Nur ein Witz
von Jürgen Jesinghaus (copyright)
Die Tagung stand unter dem Motto: ´Ist Outsourcing out?´ (mit dem Untertitel ´Is Outsourcing out?´ für anglophone Gäste). An ihr nahmen auch Beamte und Angestellte oberster Bundesbehörden teil. Der erste Redner war David L. Mulholland aus Belfast, Lehrbeauftragter der Universitäten London (UCL), Amsterdam (Vrije Universiteit) und Berlin (HU). Zur Verwunderung des Auditoriums begann er seine Rede auf Deutsch:
„Meine Dame, meine Herren. Sie wollen entschuldigen, dass ich schleckt spreche Ihre Sprache. Um zu testen, dass Sie mich können verstehen, ich will Ihnen erzählen einen Witz. Wenn Sie lacken zu fangen an, ich werde wissen, you got it. Wenn Sie dasitzen like this – hm, hmm, hmmm – ich werde wissen, mein Deutsch zu schleckt für die Pointe von welchem Witz. Well, fährt ein Taxi durch Crumlin Road, welches ist eine Straße in Belfast, Northern Ireland, wichtig zu wissen für die Verständnus, wenn der Fahrer von der Taxi er spürt eine Pressure in seine Nacken. ´Von welcher Konfessioun´, schreit der Mann hinten zu der Fahrer, welcher denkt bei sich: Ich sage Protestant, ist er ein Katholischer und pustet mich weg mit die Gun. Ich sage Katholischer, ist er ein Protestant und pustet mich weg likewise. Therefore, besser ich sage, ich bin ein Djude – und sagt so. Schreit dann der Mann mit die Gun: Well, ich happiest Palästinenser in Ulster! Sie lacken? Dann ich spreche Deutsch, weil Sie können verstehen alles und werde ich jetzt halten meine Deutsch-Rede über das wundervolle deutsche Begriff Outsourcing.“
Der Ministerialrat A., dessen Name hier keine Rolle spielt (und auch sonst nicht), erschien erst zur Kaffeepause, um das Tagungsgeld zu kassieren, und meinte, dass der wichtigste Teil einer Konferenz sowieso erst nach dem Mittagessen stattfinde. Er informierte sich über die Ereignisse des frühen Vormittags, deren wichtigstes Mulhollands Auftritt gewesen sein soll.
„Mulholland kenne ich“, sagte er, „der hat ein Buch geschrieben.“
„Kennen Sie alle Leute, die Bücher schreiben?“
„Ich kenne auch Leute wie Sie.“
„Er spricht Deutsch“, warf ein Dritter ein, „ungewöhnlich für einen Engländer.“
„Nein, ausgeschlossen, ein Engländer spricht kein Deutsch, auch in Deutschland nicht, am allerwenigsten englische Computerspezialisten.“
„Sie waren doch gar nicht dabei! Außerdem ist Mulholland ein Ire und kein Engländer. Er redet Deutsch so, dass man ihn versteht. Er hat die Geschichte von dem Taxifahrer in Belfast erzählt, den ein Gast mit der Pistole bedroht. Der Fahrer soll sagen, welcher Religion er anhängt, und denkt sich, wenn ich sage, dass ich ein Katholik bin, dann erschießt mich der Kerl, weil er ein protestantischer Terrorist von der Sorte ist, wie sie da oben herumlaufen.“
„ … und fahren“
„ … und fahren. Wenn ich aber sage, dass ich ein Protestant bin, dann erschießt er mich auch, weil ihn die IRA geschickt hat, also behaupte ich einfach, ich bin Jude, denkt der Fahrer und sagt, dass er Jude ist, also mosaischen Glaubens. Da freut sich der Gast im Fond und ruft: Ich bin der glücklichste Palästinenser in ganz Nord-Irland.“
„Er hätte doch sagen können, ich bin gottgläubig oder Atheist?“
„Das ist doch gar nicht der Punkt.“
„Der Witz ist witzig, weil er auf komische Weise den Nordirland-Konflikt und den Nahost …“
„Das ist doch wirklich nicht der Punkt, das ist zwar die Pointe, aber nicht der Punkt, auf den es ankommt.“
„Worauf kommt es denn Ihrer Meinung nach an, wenn Sie mir die Frage gestatten?“
„Es kommt darauf an, dass ein Engländer, ein Ire oder ein Schotte …“
„Das ist aber ein gewaltiger Unterschied!“
„Dass ein Alliierter, lassen Sie es mich so ausdrücken, …“
„Die Iren waren im zweiten Weltkrieg neutral!“
„Mein Gott, ist es zu fassen! Wir reden über NORD-Irland, haben Sie das noch nicht kapiert? Also gut: dass ein Nord-Ire vor einem deutschen Publikum einen Witz erzählt, in dem ein Jude mit dem Tode bedroht wird.“
„Der Taxifahrer war doch kein Jude.“
„Woher wollen Sie das denn wissen?“
„Er tat doch nur so, in Wirklichkeit war er Protestant.“
„ … oder Katholik.“
„Hier wird auf jeden Fall ein Christ bedroht.“
„Haben Sie schon einmal daran gedacht, dass Chaim Herzog in Belfast geboren wurde? Wenn der kein Jude ist, wer dann?“
