Ein komischer Kerl

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Das Ereignis in der Millennium-Halle war nicht der Grund für Duffenters Suizid-Absichten, aber das auslösende Moment, der eine Tropfen zu viel. Dr. Eigenbrod, ein Psychologe am Anna-Freud-Institut, hat es mir in glühenden Farben geschildert, mit einer Mitteilsamkeit, die einem Mann seines Berufsstandes eigentlich nicht zusteht.

Ferdinand Duffenter, ein Schulfreund von Eigenbrod und mir, besuchte hochgestimmt (er hatte sich Mut angetrunken, Mut, den er brauchte, um seine Wohnung zu verlassen) das Konzert der Sopranistin Elina Trebkowa, einer der seltenen Persönlichkeiten, die nicht nur durch Genie, sondern auch durch warmherzige Ausstrahlung die Menschen beglücken. Nach dem triumphalen Vortrag ihres französischen Repertoires forderte das Publikum Zugaben. Der Theaterdiener hatte ihr bereits den üblichen Strauß Blumen überreicht, Rosen in Gelb und Apricot. Elina kündigte ein Stück der leichten Muse an, aus Leh’rs Giuditta, und sang die Arie: ‘Meine Lippen, sie küssen so heiß’. Sie schleuderte dem Inspizienten ihre Schuhe an den Kopf und wirbelte, die Rosen umarmend, barfuß über die Bühne, hielt inne, sang von heißen Lippen, und dann, ja dann pflückte sie Rosenköpfe, trat an die Rampe und reichte die Blüten einigen Herren in der ersten Reihe ‘ anmutig, wie nur sie es konnte. Bei Duffenter, der nicht in der ersten, sondern in der vierten Reihe saß, soll sie innegehalten und ihn angeschaut haben, ihren Arm schon zum Wurf gebogen, dann aber weitergeschwebt sein. Sie warf die Rose, die nach Duffenters Einbildung für ihn bestimmt war, einem anderen Herrn in den Schoß. Diese vermeintliche Zurückweisung durch eine vergötterte Frau, um derentwillen er sich aus der Sicherheit seiner Wohnung gewagt hatte, stürzte ihn in einen Abgrund aus Selbstmitleid. Die Welt hatte ihn zurückgestoßen. Deshalb wollte er die Welt verlassen.

‘Glaubst Du’, so Eigenbrod zu mir, ‘ich hätte Ferdi davon überzeugen können, dass die Diva keinen dieser Herren persönlich gemeint hat, und dass sie speziell in seinem, Duffenters, Fall ein technisches Problem hätte lösen müssen, nämlich die Rose zielgenau über drei Reihen hinweg zu werfen? Nein! Er beharrt auf seinem egozentrischen Standpunkt, statt froh zu sein, dass sie ihn überhaupt angesehen hat!’

Wie bereits erwähnt, dieser Vorfall ließ das Fass überlaufen. Der tiefere Grund war vielleicht eine enttäuschte Liebe, eine versagte Beförderung oder eine Krankheit. Ich weiß es nicht. Auch Eigenbrod scheint nichts darüber zu wissen, oder er will nicht darüber sprechen. Es ist ja nicht zum Äußersten gekommen, denn eine Hure soll Ferdinand auf den Pfad der Tugend zurückgeführt haben. Auch diese Geschichte hat mir Eigenbrod erzählt, vermutlich ausgeschmückt mit vielen erfundenen Zutaten, und vielleicht ist sogar die ganze Geschichte erlogen. Das würde seine Indiskretion erklären. Allerdings bliebe dann noch die Frage offen, warum er sich unseren gemeinsamen Schulfreund Ferdinand Duffenter zum ‘Helden’ auserkoren hat.

Am Vorabend des Tages, den Duffenter bestimmt hatte, sein Leben zu beenden, kramte er in den Werkzeugen, die sich bei ihm angesammelt hatten. Er war kein geschickter Handwerker, umso mehr baute er darauf, dass neue, immer teurere Werkzeuge das Richtige für ihn täten (aber sie multiplizierten nur seine Ungeschicklichkeit). Er nahm das Teppichmesser, mit dem gehässigen Gefühl, dass es nun endlich zu etwas gut sei, und legte es auf den Tisch. Dann überließ er sich dem Schmerz seiner Seele. Bis nach Mitternacht hockte er vor dem Fernseher, ohne etwas zu sehen. Er versuchte, so lange wie möglich zu schlafen, und stand erst am Nachmittag auf, einigermaßen instandgesetzt und hungrig. Er kochte Tee, aß Zwieback und begab sich in sein Arbeitszimmer, setzte sich vor den Schreibtisch, füllte Überweisungsträger aus und kuvertierte sie. Danach ging er durch alle Zimmer und schloss die Fenster. Vor der Bücherwand blieb er lange stehen. Er suchte seine Lieblingsbücher und steckte sie in eine Aktentasche. Er zog sich freizeitlich an, nahm sein ganzes Bargeld, seine Schecks und Kreditkarten, steckte sie zu den Büchern in die Tasche und ließ das Teppichmesser obenauf fallen. Dann telefonierte er ein Taxi herbei.

