Baldeney

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Viele Gäste merkten es nicht und schauten fortgesetzt in die Richtung, wo das Personenschiff aus Heisingen am bewaldeten Ufer entlang auf die Anlegestelle zuhielt, die nahe der Terrasse des Gartenlokals „Baldeney“ in das Wasser ragte. Spaziergänger machten sie darauf aufmerksam, dass die dünne, verschwebende Rauchsäule bei Werden mit dem Böllerschuss zu tun haben musste, den fast alle gehört, aber niemand ernst genommen hatte. Einige mutmaßten, ein Düsenjäger habe die Schallmauer durchbrochen. Den Luftzug schrieben sie einer kühlenden Brise zu, auf die jeder an diesem mückendurchtanzten Sonntag wartete. Der Sog machte sich zuerst hinter den Uferbüschen auf den betonierten Radwegen bemerkbar: Was ruhraufwärts fuhr oder ging, blieb stehen und wandte sich dahin, wo der Rauch verwehte. Weiter nach Werden zu setzten sich Menschen in Bewegung. Einige liefen. Blaulichter blitzten.

Als die Martinshörner herübertönten, saß niemand mehr auf der Terrasse. Die Menschen drängten zu dem Geländer, das die Betonplatte, auf der die Gartenmöbel drapiert waren, vom gekräuselten Wasser trennte. Keiner achtete auf die Wasserfläche unter ihnen, keiner auf den Heisinger Dampfer, der die Anlegestelle erreicht hatte. Erst als er ablegte und kurz danach, keine zwanzig Meter von der Terrasse entfernt, mit der Schraube das Wasser verquirlte und sich offensichtlich anstrengte, die letzten Minuten ungeschehen zu machen und Heck voran zurückzufahren, lenkte er die Aufmerksamkeit der Menschen von den unbekannten Werdener Vorkommnissen auf sich und die beiden Männer, die in ihren weißen Uniformen über das Deck liefen, der eine zum Bug, der andere zum Heck, und in der Mitte zusammentrafen und dann im Schiffsinnern verschwanden. Die Passagiere waren noch nicht unruhig geworden, einige hielten sogar die Augen geschlossen und sonnten sich. Erst als das Schiffchen nach vorne sprang, unerwartet auch für die am Geländer drängelnden Beobachter, und dann hart backbord gesteuert wurde, so dass es kurzfristig in eine bedenkliche Schieflage rutschte, entstand der Tumult an Bord, den ein Lautsprecher zu übertönen versuchte.

Der auch auf der Terrasse hörbaren Aufforderung zur Ruhe waren keine weiteren Informationen beigemengt, denen man hätte entnehmen können, warum das Schiff dieses riskante Manöver ausführte, aber allen schien klar zu sein, dass es mit den Blaulichtern zusammenhing, die über Werden zuckten. Das Schiff strich in einem engen Bogen, eine Schleppe von Wasserblasen hinter sich herziehend, den offenen See meidend, als hätte sich das gewohnte Element in Säure verwandelt, zur Anlegestelle zurück. Die Besatzung war damit beschäftigt, das Boot zu vertäuen. Selbst als der letzte Passagier es verlassen hatte und der erste auf der Terrasse eintraf, um sich unter die Neugierigen zu mischen, wurden noch Taue herbeigeschleppt und zwischen Deck und Ufer gespannt und an allem befestigt, was herausragte und festen Halt versprach, als sollte das Boot verpuppt werden und an dieser Stelle überwintern. Das Wasser des Baldeneysees glitt dahin, kaum merklich (dennoch ungewöhnlich für einen gestauten Fluss).

Soviel sickerte durch: Kein Schiff durfte den See befahren. Die Kapitäne mussten ohne Wenn und Aber am nächsten Punkt festmachen. Gerüchteweise hieß es sogar, sie hätten Befehl, ihre Boote auf die Uferwiesen zu setzen. Zum ersten Mal hörte man: Kernkraftunfall, ABC-Alarm. Alte Menschen wollten den Ausbruch des dritten Weltkrieges nicht ausschließen. Gäste bedrängten die Serviererinnen, Taxis zu bestellen. Allen war unheimlich zumute, dabei hatte sich das Panorama nicht verändert. Der blaue Himmel wurde durch keine Flamme überstrahlt. Trotzdem fühlten sie sich getroffen wie von einer tödlichen Dosis aus einer Radioquelle, z.B. einer havarierten Bombe oder einem zerbrochenen Reaktor, den man immer für ein Kohlekraftwerk gehalten hatte. Auf den See achtete niemand. Pappbecher, Papierschnitzel und Blätter schaukelten auf das Stauwehr zu.

