Jakob
von Paola Reinhardt (copyright)
„Das Ende der Liebe, das Ende der Träume …“ Lena zuckte zusammen, als sie die alte Schlagermelodie aus dem Transistorradio eines Mitpassagiers hörte. Wann hatte sie dieses Lied das letzte Mal gehört? War das nicht vor zwanzig Jahren in dem kleinen Lokal in der Nähe des Leuchtturms, als sie zum ersten Mal mit Jakob auf der Insel Ferien machte? Zu diesem Zeitpunkt hatten sich ihre Gedanken allerdings bereits mit Alfred und einer gemeinsamen Zukunft beschäftigt. Sie war ihm ein paar Tage vorher rein zufällig auf der versandeten Strandpromenade begegnet. Er hatte sie angesprochen, sie hatten sich unterhalten und kurz danach ihren Spaziergang gemeinsam fortgesetzt. Während sie entlang der Dünen wanderten, erzählte er ihr von seiner Fabrik in Herne, dem Reet gedeckten Haus auf Sylt und seinem Winterdomizil in den Schweizer Bergen. Für ihn war es Liebe auf den ersten Blick gewesen, wie er ihr später verriet. Nicht für sie. Doch reich zu sein erschien ihr damals verlockender als verliebt. „Ach Jakob, ich habe doch immer nur dich geliebt, das musst du mir glauben“, dachte Lena in einem Anflug von Wehmut. „Alfred war doch nur …“ Erschrocken brach sie ihr stummes Bekenntnis ab und umklammerte mit beiden Händen das metallene Gitter der Reling. Ihre Haut spannte sich über den weißen Knöcheln der Finger, und einen Moment lang hatte sie das Gefühl zu schwanken. „Land in Sicht“, sagte der schmallippige Tourist neben ihr, der sich seit der Einschiffung an ihre Fersen geheftet hatte. Leider sah er völlig unbedeutend aus, wie ein Beamter von der Bahn oder dem Finanzamt mit baldiger Aussicht auf Ruhestand. Obwohl der stoppelkurze Schnitt seiner dichten grauschwarzen Haare und die leicht getönte Sonnenbrille so gar nicht zu seinem langweiligen Outfit passte. Wahrscheinlich kaufte er seine Garderobe in einem Warenhaus von der Stange, denn sie entbehrte jedes modischen Schicks. „Ja, Land in Sicht“, wiederholte Lena und knipste ihr Gewohnheitslächeln aus, sobald sich ihre Blicke für einen kurzen Augenblick trafen. Im Laufe der letzten Jahre hatte sie sich angewöhnt, Fremden gegenüber vorsichtig, wenn nicht gar argwöhnisch zu sein. Schnell steckte sie die feingliedrigen Hände mit den kostbaren Ringen in die Taschen ihres schwarzen Kaschmirmantels, drehte sich um und ging zu ihrem Platz im Unterdeck zurück. Doch auch hier fühlte sie sich schon nach kurzer Zeit erneut beobachtete und ohne von ihrer Zeitung hochzusehen, wusste sie auch von wem. Du bist zu argwöhnisch, Lena, versuchte sie sich zu beruhigen. Vielleicht verspürt dieser Mann ja nur Langeweile und würde sich gern mit dir unterhalten. Oder du gefällst ihm als Frau. Ja, warum eigentlich nicht! Schließlich war sie mit ihren zweiundfünfzig Jahren noch nicht zu alt, um auch das in Betracht ziehen zu können. Lena überblätterte den Sportteil der Zeitung und kam zu der Programmvorschau des Fernsehens. Ihre rechte Hand zitterte ein wenig, während sie weiter las. Heute Abend gab es schon wieder einen Krimi im Ersten und noch auf fünf anderen Kanälen. Was den Leuten nur an Krimis gefiel? Ein Mord war doch schließlich kein Vergnügen!
Zwanzig Minuten später, als sie von Bord der Fähre ging und ein wartendes Taxi herbeiwinkte, verspürte sie beim Anblick der Insel weder Sentimentalität, noch Erinnerungsfreude, sondern nur eine prickelnde Unruhe, die sie eigentlich hätte warnen müssen. Es ist nicht mehr die Insel von damals, dachte Lena enttäuscht und betrachtete während der Fahrt die Windräder zu ihrer rechten Seite, die sie fast bis zum Ort begleiteten. Das Hotel von damals, gleich hinter dem Deich, hatte sich in den letzten Jahren rein äußerlich nicht verändert. Der Herr an der Rezeption zeigte das übliche roboterhafte Lächeln, als er ihr die Schlüssel für das reservierte Zimmer aushändigte. Doch Lena dachte nicht daran, es zu erwidern und nickte nur kaum merklich mit dem Kopf. Freundlichkeiten dem Personal gegenüber muss man sorgsam dosieren und nicht verramschen, hatte Alfred kurz nach der Hochzeit zu ihr gesagt und daran hielt sie sich noch heute.
