Luisenheim, gestern

von Paola Reinhardt (copyright)

Peter wollte nicht mitgehen ins Luisenheim. Er sagte, dass er noch Bücher in die Universitätsbibliothek zurückbringen müsse. Die Leihdauer sei schon überschritten und überhaupt, er kenne meine Oma ja gar nicht. Er hätte sie kennen lernen können! Doch er begriff nicht, wie wichtig mir das war.

Ich traf sie nicht in ihrem Zimmer an, sondern im Park auf der Bank unter der Trauerweide, die aufgeschlagene Tageszeitung in der Hand. Ob sie darin gelesen hatte, oder auch heute nur so tat, konnte ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall behauptete sie wieder einmal, es stehe ja doch nichts darin. Dann faltete sie die Seiten zusammen und legte sie in die Ablage des Wägelchens, das ihr als Gehhilfe diente. „Eigentlich brauche ich das Ding ja gar nicht, aber dort drüben bei der Marienstatue ist der Weg recht abschüssig“, sagte sie, als wir beim Fallen der ersten Regentropfen aufbrachen, um ins Haus zu gehen. Es schien ihr noch immer peinlich zu sein, das Wägelchen in meiner Gegenwart zu benutzen. In Augenblicken wie diesen schämte ich mich fast meiner Jugend und der mühelosen Beweglichkeit meiner Glieder. „Oma hat im letzten halben Jahr viel zu viel abgenommen. Sie besteht nur noch aus Pergamenthaut und Knochen, und ihr Kurzzeitgedächtnis funktioniert auch nicht mehr.“ Originalton Mutter, wenn sie mit gequältem Gesicht von einem ihrer Besuche aus dem Luisenheim zurückkam. Ich nehme ihr diese Bemerkung immer übel, obwohl sie doch stimmt. Aber immerhin gibt es auch eine Reihe von lichten Tagen, in denen Großmama genau weiß, wie es um sie steht und sich wegen ihres löchrigen Gedächtnis schämt. Gestern war ein halbdunkler Tag!

„Nein, ich habe von dir keine Kartengrüße aus Griechenland erhalten“, entgegnete sie auf meine Frage, als wir zusammen das Hauptgebäude erreichten. Ich schwieg, genauso wie kurz nach der Begrüßung, als ich ihr die Tüte mit den Orangen geben wollte, die sie sich noch bei unserem morgendlichen Telefonat ausdrücklich wünschte. „Aber Kind, du weißt doch, dass ich noch nie gern Orangen mochte!“, protestierte sie vorhin und schob das braune Papier mit Inhalt von sich. Dabei sah sie mich aus wässrig blauen Augen so überlegen und mitleidig an, als sei ich die leicht verwirrte Bewohnerin des Luisenheims, die sich im Leben nicht mehr zurecht finden konnte.

Warum machst du dir ihretwegen eigentlich Sorgen? Deine Oma hat es doch gut dort! Für sie ist das Luisenheim das reinste Schlaraffenland! Alles wird den alten Menschen dort abgenommen. Sie müssen nicht mehr arbeiten, haben keine Sorgen und keine Verantwortung zu tragen, bekommen ihre Mahlzeiten immer pünktlich serviert, sagte Peter, als wir uns vorhin verabschiedeten. Für mich war das der größte Bullschiss, den er je von sich gab. Schlaraffenland?! Ich habe ihm seine eigenen Worte voller Verachtung ins Gesicht zurück gespieen. Er wird nie mehr die Chance bekommen, mich ins Luisenheim zu begleiten. Er hat es gar nicht verdient, meine Großmama kennen zu lernen! Meine geliebte, zerbrechliche, hilflose und doch so starke Großmama, die sich so tapfer damit abfindet, dass man sie mit neunundachtzig Jahren einfach auf ein Abstellgleis geparkt hat. Die reinste Horrorvorstellung, wenn ich daran denke, ich könnte auch einmal im Luisenheim landen. Aber Peter gönne ich es, und wie!