„Das ist doch gar nicht der Punkt! Niemand bestreitet, dass es in Belfast zwei oder auch zwanzig, vielleicht sogar zweihundert Juden gibt!“
„Ja, wer sagt eigentlich, dass der Fahrer ein Christ zu sein hat? Vielleicht war er ein Muselmann, und der Witz besteht darin, dass ein PLO-Terrorist kurz davor steht, ohne es zu wissen, einem frommen Moslem das Licht auszublasen, womit bewiesen wäre, dass Gewalt zu nichts führt.“
„Zu nichts führt! Sie sehen doch, wohin Gewalt führt. Tatsache ist, dass vor einem deutschen Publikum, dazu vor Ministerialbeamten, ein Witz erzählt wird, in dem jemand nur deshalb umgebracht werden soll, weil man ihn für einen Juden HÄLT. Das können Sie doch gar nicht bestreiten.“
„Das glaube ich nicht.“
„Aber das habe ich mit eigenen Ohren gehört!“
„Ich glaube nicht, dass es eine Provokation war.“
„Mit so was können Sie Deutsche gar nicht mehr provozieren.“
„Die meisten haben gelacht.“
„Sie haben halt die Pointe verstanden.“
„Was für eine Pointe, bitte sagen Sie mir, was für eine Pointe!“
„Der Kollege hat es Ihnen doch gerade erklärt: IRA und PLO in einer witzigen Gegenüberstellung. Da ist doch nichts dabei!“
„Was für eine Pointe, frage ich noch einmal: Jemand will einen Menschen umlegen, weil er ihn für einen Juden hält, und Sie haben darüber gelacht. DAS ist für mich die Pointe!“
„Jetzt erlauben Sie mal! Ich lasse mir doch von Ihnen keinen Antisemitismus anhängen!“
„Worauf ich hinaus will, ist …“
„Sie wollen mir was anhängen!“
„Was ich sagen …“
„Können Sie sich denn nicht einigen, es war doch nur ein Witz.“
„Ein Brite …“
„Ein Ire, ein Nord-Ire“
„ … hat ein deutsches Auditorium getestet, und wir haben gelacht über einen billigen antisemitischen Effekt.“
„Antijüdischen, wenn schon, denn schon antijüdischen. PLO-Anhänger sind auch Semiten, wenn ich bitten darf.“
„Aber meine Herren, das führt alles zu weit. Das ist ein weites Feld, wie Fon …“
„Ach hören Sie doch auf! Vielleicht wollte Mulholland nur testen, ob wir uns von semiphoben oder semiphilen Komplexen befreit haben und über etwas lachen können, worüber jeder in Nord-Irland lachen würde.“
„Darüber lachen die Leute in Nord-Irland nicht!“
„Woher wollen Sie das denn wissen?“
„Der Witz ist geschmacklos.“
„Das sagen Sie mal gefälligst unserem verehrten Redner!“
„Ich habe nicht gesagt, dass der Redner geschmacklos ist.“
„Das hat auch keiner behauptet.“
„Ich behaupte, dass der Redner berechnend einen geschmacklosen Witz erzählt hat, und SIE sind darauf hereingefallen!“
„Ich für meine Person habe nicht gelacht.“
„Auf einmal wollen Sie nicht gelacht haben!“
„Weil ich den Witz schon kannte. Den kennt doch jedes Kind. Ich wette mit Ihnen, dass Mulholland den Witz in Frankreich genauso auf Französisch erzählt.“
„Jetzt mal eine Frage: Erzählt er den Witz auf Hebräisch auch in Israel?“
„Nein.“
„Nein?“
„In Tel Aviv kümmert man sich nicht um die IRA, weil man mit der PLO genug zu tun hat, mit der Fatah und der Hamas.“
„Die Hamas gehört aber nicht zur PLO!“
„Sie scheinen wohl alles ganz genau zu wissen! Aber darauf kommt es hier nicht an. Die Pointe ist schwerpunktmäßig der Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten.“
„Was sind SIE eigentlich?“
„Regierungsdirektor im Innern.“
„Ich meine, welche Konfession?“
„Ich bin ein Djude.“
„Machen Sie nur Ihre Witze!“
„Ich brauche mich meiner Konfession nicht zu schämen!“
„Dann erklären Sie uns mal das Chanukka-Fest!“
„Es ist das Fest der Armleuchter.“
„Meine Herren, meine Herren! Armleuchter muss ich mich nicht titulieren lassen!“
„Das ist doch typisch deutsch.“
„DAS hat noch gefehlt!“
„Das ist TYPISCH deutsch!“
„Gesamtdeutsch.“
„Hochdeutsch.“
„Sie sind ein typisch deutsches Arschloch!“
David L. Mulholland schlenderte herbei und rührte in einer Tasse.
„Hallo boys! Gefällt es Ihnen bei diese Veranstaltung oder wie Sie sagen würden: bei diese Event? Mein Witz ist very altmodisch, weil – Unionist Party und Sinn Féin machen jetzt eine gemeinsame Regierung in Ulster. Wissen Sie, Chaim Herzog hat mir den Witz erzählt, vor lange, lange Zeit. Und ich kenne keine andere Joke auf Ihre deutsche Sprache. Sorry.”
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