Verschobene Rache

von Angela Brown (copyright)

Sheriff Dockery sah die Leiche minutenlang wortlos an. Dann schob er seinen Cowboyhut in den Nacken, kaute an seinem Kugelschreiber (eine Angewohnheit die jeden in seiner Umgebung verrückt machte) und lief um die Liege herum, die normalerweise dazu benutzt wurde um Patienten vom OP zur Station zu transportieren. Jetzt lag einer der beiden Chirurgen, Dr. Sheffield, quer darüber drapiert und in seinem Rücken steckten zwei Skalpelle. Seine haarigen, muskulösen Arme hingen fast bis auf den Boden. Dockery dachte an den Sommer, als seine 15-jährige Tochter eine Blinddarmoperation brauchte und er zweifelte, ob Dr. Sheffield der richtige für seinen kleiner Engel war. “Hast du seine Hände gesehen, Lissy? Groß wie T-Bone Steaks und die Finger sehen aus wie Würstchen.” Aber seine Frau, praktisch wie immer, hatte sich nicht beirren lassen. “Ich habe keine Lust nach Asheville zu fahren”, hatte sie ihm gesagt. “Dr. Sheffield hat einen guten Ruf.” Und es war wirklich alles gut gegangen. Shana war zwei Tage später wieder zu Hause. Und jetzt war Dr. Sheffield tot. Sein Gesicht hatte einen erstaunten Ausdruck, so als hätte er mit allem gerechnet, nur nicht mit zwei Messern im Rücken.
Vom Schwesternzimmer am anderen Ende des OP kam lautes Schluchzen. Wahrscheinlich Schwester Melissa, die den Toten gefunden hatte, als sie um sechs Uhr morgens den OP Nummer Zwei für eine Gallenblase fertig machen wollte.
Der Sheriff fluchte leise. “Das ist nicht unser typischer Mordfall, Ricky”, sagte er zu seinem Deputy der Tabak kauend neben ihm stand. “Wer hat etwas gegen einen Arzt hier in Murphy? Wir sind froh, für jeden, den wir in unser Krankenhaus locken können.”
“Er hat mir im vorigen Jahr die Kugel von dem Morrow aus dem Arsch operiert”, war alles was Ricky einfiel.
“Schließ die Tür, stell dich davor bis die Leute von Asheville kommen. Bis dahin geht hier niemand rein.”
Dockery verließ den Operationssaal und lief zur Tür hinter der immer noch lautes Weinen zu hören war. Auf dem Flur lief ihm ein aufgeregter Krankenhausleiter entgegen. Herbert Bucker fingerte nervös an seiner Brille herum und sah den Sheriff verzweifelt an.
“Das ist eine Katastrophe”, sagte er dreimal hintereinander. “Dr. Sheffield war unser fähigster Chirurg. Jetzt haben wir nur noch Dr. Ritter.”
Die Brille sass endlich so, wie er es wollte. “Ein sehr guter Chirurg, keine Frage. Aber Dr. Sheffield brachte uns das meiste Geld. Und das sechs Monate vor meiner Pensionierung.”
Dockery dachte, dass es wirklich sehr unhöflich von dem Toten war, sich ausgerechnet jetzt ermorden zu lassen. Er hatte genug von den Tiraden des Mannes, den er immer für einen Weichling gehalten hatte. Buckner war schon in Murphy so lange der Sheriff zurückdenken konnte. Er machte seine Arbeit gut, keine Frage. Sein Vertrag wurde jedes Jahr verlängert. Aber er war kein Mann, sondern ein Waschlappen eben. Seit zwanzig Jahren schon leitete er den Club der Vogelschützer, den er selbst gegründet hatte. Anstatt wie die meisten Männer hier ihre Zeit mit Jagen und Fischen zu verbringen, lief er bei jeder Gelegenheit durch den Wald und suchte nach verletzten Vögeln, die er dann bei sich zu Hause gesund pflegte.
Der Aufenthaltsraum der Schwestern war klein, nicht mehr als eine Besenkammer mit einem Tisch und vier Stühlen. Auf einem der Stühle sass Melissa und ließ sich von ihren Kolleginnen trösten.
“Mein Gott”, schluchzte sie. “Ich habe gestern abend noch mit ihm gesprochen. Da war er noch so lebendig. Bis morgen, Melissa, hatte er gesagt.”
“Um wie viel Uhr war das?” fragte der Sheriff.
