Der Weg des Kriegers
von Jürgen Jesinghaus (copyright)
Gestern besuchte mich ein Herr, der meinen Vater noch kannte. Mein Vater, Walter Marx, ist genau genommen mein Adoptivvater. Mein leiblicher hieß Bernhard Samuel Merten. Er war Halb-Katholik, man könnte auch sagen Halb-Jude. Der Herr, der den gestrigen Nachmittag mit mir verbrachte, heißt Julius Gustav Hartkopf. Er hat meinem Adoptivvater Walter, den ich einfachheitshalber Vater nenne, das Leben gerettet. Ich bin aus den Verwandtschafts-Beziehungen nicht schlau geworden. Ob er nun ein älterer Vetter oder ein jüngerer Onkel meines Vaters ist, diese Frage trat gestern in den Hintergrund angesichts der Geschichte, die Hartkopf mir erzählte, und der Geschichte, die ich ihm erzählen musste.
Der Name Marx ist im Rheinland nicht ungewöhnlich und hat gar nichts damit zu tun, dass Walter nach den Wirren der Jahre 1917/18 Kommunist wurde. Der Matrosenaufstand, Reichpietsch und Köbis, später die Arbeiter- und Soldatenräte, all das passte zu seiner Vorstellung von Gerechtigkeit, von der Teilhabe eines jeden an Macht und Besitz. Aber 1916 floh er aus den beengten Familienverhältnissen und meldete sich, kaum 18, freiwillig zur Truppe. Bevor er an die Front fuhr, bestand er darauf, seine Verlobte, ein Jahr älter als er, zu heiraten. Obwohl die Verlobung nur ein Versprechen der beiden Verliebten war, ohne den Segen der Familien, kam die Trauung zustande.
Walter Marx blieb in Saarbrücken hängen, als Reservist in der Etappe. Vielleicht hatte der Kommandeur Mitleid mit den Jungen, nach dem Gemetzel von Langemarck, und hielt sie deswegen zurück, vielleicht war es auch nur ein Zufall, begünstigt durch die große Strategie, die eine Verwendung des ´Menschenmaterials´ erst für später vorsah. So brauchte Walter die Geschütze von Verdun nur zu hören. Er schrieb an seine Frischvermählte, das Grollen, das der Westwind ihnen zuwehte, über 120 km hinweg, gehe ihm so auf die Nerven, dass er sich bei seinem Vorgesetzten ausheulen musste, weil er sich vorstellte, wie aus diesem vibrierenden Donnern nichts anderes entstehen könne als Hackfleisch. Damals sprach er noch über den Krieg. Er schrieb ausführliche Briefe. Und selbst das, was der Zensur nicht zum Opfer fiel, versetzte seine Familie in Angst und Schrecken. Sie war froh, dass Walter im Sommer endlich, wie man glaubte, an eine ruhige Front im Osten verlegt wurde.
In Wolhynien traf ihn eine Kugel. Kopfschuss. Er galt als vermisst oder gefallen. Seine junge Frau verbat sich jede Beileidsbekundung. Nach der Abdankung des Kaisers kehrte Walter als Schwerkriegsbeschädigter heim, als „hirnverletzter Krieger“. Die nächsten Jahre waren eine bedrückende, harte Zeit für das Ehepaar. Mein Vater litt unter häufigen Anfällen. Die Adoptivmutter hatte viel um die Ohren, Tag und Nacht. Und Walter Marx kam wieder auf die Beine. Er verstand etwas von Elektrizität, denn im Westen hatte er mit Marconi-Geräten zu tun, mit Telefonleitungen und dergleichen, so dass man ihn als Elektriker in einer Weberei einstellte, wo er etwas verdiente, zuerst in Scheinen, dann in Naturalien. Denn mit der Kriegerrente allein ließ sich kein Staat machen.
