Wer versteht schon Männer

von Paola Reinhardt (copyright)

Elise war alt geworden, eigentlich unmerklich. Edgar konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wann es eigentlich begonnen hatte. „Magere Frauen wie sie, altern eher“, hatte seine Mutter ihn schon vor der Ehe gewarnt. Doch er stand nicht auf dicke Frauen. Aus diesem und auch aus reinen Vernunftgründen hatte er Elise schließlich doch geheiratet, obwohl sie nicht seine große Liebe war. Inzwischen waren ihre Kinder längst erwachsen und aus dem Haus. Zwei Söhne und eine Tochter. Man sah sich hin und wieder an den Geburtstagen, zu Weihnachten und Ostern selbstverständlich auch. Nach achtundzwanzig Ehejahren erinnerte sich Edgar noch genau daran, wie alles zwischen ihm und Elise begonnen hatte. Eines Tages stand sie rein zufällig neben ihm in der Schlange, die sich nur langsam die graue Steintreppe vom Entree bis hinauf zur Mensa bewegte. Eine Kollegin, aber nicht von der gleichen mathematischen Fakultät wie er. Nein, sie gehörte dem Fach Ökotrophologie an und war eigentlich nur eine bessere Haushaltslehrerin. Das jedenfalls behauptete seine Mutter noch immer, die vor ihrer Eheschließung an einer kleinen Dorfschule Häkeln, Stricken und Leibesertüchtigungen unterrichtet hatte. Elise war ihm nicht eher aufgefallen, als bis sie zu sprechen begann. Doch von Anfang an mochte er ihre Art, wie sie angefangene Sätze nicht zu Ende brachte, weil sie wohl annahm, dass er sowieso wisse, wie sie enden sollten. Ihre Nickelbrille und die strenge Hochschlagfrisur fand er gewöhnungsbedürftig. Selbstverständlich deutete an diesem ersten Tag noch gar nichts darauf hin, dass er sie einmal heiraten würde. Ihre ersten Küsse beim zweiten Rendezvous waren so unerotisch wie Babyschmatzer. Und nach dieser wirklich enttäuschenden Erfahrung hatte Edgar die feste Absicht, ihre Beziehung so schnell wie möglich wieder zu beenden. Erstaunlicherweise zeigte sich Elise beim nächsten, eher zufälligem Treffen, noch als lernfähig. Außer ein paar Küssen passierte lange nichts zwischen ihnen. Als es dann aber passierte, wunderten sie sich anschließend beide über ihren Mut. Zu Edgars Leidwesen ereignete sich dabei jedoch weder ein Erdbeben noch ein größerer Gefühlstaumel. Nein, es ging eher alles rein sachlich über die Bühne. Nachdem er die Kleenextücher aus dem Badezimmer zum Auftakt ihrer Liebesnacht demonstrativ auf das Hotelnachtschränkchen gestellt hatte, wusste Elise sogar von selbst, was er damit andeuten wollte. Den Gedanken, es könnte auch nur im entferntesten an ihm gelegen haben, dass kein überschwängliches Gefühl aufkam, ließ Edgar gar nicht erst zu. Dafür erinnerte er sich noch gut an sein erstes Mal. In diese andere Frau war er wahnsinnig verliebt gewesen, obwohl sie gesellschaftlich nicht zueinander passten. Bei Elise handelte es sich von seiner Seite aus lediglich um ein Gefühl des Gernhabens, das allerdings noch wachsen konnte. Eines Tages heiratet er sie dann, obwohl er genau wusste, sie würde in Liebesdingen immer nur Durchschnitt bleiben. Schließlich ging Vernunftehen wenigstens der Ruf der Beständigkeit voraus!

