Spa

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Das Portal gähnt gegen die Rue des Sources. Über ihm steht in Steinlettern: Spes fallit. Der Nordflügel des Casinos beherbergt ein Restaurant, das man durch einen Nebeneingang von der Straße aus oder über die Terrasse von der Parkseite her betreten kann. Die Terrasse bildet den herrschaftlichen Abschluss des Kurparks. Wer unter der Pergola sitzt, dem liegt die Stadt zu Füßen, der ist, solange er hier bleibt, ein italienischer Conte, ein britischer Lord, ein belgischer Fabrikant – ein vornehmer Mensch. Die Seele, ermüdet vom Rundgang durch die Altstadt, kostet hier das Gefühl getaner Taten und späten Ruhms – bis der Kellner kommt und sagt: Wir öffnen um sechs.

Die Sonne hat ihren Glanz abgestreift und steht nackt eine Hand breit über dem Horizont. Viertel sieben sind alle Tische besetzt. Die Gäste warten auf die Ouvertüre, den Einmarsch der Kellner. Als die Sonne in den Fenstern des Kurhauses noch einmal aufblitzt, treten sie hervor, ihr Gang neigt sich zu den beiden Halbkreisen der Terrasse. Die Kellner in den erdbeerfarbenen Jacken und blauen Hosen tragen fürstliche Livree. Darf denn hier sitzen, wer auf Geld achten muss? Ohne das Aussehen eines Vermögenden ist der Gast allein auf die Höflichkeit des Obers angewiesen. Wie er mit gezücktem Bleistift vor dem Tisch Wache hält und einen durch seine schweigende Anwesenheit anstachelt, schnell eine Wahl zu treffen! Ihm die Zeit zu stehlen, die er im Dienst anderer Gäste benötigt, wäre rücksichtslos. Denn wehe, er sagt „wählen Sie in Ruhe“ und wendet sich ab, dann ist man zum Warten verurteilt. Später wird man ihn anflehen, zahlen zu dürfen, und er wird sich für das Trinkgeld nicht dankbar erweisen, sondern es für eine gerechte Anzahlung dafür nehmen, dass er unsereins hat bedienen müssen.

In der Wartezeit lernt man den Schritt des Tischkellners von dem anderer zu unterscheiden. Man achtet auf die Geräusche seines Nahens, das Klappern der Halbschuhe. Wenn er – den Arm voll Teller – aus dem Hause tritt, keimt die Hoffnung. Allmählich aber wandelt sich Hoffen in Enttäuschung und Enttäuschung in Hass. Der Gast stellt sich vor, wie er die Suppe unter einem Vorwand zurückweist und sich später das Wechselgeld akkurat auszahlen lässt. Dann quält ihn die Eifersucht. Ist der Kellner zu den anderen nicht freundlicher? Schaut er wenigstens herüber? Was glaubt er, wozu man hier sitzt! Um mit dem morschen Brot die Tauben zu füttern? Der Kellner hängt zwar von höheren Gewalten ab, dem Küchenchef, der den Herd nicht früh genug anheizt, trotzdem, er ist ein mächtiger Mann. Auf eigenem Platz kämpft er gegen den Gast.

Der Unmut verweht. Die Eilfertigkeit des Kellners – war sie nicht besonders groß, als er die dampfenden Teller an den Tischen der anderen, die warten müssen, vorbei jonglierte? Noch im Lauf ließ er sich herab, in den Knien federnd, um seine ausgestreckten Arme auf die Höhe des Tisches zu senken, damit er keine Zeit verlöre, Zeit, die dem Gast gehört. Der Kellner ist ein Menschenfreund. Er müht sich, die Faulheit des Küchenchefs auszugleichen und den Gast zufriedenzustellen. So mündet doch noch Hass und Eifersucht in die Liebe zum Kellner. Sie äußert sich in einem gefälligen Neigen zur Seite, damit die Speisen bequemer abgesetzt werden können. Löffelrühren und ein zufriedenes Murmeln begleiten den Mann auf seinem Gang zurück.