Meine Mutter war gegen die Arbeit, weil sie den Gesundheitszustand ihres Mannes am besten beurteilen konnte. Sie hielt das Risiko eines Anfalls außerhalb des Hauses für zu groß. Tatsächlich hatte er im Lauf der Jahre etliche Anfälle in Abwesenheit seiner Frau, was für ihn das Schlimmste war. Das erste Mal las ihn die Polizei auf und brachte ihn in ein Krankenhaus. Ein anderes Mal hatte er sich zu einem Haufen textiler Abfälle geschleppt, sich fallen lassen und den Konvulsionen hingegeben, weil er wusste, dass Widerstand zwecklos sei und einen Anfall eher verlängerte, wenn er sich dagegen wehrte. In den Armen einer Spulerin, die ihren Ekel überwunden hatte, wachte er auf. Sie wischte ihm den Mund ab und verschaffte ihm Luft. Der Vorfall bot eine Zeit lang Gesprächsstoff, aber da der Anfall in den Augen der Spulerinnen, Kettschärer und Weber eine respektable Ursache hatte, eine auf dem Schlachtfeld erworbene Verletzung, wurde Walter rücksichtsvoll behandelt.
Es heißt, meine Eltern, also Walter Marx und seine Frau Elfriede, hätten mein Leben gerettet, weil sie mich adoptierten, wodurch ich ´arisiert´ worden sei. Vielleicht war meine leibliche Mutter auch nur eine Halb-Katholikin oder gar keine Christin, so dass ich gemäß der skurrilen Vererbungslehre der damals Herrschenden dem jüdischen Glauben zu einem Bruchteil anhing, der zwischen 25% und 75% lag, Grund genug, mich auszurotten. Trotz der schweren Krankheit meines Vaters wurde ich an Kindes Statt angenommen. Seine Anfälle ließen sich nicht immer vor mir verbergen, aber ich bin über seine Heimsuchungen nie genau unterrichtet worden. In meiner Gegenwart sprach Walter nicht über die Ereignisse des Krieges.
Ich habe meinen Vater immer skeptisch und mit Scheu betrachtet, aber auch mit einer gewissen Verehrung, denn einerseits war ich enttäuscht über seine Hinfälligkeit, nämlich darüber, dass ihn fremde Frauen pflegten, dass er auf der Straße umkippte, dass ich der Sohn eines so kranken Mannes war, den Fernstehende für einen Trunkenbold oder Schwachsinnigen ansehen mussten. Das bildete ich mir ein, weil ich oft am Rande, wenn die Mutter keine Vorkehrung dagegen hatte treffen können, Zeuge eines Anfalls wurde und es mit der Angst bekam, ob mir ein solches Schicksal nicht auch beschieden sei. Andererseits verehrte ich meinen Vater, weil ich wahrnahm, dass sich andere um ihn sorgten, wie man es nur tut, wenn ein edler Mensch in ein unverdientes Elend stürzt. Ich erlebte ihn wie andere Söhne ihre Väter, wenn sie weinen oder vor etwas zu kapitulieren scheinen, was stärker ist als sie: Ich fühlte mich allein gelassen.
Gestern schellte es. Ich öffnete. Ein Herr stand vor der Tür, ein schmächtiger Mann in schlohweißem Haar, Hartkopf. Er forschte, ob ich der und der sei, und erst, als er sicher war, den Richtigen gefunden zu haben, bat er, eintreten zu dürfen. Wir setzten uns an den Wohnzimmertisch, ich holte eine Karaffe Sherry und schenkte ein. Eine Weile schaute er mich an, ohne etwas zu sagen. Dann begann er: „Ich habe deinen Vater gekannt.“ Erst danach hob er das Glas und nippte. Er war vor dem zweiten Weltkrieg, schon zu Beginn der Nazi-Zeit, in die USA ausgewandert und 1945 als Presse-Offizier mit der amerikanischen Armee zurückgekehrt. Er blieb in Deutschland, eröffnete in Berlin eine Arzt-Praxis und ist zufällig auf meinen Namen gestoßen. Marx, Rheinland. Er wollte sich nach Walter Marx erkundigen. Aber dann begann er selbst, über ihn zu berichten.
