Die Sirene
von Jürgen Jesinghaus (copyright)
Am Samstag um 11 Uhr kramte Herr Sorge seinen Schlüssel aus der Hosentasche und schloß damit seinen Schreibtisch auf. Er holte aus dem Schreibtisch einen anderen Schlüssel und öffnete damit einen roten Metallkasten an der Wand. Dann drückte er den schwarzen Knopf, der in dem Kasten angebracht war, und wunderte sich, weil er nichts hörte. Er drückte ein zweites Mal und hörte wieder nichts. Ratlos bohrte er seinen linken Zeigefinger in das rechte Ohr. Herr Sorge drückte noch einmal auf den Knopf im Kasten, aber wieder hörte er nichts. Darauf eilte er zum Lichtschalter an der Tür und kippte ihn. Schon flackerte die Neonlampe. Der elektrische Strom funktionierte also, und eigentlich hätte die Sirene heulen müssen, die Sirene, die seit sieben Jahren auf dem Dach des Rathauses stand, wo Herr Sorge seit acht Jahren Hausmeister war.
Was ist mit der Sirene los? Herr Sorge ging langsam zu seinem Schreibtisch zurück und ließ sich in den Drehstuhl fallen. Er dachte nach. Nachdem er lange genug nachgedacht hatte, griff er zum Telefon und rief seine Frau an: “Weißt du, was mit der Sirene los ist?“ “Nein“, sagte Frau Sorge am anderen Ende, “ich blättere gerade in der Zeitung, aber ich habe im Lokalteil noch nichts über die Sirene gelesen.“ Herr Sorge legte den Hörer auf und dachte: Die Sirene muß unbedingt heulen, denn die freiwillige Feuerwehr hält eine Übung ab. Vielleicht ist die Sirene kaputt gegangen.
Herr Sorge machte sich auf den Weg zum Büro seines Vorgesetzten, des Amtmanns Hüppe. Er klopfte an und wartete. Er wartete noch eine Weile und drückte dann vorsichtig auf die Klinke. Die Tür war verschlossen. Samstags ist Herr Hüppe nie im Dienst. Das habe ich vergessen, sagte sich Herr Sorge und fuhr mit dem Omnisbus nach Hause. Dort verbrachte er einen unruhigen Abend. Er achtete nicht auf das Fernsehprogramm und verpaßte die feierliche Verleihung des großen Nebenverdienstordens an verdienende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Er dachte immerzu an seine Sirene und konnte die Nacht über kein Auge zutun. Gegen Morgen schlief er endlich ein. Kaum war er eingeschlafen, hörte er von weitem eine Sirene. Zuerst glaubte er, es sei eine Mücke, und im Schlaf schickte er seine Traumbienen aus, damit sie die Mücke davonjügen. Dann ging er zu seinem Zahnarzt, um ihn zu fragen, warum er seinen Bohrer die ganze Nacht über laufen ließ. Als er an der Praxistür schellte, wachte er auf. Der Wecker klingelte, und in der Ferne hörte er die Sirene.
Nach dem Frühstück schickte ihn seine Frau, unausgeschlafen wie er war, in die Kirche. Wir haben ja Sonntag. Die Sirene wurde immer lauter. Als er in die Straße zur Kirche einbog, traute er seinen Ohren nicht und seinen Augen am allerwenigsten. Was er hörte, weißt du bereits. Und was er sah, kannst du dir denken: Die Sirene saß auf der Kirchturmspitze und heulte, die Sirene vom Rathausdach! Herr Sorge wollte zu ihr hinaufrufen. Aber das war zwecklos, denn erstens hätte die Sirene in ihrem eigenen Geheul nichts verstanden und zweitens besaß sie keinen Namen, bei dem Herr Sorge sie hätte rufen können. Er hatte früher nie daran gedacht, der Sirene einen Namen zu geben. Hunde heißen Nero. Deine Tante hat zwei Katzen, die heißen Pontius und Pilatus, und es soll Möwen geben, die Emma heißen. Aber wie heißt eine Sirene? Denk dir einen Namen für Sirenen aus! Inzwischen wollen wir Herrn Sorge in die Kirche gehen lassen.
