Edita, 2. Teil

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Zwei Meter vor Bébé, der den Geruch der aufgewirbelten Holzpartikel einsog, drehte sich das Ross, während es zur halben Höhe seiner vollen Größe stieg. Der Blick aus den schwarzen Äpfeln war fürchterlich. Der Affe hielt sich mühelos auf dem Pferderücken. Er krallte sich an der Mähne fest. Als der Direktor einen Befehl ausstieß, drehte sich der Affe erschrocken um. Während er sein trauriges Gesichtchen dem Clown zuwandte, versuchte er, sich auf die Hinterbeine zu stellen und die Mähne loszulassen. Bébé fiel das Atmen schwer. Er wandte seinen Kopf, als könnte er so den schwirrenden Spänen entgehen, die ihn wie Pfeile trafen. Sie flogen von allen Seiten auf ihn zu und zwangen ihn zum flachen Atmen. Er wünschte sich das Ende des Affenritts. Das Crescendo der Kassettenmusik kündete rechtzeitig das Finale an. Das Pferd Peter stampfte nach draußen, und höhnend spritzte es mit den Hufen die Späne gegen die Zurückgebliebenen. Bébé starrte mit brennenden Augen zum Sattelplatz. Er staunte und erschrak fast, als er Edita sah. Sie sorgte also auch für die Musik! Nicht genug, dass sie das Pony reiten musste.

Das Lächeln des Direktors gefror. Die Glieder des Mannes arbeiteten wie Maschinengestänge, unerbittlich nach einem Programm, zu dem Bébé seine Zustimmung nicht gegeben hatte. Dem Jungen wurde befohlen, die Hände auf die Knie zu stützen, sich hinabzubeugen und den Kopf geneigt zu halten. Er fühlte sich alleingelassen, umgeben von Menschen, die nur auf ihn starrten, das Opfer, mit dem etwas geschehen sollte. Der Direktor würde eine öffentliche Hinrichtung nicht wagen! Bébé blinzelte unter den Augenbrauen hervor. Da traf ihn ein Schlag von vorn. Benjamin erlebte das Erschrecken jemandes, der ungewarnt unter Wasser gedrückt wird, und fiel auf sein Gesäß – wie von einem pendelnden Sack getroffen. Er stemmte seine Hände auf die Holzspäne, die in die Haut schnitten, und stand auf. Das Publikum lachte vergnügt und klatschte. Der Affe bleckte die Zähne, keckerte und rannte auf seinen Hinterbeinen über die Strohballen. Hinter dem Direktor verharrte er händeklatschend. Brosheim dämmerte es, dass ihn der Affe zu Boden gerissen hatte.
„Liebe Kinder, Damen und Herren, der Junge wird jetzt dem bösen Tier abermals widerstehen, indem er sich ein zweites Mal nach vorne beugt, wenn mein Mädchen auf ihn springt. Bist du soweit?“
Der Direktor sah ihn streng an, als forderte er von Brosheim eine standhafte Leistung. Der Junge, der einen Tadel erwartete, beeilte sich, eine Stellung einzunehmen, in der er den Sprung des verhassten Tieres auffangen könnte, ohne hinzufallen. Jetzt, da er wusste, worum es ging, beobachtete er, wie der Affe von der Bande auf den Rücken des Direktors sprang. Ein barscher Befehl des Clowns übertrug sich auf das Tier. Es flog. Als die Augenbrauen die Sicht auf den fliegenden Affen versperrten, lehnte sich Brosheim verzweifelt nach vorn, um den Stoß des Aufsprungs auszugleichen. Er fiel auf die Hände. Der Affe hatte ihn nicht berührt. Er war über den Gebeugten hinweg gesprungen und hatte ihn wieder dem Lachen des Publikums preisgegeben. Bébé sprang wütend auf und rannte auf den Affen zu. Dann prallte er zurück und blieb beschämt stehen. Die Leute kreischten. Edita lachte. Er entschied sich glücklicherweise dafür, es für ein gutes Zeichen zu nehmen und nicht beleidigt zu sein. Er lächelte gequält, pflückte Holzreste aus seiner Hand und hob die geballten Fäuste hoch – wie ein Champ. Der Affe war über die Bande zurückgelaufen und hockte auf den Armen des Clowns. Benjamin ging nun, befreit durch das Klatschen, das er sich zuschrieb, auf seinen Platz zurück, ohne sich um den Clown und seine Pläne zu kümmern.