Dein Vater fuhr von der Westfront mit der Eisenbahn hinter den Bug, in die Gegend von Kowel – mitten in die Brussilow-Offensive hinein, Sommer 16. Die Verstärkung aus dem Westen sollte Gelände zurückgewinnen. Walter gehörte als junger Mann, er war 18 oder 19, zur ersten Welle. Er kam gar nicht ganz aus dem Graben heraus, da hatte es ihn schon erwischt. Das russische Feuer war verheerend, viel besser als sein Ruf, ich meine: schlimmer, viel schlimmer. Ich diente als Sani-Offizier an diesem Frontabschnitt. Wir Sanis waren rund um die Uhr beschäftigt. Wir lasen nur diejenigen auf, die vernehmlich röchelten. Ich weiß nicht, was mich bewogen hat, den unkenntlichen Mann, deinen Vater, näher anzuschauen. Sein Gesicht war blut- und dreckverkrustet. Er lag zur Seite gedreht, der Oberkörper außerhalb des Schützengrabens, die Beine baumelten in den Graben. Ich wusste wohl, dass Rheinländer in diesem Abschnitt standen. Irgend etwas musste mich an deinen Vater erinnert haben, obwohl man die Männer, die herumlagen, nicht identifizieren konnte. Ich befahl, ihn ins Feldlazarett zu tragen, obwohl er mehr tot als lebendig aussah und eigentlich nach unseren Ausschlusskriterien hätte liegen bleiben müssen. Als sie ihn gewaschen hatten und ich das Gesicht anschaute, war es nur eine Frage des Gefühls: Ist er es oder ist er es nicht? Ich sagte, er könnte es sein, ein Verwandter von mir, ihr müsst ihn operieren, macht irgend etwas mit ihm. Es war kein Streifschuss, auch kein richtiger Durchschuss. Es hat ihm ein Stück vom Schädelknochen weggefetzt. Der Chirurg fauchte: Ehe ich mich lange mit Ihnen streite und Zeit verschwende, mach ich es. Aber wir haben für Feinheiten keine Zeit, auch keine Instrumente. Es klappt oder es klappt nicht!
Sie brachten ihn durch. Aber alle glaubten, dass sie besser die Finger davon gelassen hätten. Er litt unter täglichen Anfälle, Krämpfen. Aber da sie ihn nun einmal so weit hatten, dass er außer Lebensgefahr war, pflegten sie ihn hingebungsvoll. Er wurde nach Nordwesten verlegt. In Allenstein erholte er sich, lernte sprechen und gehen, lernte wieder, wer er war. Einmal habe ich ihn dort besucht. Er gärtnerte im Gewächshaus. Er hatte seine Auren, ja, und seine Spasmen. Aber er konnte schließlich entlassen werden. In den Zwanzigern habe ich mich manchmal nach ihm erkundigt. Es schien bergauf mit ihm zu gehen. Allerdings, die Epilepsie gehörte zu seinem Leben. Ich wusste gar nicht, dass er einen Sohn hat! Schön, auch für Elfriede. Walter hat einen Orden bekommen, wusstest du das? Alle, die mit einem Teil ihres Körpers aus dem Graben raus waren, tot oder lebendig, haben einen Orden bekommen, nur junge Leute. Die Veteranen waren erst gar nicht auf die Sturmleitern gestiegen. Dein Vater hat versucht, den Graben zu verlassen, in Richtung unsichtbarem Feind. Ein mutiger Mann. Den Orden habe er weggeworfen, sagte er mir. Damals war er Sozi oder Kommunist.
Hartkopf schaute mich erwartungsvoll an. Er traute sich nicht zu fragen, wie es meinen Eltern geht, denn er schien zu ahnen, dass ich ihm nichts Erfreuliches würde mitteilen können. Jetzt war es an mir zu berichten: Dass mich Walter und Elfriede als Zweijährigen adoptiert haben, dass wir 1943 ausgebombt wurden.