Melissa sah ihn einige Augenblicke verwirrt an. Sie bemerkte den Sheriff erst jetzt. “Gegen zehn Uhr. Ich bin gegen zehn Uhr nach Hause gegangen.”
“Etwas spät für eine Operation.” Dockery waren die vielsagenden Blicke nicht entgangen, die die anderen Krankenschwestern sich zuwarfen.
“Nun, der letzte Eingriff war gegen sieben Uhr fertig. Aber Dr. Sheffield wollte mit mir noch den nächsten Tag besprechen und dann bestellte er Pizza und dann redeten wir noch ein bisschen über Fort Louderdale. Wir kommen beide von dort her……” Sie zuckte hilflos mit den Schultern. “Und jetzt ist er tot.”
Mehr war im Moment aus Melissa nicht rauszukriegen. Sie fing wieder an laut zu heulen und Dockery gab’s auf. Er würde später noch einmal mit ihr reden.
*
“Wann haben Sie ihren Mann das letzte Mal gesehen?” Der Sheriff nahm dankbar die Tasse Kaffee an, die die kubanische Witwe von Dr. Sheffield ihm reichte.
Die Frau dachte kurz nach. “Gestern morgen”, sagte sie mit ihrem melodischen spanischen Akzent. “Er war wie immer. Um sieben Uhr aufstehen, eine halbe Stunde joggen, eine halbe Stunde Gewichte. Mein Mann war ein Gewohnheitstier. Veränderungen machten ihn verrückt.”
Dockery bemerkte, wie schnell Isabella Sheffield von ihrem Mann in der Vergangenheit sprechen konnte.
“Kam er oft spät nach Hause?”
Isabella zog verächtlich die Lippen nach unten. “Auch darin war mein Mann ein Gewohnheitstier. Seit zwanzig Jahren die selbe Geliebte.”
“Schwester Melissa?” Dockery sah sie ungläubig an und verglich in Gedanken diese attraktive Kubanerin mit der plumpen Krankenschwester.
Isabella lachte bitter. “Ja, genau die. Das fing vor über zwanzig Jahren an. Damals wohnten wir noch in Florida. Als er die Stelle hier annahm, dachte ich es wäre endlich zu Ende. Bis mir bei einem Rundgang im Krankenhaus die neue OP Schwester vorgestellt wurde. Sie war schon drei Monate vor uns hier angekommen.”
“Sie sehen mich überrascht. Warum würde ein Mann eine Frau wie Sie mit einer Frau wie Melissa betrügen?”
Isabella zuckte die Schultern. “Das habe ich mich schon hundert Mal gefragt. Die beste Antwort die ich habe ist, dass selbst Rumba und Pina Colada mit der Zeit langweilig werden. Und dann sehnt sich ein amerikanischer Mann nach seiner Mutter, Apfelkuchen und Milch.”
“Und das hat sie nicht gestört?”
“Was hätte ich tun sollen? Mich scheiden lassen? Wieder nach Fort Louderdale zurück gehen? Ich bin dreiundfünfzig Jahre alt. Ich habe zu viel Zeit in diese Ehe investiert.”
“Wo waren sie gestern abend?”
Isabella zuckte leicht zusammen und lächelte dann. “Ich verstehe, ich bin die Hauptverdächtige. Ich war ausgegangen. Mit einem Freund – Dr. Ritter. Wenn ich die Affaire meines Mannes auch hinnehme, dann heißt das noch lange nicht dass ich gerne allein bin.”
*
Eine Woche später kam endlich ein Durchbruch. Das Labor in Charlotte war am Apparat. Ein einziger Daumenabdruck auf den sonst sterilen Mordwaffen. Ein Daumenabdruck, der eindeutig zu einer Melissa Teems gehörte. Ob dieser Name dem Sheriff etwas sagte.
Dockery fiel fast vom Stuhl. “Melissa Teems? Das ist die OP Schwester.”
Der Mann am anderen Ende kicherte. “Ihr Fingerabdruck ist auf der Mordwaffe. Keine Zweifel.”
“Wieso ist sie überhaupt in einer Kartei? Vorbestraft?”
“Nein, überhaupt nicht. Aber sie hat als Achtzehnjährige einen Armeedienst absolviert. Sie ist in der Militärkartei.”
