Die Kunst, ihr zeitloses Empfinden

von Willi van Hengel (copyright)

Zwischen Ekel und Ekstase.

Warum nur ist es so beschwerlich, „bis der Mensch lernt, etwas Kunst in seine Gefühle zu legen“, fragt sich Nietzsche mit dem sein ganzes Werk durchziehenden Gedanken, dass das Leben nur ästhetisch zu rechtfertigen sei. Was aber heißt es nun, etwas Kunst in seine Gefühle zu legen bzw. das Leben ästhetisch zu rechtfertigen? Ist es vielleicht so, dass man in der Kunst anders berührt wird als im gewöhnlichen Sinne? Und ist es der künstlerische Mensch, der am ehesten den Mut aufbringt, eine andere Art von Berührung zuzulassen?
Die Antwort ist zunächst eine einfache. Der Künstler verkörpert eine andere Lebensform, sonst wäre er kein Künstler. Er geht gegen den „normalen Geschmack“ an, mit Vielen übereinstimmen zu wollen. Er geht damit gegen die Grenzen des Schemas an, in dem man sein Leben gemeinhin ausdrückt. Er sucht andere Ausdrucksformen, die diese Grenzen, d.h. das alltägliche Bewusstsein, übersteigen. Konkreter ausgedrückt heißt das, dass er sich der Sprach- und Begriffslosigkeit seiner innersten und ureigensten Gefühle und Empfindungen, in denen er lebt, nicht mit allgemeinen gültigen Begriffen überstülpen will. Er nimmt nuanciert wahr, dass das, was im Leben geschieht, in einem Begriff niemals entsprechend wiedergegeben werden kann. Dieses Zwischen zwischen den Geschehnissen, seinen Empfindungen und der Sprache, die man gebraucht, ist für ihn unüberwindbar. Man kann auch sagen, dass dieses Zwischen der eigentliche Charakter des Daseins ist und es keine Mittel und Möglichkeiten gibt, diesen Spalt einzuebnen.
Der Künstler lebt also unentwegt im Unmöglichen, was ihn immer wieder zu neuen Kreationen antreibt. Es ist unmöglich, eine Entsprechung zwischen seinen Gefühlen und den Ereignissen im Leben zu finden. Dennoch macht er sich daran, diese Unmöglichkeit zu überwinden und vielleicht doch eine Entsprechung zu finden. Er versucht sich an der unmöglichen Möglichkeit und begibt sich somit in eine absurde Lage. Die aber ist der unablässige Quell seines Schaffens bzw. seines Schaffen-Müssens. Er hat keine Wahl! Denn die Absurdität seines Tuns einzusehen, heißt, seinem künstlerischen Impetus weiter zu folgen, ja folgen zu müssen!
In genau diesem Sinne spricht Nietzsche von „Zwang“ bzw. „Zwingen“. Die Unmöglichkeit, das Zwischen zwischen Gefühl und Begriff mit einem adäquaten und eindeutigen Ausdruck zu überbrücken, zwingt ihn immer wieder dazu, es dennoch aufs Neue zu versuchen. Das macht ihn zwar zu einem „Narr“2, zugleich aber auch zu einem Wesen, das den Mut aufbringt, für die negative Wahrheit des Daseins, eben keine Entsprechung zu finden, einzustehen. Im Grunde verkörpert er ja nur den Zwiespalt, den der Mensch überhaupt empfindet.
Das, was der nicht-künstlerische Mensch weniger stark empfindet, nämlich den Zwang, sich zu erschaffen, bringt den Künstler zu sich selbst. Während der nicht-künstlerische Mensch sich ein Lebens- und Weltbild schafft, das einen festen Rahmen und feste Grenzen haben soll, um jegliche Zweifel und Abgründe zu übermalen, lebt der Künstler in seinem lebensnahen Zwiespalt, in seinem Zerrissen-Sein!
Das ist freilich in einem doppelten Sinne zu verstehen. Er stellt den Zwiespalt des Lebens dar, er verkörpert ihn im Grunde, indem er Werke schafft, die mehr oder weniger wie eine Katze um den heißen Brei herumschleichen, weil eine Entsprechung zwischen Gefühl und Begriff nie erreichbar ist. Das aber wäre der Moment absoluten Glücks: die gestillte Sehnsucht, deren Inbegriff Gott heißt. Eine körperlose Gestalt, die alles im Griff hat.
