Die Traumfängerin

von Renate Bornemann

für Rebecca

In einer Zeit weit vor der unseren lebte ein kleines Mädchen.
Sie war ein Indianer-Mädchen und lebte mit ihrem Stamm im Wald. Ihr Name war Blume-die-mit-ihrem-Gesicht-die-Sonne-sucht. Ihre Spielkameraden nannten sie jedoch meist Sonnenblume, da ihr richtiger Name ihnen zu lang erschien. Sonnenblume war ein hübsches Mädchen. Sie hatte strahlende grau-blaue Augen und rosige Wangen.
Eigentlich war Sonnenblume ein glückliches Kind. Tagsüber zumindest, …. doch am Abend, wenn ihre Mutter sie im Tipi in ihre Felldecke einkuschelte und ihr Gute Nacht sagte, das Feuer im Zelt langsam ausging, da kamen sie…, die bösen Träume. Es waren schreckliche Träume von Ungeheuern und bösen Menschen. Häufig wachte sie nachts auf und hatte furchtbare Angst.
Ihre Mutter und ihr Vater trösteten sie dann, doch einschlafen konnte sie oft lange nicht mehr. Ihre Spielkameraden lachten sie aus. Sie hatten nie schreckliche Träume. Nur einer, der lachte gar nicht, wenn sie von ihren Träumen erzählte. Das war der kleine Einsame Wolf. Er hörte ihr mit großen, weit offenen braunen Augen zu und wurde ganz still.
Als die anderen lärmend und grölend wegliefen, blieb er bei ihr und sagte: ”Weißt du, Sonnenblume, ich kenne solche Träume. Auch ich habe Angst vor dem Einschlafen.”
Aber was können wir denn dagegen machen?”, fragte Sonnenblume. Einsamer Wolf zuckte mit den Schultern und wußte darauf keine Antwort. Als sie so dasaßen, kam die Medizinfrau vorbei und sah die beiden Kinder nachdenklich auf dem Boden vor ihren Zelten sitzen.

Sie mochte Kinder sehr gerne. Da sie aber die Medizinfrau war, durfte sie selbst keine Kinder bekommen. So verbrachte sie ihre freie Zeit gerne mitden Kindern des Stammes. Sonnenblume mochte sie besonders gern, weil sie ein hilfsbereites und wißbegieriges Mädchen war. Sonnenblume hatte ihr oft beim Kräutersammeln geholfen.
Da es ihr seltsam vorkam, die beiden dort so still sitzen zu sehen, sprach sie Sonnenblume und Einsamen Wolf an.
”Was sitzt ihr beide hier denn so schweigend herum? Warum spielt ihr nicht mit den anderen?”
Nach einer kleinen Weile erzählten ihr die beiden Kinder von ihren Träumen. Die Medizinfrau, die sich zu ihnen auf den Boden gesetzt hatte, nickte und sagte leise:
“Ja, ich weiß von diesen Dingen. Auch Erwachsene haben manchmal böse Träume.”
”Weißt du dagegen keine Medizin?” fragte Sonnenblume.
”Das ist gar nicht einfach, liebe Sonnenblume. Es gibt einen Ort, zu dem ihr gehen müsst. Er liegt bei dem Wasserfall. Dort wohnt der Geist des Träumens. Ihn könnt ihr um Hilfe bitten. Doch ob er euere Bitte gewährt, hängt von vielen Dingen ab.”
”Von welchen Dingen?”, fragte Einsamer Wolf aufgeregt .”Ich bin bereit, alles zu tun, um meine bösen Träume fortzuschicken!”

”Nun, zum einen, dürft ihr sieben Tage keinen Honig essen,” entgegnete die Medizinfrau.
”Sieben Tage keinen Honig? ,” rief Einsamer Wolf erschrocken. Den süßen Honig, den sie im Sommer von den Bienen im Wald absammelten, aß er nämlich für sein Leben gerne.
”Jawohl, und außerdem müsst ihr euch vorher gründlich waschen !”
Wiederum war Einsamer Wolf entsetzt. Waschen war für ihn das Allerschlimmste.
Sonnenblume schienen die aufgezählten Bedingungen bisher nicht allzu schlimm. Doch als die Medizinfrau weiter sprach und sagte: “Außerdem müsst ihr sieben Tage morgens und abends die Ziegen melken”, da war es an ihr zu protestieren.
”Sieben Tage morgens und abends?” rief sie entsetzt.
”Ja, und das ist noch nicht alles. Auf dem Weg dorthin werdet ihr allem begegnen wovor ihr Angst habt! Kehrt ihr vorher um, bevor ihr zum Traumgeist gekommen seid, wird euer Wunsch nicht gestattet werden können”, schloss die Medizinfrau.
Jetzt machten beide Kinder betrübte Gesichter. Beiden fiel ein, wovor sie schreckliche Angst hatten. Einsamer Wolf davor, einer Schlange zu begegnen oder einem richtigen Wolf. Sonnenblume fiel ihre Angst vor Spinnen und vor Feuer ein. Verzagt sagte Sonnenblume nach einer Weile:
”Ich glaube nicht, dass ich das schaffen kann!”
”Ich kann euch allerdings eine Hilfe mitgeben. Einen Talisman der bewirkt, das alles was euch begegnet, egal wie schrecklich es euch erscheinen mag, zum Guten wendet. Doch auch dann, ist es ein großes Abenteuer, das ihr bestehen müsst.”
Sonnenblume und Einsamer Wolf sahen sich an. Einsamer Wolf litt sehr darunter, dass die anderen ihn oft einen Feigling nannten. Als er in die strahlenden Augen von Sonnenblume blickte, hatte er nur einen Wunsch: Vor ihr nicht als Angsthase dazustehen. So sprang er mit einmal auf und erklärte mit starker, aber leicht zitternder Stimme:
”Ich werde gehen! Allen großen Ängsten zu begegnen ist nicht halb so schlimm wie jede Nacht schlechte Träume zu haben!”
Sonnenblume war beeindruckt. Dadurch selbst mutig geworden, sprang sie auf und rief: ”Ich werde mit dir gehen, Einsamer Wolf. Wir können uns gegenseitig helfen. Das schaffen wir schon!”