Der Rudergänger der „Bredeney“ hielt krampfhaft das Steuer, bewegte es aber nicht. Er starrte durch den Regen, der gegen die Brückenscheibe klatschte, auf den Rauch und den Staub und die unbegreifliche Veränderung des gewohnten, durch die Mauerkrone streng geteilten Panoramas. Erst als die Stein- und Stahlbrocken auf die Blechhaut des Schiffes krachten, riss er das Ruder herum, um die Endstation am Stauwehr anzulaufen, die er aus den Augen verloren hatte. Zu spät. Das Boot setzte sich zwar quer zur Fahrtrichtung, aber ohne Schwung, ohne Neigung gegen den Bogen, der die Anlegestelle berühren sollte, es blieb, möchte man sagen, hochbeinig im Wasser stehen, zitterte, dann knickte es wie ein Fohlen ein und rutschte langsam seitwärts zum Wehr oder besser gesagt, zu dem Ort, wo es sich befunden hatte, wo jetzt aber ein Loch klaffte.

Die Brücke war voller Schreie. Der Rudergänger wusste nicht, wer schrie, ob er selbst oder der Skipper, der seinen Kopf durch den Niedergang steckte und seinen Kollegen durch runde, hasserfüllte Augen ansah, so voller Seele und ohne jeden Verstand. In dem Geschrei, das auf den Steuermann eindrang, das auch aus ihm selber kam, das ihm noch nachhing von der Explosion und nun vermischt wurde mit dem Hämmern der Stahl- und Steinbrocken, dachte er nur: Du musst still sein, du musst die Fliege in der Kombüse hören, stell vor allen Dingen den Motor ab. Er tat es und schaute abwechselnd auf den Bug und das Heck, während er mit einem kurzen, harten Schlag die Hand des Kapitäns fortschlug, der in grapschender Hast den Maschinenhebel umwerfen wollte, um den Motor wieder anzustellen. Die Schraube hätte das Schiff in den Strom gebracht und sich nach ihm ausgerichtet wie eine Eisennadel im Magnetfeld.

Die Passagiere hatten sich auf den Boden geworfen. Der Strom, der die Bruchkante wie Glas überwölbte, täuschte strudellose Sicherheit vor. Ein Ehepaar sprang Hände haltend über Bord. Die Körper klatschten gegen den Schiffsrumpf und wurden in den Wasserfall gespült. Das Heck dröhnte gegen Beton und kratzte über Stahl und Stein, bis der Bug an der anderen Seite des Lochs gegen die Mauer prallte. MS „Bredeney“ versperrte die Öffnung. Das Wasser schoss über die Reling. Bänke und Stühle strudelten zwischen den Passagieren und verletzten sie an Knien und Händen. Das Schiff neigte sich in den Strom und nahm Wasser über. Dann gab es einen Augenblick, wo es an der Mauer klebte und einen stabilen Zustand erreichte. Es würde langsam mit dem Wasserspiegel nach unten schrammen. Jeder Vorsprung konnte kritisch werden. Jetzt musste Hilfe kommen. Ein blödes Lächeln verzerrte das Gesicht des Rudergängers. Er kehrte es gegen den Kapitän, der beim Aufprall des Bugs in eine Ecke geflogen war.

Der Rudergänger versuchte, die Personen auf der Mauerkrone zu erkennen. Dazu musste er das Steuer loslassen. Er packte eine Strebe und zog sich in eine günstige Position. In gehöriger Entfernung vom Loch standen Polizisten. Und die Zivilisten waren vermutlich Leute von der Presse. Seine Frau hätte es nicht so schnell hierher geschafft. Die Lage des Schiffes veränderte sich kaum. Er griff wieder nach dem Steuer. Aber ihm fiel ein, dass er es nicht bewegen sollte, denn er konnte nicht berechnen, mit welcher Kraft der Strom auf das Ruderblatt drücken würde. Er tastete nach dem Funkgerät. Es war abgestellt! Er schaltete es ein und meldete sich.

