Der Schüchterne

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Ihm fiel eine Frau mittlerer Größe auf. Dabei war sie eigentlich unauffällig. Schulterlanges Haar, rundliches Gesicht, die Augenfarbe aus der Ferne nicht zu bestimmen, fadenscheiniger Mantel, beige, Schuhe mit Blockabsätzen. Schwer zu erklären, warum er die Dame mit seinen Blicken umgarnte. Sie hielt eine Zigarette. Der Wind sauste über die Gleise und zwängte sich in die überdachte Station wie in ein Rohr. Als die Frau in die Richtung sah, aus der die Tram kommen sollte, glaubte er, sie sähe ihn an. Er wurde verlegen, drehte sich um und beschränkte sich darauf, die Bahn mit den Augen herbeizusehnen.

Der Mann, nicht gerade ein Herr, schaute über die Schulter zu der unauffälligen Frau. Die Blicke trafen sich wieder. Die Zigarette glomm auf. Er stolzierte der Straßenbahn entgegen, aber nur, um Mut zu sammeln, den er mit jedem Schritt in sein Gemüt pumpte. Die Kehrtwende gelang ihm elegant. Er richtete seine Bewegungen danach, was die Dame davon halten mochte, wenn sie ihn beobachtete, und die Chance, dass sie ihn sah (wenn auch nicht beobachtete) war groß, weil auch sie versuchte, so schien es, mit Traktor-Strahlen die Bahn heranzuziehen. Noch eine halbe Stunde bis Ladenschluss. Nach der Kehre schritt der Mann, der kein Herr war, nachdenklich aussehend, mit gesenktem Kopf, auf die Frau zu und blieb in ihrer Nähe stehen. Aus den Augenwinkeln heraus sah er die Glut ihrer Zigarette. Sein neuer Standort war nicht mehr verdächtig, weil sich die Haltestelle gefüllt hatte. Die Bahn verspätete sich, das war normal. Die Frau warf den Stummel auf die Schottersteine. Er schaute kurz zu ihr hin, und sie zu ihm. Er drehte seinen Kopf, so dass sich ihre Blicke parallel auf die drei Lichtpunkte richteten, an denen man bei regnerischem Wetter Straßenbahnen erkennt. Das gleichschenkelige Dreieck der Signallampen stand still hinter einer Ampel. Ihr Widerschein fiel auf die Autos, die vor dem Zug die Gleise überquerten.

Endlich fuhr die Bahn ein. Sie hielt so, dass er sich aussuchen konnte, bequem in den ersten oder zweiten Wagen zu steigen. Der Mann und die Frau wären beinahe zusammengeprallt, er auf dem Weg nach vorn, sie nach hinten. „Pardon“ murmelte er und beeilte sich, ihr andeutungsweise die Tür offenzuhalten, die erfahrungsgemäß schnell schließt und einmal geschlossen auf derselben Station nicht wieder aufspringt. Der Mann fand einen Platz am Gang. Die Frau, die voraus gegangen war, kehrte um und ließ sich in derselben Reihe am Fenster nieder, ihm schräg gegenüber. Er fand, dass fast alle Plätze vor ihm besetzt waren und dass es für sie kaum eine andere Gelegenheit gab, sich niederzulassen. Als ob es nicht gleichgültig wäre, wo die Frau sitzt oder steht! Er nahm sich vor, sie nicht weiter zu beachten und sich so zu geben wie das ganze Jahr über, wenn er mit fremden Menschen denselben Wagen teilt, abgeschlossen, gleichgültig und sich nur ein Lächeln abringend, wenn Kinder oder Hunde mitfahren.

Er zog sein Buch aus der Tasche. Er traf, ohne sein Gedächtnis zu bemühen, traumsicher die Stelle, wo er aufgehört hatte und mit dem Lesen neu ansetzen musste. Jemand suchte eine Sitzgelegenheit. Deshalb rückte der Mann, der kein Herr war, zum Fenster, dabei berührte er die Knie der unauffälligen Frau. Er merkte, dass er rot wurde, verschloss sein Gesicht und unterdrückte den Wunsch, sich zu entschuldigen, denn die Berührung war kein Versuch der Kontaktaufnahme, den sie durch ihr dem Fenster zugewandtes Gesicht abgelehnt hätte. Vorsichtig blickte er in die Scheibe und konnte in der Spiegelung zwei Sekunden lang ihr Gesicht studieren, das die Straße absuchte, als müsste ihr dort jemand erscheinen. Er kam nicht zum Lesen, er verlor den Sinnzusammenhang des Textes. Über den Buchrand schimmerten die Knie. Ausdünstungen aus Parfum umwölkten ihn. Er tat lesend und fragte sich, warum gerade diese Frau unter vielen anderen, denen er gegenüber gesessen hatte, eine so irritierende Macht ausübte. Seine Mundwinkel nässten. Er fuhr mit dem Handrücken darüber und fing an zu zittern. Jetzt wollte er herausfinden, woran er war. Darum blickte er in ihr Gesicht, etliche Sekunden, eine Zeit, die alle Regeln unter Primaten missachtet. Dann war seine Zeit verbraucht und er musste seinen Blick einrollen, um nicht unverschämt zu wirken. Er dachte, Lesen vortäuschend, dass ihr Gesicht nicht einmal schön war, aber von einem Zauber, der sich nur teilweise aus ihrer schimmernden Anwesenheit erklären ließ. Von wegen unauffällig! Er musste das Buch fest greifen, damit die Blätter nicht raschelten.

