Was bleibt, stiften die Dichter

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Bevor das Garagentor quietscht und der Motor zündet, bevor die Putzfrau im Takt der Schuhe durch die Straße klappert, fliegt die Krähe voraus, wenn hinter Atmen und Uhrticken die Stille herabhängt. Da hinein schreit sie ihre Befehle, aus eigener Machtvollkommenheit Gouverneur der Traumprovinz zwischen den abblätternden Karyatiden der Altstadt.

Brosheims erster freie Tag. Er hatte sich vorgenommen, früh aufzustehen, war aber zurückgesunken und schlief bis neun. Die Urlaubserwartung würde bald der Enttäuschung weichen. Was anfangen mit einem Morgen, der vorüberweht, bevor man einen Plan geschmiedet hat? Auf dem Weg durch den Luisenpark zur Bäckerei sah er, wie eine Krähe über das Grün stolzierte. Er blieb stehen. Die Krähe zuckte. Sie äugte. Er ging weiter. Sie hüpfte in zwei Kängurusprüngen, wartete und äugte wieder, um seine Absicht zu ergründen. Was haben die Dichter nur mit ihren Nachtigallen! Krähen sind intelligent und schön (zugegeben, ihr Weckruf ist kein Gesang).

Ein Biker stellte seine Maschine vor das Stehcafé und ging (ich bin John Wayne) in den Laden. Auf dem Tank klebte das Bild einer nackten Frau. Während der Fahrt beugt sich der Biker über sie und gibt Gummi? Brosheim folgte ihm. Er war Stammgast und wurde prompt bedient. Statt Entschlüsse zu fassen, beobachtete er den Kradfahrer, der während des Frühstücks seine Maschine mit der Frau nicht aus den Augen ließ.
„Ist das Ihre Freundin?“ fragte Brosheim.
Der Angesprochene schüttelte den Kopf.
„Wer ist sie denn?“
Der Fahrer zuckte die Achseln.

Ein Junge, vielleicht zehn, betrat die Bäckerei. Er wollte ein Käsebrötchen haben und legte Münzen auf die Theke. Er wurde belehrt:
„Für 30 Cent kann man hier gar nichts kaufen!“
Er bewegte sich unschlüssig rückwärts, wie ein Schiff von der Pier ablegt. Er drehte sich langsam und hob den Kopf, als suchte er jemanden auf der Straße, seine Mutter oder einen Freund. Dann murmelte er vernehmlich:
„Warum machen sie es einem immer so schwer.“
„Geben Sie ihm, was er möchte, ich zahle“, rief Brosheim.
„Ist das Ihr Sohn?“ feixte der Motorradfahrer.
„Nein.“
„Wer ist er denn?“
Der Junge schlug das Geschenk aus und verließ den Laden. Brosheim dachte, der Tag fängt beschissen an, nicht nur für den Kleinen, dem noch viele Enttäuschungen bevorstehen. Am besten ich verkrieche mich zwischen den Büchern des neu eröffneten Antiquariats über der Passage, obwohl die besserwisserischen Buchhändler, diese verkanntesten Genies, die es neben Apothekern gibt, einem auch auf die Nerven fallen können.

Er kletterte in den ersten Stock und stieß die Tür auf. Sein Blick fiel auf ein Bild, zwei Meter mal ein Meter, eine süßlich-klassizistische Darstellung des Achilles auf einem Streitwagen, den zwei Rappen ziehen. Achill hält den Topfhelm seines Feindes in die Höhe, eine Geste des Triumphes über Hektor, dessen Leiche, im aufwirbelnden Staub, hinter der Karre schleift. Der Maler hat den Kopf des ersten Pferdes nach hinten gebogen, als scheute es vor einer Maus, und den Kopf des zweiten nach unten gestreckt. Dem Gespann folgt ein Krieger, der im Laufen zu stürzen scheint. Mit seiner Linken streckt er den Rundschild weit nach vorn, als wäre der Hoplon ein Propeller und als wollte sich der Mann in die Waagerechte werfen, um dem erlegten Hektor hinterherzufliegen. Im Hintergrund steht ein dunkelhäutiger Krieger, der verächtlich auf die Szene blickt, vielleicht ein lykischer Held im Dienst des Priamus. Die Mauern Trojas wirken wie ein Gartenmäuerchen, weil die perspektivische Verkleinerung misslungen ist.