Polizisten räumten die Terrasse mit der Autorität von Engeln. Ihre Gesichter drückten die Überlegenheit aus, die ihnen über Zivilisten gegeben war. Sie forderten höflich, keinen Widerspruch erwartend, die Menschen auf, sich zu entfernen. Fragen nach dem Ausbruch des Krieges beantworteten sie mit einem angedeuteten Lächeln, Fragen nach dem Grund ihres Einsatzes mit der Aufforderung: Gehen Sie! Die Reizbarkeit der Offiziere: Machen Sie schon, verlieren Sie keine Zeit! Der alte Mann, den zwei Uniformierte fortschoben, erinnerte sich, dass die Soldaten aus den Kasernen nach dem Bombenangriffen so zu ihnen gewesen waren, reizbar und versöhnlich in einem, leise und doch zu Befehlen aufgelegt. Aber damals, nach ihrer Ankunft, da war schon alles vorüber gewesen. Sie hatten älter gewirkt, verlebt, und sie hatten Stahlhelme aufgehabt. Der Greis empfand es angenehm, dass die jungen Leute an diesem schönen Nachmittag keine Helme trugen. Er lächelte ihnen dankbar zu und einer sagte ihm: „Es ist wegen dem Unfall am Stauwehr.“ „Hier auch?“ fragte der Alte beschwichtigend. „Es muss leider sein“, sagten sie ihm, „gehen Sie, bitte.“

Der Helikopter flog von Kupferdreh über das Wasser. Die Rotoren zerzausten es wie ein Fell, als er sich wackelig auf die Terrasse setzte. Ein Mann im Overall stieg aus und lief gebückt ins Restaurant. Ein Uniformierter duckte sich unter den Rotoren und warf Gepäckstücke und Geräte in den Heli. Die Maschine schwirrte zum ehemaligen Stauwehr. Die Menschen drängten sich durch den Wald zum Ufer, um die Ereignisse drüben besser verfolgen zu können. Man ließ sie gewähren.

Der Rudergänger bekam als einziger das Seil zu packen. Er hatte über Funk erfahren, wie man es gebrauchen muss. Er nutzte die Information, sich selber einzuklinken und hochziehen zu lassen. Er hatte vergessen, dass die Walkie-Talkies nicht mit dem Bordlautsprecher verbunden waren, und deshalb die Anweisungen nur als eine für ihn bestimmte Botschaft aufgefasst. Er hatte einfach nicht daran gedacht, wie er bei den Verhören immer wieder beteuern würde. Er war sich keiner Schuld bewusst. „Feigheit war es schon gar nicht, schließlich habe ich das Schiff und die Menschen zu retten versucht, hätte ich damals den Motor nicht ausgestellt, wären alle ertrunken.“ Fragen nach seiner Schuld wurden stets am Rande gestellt, nebenbei, wenn er die Vorkommnisse an Bord bis zur ersten Explosion detailgenau schildern sollte.

Bereits im Abflug, zwei Kilometer von der Bresche entfernt, kurz vor der Terrasse, wurde der Hubschrauber gepackt und nach oben gerissen. Er torkelte kilometerweit durch einen Orkan und stürzte in das Buschwerk des Ufers auf der anderen Seite. Die Besatzung nebst dem einzigen Geretteten von der „Bredeney“ kamen mit dem Leben davon. Es musste ihnen wie ein Glück erschienen sein, dass der Heli erst explodierte, als die Feuerwehr sie geborgen hatte. Das Schiff war fortgeblasen, der See ein Strom geworden. Landungsbrücken, Segelschiffe, Boote trieben auf ihm und wurden im Werdener Malstrom zerschmettert. Die zweite Explosion hatte das Wehr bis auf den Grund der Ruhr gespalten und den größten Teil verdampft. Jemand, der eine Kamera vom Balkon seiner Wohnung auf die Staumauer gerichtet hatte, filmte den Augenblick der zweiten, der größeren Detonation.

Der Film wurde in den folgenden Wochen von allen Sendern der Welt, einschließlich Al Dschasira, ausgestrahlt und jede Phase der Explosion in Standbildern gezeigt. Von einem Schiff war nie etwas zu sehen. Jeder Fleck, jeder Punkt wurde untersucht, löste Diskussionen in Instituten und Expertenrunden aus. Das Schiff blieb verschwunden. Zeitungen und Illustrierten überboten sich, den ersten Moment nach der Explosion zu zeigen. Kein Schiff. In amerikanischen Medien tauchten Bilder auf, in die ein Geisterschiff hineinretuschiert worden war, ein fliegender Holländer, eine transparente „Bredeney“ auf Himmelfahrt, in mystischer Vereinigung mit dem Chaos. Der Amateurfilmer stand bis kurz vor seinem Tod auf der langen Liste Verdächtiger (Nero-Syndrom). Er wurde erst gestrichen, als sich herausstellte, dass er noch auf dem Krankenlager, in Unkenntnis seines Zustandes, versucht hatte, einen Prozess anzustrengen, weil ihm 2 Million Euro für den Verkauf aller Rechte zu wenig waren.

