Edita, 1. Teil
von Jürgen Jesinghaus (copyright)
Wer heute vom Internat durch das Niemandsland, eine Brache hinter dem Rathausneubau, in Richtung Lukas-Bornheimer-Straße gestapft wäre, der hätte sich vor Verwunderung die Augen gerieben, denn ein Kamel lag in Kamillen und Judaspfennigen. Sein Fell war an einigen Stellen abgeschabt, Pladden hingen von den Rändern herab. Das Tier machte auf den ersten Blick einen erbarmungswürdigen Eindruck. Es schien aber sein Aussehen mit Gleichmut zu tragen wie ein Greis, der seine Gebrechen dem Einfluss eines ereignisreichen Lebens zuschreibt, aus dem sein Geist geschärft hervorgegangen ist. Der wissende, gleichmütige Ausdruck der Augen stand im Gegensatz zu der mahlenden Tätigkeit des Maules, die – unter den schönen Augen vollzogen – ungebührlich wirkte. Der Betrachter wäre aber durch das zarte Maul selbst wieder versöhnt worden, wenn er von den gelben Zähnen hinter den Lefzen abgesehen hätte. Das Tier setzte sich aus Widersprüchen zusammen. Das Schöne vergalt es mit Hässlichem. Ungeteilte Bewunderung dürfte es daher nirgends empfangen. Am Rande der Lukas-Bornheimer-Straße standen drei Wohnwagen und einige Schlepper. Ein Kassenhäuschen war schon nahe der Straße im Gras aufgestellt worden, dahinter lagen Stangen, Röhren und zusammengerollte Zeltbahnen. Zwischen dem werdenden Zeltlager und einer alten Weide grasten zwei Lamas, ein Esel und weiter zur Straße hin zwei Ponys, die Lamas mit äugender Unruhe, der Esel und die Pferdchen gleichgültig gegen die Menschen, die stehen geblieben waren, um sich die unverhoffte Belebung des Brachlandes anzuschauen. Das fahrende Volk ließ sich nicht blicken. Es konnte aber, schon der Tiere wegen, nicht weit sein und saß vermutlich in den Wagen, um sich von der Anreise auszuruhen. Morgen schon, am Samstag, sollte die erste Vorstellung beginnen.
Am nächsten Morgen bewegte sich ein rhythmisch schwankender Zug durch die Siedlung, angeführt vom Trampeltier, dahinter die Lamas an der Kandare eines muskulösen Mannes, der einen Poncho übergeworfen hatte. In einigem Abstand folgte ein Mädchen. Es hielt den Kopf gesenkt und tat, als gehörte es nicht dazu. Hinter ihm trottete ein Pony. Im Auf und Ab der Schritte nickte es. Die Lamas schleppten zwei Pappschilder wie Satteltaschen, darauf war in Warnfarbe der Zirkus-Name gepinselt. Die Anfangszeiten und der Eintrittspreis standen in schwarzen Lettern darunter. Eine Frau mittleren Alters beschloss die Prozession. Sie trug ein Schild vor sich her, auf dem sie in Blockschrift um Winterfutter für die Tiere bat. Eine Dame aus der Siedlung, die sich abmühte, überquellende Einkaufstaschen aus dem Kofferraum eines Autos zu hieven, stellte sie zur Rede und fragte nach der Art des Futters, das für Kamele geeignet sei. Sie habe vom Auto aus, als sie anhalten musste, um die Tiere vorbei zu lassen, das große Kamel studiert und denken müssen: Ach Gott, wo es doch so fremd hier ist! Durch das Gespräch mit der Anwohnerin riss die Verbindung zur Zirkus-Truppe, und die Frau mit dem Schild eilte sich, den Anschluss wieder herzustellen. Sie wirkte wie eine verirrte Demonstrantin, und die Menschen, denen sie begegnete, die in den Vorgärten standen, mit verschränkten Armen oder auf Rasenmäher gestützt, wandten sich ab, weil sie von der öffentlichen Meinung keine Notiz nehmen wollten. Sie genierten sich vor ihr wie vor einem Prediger, der ihnen die Bibel auslegen will. Das spürte die Frau. Sie nahm das Schild herunter und ließ es verstummen. Dann lief sie, als würde sie verfolgt. An der geschlossenen Schranke der Überlandbahn holte sie ihre Truppe ein.
Kurz vor Beginn der Abendvorstellung hatten sich nur wenige Zuschauer eingefunden. Das Zirkuspersonal verhielt sich mürrisch. Die Dame im Kassenhaus, dieselbe, die das Schild getragen hatte, kassierte schweigend, ohne Bitte und Danke und ohne die fragenden Blicke der Kinder, die ihr die Münzen zuschoben, mit einem Zwinkern zu beantworten. Am Eingang des Zeltes, wo ein Clown die Karten wieder zerriss und in einen Behälter warf, stand hinter einer Bretterwand das Kamel. Es bekundete Anteilnahme durch einen Blick auf jeden einzelnen Besucher, und dabei bewegte es das Maul so genüsslich, dass es die Illusion des Lächelns erzeugte (wenn es nicht wirklich lächelte). Benjamin Brosheim, kurz Bébé, ein Internatsschüler, wollte sich alles genau ansehen. Ihn beschäftigte die Stromversorgung für die Leuchtreklame. Er sagte zu dem Clown, als er seine Karte abgab:
„Ich weiß, dass ihr die städtische Lichtleitung anzapft.“
Der Clown trat mit gespieltem Entsetzen zwei Schritte zurück und trippelte dann nach vorn, das Kreuz durchgedrückt, als könnte der Oberkörper den Beinen nicht folgen.