Der Clown verbeugte sich tief, als zöge ihn der Affe, der in seinen zu einem Korb geformten Armen hockte, zu Boden. Erst als das Tier aus den Armen sprang, zwischen den gespreizten Beinen des Direktors hindurchhuschte und darüber Lacher wie akustische Kleckse in der Dunkelheit hörbar wurden, schnellte der Direktor empor, von der Last befreit, puffte die Ärmel zurück und gab damit zu erkennen, dass ein Kraftakt bevorstünde. Während er die Piste abschritt, schaute er herausfordernd ins Publikum. Einen Moment sah es aus, als wollte er abermals die Dienste Brosheims beanspruchen, denn er verließ die Manege in der Nähe des Jungen, stolperte über die Strohballen und kletterte mit viel künstlichem Umstand über die Bänke zum Gaudi der Kinder, die Gelegenheit hatten, an ihm zu zupfen und nach seiner Hand zu greifen, als wäre er ein Wundertäter. So wie der Direktor wollten sie in diesem Augenblick sein – oder ihm wenigstens dienen, wie es der Junge vorhin getan hatte. Der Clownsdirektor erreichte endlich den Sattelplatz, schulterte einen zwei Meter hohen Eisenbock und ging auf dem kürzesten Weg zur Arena. Dort drückte er den Bock fest in die Späne und schwang sich mit einer Gewandtheit darüber, die ihm Bébé nicht zugetraut hätte. Der akrobatische Clown rannte zurück und schulterte den zweiten Bock. Nach einer Verbeugung und einem abermaligen Versuch, über seine Schuhe zu stolpern, einer kaum kaschierten List, den Auf- und Abbau von Requisiten als Teil eines immerwährenden Unterhaltungsprogramms auszugeben, schleppte der Direktor eine lange Stange auf den Platz. Er legte sie auf die beiden Böcke, deren Position er so lange korrigierte, bis die Stange wippend einrastete.

Edita trat auf. Sie hielt einen gelben Schirm. Gegen den Untergrund aus Holzspänen und im Licht der Scheinwerfer erschien er zart und durchsichtig, ein Zitronenfalter. Mit zwei schnellen Bewegungen hatte Edita einen Eisenbock erklommen und sicheren Halt auf ihm gefunden. Sie lächelte zerstreut und wartete untätig, bis der Clown, ihre bisherige Arbeit übernehmend, eine Kassette eingelegt hatte. Zur Musik, die aus den Lautsprechern dröhnte, begann sie, in sich gekehrt, über die Stange zu wandeln. Sie tastete sich auf Brosheim zu. Den Schirm hielt sie schräg über ihren Kopf. Beide Arme neigten sich in die Waagerechte, wenn sie ihren Fuß hob, um einen kurzen Schritt nach vorn zu tun. Überaus anmutig und von schmerzhaft empfundener Schönheit war es, wenn sie aufrecht innehielt, für einen Augenblick beide Füße hintereinander auf die Stange setzte, einen Arm hochreckte, den Schirm keck geneigt, das Köpfchen gesenkt, den Blick auf die Stange gerichtet. Edita trug ein rosa Trikot, das in den Hüften zu einer abstehenden Tüllwolke auslief. Der gedrungene Oberkörper und der Busen gaben ihr ein kräftiges Aussehen. Die Beine, in einer braunen Strumpfhose aus mattglänzendem Stoff, waren muskulös und doch nicht dick, fest und doch so weich, dass man zu spüren glaubte, wie sie Duft und Wärme ausstrahlten. Das Mädchen – ein Engel dritter Ordnung, der durch seinen meditativen Geist die Energie aus der umgebenden Luft schöpft, allerdings ohne etwas anderes zu bewirken, als nicht zu fallen, wodurch er zwar den Eindruck der Vollkommenheit, aber auch der Beschränkung erzeugt (die aller Vollkommenheit innewohnt).