Als das Portal geschlossen wurde und die Orgel zu spielen anfing, da verstummte die Sirene und Herr Sorge atmete auf. Aber während der Wandlung, mitten im allerheiligsten Geschehen, vernahm er ein leises Summen, das von der Sirene herrührte. Der Pfarrer lächelte Herrn Sorge zu. Für den Pfarrer war das alles ein Wunder, und deswegen brauchte er sich keine Gedanken darüber zu machen. Aber Herr Sorge dachte während der Predigt über seine Sirene nach und kam zu dem Schluß, daß sie den öffentlichen Dienst verlassen habe und, obwohl sie nicht getauft war, in den Kirchendienst eingetreten sei. Er wußte nur nicht, worin der Vorteil für sie lag.
Am nächsten Morgen, also am Montag, fuhr Herr Sorge schon mit dem ersten Omnisbus zum Rathaus. Und tatsächlich: Die Sirene stand nicht mehr an ihrem alten Platz. Sie ist also nicht zurückgekehrt, dachte Herr Sorge. Obwohl Sirenen feste Arbeitszeiten haben und 24 Stunden jeden Tag im Dienst sein müssen, beschloß Herr Sorge, bis 9 Uhr zu warten, ehe er Amtmann Hüppe ins Bild setzte. “Sie scherzen“, rief Amtmann Hüppe, als er von der Sache hörte, “oder Sie haben zuviel Apfelsaft getrunken!“ Dann lief er die Treppe hinunter, Herr Sorge hinterher. Beide standen auf der Straße und starrten in die Luft. “Gibt es da was zu sehen?“ fragten die Leute. “Gar nichts gibt es zu sehen, sehen Sie das nicht? Es ist eine Katastrophe!“ Der Amtmann Hüppe war außer sich. Immer mehr Leute kamen zusammen und sahen nichts.
Endlich wurde die Frau Stadtdirektorin Ferraro benachrichtigt und ins Rathaus gefahren. Auch der Hauptmann der freiwilligen Feuerwehr war bestellt worden, und als er eintraf, den Helm auf dem Kopf, fragte er besorgt, ob man dem Herrn Verteidigungsminister nicht Mitteilung machen müsse, damit er über den Ausfall eines integralen Bestandteils des landesweiten Warnsystems in Kenntnis gesetzt werde. Nach diesem Satz war der Hauptmann verausgabt und wischte sich mit dem Taschentuch über den Nacken. Dabei verrutschte der Helm und polterte auf den Tisch, an dem sie alle saßen: Die Stadtdirektorin Ferraro, der Amtmann Hüppe, der Hauptmann der hiesigen freiwilligen Feuerwehr und der Hausmeister Sorge, der an allem Schuld war. Denn hätte er nichts gesagt, wäre wahrscheinlich niemandem etwas aufgefallen.
Die Köpfe rauchten vom angestrengten Nachdenken. Die Hälse waren trocken vom vielen Redenmüssen. Dann kamen sie überein, die Polizei anzurufen und mit der grünen Minna zur Kirche zu fahren, die Sirene vom Turm herunterzulocken, ins Polizeiauto zu setzen und zum Rathaus zurückzubringen. Man würde ihr schon klarmachen, daß sie ein Integral oder ein Bestandteil ist und daß sie ihren Dienst auf dem Rathaus versehen muß. “Notfalls nehmen wir die Glocken mit“, sagte die Stadtdirektorin, “natürlich nur, wenn der Pfarrer damit einverstanden ist. Im Verteidigungsfall oder wenn es brennt oder irgendwo ein Unfall passiert, können ja die Glocken läuten, so wie früher, als es noch keine Sirenen gab.“ Sie fuhren unter Blaulicht zur Kirche, schubsten sich gegenseitig aus dem Auto und starrten auf die Kirchturmspitze.
“Gibt es da was zu sehen?“ fragten die Leute. Die Stadtdirektorin und ihre Herren sahen sich an. “Nein, nein, nein, das kann nicht sein. Die Sirene sitzt nicht mehr auf der Spitze!“ “Die spinnen,“ sagte ein Junge und tippte mit dem Finger an den Kopf, “auf Kirchtürmen gibt es keine Sirenen, nur Kreuze, goldene Kugeln, Blitzableiter oder Wetterhähne.“ Die vier von der Stadtverwaltung achteten nicht darauf. Sie waren hastig ins Auto gestiegen und brausten zum Rathaus zurück. Als sie dort ankamen, hörten sie von weit weg eine Sirene, aus einer Richtung, aus der früher nie eine Sirene zu hören war, nämlich aus dem Naturschutzgebiet, genau gesagt, von der Burg im Burgwald, wo die Leute am Wochenende spazierengehen, wenn es nicht regnet.