Der Ober könnte, wenn er nur wollte, denkt der Gast beim Löffeln, wenn er nur wollte, könnte der Ober die Musik aus dem Bistro jenseits der Straße leiser stellen lassen, von Kellner zu Kellner, aber er tut es nicht! Er ist nicht gezwungen, auf der Terrasse auszuharren. Er kann am Tresen im Innern, wohin die Musik kaum dringt, mit der Buffetdame flirten. Ihn scheint die Musik nicht zu stören, ja er delektiert sie womöglich, ein Mann niederen Geschmacks, wahrscheinlich ein Kraftfahrer, der Kellner geworden ist, weil ihm der Führerschein entzogen wurde. Aber jetzt ist er eine einflussreiche Persönlichkeit, dennoch wird er seinen Einfluss leugnen und in falscher Bescheidenheit behaupten, dass es nicht in seiner Macht liege, die Musik leiser zu stellen. Dabei genügte ein Anruf, denn Kellner kennen sich. Sie bilden in der Innenstadt eine Zunft, gegen die ein Gast nichts ausrichtet. Sie verständigen sich über hundert Ecken, haben das Touristenbüro in ihrer Gewalt und bestimmen das öffentliche Leben. Wenn man einmal auffällt, dann muss man in dieser Stadt Hungers sterben oder sich bestenfalls mit kalter Speise abfinden. Sie haben sogar ihren Patron in der Hand. Es liegt an ihnen, ob sie den Koch empfehlen oder behaupten, die Gerichte seien ungenießbar. Kellner sind gefährlich.

Man müsste den Garcon auf Trab bringen, jetzt da die Hauptspeise verzehrt ist. Man könnte ihn noch einmal um die Karte schicken. Aber was, wenn er mit einem angedeuteten Kopfnicken zu verstehen gäbe, er habe verstanden – und die Karte doch nicht holt? Er hat sie vielleicht vergessen, weil er die Windlichter für den Abend aufstellen muss. Die Sonne hinterm Horizont zieht eine schimmernde Gaze über das Kupferdach des Kurhauses. Im Zwielicht wirken die Kellner wie Kobolde. Sie huschen von einem Tisch zum anderen. Sie wechseln ihre Gestalt: Mal so klein, dass man sie kaum erkennt, mal mit Hilfe des Schattens Giganten, je nach ihrer Stellung zum Restlicht des Himmels, der Windlichter auf den Tischen und der aufblitzenden Scheinwerfer einbiegender Autos. Die ersten Gäste gehen, neue kommen zum Nachtmahlen nach Geschäftsschluss. Sie müssen zuerst bedient werden. Die anderen, die ihre zweite Bestellung aufgeben wollen, haben zu warten, und erst recht einer, der nur nach der Karte schickt, um nachzulesen, wie die Speise heißt, die er verzehrt hat. Trotzdem, die Bedienung hat zu gehorchen. Der Gast ist König.

Wenn man den Geschäftsführer kommen ließe (man müsste wohl selbst in dem Casino-Komplex durch schlecht beleuchtete Flure auf die Suche nach ihm gehen), wenn man den Geschäftsführer fände in einem stuckverzierten Saal, wie er im Lichtkegel einer grünen Tischlampe hinter einem Eichentisch sitzt, über Rechnungen gebeugt, und wenn man sich beklagte über einen Kellner, der jenseits der Stille dieses Saals auf einer Terrasse Gäste bedienen soll, sie aber nicht bedient – was hättest du damit gewonnen? Wäre deine Autorität nicht geschmälert worden durch die verzeihende Art des Geschäftsführers, der dir keinen Stuhl anbietet, sondern dich zwischen Flügeltür und Schreibtisch auf dem Teppich stehenlässt und dir zuhört, als wärst du ein Kind, das sich über die Gouvernante beklagt, weil es noch nicht wissen kann, was gut für es ist? Wenn man den Geschäftsführer verlassen hätte und erfolglos zurück auf seinen Platz gegangen wäre, würde einem dann das Dessert munden, das man hatte bestellen wollen? Der Gast greift im Vorübergehen zur Karte auf der Anrichte neben dem Ausgang. Er tut so, als käme er von höchster Stelle, obwohl er nur auf der Toilette war. Er bildet sich ein, dass die anderen Gäste denken, er komme geradenwegs von der Leitung des Etablissements, die strenge Maßnahmen gegen den Kellner verhängt hat, und greife im Vorübergehen zur Karte, um die Affäre versöhnlich zu beenden. Nun, da man eine Karte besitzt, wird man auch ordern müssen. Es wird zur Strafe nur eine kleine Bestellung sein.