Dagegen schafft der Künstler sich in seinem Werk eine Behausung in seiner eigentlichen Obdachlosigkeit; dies gilt aber nur für die Zeit, in der er kreativ und versunken in seinem Tun ist. Das ist die eine Seite seiner Existenz.
Auf der anderen Seite bereitet er mit seiner Kreativität sein immer wiederkehrendes Scheitern vor. Schließlich weiß er ganz tief in seinem Inneren, dass sein Werk keine Entsprechung ist und er auch keine Form findet, um den Zwiespalt zu überwinden. Er schafft sich also auch in dem Sinne, dass er sein Gebäude wieder einreißen muss. Zwischen Aufbauen und Zerstören zergeht sein Leben.
Man schreibt dem Künstler immerfort eine gewisse existenzielle Depression oder Melancholie zu. Das ist richtig. In dieser Phase ist er zu absolutem Nichtstun verurteilt. Schließlich liegt sein Werk, nachdem es entstanden ist, wie nach einem heftigen Sturm oder Erdbeben brach. Nun aber verhilft ihm der Gedanke der Unmöglichkeit, von dem wir vorhin gesprochen haben, dass es also unmöglich ist, jemals den Zwiespalt des Lebens zu überwinden, wieder auf die Beine. Schließlich ist nichts zu Bruch gegangen, was die Entsprechung verkörpert hätte. Es ist nur eine Illusion zerstoben oder ein Bild aus dem Rahmen gefallen, das nicht mehr taugte, um sich vorzumachen, mit dem Leben eins zu sein.
Wenn die Wahrheit des Lebens eine nur negative ist, dass es also keinen Begriff gibt, der sein Gefühl, gar eine Lebensform einhellig zugibt, dann kann es auch kein Werk geben, das sie (positiv) verkörperte oder wiedergäbe. Es kann gar nichts geben. Außer das Schaffen selbst! Es geht also darum, sich eine Illusion zu verschaffen, in welcher man sich für eine gewisse Zeit aufgehoben fühlt. Beim Künstler ist das freilich auch wiederum zweifach zu verstehen. Einmal im gewohnten Sinne des sich geborgen Fühlens, zum anderen aber dass sich sein existenzielles Geborgensein mit jeder Begriffsfindung sogleich wieder auflöst. So heißt es bei Nietzsche: „Ein Werden und Vergehen, ein Bauen und Zerstören, ohne jede moralische Zurechnung, in ewig gleicher Unschuld, hat in dieser Welt allein das Spiel des Künstlers und des Kindes. Und so, wie das Kind und der Künstler spielt, spielt das ewig lebendige Feuer, baut auf und zerstört, in Unschuld – und dieses Spiel spielt der Aeon mit sich […] thürmt auf und zertrümmert; von Zeit zu Zeit fängt er das Spiel von Neuem an. Ein Augenblick der Sättigung: dann ergreift ihn von Neuem das Bedürfniß, wie den Künstler zum Schaffen das Bedürfniß zwingt.“3 In beidem aber zeigt sich das Leben, weil beides ein Kraftaufwand und damit der einzige „Beweis“ ist, dass man da ist. Und genau das ist es, was das Leben ästhetisch rechtfertigt die Empfindung seiner Kraft und Energie.
Nun sind wir dem Wesen des Künstlers ein gehöriges Stück näher gekommen. Er berührt das Unmögliche und damit das Leben. Er greift in den Zwiespalt, als sei es das Nichts, so wie er nichts begreift von dem, was er macht und woher sein kreativer Drang herkommt. Vielleicht bedrängen uns Kunstwerke deshalb so ungemein. Vielleicht berühren sie uns wegen ihres Ausdrucks der Kraft, mit der der Künstler sich immer wieder aus fest gewordenen Konventionen zu lösen versucht. Insgeheim ist der künstlerische Gestaltungswille wohl auch ein Synonym für die Überwindung der Resignation, nämlich davor zu resignieren, dass es im Leben niemals eine Entsprechung zwischen dem Einen und dem Anderen und damit keine Erlösung gibt, aus dem Spalt jemals heraus zu gelangen.
Vielleicht faszinieren uns Kunstwerke wegen ihres melancholischen Wissens um die Wahrheit des Daseins und ihrer Auflehnung dagegen? Selbst in der kindlichen Zerstörung ist diese Faszination zu spüren, weil auch sie eine Kraft ausdrückt, die dem Leben ganz nah ist.

II.