Er fuhr in die Stadt. Im belgischen Viertel stieg er aus. Die Häuser stammten noch aus der Gründerzeit. Sie hatten die Bombenangriffe überdauert, und als hätte der Staub, der während vieler Wochen nach den Stadtbränden herabgerieselt war, sich mit der Außenhaut verklebt, so schwärzlich standen sie vor ihm. Der verhangene Tag war in die Straßen gesackt und lag unbeweglich zwischen den Häusern wie eine Art Sandstein aus grauen Körnern, an denen sich die grellrote Botschaft aufrieb, die von jenseits der Kreuzung aus Neonröhren ausgestrahlt wurde und Ferdinand in die willkommene Stimmung versetzte, die er von diesem Tag erwartet hatte. Denn alles, was er sich vorstellte, richtete sich nach den Romanen, in denen verzweifelte Menschen durch die Großstadt irren in der Hoffnung auf eine plötzliche Begegnung, die sie vor dem Tod bewahren würde, dem selbst zugefügten Tod im Hotelzimmer, unter einer Brücke oder in dem schwarzen Fluss. Seine gequälte Seele war voll von Dostojewski und Petersburger Straßen, den Vorbildern der Straßen, durch die er jetzt ging, vorbei an Kneipen und Bars, vorbei am uniformierten Portier der Bar ‘Femina’, der ihn nicht ansprach (selbst ein solcher Mann nahm keine Notiz von ihm).

Duffenter betrat die Kneipe neben der Bar. In einer verqualmten Stube sollten mindestens vier Ausführungen von Marlene Dietrich sitzen, ein Bein hochgezogen, die Hände um das Schienbein verschränkt – und verworfen. Die Theke müsste brechend voll sein, und er würde seine Hand zwischen verschwitzten Leibern durchschieben, um sein Bier zu packen, und er würde sich Platz verschaffen müssen wie ein Hund, der sich um den Schwanz dreht, und dann, inmitten dieser aufregenden Masse von Stoff und Fleisch, inmitten von Gerüchen und Zigarettendunst, inmitten des Stimmengewirrs und des aufreizenden Gelächters, würde er Bier trinken, die Verworfenheit dieses Ortes und seinen eigenen Schmerz genießen und später in Whiskey ersäufen.

Die Kneipe war leer und dunkel. Es dauerte, bis ein Mann aus ‘Privat’ hervorkroch, ein stämmiger Mann in Unterhemd und Hosenträgern, der automatisch einen Putzlappen über die Theke wischte, als gälte es, durch diese Handbewegung seinen Beruf erraten zu lassen. Der Mann warf das Kinn hoch. Duffenter übersetzte es für sich: Was willst du, es ist reichlich früh.
‘Ein Bier bitte.’
Ferdi bekam eine kleine Flasche und ein großes leeres Glas. Der Mann setzte sich auf einen Hocker hinter dem Tresen und begann, aus dem Fenster zu starren. Er misst die Zeit, wie lange du brauchst, die Flasche auszutrinken, dachte Ferdi. Er trank hastig, stellte das Glas hörbar auf den Tresen und sagte so, dass man Festigkeit und Höflichkeit heraushören sollte:
‘Zahlen.’
Der Mann starrte weiter aus dem Fenster. Erst als Ferdi sich vornahm, auf die Höflichkeit zu verzichten, und nur noch: ‘Zaahlen!’ sagte, rutschte der Mann vom Hocker und schlurfte zu ihm. Nachdem er einen festen Stand hinter dem Tresen gefunden und seine Hände aufgestützte hatte, erwiderte er: ‘Vier Euro.’ Duffenter zahlte und verließ grußlos das Lokal.

Für vier Euro müsste ich noch ein Bier gratis kriegen. Chance vertan. Er fühlte sich missachtet, auch hier. Aber das spornte ihn an, machte ihn mutig. Nicht mehr lange würde er sich Missachtungen gefallen lassen! Ferdi ging nicht an dem Portier der Femina-Bar vorüber. Der sollte ihn für keinen geilen und entschlussarmen Menschen halten, der um die Auslagen herumschleicht. Er kam zum Ring. Er streifte durch die Innenstadt – ohne eine Begegnung, niemand sprach ihn an, keiner überfiel ihn, keiner wollte ihn verführen, Neonröhren enthielten keine Botschaft mehr.

Als Ferdi das Caf’ betrat, stand sein Entschluss endgültig fest. Er wusste nur nicht, wie er ihn in die Tat umsetzen sollte. Ferdinand Duffenter erhoffte sich von diesem Caf’ und seinen Personen Aufschluss über die Schritte, die er unternehmen müsste. Die Traurigkeit Petersburger Raskolnikow-Nächte hatte ihn angetrieben, etwas Ungewohntes, ja Verbotenes zu tun, um die letzte Entscheidung in einer von allen Konventionen befreiten Verfassung zu treffen. Die beträchtliche Summe Bargeld, die er bei sich trug, gab ihm die Sicherheit, in das Caf’ zu gehen, dessen Inneres verheißungsvoll verhüllt wurde durch eine geraffte Tüllgardine und einen roten Vorhang. Das in den trüben Tag sickernde Licht hatte ihn bestimmt, nach dem Fußmarsch dieses Etablissement, das seine Gastlichkeit signalisierte, entweder zu betreten oder überhaupt keines mehr an diesem Abend, in dieser Stadt, in diesem Leben. Könnte er sich dazu entschließen, dann brauchte er sich nicht stets mit der Einflüsterung auseinanderzusetzen, er würde doch wieder nach Hause fahren, weiter arbeiten gehen und seinen Schmerz widerkäuen.

