Sehnsucht

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Der Busfahrer, der das Dorf Hochholz hinter sich gelassen hatte, den Neubau der Landwirtschaftsschule passierte und hier noch seine vorgeschriebene Route einhielt, gab auf der Kreuzung Gas. Statt nach links abzubiegen, zur Haltestelle bei der Chemischen Versuchsanstalt, fuhr er die Landstraße nach Vierwinden geradeaus. Er drückte auf das Pedal und beschleunigte. Er fuhr wie der Teufel. Die Schulkinder versammelten sich wortlos an der Fahrer-Schranke und schauten abwechselnd auf den Mann am Lenkrad, auf die Armaturen, wo Nadeln zitterten, und durch die Windschutzscheibe auf die Landstraße, die ihnen zwar fremd, aber mit ihren wehenden Birken auch schön vor kam. Noch vertrauten sie dem Fahrer. Die Erwachsenen, die stumm über den Wagen verteilt saßen, fanden sich zum Gespräch. Jemand rief von hinten, ob etwas vorgefallen sei, eine Umleitung die Fahrt aufhalte (als ob die Fahrt nicht schon schnell genug wäre), bis sich ein älterer Herr nach vorne schob, den Fahrer auf die ungewohnte Route ansprach und erklärte, dass er pünktlich zu einer nach dem Fahrplan vereinbarten Zeit im Labor sein müsse. Der Fahrer reagierte darauf nicht. Seine Augen schimmerten gläsern. Der Mund war zu einem Lächeln verzogen, das sich dem übrigen Gesicht nicht mitteilte und daher sardonisch wirkte. Durch die Unruhe der Erwachsenen angesteckt, bettelten die Kinder den Fahrer an, er solle halten und sie aussteigen lassen. Weil er aber nichts unternahm, zerrte ihn ein Mädchen am Uniform-Ärmel und maunzte, halb bittend, halb fordernd. Der Arm des Fahrers stieß nach hinten wie aus einer Halterung gerastet. Das Kind fiel in den Gang. Der ältere Herr nestelte an seinem Mantel, griff in das Innere und zog einen Ausweis hervor, der ihn als Beamten des Verteidigungsministeriums ausweisen sollte.
„Halten Sie sofort an. Anhalten! Sehen Sie hierhin, das wird Sie zur Vernunft bringen. Ich will auf der Stelle aussteigen. Ich werde hier von Bekannten erwartet. Halten Sie, meine Frau holt mich ab.“
Die Stimme überschlug sich. Der Fahrer drehte sich um und bleckte die Zähne. Der ältere Herr wich zurück.
„Mein Gott, der ist verrückt geworden!“ Er wandte sich an die übrigen Fahrgäste, die verstummt waren.
„Er ist verrückt geworden!“
Nun flehte er den Fahrer an:
„Halten Sie bitte. Halten Sie, wir wollen bitte alle hier aussteigen. Die Kinder müssen nach Hause. Ich werde abgeholt. Ich möchte Sie höflich bitten, jetzt anzuhalten.“
Der Fahrer beschleunigte auf gerader Strecke.
„Wie Sie wollen“, schrie er und sprang vom Sitz auf. Er klammerte sich an eine Haltestange und fing an zu lachen.
„Festhalten! Wir durchstoßen die Mauer!“
Er kreischte. Die Kinder weinten. Die Frauen sammelten sie und bargen sie in ihren Armen. Einige warfen sich zu Boden.