Unter einem eingeschalteten, aber stummen Fernseher saß, neben einer Gipsgöttin, der Antiquar. Er tat nichts. Er dachte wahrscheinlich nicht einmal. Er gab sich nur der Stimmung hin und ruhte im Warmbad seiner Gefühle, fast wie ein Selbstmörder, der sich die Pulsadern geöffnet hat und hinüberdämmert.
„Gefällt Ihnen das Bild?“ fragte er darum unerwartet, nicht wie jemand, der aus dem Halbschlaf hochschreckt. Er gab sich die Antwort selbst:
„Es stammt aus dem Nachlass eines Professors. Ich habe seinen Buchbestand gekauft, und die Witwe hat mir das Bild als Zugabe draufgelegt, gewissermaßen hinterhergeschmissen. Es ist wirklich schlecht gemalt, aber es gefällt mir.“
Er hievte sich aus dem Stuhl und trat neben Brosheim, zu dem er aufblicken musste. Er schaute froschäugig. Auf den Froschaugen das Blau, das eine Jugendlichkeit vortäuschte, die von den gelben Haaren des Schläfenkranzes entschieden geleugnet wurde (so hätte Cäsar schließlich ausgesehen, wenn er an dem Schicksalstag nicht zum Kapitol gegangen wäre).

Der Antiquar wartete auf keine Äußerung seines neuen Kunden, sondern sprach weiter:
„Mit Homer fing doch alles an. Das gilt zwar nicht für Chinesen und Inder, aber für uns. Und darum hängt das Bild gegenüber dem Eingang. Früher gab es in jedem Professorenhaushalt mehrere Homer-Ausgaben. Und heute? Keine Prachtbände mehr. Käufer kommen selten zu mir. Ich verkaufe fast nur noch über das Internet. Ich nehme an, dass Sie mir etwas anbieten wollen. Die Lesering-Sammlung Ihrer lieben Eltern?“
„Ich bin auf der Suche nach der verloren Zeit.“
„Da sind Sie ja richtig bei mir. Schauen Sie sich um. Das ist die Vergangenheit. So sieht sie aus. Aber wenn Sie tatsächlich Proust meinen, was ich kaum zu hoffen wage, dann muss ich Sie enttäuschen. Ja, wären Sie vor zwei Jahren zu mir nach Steglitz gekommen! Da hätte ich Ihnen eine gebundene Gesamtausgabe für 200 Euro offeriert. Haben Sie es mal in einer richtigen Buchhandlung versucht?“
„Nichts zu machen. Vergriffen. Ich liege mit meiner Freundin überquer. Sie hat mir eine Paperbackausgabe geliehen, nur geliehen, aber ich habe trotzdem Sätze unterstrichen und Bemerkungen an den Rand geschrieben. Jetzt ist sie sauer und möchte einen jungfräulichen Proust zurückhaben, jedenfalls einen ohne meine Kommentare.“
„Das kann ich verstehen. Es ist gefährlich, etwas in Bücher zu schreiben. Mir ist nämlich zu Hause Folgendes passiert: Ich lese so vor mich hin, da stolpere ich beim Umblättern über eine Anmerkung am Rand. Nanu, denke ich, habe ich das Buch im Antiquariat gekauft? Bei näherem Hinsehen entdecke ich, dass es meine eigene Handschrift ist! Sie können sich meinen Schrecken vorstellen. Als wenn ich mich selbst auf der Schloßstraße träfe, als käme ich mir persönlich auf dem Bürgersteig entgegen, zöge vor mir den Hut und grüßte mich selber! Das ist eine gewöhnungsbedürftige Erfahrung. Erst gestern morgen noch spreche ich einen Herrn, der mir erzählt, er sei Pensionär und komme sich vor, als lebte er nicht selbst, sondern würde von einem anderen gelebt, als säße er in einem 3D-Film mit allen Schikanen, Dolby und Technicolor. Ja, frage ich ihn, gefällt Ihnen der Film, ist er sein Geld wert? Der Mann antwortet: Nein, denn gut müsste anders sein, schön ist er eigentlich auch nicht, aber sehr realistisch. Er sagt: Der Film ist NICHT besonders gut, aber SEHR realistisch! Auf jeden Fall, meint er, sehe ich ihn mir an, bis die Leinwand schwarz wird, bis zum bitteren Ende. So einer war das. Also, mit Proust kann ich leider nicht dienen. Seit der Wende gibt es aber viel Hegel und Marx. Und Lenin, den können Sie bei mir kiloweise kaufen, auch die Beschlüsse des 20. Parteitages. Ich habe drei oder vier Honecker-Biografien. Sie machen ein Gesicht, als könnten Sie keinen Spaß vertragen! Ungefähr ein Jahr vor der Wende giftet mich ein Kunde an: Schämen Sie sich nicht? Dabei weist er auf Effi Briest. Ich sage: Was regen Sie sich auf, sie kostet doch nur zwei Mark. Sehen Sie her, schreit er, da steht Aufbau-Verlag, das Buch stammt aus der Zone! – Ja, es gibt viele Verrückte auf der Welt, und besonders in Deutschland.“
„Warum schauen Sie MICH dabei an? Auf Honecker verzichte ich. Bismarcks Gedanken und Churchills Weltkrieg habe ich bereits. Mir fehlen noch die Denkwürdigkeiten des Fürsten von Bülow.“
„Leider nicht vorrätig. Das wüsste ich sonst. Aber ich habe schon über zehn Schröder-Biografien im Angebot.“
„Jetzt treiben Sie Ihren Spaß etwas zu weit. Ich lasse mir nichts andrehen! Aber führen Sie vielleicht Lukas Bornheimer?“