Das spurlose Verschwinden des Schiffs schürte Vermutungen, der Sprengstoff sei an Bord gewesen. Der gerettete Rudergänger wurde immer wieder dazu gehört. Seine letzten Tage in einer Münchener Spezialklinik verbrachte er damit, Fragen nach Gepäckstücken und auffälligen Personen zu beantworten – der Polizei, den Militärs, den Gerichten, der Presse. Als er starb, war er berühmt und reich. Seine Familie hatte für kurze Zeit ausgesorgt (sie starb drei Jahre später in Frankfurt).

Die Uferregion Werdens war plattgewalzt und mit Schlamm bedeckt worden, die Staustufe zerbrochen, Kettwig halb zerstört. Übrig blieb ein schwarzes Loch, durch das die Ruhr floss. Die Zahl der Toten wurde in der ersten offiziellen Verlautbarung auf über Tausend geschätzt, der materielle Schaden in zweistelliger Milliardenhöhe beziffert.

Der Essener Stadtrat war noch nicht zusammengetreten. Der Bürgermeister, als Repräsentant der Kulturhauptstadt Europas, hielt sich in Japan auf, der Stadtdirektor bei seiner Mutter in Köln. Die Dezernentin für Zentrale Dienstleistungen hatte soeben einen Krisenstab gegründet und mit ihm die Evakuierung einiger Gebäude an der Ruhr erörtert, als die Nachricht von der zweiten Explosion eintraf. Das Innenministerium sollte nun verständigt werden. Die Herrschaft der Telefone brach an. Pförtner wurden aus ihrem Dämmerzustand gerissen, von ihren Monitoren hochgeschreckt, von den ersten Sportnachrichten hinweg in die ungewohnte Pflicht, wichtige Persönlichkeiten zu Hause anzurufen, sich ärgerliche Fragen nach dem Grund der Störung gefallen zu lassen und ihnen etwas zu erklären, was sie selber kaum verstanden, etwas Absurdes, Unerhörtes. Immer gab es Überforderte, die vergessen hatten, sich ein Detail zu merken, das der hochgestellten Person wichtig erschien: Wer hat angerufen, können Sie den Namen buchstabieren, wie war der Rang, genauer bitte, wann, bitte präzise Uhrzeit, von wo, aus Essen, das weiß ich selbst, muss man Ihnen alles aus der Nase ziehen, fassen Sie sich kurz, ist das Wort Explosion wirklich gefallen, nun mal hübsch der Reihe nach, rufen Sie zurück, wenn Sie Genaues wissen!

Aus den Anrufen und quälenden Fragen, aus Feststellungen, Aufforderungen und hingekritzelten Notizen wob sich ein Informationsnetz, das allmählich die zuständigen Stellen miteinander verknüpfte. Polizei und Feuerwehr sperrten die Straßen im Ruhrtal unterhalb der Ruine des Staudamms. Alle Flussbrücken waren unbrauchbar. Darum wurde zwischen Werden und Essen eine Luftbrücke eingerichtet, um das Katastrophengebiet mit den Krankenanstalten der Stadt zu verbinden. Aus den Hospitälern drang erst am Abend des folgenden Tages die Nachricht von Verbrennungen, „als deren Ursache eine radioaktive Kontamination nicht ausgeschlossen werden darf.“ Die Leiterin des Krisenstabes starb nach einem Herzinfarkt im Feldlazarett des Technischen Hilfswerkes an der Straße nach Velbert.