Nachdem Dockery aufgelegt hatte starrte er minutenlang auf die graue Wand vor ihm. Melissa Teems – das passte einfach zu gut. Sie hatte kein Alibi, gab zu, dass sie die letzte war, die Sheffield lebend gesehen hatte. Sie hatte ein Verhältnis mit ihm. Sie war sehr emotional.
*
“Aber warum sollte ich ihn denn ermorden?” sagte sie schon zum zehnten Mal in den letzten dreißig Minuten. “Wir haben uns doch geliebt.”
“Vielleicht war dir ein Verhältnis nicht mehr gut genug. Vielleicht wolltest du mehr. Nach zwanzig Jahren kann man eigentlich mit einer Ehe rechnen. Du bist die einzige, die weiß warum.”
“Nein”, sie schüttelte ihren Kopf so heftig, dass ihre blonden Locken in alle Himmelsrichtungen fielen. “Nein. Das ist überhaupt nicht wahr. Ich hätte nie darauf bestanden, dass er seine Frau verläßt. Er hat mir gesagt, dass er sich das finanziell nicht leisten kann. Und ich verstehe das. Wir haben uns oft genug gesehen…”
Sie sah den Sheriff und seinen Deputy bittend an. “Sie müssen mir glauben.” Ihre veilchenblauen Augen füllten sich mit Tränen, dann weinte nur noch still vor sich hin und schaute auf ihre Hände. Kleine, weiße Porzellanhände, denen man eher zutraute, dass sie Schokoladenplätzchen backten. Irgendwie konnte er sich nicht vorstellen, dass diese Hände zwei Skalpelle in den Rücken eines Mannes stoßen konnten.
Die Tür öffnete sich und einer seiner Deputies trat ein. Melissa bemerkte ihn nicht einmal.
Er trat hinter den Schreibtisch und flüsterte dem Sheriff etwas ins Ohr. “Bist du sicher?” fragte Dockery. Der Deputy nickte.
“Melissa. Ich glaube es ist besser, wenn du dir einen Anwalt nimmst.”
“Einen Anwalt”, flüsterte die Krankenschwester und wurde bleich. “Aber ich habe doch nichts getan.”
“Melissa. Wir haben in deinem Spind eine Schwesternuniform gefunden. Mit großen Blutflecken. Ich muss dich leider wegen Mordes verhaften.”
Ricky sprang von seinem Stuhl, als hätte er nur auf dieses Stichwort gewartet. Er riss die fast ohnmächtige Melissa hoch und bog ihre Arme auf den Rücken.
“Aber ich arbeite doch im OP. Da kommt öfter Blut an meine Hosen”, rief sie noch. Dann zog Ricky sie aus dem Raum.
Als er alleine war, steckte Dockery sich endlich eine Zigarette an. Es war eigentlich nicht erlaubt, das Sheriffsbüro war rauchfreie Zone, aber das störte ihn im Moment nicht. Seine Welt war wieder in Ordnung. Morde in Murphy waren immer schnell gelöst. Immer war Eifersucht, Rauschgift oder Familienzwist der Grund für die Tat. Und immer fand man den Täter in der nächsten Umgebung des Opfers. Ehemann erschießt Ehefrau. Bruder ersticht Bruder. Sohn erdrosselt Mutter. Und jetzt Geliebte ersticht verheirateten Mann. Eine kleine Variante, aber trotzdem immer noch nach dem Schema.
Er schaute auf die Uhr. Schon kurz nach fünf. Seit einer Woche hatte er schon keine warme Mahlzeit mit seiner Frau gegessen. Sie und die Kinder aßen immer um sechs und er war kaum vor zehn Uhr nach Hause gekommen. Aber jetzt hatte er frei. Jetzt konnte er mit seiner Frau und den Kindern am Küchentisch sitzen, Hackbraten und Käsenudeln essen, und froh sein, dass seine kleine Welt noch heil war. Dann würde er eine Dose Bier aufmachen und sich entspannen. Und vielleicht konnte er Lissy dann auch noch zeigen, wie froh er war, mit ihr verheiratet zu sein. Seine praktische, verlässliche Lissy auf die er sich immer verlassen konnte.