„Nein“, antwortete er, „wir zapfen die Milchstraße an“ und legte seinen Finger auf den Mund. Bébé rief aus dem Zelt heraus:
„Die Milchstraße, he? Na, mir solls egal sein.“ Der Clown hörte ihn nicht oder wollte ihn nicht hören. Er überschlug in Gedanken die Einnahmen dieses Abends und subtrahierte die Standgebühr, dann zog er die Pappnase vom Gesicht, drehte sie einen kleinen Winkel nach oben und ließ sie zurückschnellen, so dass sie auf der Stirn festsaß. Jetzt war er ein sorgenvolles Nashorn.
Benjamin setzte sich auf eine Bank in der dritten Reihe. Er zählte die Leute zweimal, es waren jedesmal 91. Strohballen, zu einem Kreis nebeneinander gelegt, begrenzten die Manege. Sie bildeten die Bande oder Piste. Sägespäne bedeckten den Boden. An einigen Stellen stachen Gräser hervor. Als die Scheinwerfer entflammten, glänzte die Manege für einen Augenblick wie weißes Gold. Das enge Zelt schien abzurücken und den schwarzen Himmel Afrikas freizugeben. Ein Mann auf federnden Knien erreichte zwischen Schreiten und Laufen die Mitte des Kreises, fast atemlos, als hätte er in der Aufmachung – mit Zylinder, Umhang und Schal – einen weiten Weg zurückgelegt. Dabei war er nur hinter dem Vorhang hervorgetreten, der Bébé gegenüber zwischen zwei Pfählen hing und die Piste unterbrach. Der Mann trug seinen Zylinder wohl nur zu dem Zweck, ihn schwungvoll vom Kopf nehmen zu können. Er breitete die Arme aus, als wollte er alle Gäste umarmen, vor allem aber Benjamin Brosheim.
„Guten Abend, liebe Kinder, sehr verehrtes Publikum, und ein herzliches Willkommen im Zirkus Daponte.“
Aus dem Schwung der rechten Hand flog der Hut in die Arena. Wieselflink lief ein Hündchen herbei. Es war unter dem Vorhang hervorgekrochen. Es schnappte den Hut und rannte zu dem Mann zurück. Wäre es ein wenig kleiner gewesen, hätte es ausgesehen wie eine Riesenwollhandkrabbe. Das Hündchen erhob sich auf die Hinterläufe und hielt dem Mann den Zylinder entgegen, während es die Vorderläufe anwinkelte in der Manier, die unwillkürlich auch bei ernsten Menschen Entzücken hervorruft. Die ersten Lacher unter afrikanischem Himmel. Geruch von Stroh, Stoff und Holz stieg auf, umschmeichelte das Gemüt der Menschen, versetzte sie in einen gelinden Rausch und steigerte die Bereitschaft, die Darbietungen mit Wohlwollen zu betrachten, so dass sie es jetzt schon gut fanden. Der Mann bedankte sich bei dem Hund, indem er steif seinen Rücken hinabbeugte und in einer erlesenen Geste der behandschuhten Rechten den Kopf des Hündchens betupfte.
„Das ist Pepi“.
Der Mann sprach nun über die Not der Zirkusmenschen und ihrer Tiere, über die sehr hohen Standgebühren in Oplyr, die dem fahrenden Volk das Leben schwermachten und über die Stromkosten, denn auch der Magier benötige Wärme und könne nicht einfach die Milchstraße anzapfen, um den Zirkus mit Energie zu versorgen. Benjamin erkannte in dem Mann seinen Clown wieder. Ihm war, als hätte er, der Zirkusdirektor, sich an ihn gewandt. Zum Schluss der Ansprache breitete der Direktor wieder seine Arme aus – jetzt übertrieben ruckartig bis zu dem Punkt, wo es in den Schultern schmerzen musste.
„Ich danke Ihnen allen, Ihre sehr verehrte Anwesenheit gibt uns Mut, mit unserer Arbeit fortzufahren.“
Er verharrte wie ein segnender Christus. Der Vorhang wurde zurückgeschlagen, ein Pony trottete herein, energisch den Kopf nickend, und als abzusehen war, was geschehen würde, raunte das Publikum, einige Kinder kreischten vergnüglich. Der Mann im Zylinder war der einzige, der nichts davon zu ahnen schien. Er warf eine Kusshand ins Publikum und schrie im Falsett:
„Ich danke Ihnen“, als das Pferdchen ihn mit dem Kopf anstupste. Der Direktor fiel wohlbemessen in die Sägespäne. Pepi war zur Stelle und entführte den heruntergefallenen Zylinder. Der Mann erhob sich unter allerlei Verrenkungen und klopfte sich ab. Dann sagte er zu dem Pferdchen:
„Ich weiß, dass du jetzt dran bist. Ich gehe ja schon. Aber musst du mich vor allen Leuten so behandeln?“
Das Pony nickte. Es nickte die ganze Zeit, aber den Menschen kam es wie eine Antwort auf die Frage des Direktors vor, und sie lachten ein drittes Mal an diesem Abend.