„Moment mal“, sagte der Antiquar. Im Fortgehen neigte er sein Haupt, um sein Bedauern auszudrücken. Es hatte geklingelt, und da Telefonanrufer nach einer verbreiteten, aber nirgends geforderten (geschweige niedergelegten) Konvention Vorrang vor Anwesenden haben, folgte der Mann sofort dem Signal bis zu einem schwarz gebeizten Stuhl. Dort stand das Telefon auf drei Folianten. Brosheim blätterte gedankenlos in einer Geschichte der Philosophie und hörte den Mann am Telefon stöhnen:
„Ach Herrjeherrje und Jemine, am besten, SIE sagen mir, was sie anzubieten haben und dann schaun wir mal.“ Dabei blickte er ausdruckslos zu Brosheim herüber und rief:
„Da seh ich aber schwarz!“ Brosheim fühlte sich angesprochen und deutete auf sich. Der Antiquar schrie in die Muschel:
„Moment mal!“ Er legte seine Hand darüber und machte Neinneinnein zu Brosheim, dann drehte er ihm den Rücken und redete weiter:
„Da kann ich Ihnen wenig Hoffnung machen, die Aussicht, dass da was bei ist, konvergiert … wenn Sie unbedingt wollen, aber konvergiert gegen Null. Auf Ihr Risiko, verbieten kann ich es Ihnen nicht. Wir haben ein Überangebot. In der Nähe, nicht weit von hier? Schon im Auto, aha. Gut, mir soll es recht sein, kommen Sie nur, aber Hoffnung kann ich ihnen keine machen.“

Der Mann legte auf und fasste sich an die Stirn. So blieb er einen Augenblick erschöpft stehen.
„Buch ist nicht gleich Buch“, sagte er in Richtung Brosheim, „Libelli habent sua fata, auch Bücher haben einen Vater, ihre Autoren nämlich, und die wenigsten Autoren überleben im Gedächtnis der Menschen. Ich könnte Ihnen Namen nennen, die haben Sie noch nie gehört.“
Dabei machte er eine säende Geste. Brosheim musste an die Namen denken, die den Gebrüdern Grimm für Rumpelstilzchen eingefallen waren, und erlitt einen nur mühsam unterdrückten Lachkrampf, obwohl er keinen dieser Namen wörtlich wiedergeben könnte, allein er wusste, dass sie komisch sind. Er stellte sich vor, dass Autoren, die so heißen, in diesem Raum endgültig dem Vergessen anheimfallen.
„Ich hoffe nur, dass Sie kein Latein verstehen“, sagte der Mann, „sonst hätten Sie allerlei an mir auszusetzen.“ Brosheim fragte biestig:
„Was berechtigt Sie zu dieser Hoffnung?“
Der Antiquar winkte ab.
„Achja natürlich! Wer im Proust herumkritzelt, der glaubt auch, er dürfe dem Horaz Grammatikfehler anstreichen. Nun, was Ihren Lukas Born… angeht, da müssten Sie mir genaue Angaben machen.“
„Bornheimer, Lukas. Im Internet steht etwas über ihn. Er soll sinngemäß gesagt haben: Neunzig Prozent der Philosophie besteht aus dem Missbrauch der Sprache – und der bessere Rest klärt darüber auf. Sehen Sie mal hier!“
Brosheim hielt ihm das Buch, in dem er geblättert hatte, vor die Nase. Der Mann klemmte beidhändig die Bügel seiner Brille hinter die Ohren, dann schüttelte er das Gestell zurecht und rezitierte:
„Jede Perlation ist notwendig eine Juxtareperlation, obwohl nicht jede Juxtareperlation eine Perlation ist, und ebenso ist jede Reperlation eine Juxtaperlation. So ist auch jede Kontraperlation eine Extraperlation. – Ich würde Ihnen das Buch für ein Viertel des Preises überlassen!“