Das Innere war warm beleuchtet. Das Licht floss aus Lämpchen wie Wasser aus goldenen Hähnen in einen viereckigen Teich aus Marmor von der Größe eines Tisches, an dem zwei Personen bequem Platz finden. Diese zweite Gaststube hob sich wohltuend von der ersten dadurch ab, dass sich in ihr drei Personen aufhielten, drei Frauen, die miteinander sprachen. Das zwanglose, laute Gespräch wurde unterbrochen, als die Bardame ihren neuen Gast fragte, ob sie ihm etwas anbieten dürfe. Ferdi war von dem sachlichen und zugleich freundlichen Ton angenehm überrascht. Das vornehme Aussehen der Dame, die eine geschlossene, wenn auch fast durchsichtige Bluse trug, hinter der ein schwarzer BH den Blick zur Umkehr zwang, gestattete ihm, länger in der Illusion zu verweilen, dass dieses Caf’ ein Treffpunkt sowohl ehrbarer Gäste als auch fortgeschrittener Weltmänner sei, die das Angebot käuflicher Liebe, wenn es denn an sie herangetragen werden sollte, nicht verschmähen. Und im übrigen war es vielleicht nur ein normales Caf’. Er bestellte ein Kännchen Kakao und nachträglich einen Cognac dazu. Er hatte sich vor einem Barhocker niedergelassen und schaute in den Spiegel, vor dem sich Spirituosen aufreihten. An der rechten Längsseite des gangartigen Raumes (vom Eingang aus gesehen) befand sich die Bartheke und links eine Kette kleiner, sanft beleuchteter Tische. Dort saßen zwei Frauen.

Eine Dame setzte sich an den einzigen Tisch, der an der Schmalseite des Caf’s neben dem Tresen stand und von wo aus sie den Raumes bequem überblicken konnte – und nun auch Ferdi in seinem Schmerz. Sie führte die Konversation mit ihren Freundinnen fort. Sie übersah Ferdi und schien ganz ins Gespräch vertieft zu sein, dessen Gegenstand die Kindererziehung war. Er blickte zu ihr hin. Sie ist keine feine Dame, Lack-Minirock, eher ein Gürtel, und dann die Beine übereinandergeschlagen! Er wandte den Kopf ab und klammerte die Dame aus. Sie kümmert sich ja auch nicht um mich. Vielleicht ist sie eine Verkäuferin, die jetzt Feierabend hat. Darüber dachte Ferdi nach – mit einem Gesicht, als müsste er eine Denksportaufgabe lösen und einem Gremium auseinandersetzen. Sie sprachen über Kinder, das machte sie ihm sympathisch, und als hätte er nun die Lösung seiner Aufgabe gefunden, schaute er auf, frei, fast erlöst, ja bereit, Rede und Antwort zu stehen, wenn sich jemand an ihn wenden sollte. Er sah länger als er wollte zu dem Lack-Mini hinüber. Er glaubte, es tun zu dürfen, weil die Frau ihre Aufmerksamkeit ganz den beiden anderen widmete. Die Brüste waren aus dem weit ausgeschnittenen Wollpullöverchen herausgehoben, glänzten herüber und stellten ohne Zutun ihrer Besitzerin eine Beziehung zu ihm her. Er wusste nicht, wie es weitergehen sollte, und versenkte seinen Blick vorsichtshalber in den Kakao-Fluten. Er war jetzt etwas gekränkt, dass ihn die junge Dame nicht wahrnahm (dein Schicksal, sie wollen nichts von dir wissen).

Er griff nach seiner Tasche unter dem Tisch, öffnete sie, hob ein Buch heraus, begann in ihm zu blättern und dann zu lesen. Was genau er las, wusste er nicht. Er hatte bestimmte Stellen viele Male gelesen, so dass er, wäre er ein Kind, viele Passagen auswendig wüsste. Er befürchtete, jemand, der hereinkäme, würde ihm die Frau wegschnappen. Noch hatte er nicht das Vertrauen, sie könnte wählerisch sein. Und wenn sie es wäre? Warum sollte sie ihn einem anderen vorziehen? Weil die anderen Hurenböcke sind? Nur er, Ferdinand Duffenter, steht vor einer heroischen Tat und darf deshalb die Konventionen sprengen, ein Gott für die Bajadere? Er lachte bitter in sich hinein. Ein jüngerer würde sie wegschnappen. Es sei denn, sie geht nur nach Geld, und Geld ist der Vorteil des Alters vor der Jugend.