Ein Mädchen trat herein (sein Anblick verbietet das grammatische Neutrum). Sie streckte ein Bein vor, setzte den Fuß auf und wirbelte ihren Leib um diesen Hebelpunkt. Sie reckte ihre Arme, stieß sich mit den Händen auf den Sägespänen ab, die sie schnitten, dass sie hätte schreien mögen. Außer Atem kam sie vor dem nickenden Pferdchen zu stehen, schwang sich auf seinen Rücken, und nachdem sie eine Runde geritten war und ihre Hände an der Mähne abgestreift hatte, stützte sie sich auf den Halsansatz, schwang sich aus dem Sitz in die Hocke und fast übergangslos in den Stand. Sie spreitete ihre Arme, lehnte sich etwas nach vorn und ritt zwei Runden. Bébé hörte den Blasebalg der Pferdelungen, den dumpfen Hufschlag und sah das Mädchen an, das ihm soviel voraus hatte: die Kunst zu reiten wie ein Häuptling. Als sie abgesprungen war, vollendete sie die Runde im Lauf neben dem Pony und verschwand hinter dem aufgerissenen Vorhang, ohne den Beifall abzuwarten. Bébé klatschte wild und hörte als letzter damit auf.
Nach etlichen Dressurnummern folgte der Auftritt des Clowns. Davor fürchtete sich Bébé. Er wusste, dass der Clown der Direktor war und ihn vielleicht in seine Clownerien einbeziehen würde, um seine vorlaute Bemerkung zu bestrafen. Und das Unvermeidliche geschah. Der Direktor eilte in weiten Sackhosen durch die Manege, stolperte über seine eigenen zu großen Schuhe und schlug einen Purzelbaum. Dann rief er:
„Wer von allen die dümmste Frage stellt, bekommt sein Geld zurück.“
„Warum derjenige, der die dümmste Frage stellt?“
„Ein intelligenter Zwischenruf. Wer die dümmste Frage stellt, ist wahrscheinlich dumm und kann daher meine Witze nicht verstehen. Er hätte deshalb sein Eintrittsgeld für nichts ausgegeben.“
„Warum hat das Kamel zwei Höcker?“
„Eine Frage, die den kommenden Wissenschaftler verrät. Es hat zwei Höcker, weil es sonst kein Trampeltier wäre und sich, wenn es einen Rosskopf hätte, aus großer Entfernung von einem Pferd nicht unterscheiden ließe.“
„Wieviel Ecken hat ein Kreis?“
„Genauso viel wie zwei Kreise zusammengenommen.“
„Kann man lügen, ohne die Wahrheit zu sprechen?“
„Das ist eine einfache Frage, selbst ein Philosoph könnte sie beantworten. Aber ist sie auch dumm?“
„Warum ist eins und eins gleich zwei?“ fragte ein Mädchen.
„Diese Frage dürfte die intelligenteste von allen sein, denn sie ist am schwersten zu beantworten.“
„Ist die intelligenteste Frage von allen nicht auch zugleich die dümmste, weil man mit ihr sicherlich nicht das Eintrittsgeld zurückerlangt?“
„Wenn keiner eine dümmere Frage stellt!“
Bébé, der sich nicht an der Konkurrenz beteiligte, hielt den Wettstreit für entschieden und fragte den Clown, der vor ihm stand und ihn anstarrte, als erwartete er von ihm etwas Besonderes.
„Wann kommt das Pony zurück?“
„O, liebe Kinder, Damen und Herren, DAS ist die dümmste Frage, denn der junge Mann hätte fragen sollen, und so meinte er es auch: Wo bleibt das schöne Mädchen Edita, das voller Anmut auf dem Pony reitet?“
Bébé errötete und wäre aus dem Zelt geflohen, wenn ihn der Direktor nicht bei der Hand genommen und in die Manege gezerrt hätte. Aus dem Kassettenrecorder erscholl eine Fanfare, als er mit dem Clownsdirektor in der Mitte angekommen war. Der Vorhang wurde aufgerissen – so weit, dass Bébé einen Augenblick ins Freie schauen und sogar die beleuchteten Fenster des Internats sehen konnte. Ein ausgewachsenes Pferd wuchtete durch die Öffnung. Es hob sich schwarz gegen den fahlen Hintergrund des abendlichen Landes ab und wirkte bedrohlich, wie es aus dem blaugrauen Aquarium des Außenzeltes in das gelbe Licht der Manege stürmte, direkt auf den Clown zu, der Bébé noch immer an der Hand hielt und jetzt mit scharfer Stimme Ross und Reiter ankündigte: Das Pferd namens Peter und einen Affen.