Brosheim brauchte auf das Angebot nicht einzugehen. Die Tür schlug auf. Zwei Frauen polterten herein, Mutter und Tochter. Sie schleppten einen Wäschekorb voll Bücher. Brosheim trat hinter einen Eichenschrank voller Prachtbände über die preußischen Kriege und lugte um die Ecke. Er wollte sich die anbahnende Kaufverhandlung nicht entgehen lassen und konnte gerade noch sehen, wie der Mann seine Hände zusammenschlug.
„Hab ich es nicht geahnt? Guten Tag, guten Tag.“ Er tippte auf die zuoberst liegenden Bände und nahm endlich einen zur Hand, ließ die Seiten unter seinem Daumen vorüberrauschen und sprach, während er abwechselnd beide Damen durch seine Brille anstarrte:
„Am besten auf den Sperrmüll, bei sonnigem Wetter.“
Die Frauen hielten die Augen niedergeschlagen, als wären sie beim Stehlen ertappt worden. Es gab einen Moment, da Brosheim glaubte, der Alte weise die Frauen an, sich bei gutem Wetter selbst zum Sperrmüll zu begeben, als Strafe für die Zumutung, einem belesenen Menschen solche Bücher anzubieten.
„Wenn es nicht regnet“, fuhr der Mann fort, „und die Bücher nicht unappetitlich werden, kommen die Leute und holen sie vielleicht. Wenn sie aber dafür zahlen sollen, und sei es nur 1 Groschen pro Band – ha! Westermanns Geografie für die Mittelstufe“, rief er und ließ das herausgegriffene Schulbuch aus einer beleidigenden Höhe in den Korb zurückfallen.
„Damit Sie nicht vergeblich hierher gekommen sind: Zehn Euro“. Seine Stimme verlor ihre Schneidigkeit. „Versuchen Sie es nicht woanders, ich kenne das Geschäft, es ist überall dasselbe, ihre Arme werden vom Tragen länger und länger und am Ende bleiben Sie auf Ihren Büchern sitzen. Ich weiß ja nicht einmal, ob Seiten herausgerissen sind.“ Der Antiquar beugte sich über den Korb und wühlte darin.
„John Knittel, Via Mala, jajaja, Cronin, natüürlich, Gwen Bristows Tiefer Süden, Gulbranssens Erbe von Björndal. Sigrid Undset, Pearl S. Buck, immerhin zwei Nobelfrauen. Götter, Gräber und Gelehrte – das wäre sicher mein hundertstes Exemplar! Ich sage Ihnen was: Fünfzehn Euro für Ihre Mühe.“ Der Antiquar richtete sich auf und stemmte seine Hände in die Nierengegend.