Er schloss das Buch und bestellte Zigaretten. Dabei blickte er auf die gewisse Dame, und sie lächelte ihm zu. Zum ersten Mal tauchte die irre Idee auf, sie könnte ihm das Leben retten. Er musste sie haben, sich ihr unterwerfen. Er war tapfer. Er lächelte zurück. Es sah aus wie ein Grinsen, seine Nasenflügel zuckten. Er war froh, dass sein grinsendes Lächeln nur auf das Profil der Schönen traf, die sich wieder am Gespräch der übrigen Damen beteiligte und ihn unbeachtet ließ. Sie war eine Frau, die er lieben könnte. Ferdi nahm und zahlte die Zigaretten und beschäftigte sich damit, die Schachtel vom Zellophan zu befreien. Das Knistern störte ihn (schien ungebührlich die Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken) und so arbeitete er daran, das Zellophan-Papier von seinen Fingern abzustreifen, wo es sich festgesaugt hatte. Er knüllte es und schwang das Knäuel in einen Aschenbecher, wo es sich wie ein klares Feuer aufblähte und noch sekundenlang knisterte. Er bezwang auch die Banderole und klappte den Deckel auf. Er zog mit spitzen Fingern eine Zigarette aus der Schachtel, steckte das Stäbchen in den Mund, aber nahm es sofort wieder heraus. Mit einer zierlichen Geste entfernte er einen Tabakfaden von der Zunge. Ferdi blickte zum Wollpullöverchen, ohne es sich befohlen zu haben. Schnell wie ein ungezogener Junge den Befehlen seiner Eltern entwischt, hatte sich sein Blick aus der Umklammerung seiner Vorsätze gewunden. Er tupfte das Mundstück seiner Zigarette auf das Thekenholz.

Als er seine Jacke abklopfte, auf der Suche nach einem Feuerzeug, wie um die Funken seines Tagtraumes abzuschlagen, stand sie vor ihm und hielt ihm das brennende Streichholz entgegen. Er blickte entgeistert und ließ sich Feuer reichen. Es ist ungezogen von mir, ich hätte das Streichholz in die Finger nehmen und es dann selber zur Zigarette führen müssen! Um keinen zweiten Fehler zu begehen, sagte er:
‘Nehmen Sie bitte Platz.’
Sie schwang sich auf den Nachbarhocker und schaute ihm nachdenklich zu, wie er seine ersten Züge machte.
‘Waren Sie schon einmal hier?’
‘Nein.’
‘Warten Sie auf jemanden?’
‘Nein.’
‘Machen Sie immer so viel Worte?’
‘Ach nein.’
‘Was lesen Sie denn?’
‘Gracians Handorakel.’
‘Interessant?’
‘Ach ja, ich glaube. Lesen Sie auch?’
‘Ich komme selten dazu, früher habe ich oft gelesen.’
‘Was denn?’
Er ärgerte sich über seine Frage, weil er glaubte, sie damit in Verlegenheit zu bringen.
‘Amerikanische Literatur.’
Und nur aus Angst, das Gespräch könnte ersticken, fragte er weiter:
‘Was denn zum Beispiel?’
‘Kerouac zum Beispiel, Bukowski zum Beispiel, Auster zum Beispiel.’
Sie kniff die Augen zusammen und schlug die Beine übereinander.
‘Kennen Sie die?’
Er war verblüfft und sagte wahrheitsgemäß:
‘Nein. Ja. Schon mal gehört.’
‘Haben Sie was dagegen, wenn ich Zigaretten und zu trinken bestelle?’
‘Aber warum sollte ich!’
Da fiel ihm ein, dass er würde bezahlen müssen, und fragte:
‘Welche Marke?’
‘Dunhill Blue.’
Er forschte in dem Gesicht der Bardame, die herantrat, um die Bestellung entgegenzunehmen. Er vermutete Spott oder sogar Verachtung. Sie gewährte aber ein gleichgültig-freundliches Gesicht. Seine neue Bekannte orderte und fragte ihn dann:
‘Sie mögen doch Frauen? Oder haben Sie nur Ihre Bücher?’
Ferdi mag Frauen, ja er liebte Frauen. Er verehrte sie.
‘Ja natürlich’, sagte er.

Sie beugte sich vor, die Brüste schimmerten.
‘Könntest du mich auch mögen?’ fragte sie.
‘Mein Gott, ich mag Sie sehr, so sehr, dass ich den Abend mit Ihnen verbringen möchte.’
Sie warf sich zurück, lachte und richtete sich wieder auf.
‘Wenn überhaupt, bin ich eine Göttin, kein Gott. Du bist so herrlich dumm. Du treibst die Preise hoch.’
Aber sie schonte ihr Lachen und sagte:
‘Weil du es bist – ich heiße Thea, 30 Euro das Zimmer, 50 musst du mir schenken. Du hast doch so viel Geld?’
Als er ihr zum Beweis das Portemonnaie hinstrecken wollte, legte sie ihre Finger darauf und schüttelte den Kopf.
‘Du bist ein komischer Kerl, deine Frau muss auf dich aufpassen.’
Er beeilte sich zu sagen, dass er nicht verheiratet sei.
‘Mir ist es egal, mein Schatz, wenn du mir nur sagst, wie du heißt.’