Es ist also kaum verwunderlich, wenn man behauptet, dass das Leben des Künstlers sich zwischen Ekel und Ekstase abspielt. Es ist das Spiel des Aeon4: Wirklichkeit versus Berührung. Fremdbestimmung versus Selbsterfahrung. Festgewordenes versus die ewige Lust des Werdens.
Ausgangspunkt ist die zaghafte Empfindung der Inspiration. Damit aber endet auch schon alles, zumindest all das, was auf eine begriffliche Beherrschung dieses Zustandes ausgerichtet ist. Inspiration ist, so könnte man sagen, eine andere Art von Wissen oder die künstlerische Erfahrung, in welcher man spürt, dass man niemals der eigentliche Urheber und Schöpfer seiner Werke ist. Es ist also ein Wissen um die Begriffslosigkeit und die Unbeherrschbarkeit dessen, was sich ereignet, während man dabei ist. freilich ist es ein begriffsloses Wissen: eine fast reine Berührung, bei der es um die sprachlose Seite des Lebens geht.
Und während, so wollen wir hier poetisch ausdrücken, der Künstler in den Spalt Wörter, Farben, Linien und Versuche und Töne hineinschüttet, hallt aus seiner unendlichen Tiefe die milchige Stimme, die nichts dartut und nichts anderes zeigt als ihre hautliche Leere. Und eben die berührt er, ohne mehr zu wollen, ja, ohne mehr wollen zu dürfen. Denn sie, die Stimme, die Haut, die Leere, entzieht sich sogleich. Man vermag nicht nach ihr zu greifen, vermag sie nicht zu begreifen. Es führt stets auf das Gleiche hinaus. Und es führt nichts auf das Gleiche hinaus. Es führt überhaupt nicht irgendwo hinaus.
Dennoch, es gibt etwas, was dem künstlerischen Menschen dazu verführt, sein Dasein anders zu verstehen als viele Andere um ihn herum, und sich dem Nicht-Verstehen hinzugeben. Es gibt eine Kraft, der er sich anvertraut, wie nichts und niemandem sonst in seinem Leben. Es ist die Inspiration. Er steigt ihr nach. Er gibt sich ihr hin. Verführt sie und lässt sich von ihr verführen. Ihm bleibt keine Wahl. Er muss es tun. Muss sich ausliefern. Dabei geht es weniger um die Frage nach einem freien Willen oder nicht. Es geht vielmehr um die Kraft, es durchzustehen. Und dann begibt er sich immer mehr in ihre Geheimnisse, in die Geheimnisse der inspirativen Antwortlosigkeit.
Der Künstler ist also alles andere als frei. Er ist gezwungen. Nicht nur in dem Sinne, sich zu einem existenziell ausweglosen Narren zu machen, sondern auch darin, seine Obdachlosigkeit auf der Welt zu bezeigen. Und er ist gezwungen, zu schaffen, sich unentwegt neu zu erschaffen, so wie auch sich zu schaffen im Sinne seiner produktiven Zerstörung, eben so wie er sich fortwährend veranlasst sieht, alles immer wieder in Frage zu stellen. Sein Sein ist, so betrachtet – und wie anders sollte man es tun -, eine erotische Auflehnung. Eros wäre zu verstehen als die Quelle des Kreativen oder als des Willens zur Unbeherrschbarkeit. Wo mehr als in ihm will man sich vergessen? Zu wem mehr fühlt man sich hingezogen, als zu diesem kleinen Fleischkloß auf diesem schnellen Pferd ins Unendliche, ins Sprachlose und Unsichere. Denn was ist unsicherer als unsere eigene Identität? Warum gibt es allenthalben und überall im Leben Verträge in einer Sprache, die Allgemeingültigkeiten wiedergibt und ins überindividuell Sichere zu führen trachtet? Sind wir unserer selbst also nie sicher! Und wo bleibt dabei unsere Persönlichkeit? Denn schließlich drängt alles in uns immer nur danach, einzigartig und unverwechselbar zu sein. Das Persönliche ist Ausdruck des Willens zu einem eigenen Stil. Dafür muss das eigene Leben aber zu einem Thema werden, zu einer großen Sehnsucht und Suche mitsamt der Kraft, seine Grenzen aufzubrechen.