Das Zimmer mit Meeresblick entsprach nicht ganz ihrer Vorstellung von einem selbstverständlichen Luxus, an den sie sich während ihrer zweiten Ehe schnell gewöhnt hatte. Doch wenigstens der Service schien zu funktionieren, denn ihre Koffer standen bereits vor dem großen Doppelbett. Lena beachtete sie nicht weiter, sondern zog es vor, erst einmal den Inhalt der Minibar zu überprüfen, obwohl sie seit ihrem letzten Syltbesuch immer eine Flasche ihres Lieblingswhiskys im Handgepäck trug. Damals hatte das junge Mädchen vom Room-Service sie wegen der Lücken in der Minibar so mitleidig angesehen, als sie zum Auffüllen des Bestandes kam. Eine Unverschämtheit! Schließlich war sie doch keine Trinkerin und außerdem verdiente das Hotel nicht gerade schlecht an diesen kleinen Fläschchen, für die Gäste einen völlig überhöhten Preis zahlen mussten. Lena spürte, wie ihre Hände zitterten, als sie den Knoten ihres roten Schals löste, den sie sich während der Überfahrt um die halblangen schwarzen Haare gebunden hatte. Achtlos warf sie ihn auf den Boden und öffnete hastig die rote Guccitasche. Sie nahm die Flasche heraus, schraubte den Verschluss auf und nahm einen kräftigen Schluck vom Whisky. Gleich würde es ihr bestimmt wieder besser gehen! Als ihr Blick danach zufällig in den Spiegel über der dunkelbraunen Kommode mit den altmodischen Messingbeschlägen fiel, erschrak sie. Ihr Gesicht sah blass, ja fast grau aus. Wie soll das noch werden, wenn schon das beginnende Alter so grausam ist, dachte sie wehmütig. Es hatte sich zuerst mit winzigen Fältchen in ihr Gesicht geschlichen und sich dann allmählich wie ein feines Spinnennetz darin verbreitet. Lena seufzte. Leider hofierten die Spiegel sie in letzter Zeit immer seltener. Zeigten ihr eigentlich nur noch bei Kerzenlicht, oder nach dem Besuch einer Kosmetikerin das Gesicht einer strahlenden Frau. In anderen Momenten half ihr nur noch der Alkohol über den Verlust der Jugend und ihrer großen Liebe hinweg. Erneut öffnete sie ihre Reisetasche. Der gute alte Whisky, er tröstete sie auch in den Nächten, wenn die Schlaftabletten nicht mehr wirkten, oder dieser Traum sie marterte und aufweckte. Jetzt war die Flasche leer. Sie musste gleich morgen für Nachschub sorgen! Einen Augenblick lang überlegte Lena, sich noch an der Minibar zu bedienen. Doch dann ging sie mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck unter die Dusche, schminkte sich anschließend sorgfältig, steckte die Haare hoch, zog den blauen Hosenanzug und eine rote Bluse über die schwarze Seidenunterwäsche. Der Verschluss ihrer Kette hakte zunächst, als Lena sie schließen wollte. Die großen Perlen waren ein letztes Geschenk von Alfred und zogen häufig begehrliche Blicke auf sich. Auch die ihrer Bridgepartnerin, gegen die sie nur aus diesem einzigen Grund hin und wieder gewinnen konnte. Lena schloss die Zimmertür hinter sich, ging zum Fahrstuhl und glitt sacht ins Parterre. Den richtigen Platz im Speisesaal ließ sie sich auch heute ein großzügiges Trinkgeld kosten. Während sie gelangweilt die Speisekarte studierte, grüßte der einzelne Herr vom Nebentisch freundlich zu ihr herüber. Augenblicklich fühlte Lena eine leichte Benommenheit, die noch wuchs, nachdem sie den Mann im schwarzen Hemd und grauen Anzug wiedererkannt hatte. Der Ober hinter ihr musste seine Frage noch einmal wiederholen, bis sie endlich in der Lage war, den richtigen Wein zu bestellen. Doch auch der schaffte es später nicht, sie in eine bessere Stimmung zu versetzen. Und als ein anderer Kellner ihr die gedünstete Seezunge servierte, fühlte sich Lena nicht in der Lage, den Fisch mit Genuss zu verspeisen. Beilagen und Nachtisch verschmähte sie gänzlich. Dafür bestellte sie entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit eine zweite Karaffe Wein. Um den zudringlichen Blicken des Fremden zu entgehen, sah sie sich Hilfe suchend im Speisesaal um. Doch außer sechs oder sieben älteren Ehepaaren und zwei betagten alten Damen, konnten sie keine weiteren Gäste entdecken. Lena, es ist Ende Oktober, was hast du um diese Zeit an Abwechselung erwartet, dachte sie ernüchtert. Erneut spürte sie die Blicke des Fremden auf sich gerichtet, der im Gegensatz zu ihr über einen guten Appetit verfügte. Fröstelnd stand Lena auf, zog ihren warmen Mantel an und verließ das Hotel.