Keiner wagte zu sagen, das Wehr sei durch eine atomare Explosion zerstört worden – bis auf den Standortältesten (genau gesagt: seinen Stellvertreter), der aus dem „Einsatz spaltbaren Materials“ seine Befugnis ableitete, den Notstand auszurufen, und das Ruhrtal (einschließlich Essen) zum militärischen Sperrbezirk deklarierte. Die inzwischen einberufenen Stadtgremien erklärten ihn für unzuständig, während die ersten Soldaten aus ihren Militärfahrzeugen heraus schon den Essener Hauptbahnhof, die Hauptpost, den Porscheplatz und den Saalbau besetzten. Ein Offizier und zwei Mann stürzten mit gezückten Waffen in die Schalterhalle der Deutschen Bank („wie die Franzosen anno 1923 oder der Hauptmann von Köpenick“, hieß es später). Er verhaftete den Filialleiter und setzte ihn bald wieder auf freien Fuß. Ob der Herr Offizier Geld benötige. Nein, nicht eigentlich, es sei jedoch etwas passiert, und er müsse dagegen Maßnahmen ergreifen, ein Zeichen setzen.

Das überstürzte Handeln des Majors Klein, der seinen erkrankten Vorgesetzten, einen Oberstleutnant, vertreten durfte, erregte den Argwohn, die Explosion sei auf einen Unfall der Bundeswehr zurückzuführen. Aus dem Umstand, dass keine US-Streitkräfte aufmarschierten, wurde geschlossen, das deutsche Heer verfüge über bis dahin geheimgehaltene Atomwaffen. Der Verdacht ließ sich auch nicht durch ein schnelles Statement der bayerischen Ministerpräsidentin entkräften (der Präsidentin des Bundesrats), die sich bei einer Wahlkundgebung in Vilshofen dazu äußerte. Die Verteidigungsministerin weilte bei einer Nato-Konferenz in Fort Lauderdale. Sie war, wenn auch spät, über die Essener Vorkommnisse unterrichtet worden, wollte aber zu den über die deutsche Botschaft geleiteten Informationen keine Stellung beziehen, kündigte jedoch ihre vorzeitige Rückkehr an.

Um dem Verdacht vorzubeugen, die forsche Machtergreifung könne mit einem Unfall zusammenhängen, den das Militär verantwortet, ließ Major Klein gegen den Willen der Stadtverordneten Ausländer internieren. Zu dem Zweck wurden in der Gruga Zelte und in den Messehallen Feldbetten aufgeschlagen. Der Militärsprecher: Die Internationale des Terrorismus habe zum ersten Mal Atomwaffen eingesetzt, um die Bundesrepublik zu erpressen. Auf die Frage eines Journalisten, wer dieser Major Klein eigentlich sei, entgegnete er, dass er große Stücke von seinem Chef halte und ihn als einen Mann kenne, der genau weiß, was er sagt. Ob er auch genau wisse, was er tut? Diese Frage sei „angesichts der großen Gefahr neuer Qualität auf das Nachdrücklichste“ zurückzuweisen. In ernster Stunde wirke Spott defätistisch.

Major Klein begann nun, Essener Bürger jüdischen Glaubens zu verhaften, mit der Begründung, Israel habe den Nonproliferationsvertrag nicht unterzeichnet und der mosaische Glaube sei mindestens wie eine zweite, nämlich die israelische Staatsbürgerschaft. Bei den verworrenen Verhältnissen im Nahen Osten könne eine Mittäterschaft des Mossads zur „erpresserischen Verhinderung des Exports von angeblich waffentauglichem Plutonium aus Deutschland an den Iran“ nicht ausgeschlossen werden. Die wenigen jüdischen Bürger Essens wurden in der Alten Synagoge an der Steeler Straße eingeschlossen und, wie der Major verlautbarte, mit allem Notwendigen, auch mit Fernsehapparaten, versorgt.

Zu seiner Rechtfertigung berief sich der Major auf den „Artikel 48 zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“. Als man ihm entgegenhielt, der Artikel habe in der Weimarer Reichsverfassung gestanden und direkt in die Hitlerei geführt, antwortete er, sein Hinweis müsse als Synekdoche (so drückte er sich aus) gedeutet werden, als knappe Zusammenfassung aller Notstandsgesetze von Weimar, Willy Brandt über Schily und Schäuble bis zu den heutigen Hütern nationaler Sicherheit. Er verfüge leider nicht über die Muße, jedem Journalisten gegenüber seine Maßnahmen zu begründen. Als Rudolf Orenstein in der Neuen Ruhrzeitung schrieb, Major Klein sei geistesgestört, wurde der beliebte Kolumnist verhaftet, sein Blatt verboten.