Der erotische Zustand des Schaffens und Umsetzens seiner Phantasie in die Form des Nachvollziehens durch einen Anderen versetzt den Künstler in eine außergewöhnliche Empfindsamkeit. Er ist außer sich. Ekstatisch. Die Grenzen seines Bewusstseins verschwimmen. Die Schuld des Tages vergeht. Der Rausch beginnt. Endlich fühlt sich der Künstler nicht mehr schuldig und verantwortlich für das, was er tut. Endlich streift er das Gefühl, von anderen in Form von Blicken, Regeln und Gesetzen bestimmt zu werden, von sich ab wie eine Schlange ihre altgewordene Haut. Endlich beginnt, so seine inspirative Empfindung, das Leben. Natürlich nur im Alleinsein, ja, in der Einsamkeit. Denn die Anwesenheit eines anderen Lebewesens gebiert wiederum das Gewissen, Grenzen und Gebote der Sprache einzuhalten. So sucht er immerfort einen Raum, der ihn zu seinem Selbst verführt. Es ist der Raum der reinen Phantasie, die noch übersetzt worden ist in eine verständliche Ausdrucksform. Ein Raum der Unschuld. Denn zuletzt ist alles Werdende unschuldig, es kann nicht sprechen und will es auch gar nicht, es kann nur sein! Im Sein nicht-sein. Ist das möglich? Nein, das ist die Unmöglichkeit, die ihn erfasst hat.
Nur zu sein in der Erotik begriffloser Hingabe – wie geht das?
In einem solchen Zustande will man nicht beherrscht werden und auch nicht beherrscht werden. Das ist Eros’ Seele. Sich hingeben und fallen lassen, nicht an die Folgen denken und auch nicht an die Mittel, sie zu erreichen. Immer wieder erfasst zu werden von einer unheimlichen Kraft, die einen ins Leben treibt.
Diese Heimtücke, dieser entblößte Nicht-Sinn ist verbandelt mit dem Schönen. Das ist ja das Begriffslose. Danach treibt es den Künstler letztendlich. Das ist sein unstillbarer Drang. Nun geht aber jeder Kraft, und das ist nun einmal ihr Wesen, immer wieder die Puste aus. Und er stürzt hinab ins Bodenlose, ins Absurde: in die Wirklichkeit. Das verschafft ihm Übelkeit. Und eigentlich, will man ehrlich bleiben, nicht nur Übelkeit, sondern vielmehr als das. Das Dasein ekelt ihn.
Er wird zurückversetzt in die Kausalität der Begriffe. Das aber widerspricht genau seiner Erfahrung des Schönen. Da musste sich nichts erklären. Da musste sich nichts begreifen. Da durfte er so sein, wie er sich fühlte. Da war er – zwar auch nicht in der Wahrheit, aber zumindest nicht in der Lüge!
Und doch muss er, der Künstler, sich gleichwohl wieder „fremd“ bestimmen lassen, nämlich von seiner eigenen Kraft sowie von der Einsicht, dass alles, was er tut, nur der Illusion dient… einer lebensnotwendigen, weil lebenserhaltenden Illusion, in der sich herkömmliches Verstehen darstellt. Der Künstler würde liebend gerne seine dionysischen Zustände als Wahrheit begreifen, das aber ließe ihn sich wieder finden in einer sprachlichen Ordnung, die ja gerade seinem Drang nach Auflösung und Verletzung dieser Ordnung widerstrebt.
Dieser Widerspruch in ihm offenbart seine grundsätzliche Angst. Die Angst nämlich, dass ihn seine inspirative alles bezweifelnde Kraft irgendwann versiegen könnte! Dann bliebe ihm nur der Ekel. Allein im Zustand des Schaffens spürt er diese Angst nicht. Sie schreit erst auf, wenn seine Kraft nachlässt. Und die nachgelassene Kraft, die Kraftlosigkeit heißt, wie wir festgestellt haben, Wirklichkeit. Sie fordert Verstehen, Gewissen und Gehorchen. Denn in der gesellschaftlichen Wirklichkeit wird man ausgegrenzt, wenn man nicht verständlich erscheint. Es ist der Instinkt der nicht Angetastetwerden-Wollenden, für die der Zweifel nichts bedeuten soll. Für die ihre Identität das Erstrebenswerteste ist, obwohl sie sich gerade damit aufs Unsicherste einlassen. Und diese instinktive Unsicherheit veranlasst sie zu einer Phalanx, die antritt, um sich gegen die Kunst zu wehren. Man gehorcht, wenn man sich selbst nicht hören will. Dies soll kein Plädoyer gegen die Realisten sein, sondern für die Offenheit und Aufmerksamkeit gegenüber den Vorurteilen, die einem die eigene Kehle zuschnüren.