Die Burg gehörte einem Mexikaner. Er hatte in den Vereinigten Staaten von Amerika – und nicht etwa, wie du vielleicht vermutest, in den Vereinigten Staaten von Mexiko – sehr viel Geld verdient und konnte es sich leisten, nach Europa zu fliegen, ein Auto zu kaufen und mit ihm durch fast alle europäischen Länder zu fahren, bis er hierher in die Stadt kam, die Burg besuchte und sie sehr romantisch fand. Der damalige Burgherr, ein Graf und Sägewerkbesitzer, war nach Kanada ausgewandert und hatte Herrn Dobernigel, seinen ehemaligen Chauffeur, damit betraut, die Burg so gut es ging vor dem Verfall zu bewahren. Der Mexikaner ließ sich die Adresse des Grafen geben und flog mit der Siebzehn-Uhr-Maschine nach Kanada. Dort traf er den Grafen, wurde mit ihm handelseinig, kaufte die Burg und trank darauf einen Whisky.
Der Mexikaner behielt Herrn Dobernigel als Kastellan und schickte ihm jeden Monat ein großes Paket mit allerlei Andenken aus den Weltgegenden, die er gerade bereiste: Eine Holzfigur aus Benin mit Kauri-Muschel-Augen, eine Bambusglocke aus dem Kloster Rakuku-Rakugai-Zu, einen Samowar vom Flohmarkt in Paris, eine Ritterrüstung aus dem Gum in Moskau, eine Donnerbüchse aus einem Antiquitätenladen in Frankfurt, einen Messingkompaß aus Sydney, einen hölzernen Flugzeugpropeller aus New York, eine Sammeltasse mit dem Bildnis der Königin Luise aus Berlin und allerlei andere Sachen, die sich ein Globetrotter aufschwatzen läßt. Alle diese herrlichen Gegenstände, unter denen die Bambusglocke, der Holzpropeller und die Sammeltasse das Teuerste waren, mußte der Kastellan im Rittersaal aufstellen oder im Treppenhaus an die Wände hängen. Dann sollte er den Rittersaal an Gesellschaften vermieten und von den Einnahmen den Unterhalt der Burg bestreiten. “Wenn es der Sache dient und die Katze nichts dagegen hat“, sagte sich Herr Dobernigel und vermietete den Rittersaal für 200 Euro an eine Hochzeitsgesellschaft. Jeder, der zur Hochzeit geladen war, mußte ein großes Stück Holz mitbringen. Damit sollte der Kamin im Rittersaal geheizt werden. Einige Hochzeitsgäste hatten sich vom Sperrmüll Tischbeine und Kisten geholt, andere hatten von einer Baustelle Rundhölzer geklaut und sich dabei die Hände an den Nägeln blutig gerissen und ihre Hosen gekälkt, wieder andere waren beim Forstamt gewesen und hatten sich dicke Buchenholzscheite geben lassen. Diejenigen, die kein Holz mitbringen konnten, mußten ihre Mäntel anbehalten, um nicht zu frieren.
Das Feuer knackte im Kamin. An der Topfsäge über der Feuerstelle baumelte schon der Kessel für die Siedewürstchen, in der Fensternische lag ein Faß Bier, in der Ecke glänzte die geschmirgelte Ritterrüstung. An der Wand hing ein Bild von Januarius Zick. Es zeigte eine wunderschöne spanische Dame, die jeden anlächelte, wo er auch stand oder saß. Unter der Decke schwebte der Holzpropeller. In der Propellernabe leuchtete eine Lampe aus Venedig. Die Tafel war gedeckt, auf ihr standen die entkorkten Flaschen und spiegelten sich in dem Samowar. Der Weißwein perlte in den Gläsern. Der Brautvater hob den Dessert-Löffel und schlug damit an die Tasse mit dem Bildnis der Königin Luise, um auf sich aufmerksam zu machen, denn er wollte eine Rede halten. Es war genau ein Uhr. Da heulte auf einmal eine Sirene. Der Löffel fiel in die Tasse, die Braut fiel vom Stuhl. Eine Sirene auf der Burg, das hatte es noch nie gegeben. Da hatten sich einige einen üblen Scherz erlaubt. Wenn das in der Hochzeitsnacht passiert wäre!