Als der Kaffee bestellt werden soll, ist kein Kellner zu sehen, nur die Portiere vor der Tür, durch die er auftreten müsste, bewegt sich in der Brise, die vom Park herüber weht. Die Geranien auf der Brüstung sind aus Kunststoff, eine späte Entdeckung, die einen trotz des schön illuminierten Abends verbittert und die Welt als Trug erscheinen lässt. Man wird auf den Kaffee verzichten, obwohl er einem gut täte, gerade jetzt, da man den Ärger hinunterspülen will. Vielleicht musste der Kellner zur Klinik fahren, vielleicht liegt seine Mutter im Sterben und er kann deswegen nicht kommen, oder seine Frau erwartet ein Kind, und man wäre der Letzte, der kein Verständnis dafür hat, dass ein werdender Vater seine Pflicht hintanstellt.

Der Ober lugt durch den Spalt im Vorhang. Die Hoffnung keimt. Er ist nicht gestorben, auch seine Mutter nicht, er lebt, er hat sich blicken lassen, wenn auch nur für einen Augenblick, wie ein Gott sich blicken lässt durch einen Schleier, mehr zu ahnen als zu erkennen, aber so, dass jeder an seine Existenz glauben muss. Die Hoffnung blüht. Geranien aus Kunststoff sind haltbarer als natürliche und sehen frischer aus. Man selbst würde als Besitzer anordnen, dass zum Wohl allergischer Gäste Kunststoff-Ersatz beschafft werde.

Der Kellner soll kassieren. Wie lange es dauert, bis er das Handzeichen wahrzunehmen geruht. Die wegwerfende Bestätigung, dass er einen aus den Augenwinkeln gesehen hat: Empörend! Das Mysterium, warum Kellner zuerst das Geschirr abräumen, die Tischdecken ausschlagen und sich danach erst bequemen, die Wünsche der Gäste zu notieren, gehört zu ihrem Beruf wie das Geheimnis der zersägten Jungfrau zu Illusionisten – oder versteckt sich dahinter doch nur die Rache des kleinen Mannes an dem vornehmen Gast? Soll man den Kellner zur Rede stellen: Hat das Abräumen nicht Zeit? Er wird sich beleidigt abwenden, dann den Kaffee bringen, den man mit dem bohrenden Blick im Rücken wird austrinken müssen. Der Kellner würde sich mit den anderen Gästen verbünden, sie besonders höflich bedienen und ihr Wohlwollen gewinnen, und die Damen und Herren würden nicht verstehen, warum es jemand wagt, sich gegen die milde Herrschaft der Diener aufzulehnen. Aller Augen wären, wenn man es gerade nicht sieht, in kalter Geringschätzung auf einen gerichtet – den Verräter an dem Grundsatz, dass alle Menschen gleich geboren sind, und dass der Kellner kein Sklave ist, als den man ihn hingestellt hat.

Was wäre, hätte man ihm vorher das Trinkgeld im stummen Einverständnis zugesteckt, einen Schein in die erdbeerfarbene Tasche gestopft und darauf geschlagen und gesagt: Voila, bringen Sie mir etwas Besonderes und sorgen Sie dafür, dass die Zeit zwischen den Gängen nicht zu lang wird?

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