Auf den künstlerischen Menschen bezogen, hieße das: Es geht ihm um die einzigartige Schönheit seiner Berührung mit dem Sein. Dies nicht unentwegt und tief genießen zu dürfen, und zwar über alle Maßen hinaus, macht ihn zynisch, traurig, sarkastisch, ironisch, gehässig, lebensfeindlich, lüstern, interessant, unberührt, unsicher, ungehalten, arrogant, hautlich, zart, liebevoll, stolz, vergangen, sprachlos… Das alles sind Eigenheiten seines Ekels und damit des Wissens, letztlich nichts darstellen zu können, was dem Geschehen des Seins entspricht. In der Realität wird die Kluft zwischen Leben und Begriff, Wirklichkeit und Kunst, Ekel und Ekstase ein weiteres Mal gespiegelt zwischen Innen und Außen. Bei allem, was er tut, empfindet und denkt der Mensch am innigsten das, was nicht zum Vorschein kommt. Sein Verhalten und seine Sprache wollen eher verbergen als offenbaren, was in ihm vorgeht.

III.

Wir wiederholen uns. Mit Absicht. Denn alles wiederholt sich unendlich oft im Leben. Zumindest der Form nach. Die Abfolge zwischen Ekstase und Ekel ist ein sich ewig wiederholendes Geschehen. Für den Künstler bedeutet das die ewige Wiederkehr des Gleichen. Aber nur für ihn. Und auch nur aus dieser Perspektive ist der tiefste Gedanke Nietzsches zu begreifen. Was bedeutet dem künstlerisch veranlagten Menschen überhaupt etwas? Um es kurz zumachen, sowohl in Ekel als auch in Ekstase bedeutet ihm nur das Persönliche etwas.
Der Stolz, Urheber seines Tuns zu sein, entsteht nur im Realisten. Der Künstler dagegen weiß, dass er nicht der eigentliche Urheber seines Werkes ist. Er weiß auch darum, es nicht erklären zu können, warum er kreativ und schaffend ist und es sein muss. Und dieses „Wissen“, das sich nur im Moment des Schaffens als Moment tiefsten Glücksempfindens offenbart, bleibt mit sich allein. Kein Begriff verhilft es heraus aus seiner Einsamkeit. Es gibt dem Künstler das Gefühl des Persönlichen, was bei ihm in erster Linie das Bild einer zerrissenen Persönlichkeit malt. Wenn Nietzsche sagt, dass allein das Persönliche „das Unwiderlegbare“ sei, dann kann es keinen Begriff haben und auch nicht auf den Begriff gebracht werden. Das Persönliche ist letztlich unbestimmbar. Es ist die Stimme zwischen den Zeilen und Buchstaben. Jeder stellt sich bei einem bestimmten Begriff, z. B. Park, etwas anderes vor, assoziiert andere Farben, andere Erinnerungen und damit auch andere Empfindungen: eine Bank, aus Holz oder Plastik, der Rasen, kurz geschnitten oder von der Sommerhitze verbrannt, saftig grün oder verdurstet, oder die Wege aus Steinen, Kies oder Teer, geschwungen vielleicht, vielleicht aber auch eckig und abgegrenzt durch ein Eisengitter oder etwas anderem… So bleibt letztlich alles streit- und widerlegbar, frei nach dem russischen Sprichwort, dass niemand mehr lügt als ein Augenzeuge – was aber nicht widerlegt werden kann, ist das Persönliche eines Menschen. Es hieße, ihn als eigenständiges Wesen nicht anzuerkennen, ihn nicht zu respektieren in seiner Einzigartigkeit und beschneiden zu wollen in seiner individuellen Meinung.