Sie nippten, rauchten und unterhielten sich. Er fragte nach ihrem Hobby (ihren Beruf kannte er nun).
‘Früher Fotografieren, ich habe nur noch eine Sofort-Bildkamera, aber Pornos sind mir zuwider!’ O ja, natürlich, warf er ein, vom bloßen Anblick werde ihm schon schlecht, Hardcore und so ein Zeug, nein! Dann wurde er intim und fragte nach den Eltern.
‘Meine Mutter passt auf das Kind auf. Du musst wissen, ich habe ein Kind.’
Sie blinzelte, zeigte Zähne, hielt sie aber geschlossen und gurrte, dann sagte sie, während sie an seinem Ohr zupfte:
‘Milch gebe ich aber keine. Du hast doch daran gedacht, sag es nur!’
Er wurde rot und wagte es, seine Hand auf ihre Backe zu legen:
‘Jetzt stelle ich es mir vor.’
‘Du bist wirklich komisch, wenn ich mich erst einmal in dich verliebe, mein Schatz, wird es für dich teuer. Mein Vater wohnt in Süddeutschland. Er ist abgehauen und hat meine Alte sitzen lassen, immer dieselbe Litanei, deswegen habe ich meinem Beschäler schon vorher den Laufpass gegeben. Die Männer sind alle zum Kotzen, Anwesende natürlich ausgenommen.’
Sie lächelte verlegen, und für ihn war das Bekenntnis ein Beweis ihres Vertrauens.

Sie ging nun dazu über, ihm zu erklären, wie sie in die Absteige kämen, um es hinter sich zu bringen.
‘Am besten, ich geh voraus und du folgst mir im Abstand. Du siehst dann, wo ich reingehe, und achte darauf, dass dir unterwegs keine Bekannten über den Weg stolpern, sonst verlieren wir uns aus den Augen – und dein schönes Geld ist perdus.’
Sie hielt die Hand auf. Ferdi stutzte und beschloss, ihr zu vertrauen. Er legte einen Geldschein auf ihre Hand. Sie blies den Schein mit spitzem Mund auf die Bartheke und sagte:
‘Erst wenn wir da sind.’
Dann stand sie auf und verließ das Caf’.

Es war dunkel geworden. Ferdi stieß mit niemandem zusammen, als er die Caf’bar verließ. Man kann Thea gar nicht aus den Augen verlieren. Wie die aussieht! Sie sieht wirklich aus wie eine Nutte. Thea wurde angesprochen, aber sie hielt sich nicht auf, sondern schritt unbeirrt weiter, als ob sie über eine Reihe von Säulen ginge, dachte Ferdi. Er war fast auf derselben Höhe mit ihr, als sie die Treppe zu einer hochgelegenen Haustür stieg. Er wechselte hastig die Straßenseite und wäre beinahe den Liebestod unter einem Polizeiauto gestorben. ‘Können Sie es nicht abwarten, nein?’ hörte er hinter sich. Er drehte sich um. Er verstand nicht, was der Polizist, halb so alt wie er, damit sagen wollte. Oder wusste er, weshalb Ferdi an dieser Stelle so hastig die Straße überquert hatte? Duffenter stand mit Thea eine Weile schweigend im Flur. Eine Concierge nahm ihm das Geld ab und fragte, ob er etwas brauche. Ohne seine Antwort abzuwarten, schlurfte sie zurück in ein Zimmerchen, wo das Licht eines Fernseh-Apparates flackerte.
‘Möchten Sie etwas trinken?’
‘Nein, spar dein Geld, vielleicht kannst du es noch brauchen.’
Thea hatte schon den Schlüssel. Sie stieg in den ersten Stock, Ferdi ihren Beinen nach.

Sie schloss die Türe auf und betätigte einen Schalter. Eine Deckenlampe beleuchtete spärlich einen Raum, der mit einem französischen Bett, einem Nierentisch und zwei verschlissenen Sesseln möbliert war. Vor dem Fenster links hing ein rotbrauner Vorhang. Die Ecke zwischen Tür und Fenster war mit Klosett, Bidet und Waschbecken ausgestattet. Thea hatte im Vorübergehen ihre Tasche auf den Tisch fallen lassen und sich dann bäuchlings auf das Bett geworfen. Sie streckte ihre Hand aus, drückte einen Knopf. Die indirekte Beleuchtung unter einem Holzrahmen über dem Bett beruhigte Ferdi (das Deckenlicht hatte ihn schockiert). Sie drehte sich herum, spreizte die Beine, wackelte mit den Knien und sagte zu ihm, der unsicher auf sie zugekommen war:
‘Du hast es eilig, ja? Du bist schon ein komischer Kerl, das erste Mal? Du machst jetzt das große Licht aus, mein Schatz, und dann wirst du mir etwas schenken.’
Sie erhob sich, warf die Schuhe ab und hielt die Hand auf. Er gab ihr das Geld, und sie steckte es, ohne darauf zu sehen, in ihre Tasche. Dann fing sie an, sich auszuziehen. Er beobachtete sie, als wüsste er nicht, wie man sich selbst seiner Sachen entledigt. Als wäre er auf Theas Vorbild angewiesen.