Der Major ignorierte den Beschluss der Bundesregierung, die militärische Aktion unverzüglich abzubrechen, und teilte mit, er gehorche, wenn überhaupt, nur einer direkten Weisung seines obersten Befehlshabers in Kriegszeiten. Die Notlage gebiete, dass er auf seinem Posten ausharrt, um Gefahr vom Vaterlande abzuwenden. Nach eindringlicher Zurede erklärte er sich bereit, mit dem Kanzler zu sprechen. Eine verschlüsselte Telefonleitung konnte jedoch nicht geschaltet werden, weil die Pioniere im Ruhrtal damit ausgelastet waren, die Verbindung untereinander und zwischen mehreren Dienststellen, die der Major kurzfristig erfunden hatte, aufrecht zu erhalten. Trotzdem kamen die Eingeschlossenen der Steeler Straße bald wieder frei, denn Ärzte des Gesundheitsdezernats verschafften sich Zutritt zu dem ehemaligen Gotteshaus und verließen es ungehindert in Begleitung der Arrestierten. Die Wachsoldaten unternahmen nichts. Major Klein, unterwegs auf der Suche nach einem angemessenen Hauptquartier, sprach von Befehlsverweigerung, tobte und stellte Erschießungen in Aussicht.

Die Militärkontrollen waren außerstande, die Flucht der Essener Bevölkerung zu ordnen. Die nächtliche Ausgangssperre wurde missachtet. Die Patrouillen blieben untätig. Die Schusswaffen waren nicht durchgeladen, obwohl der Major großen Wert auf dieses Detail gelegt und es nachdrücklich befohlen hatte. Ein Zug enttäuschter Soldaten, die an der Befähigung des Majors zweifelten, wollte sich und ihr Kriegsgerät in den Dienst der Stadtverwaltung stellen, aber in Ermangelung eines leitenden Kopfes (der Bürgermeister in Japan, der Stadtdirektor auf der Heimreise steckengeblieben, die Stellvertreterin tot), fuhren sie auf ihren Mannschaftswagen nach Wuppertal (dort verlor sich ihre Spur).

In der Bundespressekonferenz resümierte der Sprecher schleppend, anscheinend übermüdet, jedenfalls lustlos, der Kanzler habe in aller Stille und nach Rücksprache in Washington dafür gesorgt, dass in unserem Lande der normale Zustand wieder Einkehr halte. Er musste sich fragen lassen, ob ein durch atomare Sprengung zerstörtes Stauwehr, tausend Tote, ein verstrahler Fluss, verhaftete Juden ein normaler Zustand in Deutschland seien. Und ob irgendwelche Terroristen irgendwelche Forderungen gestellt hätten. Nein. Sprachs und verließ grußlos den Saal.

Das Restaurant „Plateau“ war zum Bersten voll. Es gab keinen besseren Aussichtspunkt über den Baldeney-See und das Städtchen Werden. Die Einheimischen, die den Ort durch Familienfeiern und Sonntagsspaziergänge kannten, versprachen sich von hier aus einen vollständigen Überblick über die Katastrophe. Sie wähnten sich in Sicherheit, weil sie hier den radioaktiven Staub, über den man munkelte, nicht abbekommen würden. Die Luft erschien ihnen wieder leicht und gewürzt vom Duft der Bäume. Die Distanz zum Explosionsherd, den man von der einen Stelle, an der sich die Menschen drängten, gut überblicken konnte, wie die Bühne von einem Logensitz, musste den Anwesenden gerade recht erscheinen, weit genug, um sicher auf den schwarzen Boden des Sees zu schauen, durch den sich die Ruhr in vielen Adern hindurchwand und jede Delle des schlammigen Grundes als gleichberechtigt nutzte – wie am ersten Schöpfungstag, wo sich das Wasser voller Lust verströmte.

Balkonplätze kosteten 100 Euro (Getränke inklusiv), die Benutzung von Kameras musste mit 50 Euro erkauft werden, dafür war die Verwendung mitgebrachter Ferngläser kostenlos. Man konnte Gläser auch leihen. Ihr Gebrauch war auf 30 Sekunden beschränkt und wurde von einem Kellner, Serviermädchen oder Laufburschen kontrolliert (sie bestimmten auch willkürlich den Mietzins dafür). Die Katastrophentouristen zahlten fast jeden Preis. Die Küche war geschlossen. Aber auf dem Parkplatz vor dem Haupteingang gab es warme Würstchen.