Draußen atmete sie tief die kühle Abendluft ein und sah den grauweißen Wolkenbergen nach, die der Wind respektlos vor sich her trieb. Die Sonne hatte ihre Verneigung vor dem Meer nicht überlebt und nur einen feuerroten Widerschein am Horizont hinterlassen. Er wirkte bedrückend auf die einsame Frau, die sich hastig auf den Weg zum Strand machte. Da nur die erste Strecke entlang der Dünen gepflastert war, veränderte sich schon bald der Klang ihrer hohen Abätze. Er wurde lauter und dumpfer, als sie über die Holzbretter weiter schritt. Dann hörten auch die irgendwann auf und es blieb Lena nichts anderes übrig, als in Strümpfen weiter durch den Sand zu gehen, oder umzukehren. Doch sie ging weiter, immer weiter wie ferngesteuert, bis zu der Stelle, die in diesen Träumen eine so wichtige Rolle spielte. „Ach Jakob, weißt du eigentlich, wie sehr ich dich in all den Jahren vermisst habe? Zugegeben, zuerst war ich froh, als ich dich los war und Alfred um meine Hand anhielt. Aber später habe ich oft um dich geweint. Deswegen finde ich es auch unverschämt von dir, dass du mir immer noch diese Albträume bereitetest. Es ist doch nichts mehr daran zu ändern. Tot ist tot! Also hör endlich auf, dich wie ein Alb auf meine Brust zu setzen und mir Angst einzujagen. Manchmal sitzt sogar Alfred neben dir und ihr lacht mich beide aus. Das ist zu viel, das halten meine Nerven einfach nicht mehr aus! Ich habe nicht mehr die stärksten, nach all diesen Jahren. Das könntest du dir eigentlich denken!“ Lena erschrak vor ihrer eigenen Stimme, blieb stehen und drehte sich erschrocken um. Aus dem leichten Nebelschwaden, der vom Meer herüberschwankte, tauchte plötzlich eine dunkle Gestalt auf. Und in dem Augenblick, als sie näher kam, schrie die Frau entsetzt auf. Dabei war es weder Jakob noch Manfred, sondern nur dieser Fremde von der Fähre, der Mann aus dem Speisesaal. Ob er wohl ein Dieb war, der reiche Witwen verfolgte, um sie auszurauben? Bei diesem Gedanken fasste Lena beinahe erleichtert nach den Perlen um ihren Hals und lächelte. Von ihr aus konnte er auch ihre Ringe und Armbänder haben und dann auf Nimmerwiedersehen verschwinden! Jetzt stand er direkt vor ihr und seine Augen hinter den Brillengläsern sahen sie fast ein wenig verliebt an. Aber nicht etwa wie ein Verehrer, sondern wie ein Jäger, der ein lang gesuchtes Wild fest im Visier hat und weiß, dass es ihm nicht mehr entkommen kann. „Was ist damals wirklich auf dem Boot passiert?“, fragte der Mann und Lena erschauerte unter dem harten Klang seiner Stimme. Plötzlich wusste sie, wo sie die schon einmal gehört hatte. Vor einem Jahr in Hamburg im Gerichtssaal. Er war der Staatsanwalt und sie die Angeklagte. Doch das Gericht hatte sie freigesprochen und ihr geglaubt, dass sich Alfred im Champagnerrausch ein wenig zu weit über die Reling gebeugt und dann im aufgewühlten Meer ertrunken war. Leider gab es an diesem stürmischen Tag keine Schwimmweste und keinen Zeugen an Bord. Genau wie damals bei Jakob. Lenas Körper schüttelte sich in einem ausweglosen Zittern, das zuerst an den Füßen begann und schon nach kurzer Zeit bis hinauf zur Kopfhaut seine Wirkung zeigte. Dieser Mann würde sie bestimmt mit immer neuen Fragen quälen. Er würde fragen und fragen, solange bis ihr der Kopf davon zu platzen drohte. Und irgendwann würde sie dann einfach gestehen, Alfred umgebracht zu haben, damit sie endlich Ruhe vor ihm und ihrem Gewissen hatte. Denn im Grunde war es doch völlig egal, ob sie für einen vermeintliches oder ein echtes Verbrechen büßen musste. Mord war Mord! Und es ließ sich verdammt schlecht leben mit dem Mord an Jakob.