Er stand in Strümpfen da, mit abstehender Rute, und wartete wie ein Patient im Konsultationszimmer.
‘Leg dich hin’, sprach die Ärztin, assistiert von zwei leuchtenden Brüsten. Er legte sich hin, fror ein wenig, und kaum, dass er Zeit gefunden hatte, darüber nachzudenken, ob das Bett frisch bezogen sei, hatte Thea das Gummi übergestülpt. Sie applizierte ihm den Orgasmus, das Augenverdrehen und das Entweichen der Luft aus einer in ungewohnter Weise beanspruchten Lunge. Die Ärztin zapfte den Körpersaft auf eine schnelle, schmerzlose, ja angenehme Weise. Sie fasste das Gummi, zog es herunter, sagte:
‘Du kannst dich jetzt waschen.’
Sie beseitigte das Ejakulat wie den Abfall aus einem Labor. Er schickte sich in den Befehl seiner Ärztin, betäubt, leer und mehr denn je gewiss, dass dieser Abend der letzte seines Lebens sein sollte. Er beeilte sich mit der Waschung. Thea hockte in sich gekehrt auf dem Bidet. Ohne zu wissen, wie es weitergeht, ohne das elektrisierende Raskolnikow-Gefühl, in schmutzigen Straßen ein Hotel, sein Todes-Hotel, zu suchen, ließ er sich auf das Bett fallen, um zu dösen, solange keine weiteren Anweisungen an ihn gerichtet wurden.

Er hörte Wasser laufen. Er hoffte, dass lange nichts geschehen möge. Das Zimmer war überheizt. Es machte ihm nichts aus, nackt dazuliegen. Seine Rute war jetzt das Würmchen an der Angel. Sein Kopf sank zur Seite. Er wachte auf aus einem kurzen Schlaf und sah ihre nackten Beine vor sich. Sie stand ganz nah am Bett. Er glaubte, die Wärme zu spüren, die Hitze aus ihrem Fleisch. Vertraut geworden mit ihr, und weil ihm sowieso alles egal war, schob er sich mit den Schultern zu ihr hin und küsste die Schenkel. In einer anderen Lage hätte er wahrscheinlich ihre Stirn geküsst oder seine Verehrung durch einen verbalen Mummenschanz ausgedrückt. Mit Rosen überhäufen würde ich dich, wenn alles anders gekommen wäre. Da dachte er an Elina Trebkowa und wie sie ihm eine Rose verweigert hatte. Weil er den Blick von den blauen Äderchen abwenden wollte, sah er zu seiner Ärztin empor und stieß den Mund in ihre Haare. Thea unterbrach seine pochenden Küsse, schwang sich auf das Bett und kniete über seinem Gesicht.
‘Du musst mir noch etwas schenken, mein Schatz.’
Er versank in einem aromatischen Sumpf und bildete sich ein, ja er hätte schwören können, dass sie nach einer Weile auch in Atemnot geraten war.

Während Thea sich abermals wusch, blieb er liegen. Er dachte an seine Studentenzeit zurück. Seine Wirtin lebte mit einem Mann zusammen, einem Vertreter in Baumaschinen, der oft besoffen nach Hause kam, manchmal die Nacht wegblieb, weil er mit den Polieren die Sau rausließ. Die Wirtin schien sich daran gewöhnt zu haben. Dann musste sie ins Krankenhaus. Sie würde wochenlang abwesend sein. Darum brachte sie ihre halbwüchsige Tochter in Sicherheit und vertraute dem Lebensgefährten ihre Wohnung und den Studenten Duffenter an. Der Strohwitwer brachte bald eine fremde Frau nach Hause. Ferdi wurde gegen Mitternacht geweckt, durch das Gelächter der beiden, das Rumoren in der angrenzenden Küche, das Knallen des Kühlschranks und lautes Abspielen von Schnulzen. Am nächsten Morgen berichtete der Vertreter in einer blöden glückseligen Art, dass er die Dame gemietet und heute morgen in ein Taxi gesetzt habe. Dann legte er, wie man Spielkarten auffächert, Polaroid-Fotos auf den Tisch, keine Aktfotos, aber Bilder von einer Vulgarität, deren Ferdi sich brennend schämte, als hätte er sie selber gemacht und müsste sich einer höheren Instanz gegenüber dafür verantworten. Die Frau saß in allen möglichen Posen auf dem Sofa, die Arme mal hinter dem Kopf verschränkt, mal gegen die Brust gedrückt, mal lässig auf die Lehne gelegt, stets war der Rock hochgezogen wie verrutscht, und Ferdi wunderte sich über die Strümpfe alter Art, die ein Stück Bein freiließen. Die Fotos waren nicht eigentlich obszön, aber das weiße Gesicht der verblühten, immer noch schönen Frau und die weißen Ringe aus Fleisch zwischen den Strümpfen und der Wäsche, dieses Kalbfleisch-Weiß inmitten des bunten Durcheinanders eines Wohnzimmers, das von Brokatdeckchen, Millefiori-Glas, Papierblumen und Nippes beherrscht wurde, empfand er damals als abstoßend. Er verglich die Dame mit Thea, ohne zu wissen warum.