Der Bus brach nach links aus, rumpelte über einen Parkplatz an der Gegenfahrbahn und schürfte am Stamm einer Linde vorbei. Äste knickten, der Außenspiegel splitterte. Der Wagen durchbrach eine Hecke und rauschte durch ein Kornfeld gut zwanzig Meter, bevor er stehen blieb. Der Busfahrer stürzte auf das Armaturenbrett, sein Kopf schlug gegen die Scheibe. Die Wischer begannen, majestätisch gelassen ihre Bogen zu zeichnen. Der Motor lief leer. Zitternd ließ sich der Fahrer auf den Sitz fallen. Aufgeregt versuchte er einzukuppeln.
„Nein, nein, nein“ schrie der ältere Herr, der sich vom Boden aufgerafft hatte.
„Nein, nein, alles aussteigen!“
Die Frauen drängten sich an den Schwingtüren. Der Fahrer drückte den Kopf, der bestimmt war, den Türmechanismus auszulösen. Die Türen blockierten. Jetzt Panik. Die Fahrgäste wandten sich gegen den Fahrer.
„Schwein, mach sofort auf!“
Sie schlugen ihn und schrien:
„Aufmachen, aufmachen!“ Sie hielten erst inne, als es von außen an die Scheiben klopfte. Zwei Autos hatten auf der Straße angehalten, die Insassen waren zum Bus gelaufen. Der Kontakt zur Außenwelt und die Aussicht, dass bald die Polizei kommen würde, beruhigte die Leute im Bus. Durch die geöffneten Oberlichter wurden Informationen ausgetauscht: Bleiben Sie in der Nähe. Ich warte hier, mein Mann alarmiert die Polizei. Holen Sie einen Arzt. Der Fahrer ist durchgedreht, die Kinder haben Angst, dem alten Herrn geht es auch nicht gut. Beruhigen Sie sich, wir haben einen Verbandskasten im Auto.

Die Wischer radierten über die Scheibe. Der Fahrer flüsterte:
„Ich weiß nicht, wie das gekommen ist, die Bremsen haben versagt. Die Leute hätten mich nicht schlagen dürfen. Ich bin auch ein Beamter. Ich bin eine Person. Ich bin kriegsverletzt.“
Der ältere Herr aus dem Verteidigungsministerium rang nach Luft.
„ICH, ICH“, er stocherte mit dem Finger gegen seine Brust, „ICH bin kriegsverletzt, ich könnte Ihnen einiges erzählen, aber Sie, Sie waren ja nicht an der Front. Als ICH die Kastanien aus dem Feuer holte, wo waren Sie denn da? Am Rockzipfel Ihrer Frau Mutter! Sie können mir gar nichts erzählen. Mir nicht! Sie sind einfach verrückt. Verrückt!“
Eine junge Frau bemühte sich um den Fahrer, der aus einer Schnittwunde blutete. Sie tupfte ihm das Gesicht ab.
„Ich bin wirklich kriegsverletzt“, sagte er, „ich bin als Kind verschüttet worden. Luftmine. Die Luftminen kamen immer vor den Brandbomben. Das musste so sein. Die Waschmaschine hat mir das Leben gerettet. Ich habe Kalk gefressen, ja auch Ziegelmehl. Und die Bremsen haben versagt. SIE können es bezeugen.“
Die Frau nickte.
„Sie müssen jetzt ganz ruhig sein und abwarten. Wir alle haben Glück gehabt.“

Später bei der polizeilichen Vernehmung, als man ihm zum vierten Male vorhielt, an den Bremsen könne es nicht gelegen haben, gab er sinngemäß zu Protokoll: Ich wurde verlockt durch den Blick in die Weite, über der weiße und schwarze Wolkenbretter flogen und das Land darunter mit wechselndem Licht versorgten, vom Höhenrausch erfasst, von dem Gefühl besessen, mich über die Straße entlang den Birken in die Tiefe zu stürzen, in die Täler unter mir, von meinem hohen Fahrersitz aus, den Himmel greifbar nahe, auch verführt durch die seit meiner Kindheit vertrauten Begrenzungspfähle, mit den Katzenaugen darin. Sie funkelten, als hätte jemand Fernes sie angeknipst, um mich weiter weg und zu sich zu locken in das Licht und in den Sturm, in das Räderwerk der Sterne.

Ob er sich denn nach dem Tod gesehnt habe, danach, dass Gott ihn vielleicht zu sich holt? Nein, nach dem Tod habe er sich nicht gesehnt, nach Gott eigentlich auch nicht, aber nach etwas Unbestimmtem, nach einem Durchbruch, einem Loch, einem Loch im Himmel, wie bei dem Mann auf der bekannten Xylografie, der seinen Kopf durch die Himmelssphäre steckt, um in das Unermessliche zu schauen. Es muss die Sehnsucht gewesen sein.
„Also nicht die Bremsen?“
„Es war die Sehnsucht.“

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