Als Edita ungefähr die Mitte erreicht hatte, beugte sie das Knie ihres linken Beines, das rechte war durchgestreckt. Sie strengte sich an, in die Hocke zu sinken. Ihre Augen waren ausdruckslos auf einen Punkt gerichtet, ihr Geist ganz zurückgezogen, den Leib sich selbst überlassend, auf den eingeübten Bewegungsablauf vertrauend. Brosheim verschlang sie mit den Augen. Er klammerte sich an die Bank, als müsste er sonst in einen Abgrund stürzen. Das Mädchen setzte sich auf ihre linke Ferse. Aber beim Versuch, sich aufzurichten, knickte der überanstrengte Fuß. Im Fallen versuchte sie, mit ihren Händen – den Schirm hatte sie losgelassen – nach der Stange zu greifen, verfehlte das Ziel und hakte sich mit ihrem rechten Bein um die Stange, die ihre Kniekehle quetschte. Benommen hing sie so einen Augenblick. Dann streckte sie ihre Arme, den Boden ertastend, und ließ sich auf die Sägespäne fallen. Der Vorgang wurde durch ein Oh des Publikums begleitet.
„Mein Gott, sie ist viel zu jung, meine Güte, wie entsetzlich!“
Der Clown war an die Bande getreten, aber dahinter stehengeblieben, als hätte sein Auftritt den Unfall öffentlich besiegelt. Edita lächelte verzerrt, richtete sich auf und rieb sich die Kniekehle. Sie griff zu ihrem Schirm. Der Applaus, stürmisch und voller Sympathie, und ein ehernes Artistengesetz bewogen sie, ein zweites Mal auf den Eisenbock zu springen. Wieder schritt sie ernst in die Richtung auf Bébé. Ihre Strumpfhose und das eingedrückte Tutu waren mit Spänen bespickt. Der Clown stellte die Kassette ab. Es war still wie in einer Kirche, zu hören nur das Ächzen der Stange an ihren Druckpunkten. In der Mitte blieb das Mädchen lange stehen. Dann unternahm sie die Andeutung eines Knickses. Einige Späne, die abgeblättert waren, segelten zu Boden, und Bébé hätte schwören können, dass ihr Auffallen hörbar gewesen sei. Zum ersten Mal lächelte Edita wirklich, für sich, denn sie wandte ihren Blick nicht von der Stange. Den Rest der Strecke legte sie schnell zurück. Am Ende angelangt, musste sie zwangsläufig Bébé ansehen. Dieser eine Augenkontakt entzündete alles Brennbare in ihm, und er schrie in den Applaus der Zuschauer:
„Edita.“
Die Kinder und Halbwüchsigen vor ihm nahmen es auf und skandierten „Edita“, zuerst der Sektor um Bébé, dann die ganze Runde. Der Direktor eilte in die Mitte, legte seinen Arm um Editas Schultern und bedankte sich beim Publikum. Dabei entfernte er die Pappnase, wie um sich ein menschlicheres Aussehen zu geben und seinem Dank eine höhere Würde zu verschaffen. Es war der Dank an das Mädchen, den er ins Publikum sandte, damit er, wie Schall aus einem Trichter, verstärkt zurückgegeben würde.

