Herrschaften zu Bett gingen und die Lichter erloschen, konnte sie ihre ganze Schönheit geniessen. Gelähmt von ihrer Grazie, traute sich die Christbaumkugel aber nie, nach ihrem Namen zu fragen. Gute hundert Jahre nach der ersten Begegnung hatte die Menschheit die unterirdische Bahn erfunden. Und eine Bahn, ob nun unterirdisch oder sonst irdisch benötigt bekanntlich einen Bahnhof. Und die Bahnstation fiel auf das Grundstück des Gewürzhändlers. Für genügend Geld war dieser dann leider bereit sein Feld zu räumen. Hastig wurde alles weggeräumt. Die Christbaumkugel sah den Engel in blau-violett niemals wieder. Aber ihr Leuchten erwärmte ihr Herz für alle Zeiten. Danach hing die Christbaumkugel noch einige Male bei verschiedenen Menschen an deren scheinheiligen Bäumen. Aber ihr Glanz war verblasst. All die jungen Kugeln lästerten über sie. Früher nannte sich eine Christbaumkugel noch Dekorationsbestandteil. Aber die heutige Jugend nennt das nur noch rumhängen wenn es draussen cool ist. Im Laufe der Jahre geriet sie mehr und mehr in Vergessenheit. Die Menschen griffen nur noch auf sie zurück, wenn sonst nichts mehr da war. Eine Christbaumkugel die nicht glänzt ist nichts wert. Und das machte sie traurig.
Matt und frustriert lag sie in der grauen Schachtel. Zusammen mit der dürren Spinne, welche sich schon verdächtig lange nicht mehr gerührt hatte. Wäre die Kugel keine Kugel gewesen, hätte sie geweint. Aber Kugeln weinen nicht. Kugeln hängen. Manchmal dachte die Christbaumkugel daran, sich das Leben zu nehmen. Aber wie soll sich eine Kugel die in einer grauen Schachtel auf dem Dachboden liegt das Leben nehmen?
Einige Monate später, die Christbaumkugel wollte sich gerade die Geschichte mit dem Zaren erzählen, bebte auf einmal der Boden unter ihr. Es wurde immer stärker. Jemand packte die graue Schachtel und schwang sie hinunter in das Wohnzimmer. Einfältiger Staub wirbelte umher, als der Deckel aufgehoben wurde. Wäre die Kugel keine Kugel gewesen, hätte sie sicherlich niesen müssen. Erste Sonnenstrahlen drangen in die Schachtel. “Oh Mann, die ist aber matt! Die glänzt ja gar nicht mehr!” lästerte eine Mädchenstimme. Die Christbaumkugel wurde herausgehoben. Sie schämte sich fürchterlich, dass sie nicht glänzte. Wäre ich doch bloss tot, schoss es ihr durch den Kopf.
Plötzlich merkte sie wie sie fiel. Sie wusste es, weil es ein vollkommen neues Gefühl war. Dieses kannte sie nur aus den Gruselgeschichten. Sie fiel. Atemzüge aus Jahrhunderten zogen an ihr vorbei. Dann nahm das Fallen mit einem grellen Klirren ein Ende. Das Letzte was die Christbaumkugel noch sah war ein Mädchen. Sie trug ein blau-violettes Kleid. Und ihre Stimme “Oh schau, innerlich hat sie noch geglänzt. “

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