*
Sheriff Dockery streckte seine Beine unterm Schreibtisch aus und nahm einen Schluck Kaffee während er die Zeitung Lass. In drei Tagen begann der Mordprozess gegen Melissa Teems. Er seufzte leise. Sie würde wohl verurteilt werden. Die Beweise waren einfach zu viel. Das Blut auf ihrer Kleidung, das einwandfrei zu dem Toten gehörte, der Fingerabdruck. Ein Motiv, kein Alibi. Warum hatte sie nicht auf ihren Anwalt und den Staatsanwalt gehört und gestanden. Eine Tat aus Leidenschaft, sechs oder sieben Jahre, dann wäre die Sache überstanden. Aber sie behauptete steif und fest, dass sie nichts mit dem Mord zu tun hatte.
Die letzten neun Monate in Untersuchungshaft waren hart für sie gewesen. Dockery erinnerte sich an das letzte Mal, als sie wegen eines Antrags ihres Anwalts hier in einer Zelle übernachtet hatte. Ihre ehemals blonden, lustigen Locken waren weiß und strähnig gewesen und ihre vollschlanke Figur hatte sie auch verloren. Sie würde es nicht leicht haben im Frauenknast.
Ein leichtes Klopfen an der Tür störte ihn in seinen Gedanken. “Herein”, rief er und Jenny, die ältliche Postbotin trat ein.
“Einschreibebrief für den Sheriff persönlich”, rief sie und hielt ihm einen Umschlag hin. Dockery unterschrieb und sah sich den Brief an. Kein Absender, aber in Raleigh abgestempelt. Ein einziges Blatt fiel heraus, vollgeschrieben mit einer pendantischen, engen Schrift. Während Dockery es Lass, fühlte er wie sich seine Nackenhaare sträubten.
“Lieber Sheriff Dockery, sicher sind sie überrascht von mir zu hören. Sie hatten nie viel von mir gehalten und ich nicht von Ihnen. Zu einfältig, immer den einfachen Weg gehend, so lösen Sie ihre Fälle. Aber vielleicht muss man das auch in Murphy, wo immer ein Cousin Bobby Jo seine Verwandtschaft umbringt. Ich habe in der Zeitung gelesen, dass die arme Melissa nächste Woche ihren Prozess bekommt. Was soll ich sagen? Sie haben den falschen Mörder. Ja, genau. Ich habe den Arzt auf dem Gewissen. Hätten Sie mir nicht zugetraut, oder? Ich habe es meiner Frau versprochen und jetzt ist sie glücklich. Sehen Sie, unser geschätzter Chirurg hat nämlich unsere einzige Tochter auf dem Gewissen. Das war vor fünfzehn Jahren gewesen als ich für sechs Monate auf den Galapagosinseln war um Vögel zu studieren. Meine Tochter ging gesund ins Krankenhaus um einen Leistenbruch zu operieren und verblutete unter seinem Messer. Der Herr hatte es eilig zu seinem Golfspiel zu fahren und überließ das Zusammennähen seiner Assistentin, einer einfachen Krankenschwester. Schwester Melissa sagte natürlich, dass er es selbst gemacht hätte. Sie wissen ja, dass die beiden ein Verhältnis hatten. Und so haben sie jetzt beide gebüßt. Sheffield für den Tod meiner kleinen Amy und die Teems dafür, dass sie für ihn gelogen hat.”
Dockery steckte sich gedankenlos eine Zigarette an. Er konnte kaum glauben, was er da las.
“Wir sind dann nach Murphy umgezogen und ich habe jahrelang gedacht, dass ich meine Rache nie bekomme. Aber dann, eines Tages bewirbt dieser Mörder sich um eine Stelle in meinem Krankenhaus. Das war ein Wink des Schicksals. Eine höhere Macht hat ihn in meine Hände gegeben. Er wusste natürlich nicht, wer ich bin. Vielleicht hat er die ganze Geschichte damals in Florida auch schon vergessen. Aber wir haben nichts vergessen. Den Fingerabdruck von Melissa auf das Skalpell zu bekommen, war einfach. Die Frau ist viel zu naiv und hat mir die Mordwaffe auch noch selbst gegeben. Und das mit dem Blut auf ihrer Hose war auch nicht schwer. Wo ein Wille ist…. Machen Sie sich nicht die Mühe nach uns zu suchen. Wir sind weit weg von Murphy. Dort wo ich ganz neue Arten von Vögeln studieren kann und meine Frau endlich Zeit für einen Garten hat. Es wird uns niemand finden. Mit freundlichem Gruß, Herbert Bucker. P.S. Ich hoffe doch, dass sie Melissa Teems jetzt frei lassen, sie hat ihre Strafe schon abgebüßt. Ich bin schließlich kein Unmensch.”

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