Der Clown und der Mexikaner, der Lama-Führer im Poncho, schleppten das große Brett herbei, dessen Bedeutung Brosheim erst erkannte, als er im Scheinwerferlicht die schwarzen Einschnitte wahrnahm. Er hatte Angst, dass der Messerwerfer auf Edita zielen würde. Tatsächlich schickte sich der Mexikaner dazu an, indem er mit der Linken ein Messer wog, nachdem er das Brett aufgerichtet und sich Edita davor gestellt hatte. Bébé empörte sich. Sie muten ihr zuviel zu! Wenn sie reitet, muss sie an den Balanceakt denken. Wenn sie balanciert, muss sie an die Messer denken, wenn sie dasteht, muss sie an die nächste Vorstellung denken – und immer so weiter. Ich gehe und stelle mich für sie dorthin. Er tat es nicht, obwohl er kurz davor war aufzuspringen. Noch wog der Mann das Messer, als müsste er das Gewicht auf ein Gramm genau schätzen und als bestünde sein Auftritt darin, dem geneigten Publikum das Ergebnis mitzuteilen. Der Mexikaner ging wägend mit abgemessenen Schritten auf das Brett zu, bis er drei Meter davor stehen blieb. Hier zog er den Arm über die Schulter und schnellte ihn vorwärts. Das Messer traf einen halben Meter über dem Scheitel ins Holz. Editas starre Augen belebten sich. Beifall kam auf. Auch dem zweiten Wurf ging das Wägen voraus. Der Mexikaner begab sich zur Piste, machte Kehrt und schritt, das Messer über der Schulter wurfbereit haltend, auf Edita zu und schoss es im Schreiten aus kurzer Entfernung ab. Es drang in Schulterhöhe am Brettrand ins Holz. Das dritte Messer flog hinterher und stak am anderen Rand. Edita knickste kurz und eilte hinaus. Der Mexikaner lachte und breitete die Arme aus, als könnte er den Beifall, den er erwartete, mit den Armen einfangen.

Der Direktor, immer noch im Clownskostüm, aber ohne Pappnase, kündigte an, dass die Zuschauer die nächste Attraktion selbst bestreiten müssten. Er forderte sie auf, das Pferd zu erklimmen, das antraben würde, und zu versuchen, eine volle Runde stehend zu reiten. Wer wagt es? Ein aufgeschossenes Mädchen meldete sich, und nach einem Zögern tippte der Clown auf es. Das Pferd Peter war inzwischen kopfnickend eingetroffen. Es ließ zwei Besteigungsversuche über sich ergehen. Das Mädchen strengte sich an, mit einer ausdruckslosen Geduld – bis endlich der Mexikaner seine Hand unter ihren Po hielt und sie hochstemmte. Der Direktor hatte ihr diese Hilfestellung versagt, weil er sich im Alter des Mädchens verschätzt haben mochte. Er hatte ihr zuvor den Gürtel, an dem die Longe befestigt war, mit vorgestreckten Armen und spitzen Fingern um die Walze ihres Leibes gebunden. Das Pferd setzte sich in Trab, das Mädchen ritt eine Runde. Einige lachten und protestierten: Im Stehen, im Stehen! Sie erhob sich auf die Knie, die Hände auf die Mähne gepresst. Als sie sich aber nach oben drücken wollte, in den Stand, rutschte sie ab und pendelte quer durch die Manege. Der Mexikaner zog an der Longe. Das Mädchen wurde plötzlich in die Höhe beschleunigt. Das Pferd erschien der Schwebenden als eine rollende, stampfende Fleischmasse, ein Koloss, dumpf aufschlagend und Holzwolken emporwirbelnd. Da kreischte das Mädchen und zappelte mit allen Gliedern. Der Mexikaner ließ das Seil durch seine Hände scheuern. Das Kind stieß auf den Strohballen auf. Der Mann lief zu ihm und nahm es in die Arme. Er schob das Mädchen, das ganz steif geworden war, langsam zu einem freien Stuhl. Der Direktor entschuldigte das Missgeschick und beteuerte, der tapferen Reiterin sei nichts geschehen. Eine dicke Frau, die mit zwei Kindern in den Zirkus gekommen war, watschelte heran und schnaufte bei der Anstrengung, ihr Fleisch im Gleichgewicht zu halten. Sie schob den Mexikaner zur Seite, indem sie sich halb auf ihn stützte, halb abstieß, um den richtigen Schwung für eine Drehung zu erhalten, die es ihr gestatten würde, sich neben das Mädchen auf einen Stuhl zu werfen. Die Wohltäterin drückte den Kopf des Kindes an ihre Brust. Dann nickte sie dem Direktor zu: Das Programm durfte fortgesetzt werden. Der Clown kündigte das Finale an und wies mit prunkvoller Geste auf den Mexikaner. Nun geschah, was niemand von einem Zirkus erwartet hätte – am allerwenigsten von der Frau an der Kasse. Sie nämlich hatte ihren Auftritt.

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