Er war froh und bedauerte es zugleich, als die Haltestelle ausgerufen wurde, wo er aussteigen musste. Er klappte das Buch zusammen und stopfte es in die Tasche. Die Bahn verlangsamte ihre Fahrt. Die Lichter der Haltestelle brachen sich in den Tropfen an der Scheibe. Während er die Brille ins Etuie stieß, fiel sein Kugelschreiber, den er während des Lesens zwischen den Fingern gehalten hatte, auf den Boden, so dass die Frau ihre Beine zurückzog. Er bückte sich und tauchte hinab zu ihrem Rocksaum. Sie duldete es ohne abzurücken. Beim Greifen stieß er ungeschickt den Kugelschreiber weiter unter den Sitz, wo er unmöglich in der Zeit bis zum Stillstand der Bahn nachforschen konnte. Also verzichtete er auf das Utensil und erhob sich, von einer Röte überzogen, die man der Anstrengung des Bückens zuschreiben mochte, und blickte sie an. Eine so zarte Andeutung von Lächeln glaubte er nie zuvor gesehen zu haben. Es gelang ihm, auszusteigen und dabei nicht zurückzuschauen.

Diese Frau hatte ihn irritiert, ja er fühlte sich verletzt, ohne sagen zu können wodurch, denn sie hatte nichts Verletzendes unternommen. Wenn das eine Art Liebe auf den ersten Blick gewesen sein sollte, dann eine ärgerliche! Er ärgerte sich über die Hilflosigkeit, mit der er den Launen seines Körpers ausgesetzt war. Sein Gesicht brannte. Ein letztes Mal strich er mit dem Handrücken über Backe und Mundwinkel, um wenigstens symbolisch Spuren der Erregung zu beseitigen. Aber er zitterte noch, als er die Station verließ, und konnte lange nicht das fiebrige Schütteln unterdrücken. Er biss die Zähne aufeinander. Er hätte jetzt mit niemandem reden wollen. Er wäre unfähig gewesen, eine Auskunft zu geben. Kein besonders schönes Gesicht, sagte er sich, aber er hätte auf der Stelle mit der unauffälligen Frau geschlafen, ach was schlafen! HINEINSTOSSEN. Dabei hatte er nichts Bestimmtes von ihr gesehen, außer dem Gesicht und den seidenumflorten Knien und aus den Augenhöhlen ein Funkeln, an das er sich zu erinnern glaubte (wozu ihn vermutlich die Zigarettenglut verleitet hatte). Er löste sich allmählich aus der Verkrampfung und erreichte den Markt gerade rechtzeitig. Die Händlerin packte ihm die letzten Trauben in eine Plastiktüte, mehr als er kaufen wollte.

Jemand tippte dem Mann, der kein Herr war, von hinten auf die Schulter. Er drehte sich um. Dann verharrte er sprachlos und starrte in das Gesicht der unauffälligen Frau.
„Ich will den Stift zurückgeben, den Sie in der Straßenbahn verloren haben“, sagte sie.
„Straßenbahn?“
„Ja“, und sie zeigte in die ungefähre Richtung der Haltestelle, als müsste sie ihm das Wort einer fremden Sprache erklären.
„Erkennen Sie mich nicht? Olschewsky mit Ypsilon aus der fünften Klasse.“
„Olschewsky! Olga?“
Sie nickte zur Bestätigung und sah ihn an, als wollte sie eine Krankheit ausforschen, die sich in seinen Augen verriete.
„Du warst damals in mich verliebt“, sagte sie, dabei stocherte ihr Blick in seinem. Sie lächelte. Und er:
„Das habe ich nie behauptet! Auch keiner Menschenseele gesagt!“ Nach einer Anwandlung von Tapferkeit fragte er, rauh und laut:
„Jetzt ist es wohl zu spät?“
„Ich fürchte. Die Cafés schließen immer als erstes. Schon eine halbe Stunde vor Schluss räumen die Mamsells die Stühle auf den Tisch. Vielleicht ein anderes Mal.“
Er blieb, den Kugelschreiber in der Hand, solange stehen, bis der Platzregen einsetzte. Da war sie schon im Rauschen verschwunden, in den Spiegelungen und in der Dunkelheit dahinter.

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