Um zu ihrem Zimmer zu gelangen, muss man einen langen Flur entlang gehen, den ich immer scherzhaft die Flaniermeile nenne. „Meine Tochter besucht mich morgen! Sie wissen doch, immer mittwochs, in der ersten Monatswoche. Das Benzin ist schon wieder teurer geworden. Bald kann sie sich kaum noch etwas leisten, wo sie mich doch jetzt regelmäßig mit einem Teil ihres Gehalts unterstützen muss. Ist mir so peinlich, aber das Sozialamt hat es einfach über meinen Kopf hinweg verfügt. Dabei wäre ich viel lieber in meiner alten Wohnung geblieben, aber …“ „Ich auch“, fiel Großmama der Frau ins Wort, die neben uns stehen geblieben war. Und dann hörte ich zwei tiefe Seufzer wie aus einem Mund. Die Fremde stützte sich fest auf ihren Gehstock und sah mich neugierig an. „Das ist Katharina, meine Enkelin“, stellte Oma mich vor und gab mir heute einfach den Namen ihrer ältesten Tochter. Dann schob sie das Wägelchen schnell weiter. Es war fast unerträglich heiß geworden! Temperaturen draußen so um die 32 Grad. Auch drinnen unerträglich schwül, trotz der dicken Außenmauern. Die meisten Zimmertüren der Luisenheimbewohner standen offen und man konnte hineinsehen. Nicht hineinsehen!, dachte ich bei jedem weiteren Schritt, denn die in den Betten sahen oft aus wie Gespenster. „Sie haben Besuch? Wie schön! Ich bekomme fast nie welchen. Ach, sollen sie doch bleiben, wo sie sind! Ein Leben lang habe ich meinen Kindern Geld von meinem bescheidenen Einkommen zugesteckt. Aber sie, sie rechnen mir heute sogar vor, wie viel das Obst oder die Flasche Herztonikum kostet, die sie mir gelegentlich mitbringen.

Und meine schmutzige Wäsche muss ich von meinem bisschen Taschengeld hier im Haus waschen lassen. Nach dem Krieg, als die Kinder noch klein waren, habe ich die ihre auf dem Waschbrett sauber rubbeln müssen.“ Ich kenne die alte Frau, die uns dies erzählte, schon von früheren Begegnungen. Sie sah auch gestern wieder ärmlich aus, war schlecht frisiert und trug ausgetretene Schuhe. Großmama nickte ihr abwesend zu, hatte es plötzlich eilig. „Mein auf Wiedersehen“, erwiderte die Fremde mit einem freundlichen Lächeln. „Haben Sie denn keine Ohren! Ich habe guten Tag zu Ihnen gesagt“, herrschte uns ein paar Schritte weiter ein breiter grauer Schatten an. „Sie ist nicht mehr ganz richtig im Kopf“, sagte Oma entschuldigend, obwohl auch sie bei dem rüden Ton der anderen Heimbewohnerin heftig zusammengezuckt war. Feine blaue Äderchen zeichneten sich deutlich auf ihren Handrücken ab, als sie das Eisengestänge ihres Fortbewegungsmittels noch fester umklammerte und bis zum Aufenthaltsraum weiter schob. Dort hielt sie mich plötzlich am Arm fest und deutete ins Innere. „Siehst du den grauhaarigen Mann dort am Fenster, der mit der blauen Strickjacke?“, fragte sie und ihre Stimme klang auf einmal peinlich laut für meine Ohren. „Vor ein paar Tagen stand er plötzlich mitten in meinem Zimmer. Was er wohl von mir wollte?