Es duftete nach Frau, aber es war kein Parfum. Ihm fiel auf, dass nichts nach Parfum roch. Er nahm sich vor, sie danach zu fragen, weil er glaubte, sich jetzt Vertraulichkeiten herausnehmen zu dürfen. Als sie die Ecke verlassen hatte, mit einer geschäftigen und gleichgültigen Miene, erschrak er und fragte sie nicht. Er wusch sich.
‘Darf ich pinkeln?’
Sie lachte und das beruhigte ihn. Es lag etwas wie Vertrauen in dem Einverständnis, pinkeln zu dürfen, fast wie bei Verheirateten.

‘Schenk mir ein Bild von dir’, bat er.
‘Ich habe keins.’
‘Gibt es keinen Fotoapparat, eine Polaroid für alle Fälle?’
‘So was mach ich nicht, kauf dir Pornos. Für tausend Euro mach ich das nicht. So eine bin ich nicht, du kannst mich mal.’
‘Ich will nur ein Bild von dir, nur dein Gesicht. Ich möchte eine Erinnerung, stell dich nicht an’, sagte Ferdi. ‘Wir können es auch auf der Straße machen, oder im Flur, wenn es nur einen Apparat hier gibt.’
‘Ich will dir was sagen, mein Schatz, ich mag nicht, wenn man mich fotografiert, ich gebe mich aus der Hand, verstehst du? Niemand hat ein Bild von mir, außer meiner Mutter, aber was geht dich das an?’
Ferdi schmollte. Er stieg in seine Hosen. Die Untersuchung war beendet, das Doktorspiel vorüber. Thea sah kurzsichtig auf ihn.
‘Du bist komisch’, sagte sie hart, ‘Du schuldest mir 50 Euro für das zweite Mal.’
Er war beleidigt. Er legte einen Hunderter auf den Tisch.
‘Ich schenke ihn dir.’
‘Fünfzig habe ich gesagt’, schrie die Frau, ‘wer hat was von hundert gesagt, du Idiot!’
Ferdi zuckte zusammen. Er nestelte Scheine aus der Tasche, die sich zu fünfzig addierten, legte sie sorgfältig auf den Nierentisch und nahm den Hunderter zurück.
‘Ich habe das nicht so gemeint’, sagte er, als er den Eindruck gewann, er könne jetzt sprechen, ohne angefaucht zu werden, denn Thea hatte sich auf einen Sessel fallen lassen und suchte in ihrem Täschchen. ‘Ich meinte wirklich nur dein Gesicht, ich dachte mir, es wäre schön, wenn ich ein Passfoto von dir hätte.’
Thea murmelte und sah an Ferdi vorbei, als beriete sie sich mit einer Person, die hinter ihm stand. Sie erhob sich, blickte sich im Zimmer um und befahl:
‘Komm jetzt!’

Während sie die Tür zuzog und abschloss, klärte sie Ferdi darüber auf, dass die Miete für die Polaroid 20 Euro koste. Am Treppenabsatz rief sie die Concierge. Die hörte sich den Wunsch an, schlurfte zurück und streckte, als sie wiederkam, Ferdi wortlos eine Kamera entgegen. Die Portiersfrau rauchte und sprach kein Wort. Alles lief nach einem strengen Reglement ab. Thea sagte zu ihr:
‘Lass zehn nach, der junge Mann will das Bild hier machen, an Ort und Stelle.’
Die Alte schüttelte kaum merklich den Kopf, nahm das Geld von Ferdi, steckte es weg und verschwand wie vorhin grußlos in ihrem von Blitzen durchzuckten Fernsehzimmer, wo sie wie eine Krötenhexe in der blauen Tiefe eines verwunschenen Teiches hockte und von Zeit zu Zeit, zum Schweigen verpflichtet, an der Oberfläche auftauchte, um einen verhassten Dienst zu verrichten, zu dem sie nach einem Gesetz, das keine Revision zuließ, verurteilt worden war – so schien es.

‘Mach schon’, sagte Thea. Sie zupfte an ihrem Rockgürtel. ‘Warte noch.’
Sie wühlte in ihrem Täschchen, holte einen Kamm hervor, schüttelte ihr Haar, strich einmal mit dem Kamm darüber, steckte ihn wieder weg und stellte sich kerzengerade an die Wand. Sie ließ die Arme hängen, die Tasche pendelte kurz über den Steinfliesen.
‘Bist du fertig?’
Ferdi ging einen Schritt auf sie zu, bis ihr Gesicht den Rahmen im Sucher ausfüllte. Er verkniff es sich, mehr als nur ihr Gesicht zu fotografieren. Es wäre ein Vertrauensbruch.
‘Eins genügt’, sagte sie. Die Kamera surrte und schob das Bild aus dem Schlitz. Kaum hatte Ferdi es in seine Hand laufen lassen, nahm Thea ihm den Apparat fort und streckte ihn der Alten entgegen, die unbemerkt vor ihrem Zimmer erschienen war.
‘Bist du zufrieden?’
Thea wandte sich zur Haustür. Ferdi sagte in den Flur hinein, ohne dass ihn jemand beachtete: ‘Guten Abend.’ Er fing die schwere Haustüre auf, die Thea losgelassen hatte, ohne sich nach hinten zu orientieren.