Major Klein wollte dieses hochgelegene Restaurant konfiszieren. Er war deshalb mit einem Dingo vorgefahren und erklärte einem Kellner, den er seiner schwarzen Kleidung wegen für den Geschäftsführer gehalten hatte, das Lokal sei ab sofort beschlagnahmt. Der Schwarzgekleidete verschwand mit einem zustimmenden Nicken durch eine Tür und ließ den Major, der wie ein Werkschutzmann ausgesehen haben mochte, neben dem ungeheizten Kamin zurück, dem einzigen Ort, wo man ohne Tuchfühlung mit anderen noch stehen konnte. Als niemand Anstalten machte, die Gaststätte zu verlassen, und sich alle mit dem Rücken zu ihm stellten und versuchten, auf die schmale Veranda zu drängen, verließ der Major ärgerlich den Raum, setzte sich in seinen Geländewagen und wartete dort auf die Ankunft seiner Streitmacht, die sich staubaufwirbelnd durch den Heissi-Wald auf den Parkplatz zubewegte.

Als sie eingetroffen war, befahl er, das Gelände zu umstellen, und ließ einen Schützenpanzer nah an den Haupteingang fahren. Das Geschützrohr hätte beinahe die Oberlichter des neubarocken Portals zerbrochen. Begleitet von zwei Offizieren pflanzte sich Klein im Rücken der Leute auf und schrie so laut, dass ihm die Augen aus dem Kopf quollen (aus Angst, ihn würde wieder keiner verstehen): „Alles räumen, das ist ein Befehl!“ Achselzuckend, teils widersprechend, teils vor sich hin schimpfend verließen die Schaulustigen den Balkon. Die Kellner und Serviermädchen hatten Mühe, die ausgeteilten Ferngläser wieder einzusammeln, weil einige Gäste den Mietzins seiner Höhe wegen für den Kaufpreis gehalten hatten. Der Anblick des Geschützrohrs, das Major Klein erhoben hatte, um sich Anerkennung zu verschaffen, führte zu spöttischen Bemerkungen der Umstehenden, die nun zum Parkplatz gedrängt wurden. Nach einer viertel Stunde, als das letzte Auto den Ort verlassen hatte und die Auspuffgase verflogen waren, konnte sich der Major im Turmzimmer, einem Gesellschaftsraum, der den freiesten Ausblick gewährte, einrichten und zu seinem Befehlsstand ernennen.

Kleins Eltern hatten 1960 in diesem Turmzimmer die Trauung gefeiert. Der Major besaß ein büttengerändertes Foto, das einen Moment der Feier festhielt, das Bild der Mutter, die im Hochzeitskleid zu ertrinken droht. Er hatte dieses Turmzimmer bis heute nie gesehen, obwohl er dabei gewesen war, denn die Braut war schwanger gewesen und ausstaffiert mit einer pompösen, pompadourigen Wolke aus Tüll und steifem Leinen. Ohne das Brautkleid aus altem Familienbesitz, das in dem zerknitterten Foto wie eine ausgeschabte Stelle wirkte, hätte die Hochzeitfeier gar nicht stattgefunden. Major Klein hatte seiner Mutter die verspätete Heirat übelgenommen, denn er fürchtete, sie könne seiner Karriere schaden. Nach der schnellen Trennung der Eltern (auch dies Anlass zu Befürchtungen um seine Laufbahn) waren ihm nicht die Ferien vergönnt, die in der Erinnerung verklärt werden, nicht die Ausflüge zum Schloss Baldeney, zur Korte-Klippe oder in das alte Kettwig, nicht die unbeschwerten Tage, war stattdessen in ein Heim gesteckt worden und in das Mahlwerk einer strengen Erziehung geraten, unter die Fuchtel eines Onkels, des Bruders seiner Mutter, eines Studienrats.