Herr Dobernigel lief durch die Burg, treppauf, treppab, über den Wehrgang und runter in den Hof. Da blieb er stehen und wollte es einfach nicht glauben. Auf dem Bergfried mußte die Sirene sein. Er konnte sie nicht sehen, aber sehr gut hören.
“Meine Braut ist in Ohnmacht gefallen wegen Ihrer blöden Sirene. Stellen Sie sofort die Sirene ab!“ kreischte der Bräutigam aus dem Fenster und war puterrot vor Wut. “Wenn es der Sache dient und die Katze nichts dagegen hat“, murmelte Herr Dobernigel, denn das war eine Redensart von ihm.
Aber wie sollte er die Sirene abstellen? Die Eisentüre vom Bergfried war abgeschlossen, damit die Kinder nicht unbeaufsichtigt die Wendeltreppe in die Wachstube hinaufstiegen, von wo eine wackelige Holzleiter auf die Turmplattform reichte. Da oben saß jetzt die Sirene und ließ sich nicht abstellen. Auf einmal schritt der Brautvater über den Hof auf Herrn Dobernigel zu. Er hielt die Donnerbüchse aus Frankfurt in seinen Händen und fragte mit tiefer, bebender Stimme: “Wo ist das Biest, damit ich es abknalle!“ “Aber lieber Herr, beruhigen Sie sich doch. Die Büchse ist nicht geladen, und wenn sie geladen wäre, träfen Sie damit eher den Mond als die Sirene. Ich wußte übrigens gar nicht, daß der Graf eine Sirene hat anbringen lassen.“ “Wie meinen?“ schrie der Brautvater, denn er hatte im Geheule nichts verstanden.
Plötzlich war es still. Es war so still, daß man die Mäuse im Laub rascheln hörte. Die Sirene schwieg. Der Brautvater stand vor Herrn Dobernigel, die Donnerbüchse im Anschlag. Da polterte die grüne Minna in den Hof. Heraus sprang der Polizeiobermeister Powatzke und stürmte auf den Brautvater zu.
“Sie sind verhaftet!“ rief er. Dann fiel er auf die Nase, weil er über die Katzenköpfe gestolpert war. Der Kastellan, also Herr Dobernigel, hob ihn auf und half ihm, die Jacke auszustauben und drückte ihm die Dienstmütze in die Hand. Herr Powatzke guckte streng jeden an, setzte sich die Mütze auf den Kopf und probierte mit dem Zeigefinger, ob sie richtig saß. Der Brautvater fragte leise:
“Warum bin ich denn verhaftet?“ Der Polizeiobermeister wies auf die Büchse und antwortete: “Damit wollten Sie gewiß den Mann erschießen!“ “Aber nein, das ist doch ganz anders gewesen. Es ist alles wegen der Sirene“, wandte Herr Dobernigel ein. “Und wegen der Sirene sind wir gekommen“, rief jetzt die Frau Stadtdirektorin Ferraro, die inzwischen ausgestiegen war und auf Herrn Dobernigel zuschritt. Ihr folgten Herr Sorge, der Feuerwehrmann – seinen Namen habe ich leider vergessen – und der Amtmann Hüppe. “Herr Obermeister, stellen Sie bitte den Motor ab“, sprach die Stadtdirektorin. “Zu Befehl“, sagte Herr Powatzke und humpelte zum Polizeiauto. “Entschuldigen Sie bitte, daß wir unangemeldet hereinschneien. Aber wir haben den Verdacht, daß sich hier die Sirene versteckt hält.“ “Sie hockt da oben auf dem Bergfried, jetzt ist sie mucksmäuschenstill“, erklärte Herr Dobernigel. Der Brautvater zupfte Frau Ferraro, also der Stadtdirektorin, am Ärmel ihres fliederfarbenen Chiffon-Kleides und stotterte: “Kokommen Sie doch bitte in den Riririttersaal und seien Sie meine Gäste.“ Die ganze Gesellschaft marschierte in den Rittersaal, voran die Frau Stadtdirektorin, als letzter der Brautvater mit der Donnerbüchse. Nur der Polizeiobermeister Powatzke blieb in der grünen Minna zurück, um die Sirene zu beobachten und gegebenenfalls zu verhaften. Die Brautmutter umarmte die Stadtdirektorin, Küßchen rechts, Küßchen links. “Ist das ein aufregender Tag, erst heiratet meine Tochter, dann heult die Sirene und jetzt kommen Sie!“ Frau Ferraro gratulierte dem Bräutigam. “Junger Mann“, sagte sie und hieb ihm auf die Schulter. Alle drängten sich um den Tisch. Jeder bekam eine Siedewurst und einen Schlag Kartoffelsalat. Dazu wurde Lahnwein kredenzt. Der Brautvater hatte die Donnerbüchse wieder an die Wand gehängt und seine Frau gebeten, die Tischrede zu halten. Die Brautmutter hob den Löffel und wollte gerade gegen die Tasse mit dem Bildnis der Königin Luise schlagen – da rief die Braut: “Laßt uns endlich mit dem Essen und Trinken anfangen!“ Damit waren alle zufrieden. Der Kastellan brachte Herrn Powatzke eine Siedewurst und einen Schlag Kartoffelsalat ans Auto. Es war ein besonders schöner Nachmittag. An die Sirene dachte niemand mehr.