Auf der Straße blieb sie stehen und zündete eine Dunhill an. Ferdi stellte sich vor sie hin. Wie verabschiede ich mich von einer – von einer wie ihr? Nutte oder Hure erschien ihm zu abschätzig, schließlich gab es da was. Er traute sich nicht, das, was es da gab, beim Namen zu nennen, denn was er namhaft gemacht hätte, wäre es nicht gewesen.
‘Zeig mal das Bild!’
Gutgläubig reichte er es ihr. Ihm war es recht, dass sie es noch einmal in der Hand hielt. Er würde es dann von ihr als Geschenk empfangen. Thea nahm es, schaute darauf, steckte ihre Zigarette in den Mund und versuchte, das Foto zu zerreißen. Sie knüllte es und lief einige Schritte. Dann bückte sie sich und ließ es über einem Gulli fallen. Mit dem Absatz stopfte sie es durch das gusseiserne Rost. Sie musste an Ferdi, der erstarrt war, vorübergehen, wenn sie zu ihrem Ausgangspunkt, dem Caf’, zurückkehren wollte. Sie hatte erkannt, dass Ferdi nicht gewalttätig war, denn sie kam langsam auf ihn zu, blieb dicht vor ihm stehen, warf die Zigarette halb geraucht fort, und sah ihn an wie eine technische Vorrichtung, deren Funktionsweise sie nicht durchschaute. Dann griff sie seine Hand und drückte sie von oben auf ihre Brust.
‘Du bist ein komischer Kerl’, sagte sie, löste sich und ging an ihm vorüber die Straße hinunter, langsam, wiegend, mit dem Täschchen schlenkernd. Taxi frei.

Als Ferdi aufwachte und begriff, rief er ihr nach:
‘Kommen Sie mit mir, wir bleiben heute zusammen.’
Tatsächlich blieb sie stehen und drehte sich zu ihm. Vorbei alles Wippende. Sie stand wie im Regen und ließ die Tasche baumeln. Ferdi musste einen Augenblick annehmen, er hätte sie überredet. Sie schüttelte aber den Kopf, so leicht, dass er an ein nervöses Zucken seiner Augäpfel glaubte. Da hatte sie ihm schon wieder den Rücken gekehrt und mit jedem Schritt vorwärts versetzte sie die Kugel ihres Unterleibs in Schwingung. Er sah noch, wie sie auf die Fahrbahn auswich, weil jemand aus dem Pulk streunender Männer sie fassen wollte. Sie schlenkerte mit ihrer Tasche, einen Schlag andeutend oder weil sie sich mit einem Ruck ihres Armes aus dem zudringlichen Griff befreite. Ferdi dachte: Ich bring ihn um, wenn er ihr was tut. Er wandte sich auch in die Richtung, in die sie ging, hart an den Männern vorbei, die sich um ihn nicht kümmerten. Er behielt Thea im Auge, so als wäre es der Abschied von jemandem, den er lange kennt. Er stellte sich vor, dass auch sie alleine war.

Nach einer Wanderung über den Ring stand Ferdi wie zufällig, aber kaum unbeabsichtigt, wieder vor dem Caf’. Sein Herz raste. Umsonst bin ich nicht hierher gekommen, dachte er und versuchte, ein Schicksal für seinen Entschluss verantwortlich zu machen. Die Caf’bar war voll Menschen, soviel Frauen wie Männer, aber getrennt von einander, als verböte ein religiöses Gesetz das zwanglose Beisammensein. Ferdi hielt sich an die Bardame, die ihm fragend entgegenlächelte.
‘Ist Thea hier?’
Man merkte ihr an, dass sie unschlüssig war, wie sie seine Frage beantworten sollte.
‘Sie ist nach Hause gegangen.’
Er fragte nicht, wo Thea wohnt. Er wusste, dass die Bardame es ihm nicht sagen würde.
‘Ich bin auch nicht ohne’, sagte eine Frau lustlos wie zu sich selbst.
‘Nein, sicher nicht’, flüsterte er und schaute sie flüchtig an. ‘Ich geh dann jetzt, guten Abend.’
‘Guten Abend’, sagte die Bardame, und dann: ‘Soll ich was ausrichten?’
‘Grüßen Sie Thea von mir.’
Er wollte das Caf’ verlassen, da rief die Dame:
‘Besuchen Sie uns wieder, Thea ist immer donnerstags da, an anderen Tagen manchmal auch.’

‘Vielleicht war es das’, sagte Eigenbrod zu mir, ‘dass er aufgefordert wurde wiederzukommen, der familiäre Umgangston, vielleicht auch, dass die Nutte seine Hand auf ihre Brust gelegt hat, als es nicht mehr nötig war, jedenfalls’, fügte er fast bedauernd hinzu, ‘wurde aus dem Selbstmord nichts.’
‘Du magst Duffenter nicht besonders.’
‘Nicht besonders? Ich hasse ihn.’
‘Was?’
‘Er war ein verdammter Streber – und doch ist er ein Versager geworden.’
‘Von wem redest du jetzt!’

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