Der Mensch ahnt also, um was es dem Künstler geht. Schließlich strebt jeder nach unverwechselbarer Individualität. Das aber gelingt nur, wenn man versucht bleibt, das normative Denken aufzuweichen. Vielleicht ist man ihm gegenüber deshalb so zwiespältig eingestellt. Fasziniert von seinem Anderssein und zugleich abgestoßen eben davon, weil man ihn in seinem völligen Anderssein nicht in den Griff bekommt. Schließlich begehrt der unkünstlerische Mensch nicht das Infragestellen seines Schemas, dessen er sich verschrieben hat. Das Persönliche ist nur wahrnehmbar, aber niemals begreifbar. Es stiehlt sich, sobald man es erfassen will, davon. Eben so muss man sich das Leben des Künstlers vorstellen. Alles, was er hervorbringt, entzieht sich ihm sogleich. Er kann nichts festhalten, weil ihn nichts hält. Sein Gefühl, überall fehl am Platze zu sein, rührt daher, dass seine Seele sich allein zwischen Ekel und Ekstase findet und nur dort, in diesem Niemandsland, zu sich kommt. Es kostet ihm mithin viel Kraft, seinen Ekel zu verbergen. Niemals mit seinem Bewusstsein ganz in der Wirklichkeit zu sein, noch weniger aber im Rausch seines Schaffens, weil die Grenzen des Bewusstsein sich gerade dann verwischen, gibt ihm das Gefühl, nirgendwo hinzugehören. Das aber macht sein Leben zum Selbstzweck. Und genau das ist das Andere an seiner Lebensform. Wer schon empfindet sein Dasein als Selbstzweck außer der Künstler?
Dem gewöhnlichen Bewusstsein ist alles nur Mittel zum Zweck. Und damit kommt es sehr gut zurecht. Denn dort bestehen die Regeln und Gesetze der Kausalität, die aus der Absicht bestehen, alles erklären und damit in den Griff bekommen zu wollen. Wenn das eine so war, musste das andere mit Sicherheit so sein, ließe sich alles erklären. Nur, stellt sich hier die Frage, erreicht es das Innerste, unser wirkliches Empfinden? Spüren wir nicht immer wieder, dass Erklärungen nicht dazu taugen, um Gefühle zu erfassen und zu erklären, um uns dann erholen zu können, tief durchzuatmen.
Vielleicht ist Sprache nur dazu da, um die Anarchie unserer Empfindungen zu verschleiern? Vielleicht ist sie überhaupt nur dazu da, um unsere eigentlichen Gefühle zu verbergen? Kann Sprache überhaupt vermitteln, was Selbstzweck bedeuten könnte? Ist nicht sie es, die uns wirklich bestiehlt?
Genug der Fragen. Oder doch nicht. Vielleicht drückt sich in ihnen unser erotisches Erleben aus? Vielleicht sind wir im Zustand des Fragens oder etwas in Frage Stellens am ausdruckvollsten, am erotischsten?
Die Antwort liegt im Tun, in der Sexualität, im Sichbefriedigen. Hier aber liegt das Anderssein zwischen dem Künstler und dem gewöhnlichen Bewusstsein. Solange das Tun nur Mittel zu etwas ist, bedeutet es dem Künstler nichts. Nur wenn es den Charakter des Selbstzwecks annimmt, ist seine Seele dabei. Und das wiederum ist nur im Rausch möglich. Weil darin die Unmöglichkeit des Seins und seine Absurdität vollends zum Vorschein kommen. Wir haben bereits davon gesprochen, wollen aber noch einmal in aller Kürze darauf zurückkommen. So wie es Glück im Ekel gibt, in dem man sich in seinem Tun anerkannt fühlt, gibt es in der Ekstase nicht nur ein reines Glücksempfinden, sondern auch seine Entladungen, sowohl in einer Art manischer Euphorie als auch in Form tiefer Traurigkeit in einem Strom von Tränen.
Im dionysischen Rausch wird gerade das möglich, was in den Grenzen der Konvention, verpönt ist. Im Rausch wird es möglich, das Unmögliche zu berühren. Es werden Bilder freigesetzt, die nur in dieser Einsamkeit der Ekstase entstehen können. Tiefe Niedergeschlagenheit ebenso wie manische Höhenflüge gehen ineinander über und offenbaren so für kurze Momente die Überwindung der eigentlich unüberbrückbaren Kluft als Überwindung seiner Identität.
Hier findet die Souveränität ihren Ursprung. Sie ist die Überwindung der Identität als die Form von Orientierung im Leben. In der Souveränität wird ein Wille sichtbar, der keine Identität mehr braucht: sprachliche Normregeln vereinigen sich mit individuellen Spielregeln des Sich-Erschaffens. Das soll hier jedoch nur angedeutet bleiben.