Herr Sorge kehrte fröhlich heim. Er hatte Spreewasser getrunken und fühlte sich gesund und pudelwohl. Er nahm seine Frau in den Arm: “Unsere silberne Hochzeit feiern wir auf der Burg mit Siedewürstchen und Spreewasser. Der Wein war mir zu sauer, aber die Frau Stadtdirektorin hat mit dem Brautvater getanzt, weil Herr Powatzke ihn aus der Haft entlassen hat.“ “Was du nur immer redest, wenn du vom Dienst kommst. Es wird jeden Tag schlimmer mit dir.“
Bei den Acht-Uhr-Nachrichten bekam Herr Sorge einen tüchtigen Schreck. Die Sprecherin verkündete: “Meine Damen und Herren, der Minister für das Fernmeldewesen, Herr Schimmelpfennig, ist heute zurückgetreten, weil die Sirenen im ganzen Land außer Kontrolle geraten sind.“ Dann begann sie zu schluchzen. Es war das erste Mal in der Geschichte unseres Landes, daß jemand öffentlich den Rücktritt eines Ministers beweinte. Es kommt selten vor, daß ein Minister zurücktritt. Dann sagen sich die Leute: Ihm geschieht recht, irgend etwas wird er schon falsch gemacht haben. Hier lag die Sache aber ganz anders, denn was konnte Herr Schimmelpfennig dafür, daß die Sirenen verrückt spielten? “In Regierungskreisen verlautet“, fuhr die Sprecherin fort, während sie mit dem Handrücken über die Augen wischte und ihre Wimperntusche verschmierte, “daß ein Bit auf dem Wege vom Speicher in das Rechenwerk des Sirenenorganisationscomputers, SORGE genannt, im Datenbus steckengeblieben ist. SORGE ist für die Koordination der Sirenen im Lande zuständig. Bitte behalten Sie Ruhe, wenn unter Ihrer Bettdecke oder auf Ihrem Kopf eine Sirene heult.“ Herr Sorge hielt sich die Ohren zu und schloß dabei die Augen. Meine Sirene ist an keinen Computer angeschlossen, dachte er. Ich bin es, der sie an- und ausschaltet, ich ganz allein. Bei uns gibt es keine Datenbusse, sondern Omnibusse. In denen fahren keine Bits, Quarks oder Piepse, sondern ganz normale Menschen, wie ich einer bin. Wieso heißt der Computer Sorge? Ich heiße Sorge. Ich bin kein Computer. Ich bin unschuldig! Herr Sorge sprang aus dem Sessel. Er wollte den Fernsehapparat ausstellen. Da packte ihn die Sprecherin fest am Handgelenk und hinderte ihn daran. Sie hatte zu weinen aufgehört und zischte: “Du bist schuld, daß mein Minister entlassen wird! Du ganz alleine!“ Und alle Sirenen im Lande fingen an zu heulen, obwohl sie es nicht durften, weil sie die Kinder weckten.
Frau Sorge hielt die Hand ihres Mannes und fragte freundlich: “Was hast du nur?“
Die Sirene auf dem Rathausdach heulte. Herr Sorge schaute verstört auf seine Frau. Hatte er geträumt? Es war sein erster Urlaubstag. Er brauchte heute nicht zum Dienst. Die Sirene hatte ausnahmsweise sein Chef, der Amtmann Hüppe, persönlich angestellt, weil er ausprobieren wollte, wie das geht.
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