„Armer Edgar! Deine Elise ist genau der Typ ist, der schnell altert?“, hatte seine Mutter im letzten Jahr während eines Freitagsbesuchs (er besuchte seine Mutter immer freitags) zu ihm gesagt. „Dagegen helfen bei ihr nicht einmal teure kosmetischen Präparate, oder eine neue modische Brille. Und in den kurzen Röcken, die sie neuerdings trägt, sieht sie eher lächerlich als anturnend aus.“ Seine Mutter hatte wahrhaftig das Wort anturnend in den Mund genommen! Von da an sah Edgar es als sein legitimes Recht an, sich die Studentinnen noch genauer anzusehen, die sich für eine Examensarbeit in seiner Sprechstunde anmeldeten. Eine vollschlanke Brünette gefiel ihm besonders gut. Sie hieß Nike und die Brüste der schönen Siegesgöttin waren genau so straff und prall wie ihre Haut. Edgar lechzte bei jeder Begegnung danach, sie zu berühren. Dass sie dreißig Jahre jünger als er war, störte ihn nun wirklich nicht. Und die allgemeine Auffassung, dass Studentinnen in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Professor stehen, konnte er nun wirklich nicht teilen. Denn nicht Nike, sondern er war von Anfang an der Gefährdete und irgendwann auch der Unterlegene in einem hautnahen Geschlechterkampf. Zum Glück musste er ihre schlechte Note beim mündlichen Mathematikexamen nicht verantworten. Als zweiter Prüfer fungierte nämlich eine strenge Kollegin, die sich nicht einmal von ihm zu einer besseren Note überreden ließ. Nike schmollte. Nike spielte Lysistrata. Was wollte sie bei ihm dadurch erreichen? Es gab doch nichts, was er nicht für sie tun würde – bis auf das eine. Und genau das wollte sie plötzlich, obwohl sie sich doch zu Anfang ihrer Liaison darüber einig waren, dass eine Scheidung für ihn nicht in Frage käme. Schließlich spielte in einem solchen Fall das Geld eine nicht unbedeutende Rolle, denn Elise hatte ihren Beruf nach dem zweiten Kind aufgegeben. Nun würde er sie wohl bis an das Ende ihrer Tage ernähren müssen. Doch feige, wie die meisten Männer, versprach er Nike schließlich, noch einmal darüber nachzudenken. Zum Dank dafür brach sie ihren Streik ab.

„Temperamentvolle Frauen wie sie, werden in der Ehe schnell träge. Du wirst sehen, Edgar, sie ist genau der Typ, der beizeiten einen Hängebusen und hässliche Dellen an den Oberschenkeln bekommt“, sagte seine Mutter, nachdem sie ihn und Nike rein zufällig bei einem Spaziergang im Park gesehen hatte. Dieses Mal störte Edgar das Gerede seiner Mutter gewaltig. Doch am Ende blieb ein winzig kleiner Gedanke in seinem Gehirn haften, ihre Prognose könnte sich irgendwann einmal bewahrheiten. Doch allen Unkenrufen zum Trotz fuhr Edgar kurz darauf mit Nike nach Paris. Heimlich versteht sich und eigentlich auch nur für zwei Tage, die er Elise gegenüber als Forschungsreise deklariert hatte. Nachdem er und Nike ein paar Mal über die Champs Elysées gebummelt waren, den Eifelturm besichtigt und eine Abendfahrt auf der Seine mitgemacht hatten, langweilte sich seine Freundin bereits wieder in Paris. Sie wollte unbedingt noch auf einen kurzen Trip mit ihm nach London. Einmal in der Rushhour am Piccadilly Circle stehen, oder wie geil, durch das nächtliche Soho wandern! Nach kurzem Zögern ließ sich Edgar von ihr auch dazu überreden. Doch kaum London richtig erkundet, spürte Nike schon bald das Verlangen, während der nächsten noch vorlesungsfreien Tage die Akropolis in Athen zu besichtigen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt machte ihm sein hoher Blutdruck ernstlich zu schaffen. Edgar fühlte sich völlig überfordert und war beinahe froh, als Nike ihn wegen eines jungen irischen Studenten verließ.

Edgar noch immer damit beschäftigt, den Verlust etlicher Ersparnisse nachzutrauern, da traf ihn nach seiner Rückkehr auch schon der zweite Schicksalsschlag. Elise war ausgezogen. Sie habe es satt, ließ sie ihn einen Tag später durch einen Anwalt mitteilen, ihr Kopfkissen mit einem notorischen Lügner und Verführer zu teilen. Er ein Verführer? Nein, diese Definition traf nun wirklich in keiner Weise auf ihn zu! Doch als er diese seiner Ehefrau in aller Eindringlichkeit klar machen wollte, lachte sie nur. Sie wusste über Nike längst Bescheid. Wenn Elise lachte, sah sie eigentlich gar nicht mal schlecht aus. Und die paar Fältchen um Augen und Mund störten ihn kaum noch. Ja, er hätte sie sogar noch mit ein paar mehr zurückgenommen, nur um eine alte Bequemlichkeit nicht zu verlieren. Aber seine Nochehefrau wollte nicht. „Jetzt nicht mehr“, sagte sie mit einem triumphierenden Leuchten in den Augen und sah dabei richtig glücklich aus.

Als Edgar sich anschließend bei seiner Mutter Trost holen wollte, behauptete die zu seiner Verwunderung, dass Elise doch gar nicht so übel sei. Und er Edgar, sei ein grenzenloser Dummkopf, dass er sie mit dieser Nike betrogen hätte. Aber, wer versteht schon Männer!

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