Der Studienrat brachte ihm den Unterschied zwischen Wächtern und Banausen bei und lehrte ihn, den Philosophen (ganz bestimmten Philosophen) aufs Wort zu gehorchen, Gesetz und Sitte, wenn nötig mit der blanken Waffe zu verteidigen, Abhärtungen zu erdulden, Enthaltsamkeit zu üben. Erst der Trauschein, dann der Nachwuchs. Eine Ordnung muss sein in der Welt, wo es die ganz oben und die ganz unten gibt und wo die Wächter („wir Studienräte“) dienen und doch herrschen. Der Studienrat vollzog nach der Entnazifizierung eine Wende zu den alten Griechen und zur großen Vorvergangenheit, zum Plusquamperfekt des Abendlandes. Platon, die Kirche, der deutsche Idealismus und der Erfindergeist eines Krupps, das war ihm der europäische Geist, das Ding an sich in einer Welt voller Kanaken und Bolschewiken, „denen wir“, so schwadronierte er, „unseren Hegel kräftig entgegensetzen“, denn es gebe eine direkte Linie von Platon zu dem Verfasser der Phänomeno-Dingsda, und in der Mitte mittendrin: Ein feste Burg ist unser Gott. Die Macht werde vom Geist geadelt, und der Herr Studienrat adelte die Macht. Er, der für die NPD kandidiert hatte, lehrte Deutsch und Geschichte und hielt sich durch Lippenbekenntnisse zur Nachkriegsverfassung allen Ärger leicht vom Hals. Seiner Schwester verbot er den Umgang mit ihrem Söhnchen, so dass Major Klein seine Mutter immer seltener und dann gar nicht mehr sah.

Der Major bewahrte das Bild der Braut, seiner Mutter, in einer Falte seiner Brieftasche auf. Jetzt, allein im Turmzimmer, zog er es heraus. Auf der Rückseite stand in verflossener Schrift nur die Jahreszahl, keine Ortsangabe. Aber weil viele Essener Bräute hier feiern, fiel es ihm leicht zu glauben, die Aufnahme sei in diesem Hause entstanden. Klein ließ sich hinreißen, das Bild zu küssen. Da betrat die Ordonnanz das Zimmer, um Befehle zu empfangen, und Klein, der es nicht leiden konnte, beim Essen beobachtet zu werden, um wie viel weniger bei intimen Handlungen, wurde rot, straffte sich, zerknüllte das Bild und sagte: „Eine Affäre, wir müssen alle Affären vergessen, die Lage ist ernst – wir werden gefordert, mein Lieber, holen Sie mir ein Mineralwasser.“

Major Klein trat nach dem Abgang seiner Ordonnanz ans Fenster. Das Katastrophengebiet sah von oben unbedeutend aus, fast enttäuschend, fast seiner nicht würdig. Kaum zu glauben, dass es soviel Tote gegeben haben soll. Er schaute zu der Akropolis hinüber, der sandstrahlweißen. Sie ragte aus dem Grün heraus. Die Burg der Waffenschmiede schien ihm höher zu liegen als der eigene Standpunkt und darum noch geeigneter für seine Führungsaufgaben. Er träumte einen Augenblick davon, Villa Hügel zu besetzen. Aber das gütige Antlitz des Kanonenbauers, dessen Konterfei über dem Schreibtisch seines Onkels gehangen hatte, über der Platonbüste und einem Mann aus Bronze, der mit einem Hammer auf ein Zahnrad schlägt, hielt ihn davon ab, „die Stätte zu entweihen, das Haus der mächtigen Männer zu betreten, die selbst Kaiser bei sich empfingen“. Die Ordonannz kehrte zurück. Der Major fragte ihn: „Wussten Sie, dass die da oben die Kaiser antanzen ließen?“ „Nee, Herr Major, aber Korruption hat’s immer gegeben.“

Die letzten Bedenkenträger mussten sich endlich eingestehen, dass der Major geistesgestört war. Der Bendlerblock hatte sich eingeschaltet, Feldjägern wurde befohlen, Klein zu verhaften. Als Jeeps mit Lautsprechern auf den Waldwegen heranpreschten und als Major Klein aufgefordert wurde, unverzüglich die Aktion abzubrechen und sich zur Verfügung zu stellen, zog er seine P8 und gab Feuerbefehl. Seine Gefolgschaft wartete unschlüssig. Die Soldaten besahen ihre Sturmgewehre, als wüssten sie nicht, wo bei einem G36 vorne und hinten ist. Der Major schrie: „Feuer frei“ und feuerte sich eine Kugel in den Mund.

Major Klein stand kurz in Verdacht, die Mini-Atombombe selbst gezündet zu haben, um sich wichtig zu machen. Aber man hielt ihn nicht für intelligent genug, ein solches Verbrechen zu begehen. So rückte denn unvermeidlich Al Qaida in den Fokus der Experten (und deren gibt es viele). Die Übersetzung ´Al Qaida´ für Deutsche lautet: Wir wissen nicht, wer es war.

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