Der Selbstzweck des Daseins findet also nur in der Aufhebung seiner Grenzen statt. Man wird seines Bewusstsein und Selbstkontrolle bestohlen. Und damit in allem beschenkt, was das Leben zu geben hat: nämlich die Empfindung seiner Unerfassbarkeit. Genau genommen ist das die Zeit, in welcher man nur seine kreative Kraft und Lust am Werden auslebt und genießt. Es ist sein Eros. Denn es bleibt bei der bloßen Berührung. Gleichwohl ist sie das Höchste, Empfindsamste, Schönste. Man stiehlt sich in der Berührung (fast) davon. Aber nur fast. Denn man wird immer wieder von der Wirklichkeit eingeholt. Der Körper des Anderen, seine Stimme und Haut, sein Atem und Begehren macht das Sexuelle gegenüber der Erotik des wort- und körperlosen Berührens allein wirklich – und insofern wiederum zu einer Form des Mittels zum Zweck. Man berührt beim sexuellen Verkehr ja weniger sich selbst als die Grenzen des Anderen. Es hat also mit dem rauschhaften Eintauchen in eine andere Welt nichts zu tun. Man begnügt sich dabei mit der bloßen Befriedigung, traut sich aber nicht, seine Aufhebung zu wollen.
Die Vernichtung der Grenzen seines gewöhnlichen Bewusstseins ist die Lust, sich den noch ungeformten Bildern seiner Phantasie zu überlassen. Die Lust ist unendlich, die Phantasie begrenzt. Oder umgekehrt? Das tut nichts zur Sache, denn beide gehen Hand in Hand. Und in ihrer jeweils nachlassenden Kraft findet der Prozess des Verschwindens (aus) der Wirklichkeit seine Begrenzung. Heißt Phantasie nicht, in eine andere Welt abzutauchen, um dort gegen die Regelhaftigkeit des Seins aufzubegehren? Gleichwohl verlangt das Ins-Werk-Setzen der Phantasie wiederum nach Wirklichkeit, nach Verwirklichung. Das wirft den künstlerischen Menschen aus seiner eigenen Welt hinaus und entfacht in ihm Ekel. Dort also der absolute Genuss, hier der Ekel, der das Ende des Spiels mit Bildern, Farben und eigens entwickelten Regeln bezeigt.
Den Künstler zerreißt es und er wird erneut von unten nach oben durch die Oberfläche des Sich-Vergessens gezerrt: in die Welt der normativen Sprache, des Verstehens und der geheimen Sehnsüchte. Es ist die Realität, in der ein Gefühl des Glücks erstrebt wird: in der Anerkennung seines Tuns. Es ist noch grundsätzlicher als die Liebe. Der Moment, in dem der Künstler vom Ende seiner ekstatischen Entgrenzung erfährt, ist der gefährlichste Augenblick seines Daseins. Denn er wird nun gezwungen, seinen Ekel zu verklausulieren. Den Sturz in die Realität muss er auffangen, um nicht zugrunde zu gehen.
Er muss für sich und den Moment seines dionysischen Zustandes eine Ausdrucksform finden, die ihn nicht verrät. Der Ekel, als das Ende einer zügellosen Verschwendung seiner Kraft, beginnt. Der künstlerische Mensch muss sich wieder in der Grammatik des Alltags einfinden. Um sich zu erholen, um wieder aufzutanken, ohne freilich ganz bei sich zu sein. Weit ab vom rauschhaften Tun seiner Phantasie. Weder einem etwas recht machen, noch sich finden. Im Gegenteil. Es erzeugt ganz unverhohlen den Wunsch, sich wieder zu verlieren. Will es erneut anders, ohne Form (noch), ohne Rechtfertigung, ohne Erklärung. Sich entgrenzen, wie aus der eigenen Haut fahren, nur Sein sein. Die Schönheit des Vernichtens seines Gehorsams spüren. Ins Vergessen hineingetaucht, erscheinen plötzlich an der Oberfläche einer neuen Welt seine verborgenen Bilder. Er fühlt sich nicht nur ganz nah bei sich selbst, sondern ernst genommen, wahr genommen, aufgenommen im Chor des Lebendigen. Nun fühlt er sich als Person, nicht mehr nur als Beiwerk oder als Mittel zum Zweck eines Anderen.
