Die Fürstin von Wales

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Die Fürstin von Wales
(aus dem Tagebuch eines Maniaks, zum 10. Todestag von Diana Frances Spencer)

Die Fürstin von Wales starb in der Nacht zum 31. August 1997, im Alter von 36 Jahren, weil der Chauffeur sturzbesoffen das Auto, in dem sie saß, gegen einen Betonpfeiler lenkte. Die Paparazzi sollen schuld an Dianas Tod gewesen sein, weil sie das Auto auf Motorrädern verfolgt hatten. Das Vorurteil ist so tief in die öffentliche Meinung gegraben, dass es sich nicht mehr einebnen lässt (auch nicht durch die Feststellungen der Staatsanwaltschaft). Nun ereifern sich die Medien gegen sich selbst und prangern die Sensationslust an. Diana, eine schüchterne, verletzliche und durch die Umstände ihrer Scheidung verletzte Frau, wird zur Heiligen – eine Legende wie Marilyn Monroe (die im selben Alter starb).

Die Welt seufzt in Dimania. Der Platz vor dem Buckingham-Palast füllt sich mit Blumen. Ein Fünfjähriger legt einen Strauß zu den tausend anderen, senkt sein Köpfchen auf die Sprosse einer Absperrung und weint. Ein Punker trägt sein Blumenkissen, blütenbestickt mit der Aufschrift Diana, vor sich her. Ein Mann sagt: „Ich konnte sie nicht leiden, ich habe immer zu Charles gehalten, aber jetzt.“ Jetzt steht er verloren da, angesteckt durch die Trauer des Landes, den Arm voll Rosen. Zwei Greisinnen aus Althorp, dem Stammsitz der Spencers, erklären, Diana könne keinen besseren Platz auf der Welt finden als hier. Und ihre Bereitschaft, die tote Heilige aus dem Hause Spencer für den Rest ihres Lebens zu betütteln, steht ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben. Das Idol wird ihnen, obgleich gestorben, das Alter versüßen und ihnen Auserwähltheit stiften – auserwählt, nah dem Landgut zu leben, das die zerfetzte Hülle der Fürstin bergen wird. Nur der Hof schweigt. Der Hof ist in Balmoral.

Auch ich in Dimania. Rückblickend gestehe ich, dass ich der hypnotischen Wirkung der Vorgänge erlegen war, obwohl mich weder die Kronprinzessin noch der Hof jemals interessiert hatten, im Gegensatz zu Marilyn Monroe und dem Hause Kennedy. Aber damals, 1962 und 1963, war ich nicht so eingehüllt in ein kollektives Gefühl wie heute. Wenn ich danach suche, worin das Verdienst der Fürstin besteht, dann stoße ich auf ihr Talent, Menschen, denen sie begegnete, Wertschätzung zu zeigen. Kurz nach ihrer Verlobung streifte sie durch London, begleitet von einer Reporterin, die sie über die bevorstehende Heirat mit dem Thronfolger befragte. Lady Di hastete am Bordstein entlang (der Kameramann einige Meter vorneweg) und berührte versehentlich eine entgegenkommende Frau. Diana wandte sich sofort zu ihr und entschuldigte sich. Nur wenige Schritte weiter rief sie ihrer Begleiterin zu: „Be careful“ und wich lachend einem Laternenpfahl aus. Bezeichnend für diesen geringfügigen Auftritt ist zweierlei: Die Schüchternheit, die sich durch den gesenkten Blick verriet (wodurch sie Gefahr lief anzuecken) und ihre Freundlichkeit, die ganz natürlich wirkte (weil sie natürlich war). Damals hätte niemand gewagt, in diesem – wie soll ich sagen: Zauber – ihr größtes Kapital zu sehen, das sie gegen die Hofschranzen verteidigen würde und das glänzend genug war, um die verstaubte Monarchie zu überstrahlen.

Die Leute erkannten sich wieder, wenn Di und ihre Söhne Hamburger aßen. In solchen Augenblicken war sie eine schöne Verkörperung des Ideals der Gleichheit, anders als ihr Ex-Mann, der Kronprinz, der manschettenzupfend höfische Distanz herstellte (und doch den Fehler machte, seine sexuelle Schwachheit öffentlich zu diskutieren). „Sie hat sich nach Liebe gesehnt“, sagt jemand, „und nicht erkannt, dass die Welt sie liebt, das ist traurig.“ Ein Junge aus Kanada war einmal auf sie zugelaufen, hatte die Absperrung überwunden und ihr einen Kuss auf die Wange gedrückt, und anschließend hatte er fassungslos geweint und konnte sein Glück nicht fassen.