Mein Vater hatte Karriere gemacht, vom Schwachstrom- zum Starkstrom-Elektriker. Er war in der Firma unentbehrlich. Sie galt als kriegswichtig, weil sie Fallschirmstoffe produzierte. Darum und weil er hirnverletzt war, brauchte er wohl nicht zum Volkssturm. Dann rollten die Nachtangriffe der Amerikaner. Die Fabrik wurde teilweise zerstört. Das Haus meiner Eltern – Volltreffer. Walter Marx irrte durch die brennende Stadt und bekam seinen Anfall. Eine Streife aus der Diedenhofen-Kaserne fand ihn und brachte ihn zuerst in das Not-Lazarett, das eilig errichtet worden war. Dann wurde er in das städtische Krankenhaus eingewiesen. Meiner Mutter gelang es, ihn zu finden, nachdem sie über rauchende Trümmerberge geklettert und über die Schwellen der Eisenbahnschienen gestolpert war, von einer provisorischen Dienststelle zur anderen. Sie besuchte ihn zweimal. Als sie das dritte Mal kam, sagte man ihr, er sei verlegt worden. Die Ärzte zuckten die Achseln und drucksten herum, bis einer hinter vorgehaltener Hand sagte: „Hadamar“. Er schloss die Tür hinter sich und erklärte, dort in Hadamar sei eine Nervenklinik, gerade das Richtige für einen Hirnverletzten. Die genaue Adresse sei ihm unbekannt, weil nicht das Krankenhaus, sondern die Behörden eine Verlegung in den Westerwald veranlasst hätten.
Am 17. Dezember 1944 erhielt meine Mutter eine Todesnachricht aus Hadamar: Mit größtem Bedauern … Herzversagen … Heil Hitler, Unterschrift. Zwei Tage später bekam sie eine zweite Todesnachricht, diesmal aus Brauweiler bei Köln: … Herzversagen … Heil Hitler, Unterschrift. Das größte Bedauern hatte man sich dieses Mal erspart. Meine Mutter weigerte sich, bei den Bombenangriffen Anfang 45 in den Hochbunker zu fliehen. Denn auf mich brauchte sie nicht aufzupassen, weil ich bei ihren Verwandten auf dem Lande untergebracht war. Ich habe meine Mutter nie wieder gesehen. Ihr Grab ist symbolisch, ein Massengrab für die Bombenopfer in irgendeiner Friedhofsecke.
Den Mördern meines Vaters war die Verwaltung durcheinander geraten. Die T4-Aktion hatte 1941 begonnen und war nach Protesten aus der Bevölkerung scheinbar eingestellt, aber heimlich fortgesetzt worden. Ich kann über das Geschehen nur spekulieren: Mein Vater galt als geistesgestört und wurde deshalb nach Hadamar verlegt. Dort hatte man wohl erfahren, aus Akten oder Verhören, dass er Kommunist war. Und die Kommunisten hielt man nicht für geistesgestört, so wenig wie die Juden. Kommunisten und Juden waren in den Augen der Nazis Staatsfeinde. So auch mein Vater Walter Marx. Deswegen verlegte man ihn ins KZ Brauweiler. Dort saßen die Politischen. Für die Bürokraten in Hadamar war Walter verschwunden. Das konnte nur bedeuten: abgespritzt. Und das wiederum hieß: Brief an die Witwe, mit größtem Bedauern. Ermordet wurde er wahrscheinlich erst in Brauweiler, im Zellenbau nahe der Abtei. Die Nazis haben meinen Vater standesgemäß umgebracht – mit Starkstrom. Das soll die Methode gewesen sein. Ich habe in seinem Nachlass nichts gefunden, was auf kommunistische Agitation hingewiesen hätte. Ich besitze ja nur vier Dinge von ihm: Die beiden Bilder an der Wand und die beiden Todesnachrichten.
Hartkopf saß erstarrt vor mir. Dann drehte er sich zu den Bildern, jedes einen bärtigen Kopf darstellend: Karl Marx und James Clerc Maxwell. Ich sagte zu ihm: „Der eine ist Maxwell, ´der König der Elektriker´, der Gott meines Vaters. Karl Marx war nie sein Gott, Walter war viel zu familiär mit ihm, aber Maxwell, den verehrte er. Er war mit Leib und Seele Elektriker.“ Hartkopf blieb lange regungslos sitzen, bevor er sich ächzend erhob. Er reichte mir eine Visitenkarte und ging auf die Tür zu. Dort wartete er, umarmte mich und verließ grußlos die Wohnung. Im Hausflur sagte er mehr zu sich als zu mir: „Bushido“. Gestern wusste ich nicht, was das Wort bedeutet. Heute bin ich klüger.