Der Ekel dagegen ist das Mittel, um zu überleben in den Strategien des Tages, in der Abgerichtetheit der Sprache und ihrer Kausalität, die die Dinge und Geschehnisse stets aufs Neue ordnet. Da der Künstler sich dabei nicht aufgehoben und damit bei sich fühlt, entfacht sich allmählich und unausgesprochen sein Drang, wieder in seine dionysische Empfindsamkeit zu gelangen. Man kann nun von einem sich selbst begehrenden Begehren sprechen, das den Künstler wiederum beherrscht; diese Beherrschung empfindet er aber nicht als fremdbestimmt und somit nicht als Ekel. Es ist die unstillbare Sehnsucht, sich zu verschwenden und alle Kontrollinstanzen in sich zu verlieren; es ist die Sehnsucht nach dem Unbegreifbaren! Vielleicht ist es die Sehnsucht nach einem sich selbst begehrenden Begehren. Ein sich im Kreis Drehen zwischen Rausch und Wirklichkeit, zwischen Ekstase und Ekel. Beides wird überwunden: das erstere, die Ekstase, durch sich selbst als nachlassende Kraft des Rausches, als nachlassende Kraft des sich Auslebens; der Ekel dagegen wird verbrämt in zynischen oder ironischen Äußerungen seinen Mitmenschen wie sich selbst gegenüber. Sein Zynismus und seine Ironie sind Ausdruck einer Trauerarbeit am Ekel. Schließlich verliert er in diesem Augenblick eine Art Paradies, zwar nicht auf Erden, dafür aber umso mehr im Kopf, im Bauch, im Zustand des Vergessens seiner Identität, jenseits der gewöhnlichen Art, da zu sein.

IV.

Wie wir gesehen haben und lange schon spüren, ist der nicht-künstlerische Mensch nicht weit entfernt vom Künstler. Vielleicht reden wir sogar von zwei Seelen in einer Brust? Bei diesem, dem Künstler, wirkt die eine Seele mehr als die andere, während bei jenem es genau umgekehrt ist. Aber kein Mensch ist nur das eine!
Jeder für sich empfindet eine Sehnsucht auf der einen Seite, so wie die Entladung des Ekels auf seine Weise. Der Eine händelt die Wirklichkeit, der Andere verliert sich in seiner Phantasie. Beide verspüren sie die Sehnsucht, zu verschwinden, nur die Art und Weise unterscheidet sich. Vielleicht hat der Eine etwas mehr Mut, sich dem Unbegreifbaren in sich zuzuwenden. Vielleicht geht er das Risiko des Lebens eher ein. Vielleicht setzt er seinen Geschmack über dem, was gemeinhin gefällt.
Die Antwort wird, wie fast immer, in der Nuance des Nicht-Verstehens liegen und darin, wie man damit umzugehen versteht. Solange der Zwang im Künstler ein spielerischer ist, wird er mit sich weiter spielen. Er setzt seine Identität aufs Spiel. Wie auch umgekehrt das Leben ihn aufs Spiel setzt. Wird aber die Lust am Werden und Schaffen von Weltbildern und neuen Zweifeln versiegen, wird auch er nicht mehr aufbegehren. Dann wird seine Zerrissenheit ihn endgültig zerreißen.
Doch darauf wird es der Künstler ankommen lassen.
Es geht dem Künstler nicht um Freiheit (ihr hängt zu wenig Ekel und zu viel Illusion an), nein, es geht ihm um gar nichts, was mit übergeordneten Begriffen wie Lüge, Wahrheit oder Schuld zu tun hat. Es geht ihm allein um den Schwebezustand zwischen seinen Welten. Es geht um die Versöhnung mit dem unaufhebbaren Zwischen, in dem er seine Ängste erkennen und seine Liebe ausleben kann.
Worin aber können wir uns retten, ohne uns zu verraten?
Ist es die Musik, die Poesie oder die Philosophie, in denen das Empfinden und das Nicht-Verstehen im Mittelpunkt stehen?
Sobald man empfindet, entzieht sich nicht nur die Empfindung, sondern vielmehr noch baut sich der Wille auf, es zu beherrschen. Als wolle man etwas bedeuten. Die Sprache jedoch, mit der man den Anderen ergreifen will, versickert in seiner Subversion, d.h. in seinen undurchsichtigen Vorstellungen von dem, was man sich vorstellt. Im Grunde gehen wir an uns selbst immer nur vorbei. Vielleicht ein Glück? Würden wir uns treffen, wüssten wir vielleicht ebenso wenig mit uns zu reden wie mit einem Fremden, der unser Herz nicht berührt. Nur derjenige, der sein Herz und Seele berühren will, geht alles ein. Ein in die Kunst. Sie macht mit einem, was sie will. Sie ist subversiv, wie das Leben auch. Es ist so, als renne einem das Glück hinterher – und man versuchte alles, um ihm aus dem Weg zu gehen. Wäre es der Moment, in dem man nichts mehr zu schreiben hätte? In dem das Leben sich nicht mehr weiter provozieren ließe?
Er wäre es!

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