Sie ist die Johanna der Engländer, eine Trösterin, der Halt einsamer Menschen. Sie besaß eine durch ihre Stellung emporgehobene, daher weithin sichtbare Gabe, Mitgefühl auf sich zu ziehen und weiterzugeben. Dabei half ihr die Schüchternheit und der erfolgreiche Kampf dagegen im Dienst einer philanthropischen Aufgabe: Sie kümmerte sich um Süchtige, Geschlagene, Kriegsopfer und Ausgestoßene – eine Schirmherrin. Sie reichte Aidskranken die Hand, besuchte Lepra-Spitäler und die Slums von Kalkutta, sie ging in Bosnien durch Minenfelder – und immer waren Fotografen dabei. Sie war die meistfotografierte Frau. Die berühmteste Fotografie zeigt sie mit einem krebskranken Kind aus Pakistan. Sie drückt es an sich und hält die Augen geschlossen. Beide leben nun weiter in diesem intimen Bild. Ihre Hilfe für Ausgegrenzte war real, hatte sie jedoch nichts gekostet – es sei denn, man rechnet ihr die eigenen schlechten Erfahrungen, aus denen sie Verständnis für andere schöpfte, als Opfer an (und was sollte dagegen sprechen). Aber ihr Zauber hätte nichts gegolten, wenn nicht Abstammung und früher Tod als Mitgift dazugekommen wären. An Charakter und Glanz muss das Verhängnis herantreten, dann entsteht ein Shakespearesches Märchen.

Die Eigenschaft, wahr oder nicht wahr zu sein, kommt nur Aussagen zu, weder der Natur noch der Weltgeschichte, auch keinem Menschen. Deshalb wäre es falsch, von einer wahren Diana zu sprechen – außer wir verstehen ihr Leben, wie es uns erscheint, als einen Text, in den wir ein Verlangen und ein Bekenntnis hineingelegt haben, den Mitmenschen verborgen, aber für uns eine Aussage. Wer wollte dann behaupten, es gebe keine wahre Diana?

Die wirkliche Diana bewirkt, dass Tausende die Straße säumen, dass sie aufweinen und Segenswünsche hinausschreien. Wenn ´wirklich´ etwas Vernünftiges bedeutet, dann: dass sie alles das bewirkt, was Skeptiker für einen kollektiven Traum halten. Ob eine Diana ´an sich´ existiert, eine Frau, die sich aus einer objektiven Biografie heraus beschreiben ließe, z.B. aus ihrer unglücklichen Kindheit, ihrem mangelhaften schulischen Erfolg, der Scheidung, ihrer Bulimie, den halbherzigen Suizidversuchen, ihren Affären und ihrer Gabe, Menschen zu berühren, sei es durch Hände oder durch Bilder, ob also eine ´wesentliche´ Diana existiert jenseits der Übereinkunft von Millionen, im Tod der Fürstin einen Verlust zu empfinden, und hinter der nahezu religiösen Kommunion in den Medien und auf den Straßen – das ist eine metaphysische Frage, die keiner überzeugend beantworten kann. Die wirkliche Diana jedenfalls versammelt Filmstars, Popgrößen und Politiker in der Krönungskirche des Reiches, der Grabeskirche Händels und Newtons. Das ist die wirkliche Diana – und die wesentliche kennt jeder nur für sich.

Wenn heute, am 6. September, Tausende am Weg stehen, dann ehrt jeder das Bild, das ihn mit der Fürstin verbindet, das ihm selber gehört, an dem sie aber teilhat. Es sind Tausende Bilder, die alle dieselbe Wirkung hervorrufen, den Zusammenklang der Gefühle: Die Menschen, die den Prozessionsweg säumen, umarmen sich und lassen sich gemeinsam überwältigen. Sie weinen oder es schnürt ihnen die Kehle zu, als der Sarg, in ein königliches Banner gewickelt, auf der Lafette an ihnen vorüberrollt, umgeben von den Soldaten, deren Oberste sie war, den Soldaten der Welsh Guards, die kerzengerade unter den Bärenfellmützen, mit verhaltenen kurzen Schritten die Leiche ihrer Chefin zur Westminster Abbey geleiten. Die Glocke schlägt jede Minute.

Angenommen, die Königin wäre nicht vor ihrem Palast stehengeblieben, sondern hinter dem Sarg die Mall hinuntergewankt, eine zerknirschte Frau, sie hätte die Sekretion aller Berichterstatter zum Orgasmus gesteigert. Die Stimmen der Reporter hätten sich überschlagen, die Zuschauer zur Raserei getrieben. Die Königin hätte die Menschen in große widerstreitende Gefühle gestürzt, in einen Malstrom gespült. Sie hätte ihre Monarchie erneuert. Angenommen, der Kronprinz hätte auf die Rede des Earls of Spencer geantwortet und das Leben Dianas, den erfüllten Teil ihres Lebens, zum Vorbild für die Monarchie erklärt, er hätte mit einem Schlag den Earl niedergestreckt (als hätte er ihn im Tower enthauptet) und seinem Königtum den Weg ins nächste Jahrhundert gewiesen (dann wäre es gleichgültig geworden, ob ihm jemals die Krone aufgedrückt wird). Aber die Königin hat sich nicht bewegt, der Kronprinz nicht gesprochen. Das Haus Spencer triumphiert über das Haus Windsor. In Westminster Abbey erklingt das Marilyn gewidmete Lied „Goodbye, Norma Jean“ in der adaptierten Fassung: Goodbye, Englands Rose.

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