Oder meinst du, er hätte sich nur verlaufen?“ Oma kicherte. Ich zuckte die Schultern. „Auf jeden Fall schließe ich meine Zimmertür jetzt immer fest zu. Von der Heimleitung wollten sie mir zuerst keinen Schlüssel geben, aber ich habe ihnen keine Ruhe gegeben.“ Als sie daraufhin ein zweites Mal kicherte, zog ich sie mit sanftem Druck weiter. „Hallo Frau Heilmann! Kommen Sie mich doch mal wieder besuchen. Sie können auch gern Ihre Enkelin mitbringen“, rief eine graublonde, sorgsam frisierte Dame aus dem übernächsten Zimmer, das direkt neben Omas Reich lag. Ihre Stimme übertönte mit Leichtigkeit den laufenden Fernseher vor dem sie saß, gut gekleidet mit auffallend schönem Schmuck an Händen und Armgelenken. Sie winkte uns freundlich zu. Oma beachtete sie gar nicht, kramte stattdessen geschäftig in ihrer kleinen Ledertasche und suchte den Schlüssel. „Zu der gehe ich nie wieder! Stell dir vor, der gefällt es doch wahrhaftig hier! Guckt den ganzen Tag über Fernsehen und hat dauernd Besucher“, schimpfte Oma und schloss endlich die Tür auf. Auf dem altmodischen Couchtisch mit den beigefarbenen Kacheln stand mein Blumenstrauß, den die nette Schwester aus der Teeküche mir vorhin abgenommen hatte. Rosa Rosen, rosa Sommerastern mit viel Grün, weil das doch Omas Lieblingsfarben sind! „Wer die wohl dorthin gestellt hat?“, schimpfte sie. „Schnittblumen machen doch nichts als Arbeit. Und dann auch noch dieses schäbige Rosa!“ Angewidert nahm sie die Vase und placierte sie auf die Fensterbank. Was sollte ich dazu sagen? Nichts! Starrte stattdessen auf die dunkle Nussbaumanrichte, auf der die bunte Ansichtskarte aus Athen stand Und daneben in Reih und Glied die gerahmten Bilder ihrer Töchter und deren Familien: Tante Theresia und Onkel Hans, Mutter, Vater, Lena und ich. Auch die letzte Aufnahme von Opa Georg und Oma an ihrem Goldhochzeitstag. Schwarzer Anzug, schwarzes Kleid, und beide sahen sie darauf sehr feierlich aus! Wie geht eine alte, einsame Frau im Luisenheim nur mit all diesen Erinnerungen um, musste ich denken. Und dann hörte ich auch schon, wie sie sich wieder einmal wünschte, endlich neben Opa auf dem Westfriedhof zu liegen. Mit diesem Satz konnte ich noch immer nicht umgehen! Nahm sie einfach in die Arme. Und als sie weinte, weinte ich auch.

Schlaraffenland, darunter habe ich mir als Kind immer einen Ort vorgestellt, in dem Milch und Honig in Strömen fließt. Sie können sich jeden Tag an den gedeckten Tisch setzen, diese alten Leute! Bequemer geht es doch gar nicht – und Abwechselung haben sie dort doch auch! Na klar, Peter dieser Klugscheißer wusste Bescheid! Es gibt im Luisenheim fast in jedem Zimmer einen Fernseher und in den Aufenthaltsräumen auch. Ab und zu wird sogar ein Konzert veranstaltet, oder gemeinsam gesungen. Gymnastik wird sogar im Sitzen angeboten, morgens von zehn bis halb elf. Frauen ohne Gichtknoten und zittrige Hände beschäftigen sich zuweilen mit einer Handarbeit. Oder sie basteln gemeinsam. Die Hände meiner kleinen Oma zittern leider von Tag zu Tag mehr. Und im Speisesaal sabbert und kleckert sie manchmal beim Essen. Sieht sie es bei den anderen lächelt sie mitleidig oder amüsiert sich manchmal sogar darüber. Ja, ihre Haut ist inzwischen dünn und faltig wie zerknittertes Pergament, und ihre Augen sehen trotz der neuen Brille in letzter Zeit immer schlechter. Aber sonst, sonst geht es ihr noch verhältnismäßig gut im Vergleich zu vielen anderen Luisenheimbewohnern, die nur noch lallen können und gefüttert und gepampert werden müssen. Eine von ihnen sagt gebetsmühlenhaft immer nur ein Wort: „Danke“. Den ganzen Tag über „danke“. Es kann schon keiner mehr hören und jeder in ihrer Nähe flieht schon nach kurzer Zeit vor diesem ewigen „danke.“ Ich hatte es mir so gewünscht, dass Peter mich begleiten würde, denn das Luisenheim ist seit langem auch ein Teil von mir. Etwas, das ich beim Verlassen nicht einfach abstreifen kann, wie sich pellende Haut. Doch er hat seine Chance vertan! Manchmal endet eine Liebe eben plötzlich.

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