„Zwanzig“, rief Brosheim dazwischen, ohne vorher bei sich Rat eingeholt zu haben, spontan. Die Frauen wandten sich ihm zu. Er wiederholte sein Angebot. Der Antiquar hatte einen Augenblick sprachlos dagestanden. Dann aber:
„Herr, wenn Sie bitte die Güte hätten, Ihren eigenen Geschäften nicht in meinen Geschäftsräumen zu obliegen, sondern an einem anderen Ort Ihrer Wahl!“ Er wusch die Hände in der trockenen Luft und sah aus, als wollte er sich künstlich aufladen und dann Zornesfunken sprühen. Brosheim legte ihm das Buch, das er in der Hand gehalten hatte, auf den Tisch oder besser gesagt: auf die Hefte und Zeitschriften, die sich auf dem Tisch stapelten, und bat, ihm den Preis zu nennen. Der Antiquar griff das Buch und begann zu lachen.
„Hölderlin, Verlag Philipp Reclam. Aber das ist Reclam Leipzig! Schämen Sie sich nicht? Das Buch stammt aus der Zone!“ Er stellte sich auf die Zehen und flüsterte Brosheim ins Ohr:
„Ich schenke es Ihnen, weil Sie mir die Frauen und den Plunder vom Leibe halten.“

Brosheim verließ mit Mutter und Tochter das Antiquariat. Er und die Tochter schleppten den Korb die Treppe hinunter. Im Treppenhaus sagte er:
„Ich gebe Ihnen das Geld, aber behalten Sie die Bücher. Ich kann sie alleine nicht tragen. Stiften Sie den Korb für die Pfarr-Tombola. Die Bücher sind gar nicht schlecht. Sie haben es ja gehört, sogar zwei Nobelpreisträgerinnen unter den Autoren. Der Antiquar hat nur zu viel davon, er kriegt sie nicht verkauft.“
Sie trugen den Korb zum Auto, das im Halteverbot stand. Die Politesse hatte gerade den Scheibenwischer zurückschnellen lassen und fragte Brosheim, ob es ihm gehöre.
„Nein. Aber ich bleche sofort, wenn Sie uns noch eine Minute zum Einräumen geben.“
„Es ist verboten“, erwiderte sie. Er zahlte das Verwarnungsgeld. Die Tochter hielt ihr Kleid fest, damit der Saum beim Einsteigen nicht über den Bauch rutscht. Der Motor lief schon. Missmutig stand die Politesse daneben. Der Wagen fuhr ab.
„Sie glauben wohl, weil Sie lesen können, dürften Sie sich alles erlauben!“ Die Polizeiangestellte trat dicht an ihn heran, und Brosheim fragte sich, ob sie ihn schlagen würde. Wenn alles an ihr so schön wäre wie die Augen!
„Wie viel Uhr ist es jetzt bitte?“ fragte sie. Er sah auf die Normaluhr in der Passage und nannte die Zeit. Die Frau kontrollierte ihre Armbanduhr und nickte. „Demnächst parken Sie nicht mehr hier!“
Sie wandte sich zum Gehen. Brosheim sah ihr verblüfft hinterher, und es war ihm, als stiege plötzlich aus ihrem blauen Kragen rotglühende Hitze über den Hals bis zu den blonden Härchen, die sich nicht unter die Dienstkappe hatten zwingen lassen, so dass er fürchtete, sie würden im Nu zu weißer Asche verglimmen.

Ein Kommentar zu Was bleibt, stiften die Dichter

  1. Paola Reinhardt

    Jetzt weiß ich auch wie gefährlich Notizen am Rande einer Buchseite sind! Ich schäme mich fast, dass ich es Hermann Hesse in “Roßhalde” übel genommen habe, dass er das Wort “hübsch” für etwas gebraucht, das ich nicht “hübsch” nennen würde und es auch noch kundgetan habe. Aber es ist fast entschuldigt, weil ich den Sommerwiesenstrauß seiner Mutter so zauberhaft fand – auf die richtigen Gräser kommt es an, sagt Hesse. Ich kann mich nicht satt lesen. Die Zeit, die Zeit, und “Vom Winde verweht” und “Vor Rehen wird gewarnt” will heute kaum noch einer lesen, obwohl Scarlett die emanzipierteste Frau ihrer Zeit war. Ich könnte stundenlang in meinen alten Büchern lesen, blättern, mich an Zettelchen erfreuen. Manche verstehe ich heute kaum noch, andere haben den Zeitgeist überdauert. In meinem nächsten Leben werde ich Antiquar und lebe mit all den Büchern, die kaum noch einer will und verzichte gern auf “Moppel ich”.
    Danke für die wunderbare Geschichte.
    P.R.

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