Die Medizinfrau lachte und sagte:
”Ich freue mich, dass ihr euch entschlossen habt, eueren Ängsten mutig entgegenzutreten. Doch bevor ihr losstürmt, gibt es die anderen Aufgaben zu erledigen.”
”Och, muss das wirklich sein?”, fragte Einsamer Wolf murrend und mit den Füßen scharrend.
”Ja, es muss sein”, betonte die Medizinfrau. Damit beweist ihr eure Ernsthaftigkeit.”
”Also gut,” sprach Sonnenblume. “Es ist schon spät. Ich gehe schon mal die Ziegen aus dem Wald zusammentreiben, damit wir sie melken können, Einsamer Wolf.”
Der nickte und machte sich zusammen mit Sonnenblume auf den Weg. Vorher bedankten sie sich bei der Medizinfrau für ihren Rat. Als die Kinder alleine waren, fragte Sonnenblume Einsamer Wolf:
”Glaubst du wir werden es wirklich schaffen, den Traumgeist zu bitten unsere Träume zu verwandeln?”
“Na klar!”, antwortete Einsamer Wolf mit mehr Überzeugung als er eigentlich hatte.
So gingen denn sieben Tage dahin. Morgens und abends molken sie die Ziegen. Sie machten einen großen Bogen um den süßen Saft des Honigs. Das versetzte vor allem die Mutter von Einsamer Wolf in Erstaunen. Sie hatte schon Angst, dass er krank sei, stopfte ihn eines Tages ins Bett und flößte ihm bittere Medizin ein. Doch schließlich und endlich waren die sieben Tage um. Beide Kinder mussten sich nur noch gründlich waschen, was sie auch taten. Die Mutter von Einsamer Wolf war sehr überrascht, dass er diesmal ganz freiwillig sein wöchentliches Bad im Fluss zu nehmen.
Früh am Morgen des achten Tages, der Tau lag noch auf den Gräsern, schlichen Sonnenblume und Einsamer Wolf sich aus ihren Zelten und suchten das Zelt der Medizinfrau auf. Sie war schon wach und hatte die Kinder erwartet. Sie winkte beide zu sich ins Zelt. Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass Sonnenblume und Einsamer Wolf ihre Aufgaben erfüllt hatten, übergab sie ihnen feierlich ein Amulett. Sie legte es Sonnenblume um den Hals und beschwor sie, es auf keinen Fall zu verlieren. Sonnenblume sah sie ernst aus ihren blaugrauen Augen an und sagte:
”Ich verspreche, gut darauf aufzupassen!” Einsamer Wolf bekam einen Stab überreicht, der ihnen helfen sollte, den richtigen Weg zu finden. Wie von der Medizinfrau verlangt, versprach er den Stab nur zur Wegsuche zu benutzen und keinem Wesen dem sie unterwegs begegnen würden damit zu schaden.
So ausgerüstet, machten sich beide Kinder auf den Weg. Sonnenblume fröstelte leicht, als sich eine kühle Brise erhob. Sie war noch müde und dachte wehmütig an ihr warmes Fellbett zurück, das sie gerade verlassen hatte. Doch dann fiel ihr wieder der Traum der letzten Nacht ein. Sie umfasste das Amulett an ihrem Hals, schloss für einen Moment die Augen und gab sich innerlich einen Ruck. Einsamer Wolf schien es nicht viel anders zu ergehen. Er trödelte hinter ihr her, währenddem er aufs Genaueste den krummen Stab in seinen Händen untersuchte. Dann gab auch er sich einen Ruck und schloss zu Sonnenblume auf.
”Was meinst du Sonnenblume? Glaubst du, dieser seltsame Stab kann uns im Zweifel den Weg weisen?”
”Die Medizinfrau hat gesagt, dass er es kann, und sie muss es ja wissen. Es ist schließlich ihre Arbeit, sich mit allerlei Arten von Medizin auszukennen. Ich glaube fest daran, dass ihr Zauber uns schützen wird!”
”Na gut, dann lass uns jetzt vorangehen. Wir müssen vor Anbruch der Nacht wieder zu Hause sein”, erwiderte Einsamer Wolf. Wenn jemand entdeckt, dass wir fort sind, werden sie uns suchen, und dann kommen wir nie zum Traumgeist.”
Sonnenblume nickte nur. So liefen sie dann eine Zeitlang nebeneinander her und beobachteten die Landschaft um sich herum. Da sie Indianerkinder waren, kannten sie sich im Wald gut aus. Sie wussten, welche Beeren essbar waren und welche nicht. Sie sahen Spuren von Eichhörnchen und Stinktieren. Sie kannten auch die Stimmen der Vögel um sie herum.
Als sie gerade über eine Waldlichtung gingen, sahen sie vor sich aus dem Gebüsch einen Wolf auftauchen. Sie verharrten in ihren Fußstapfen und wagten nicht zu atmen.

Einsamer Wolf erhob langsam seinen Stab. Doch Sonnenblume hielt seine Hand fest.
”Nicht!” , flüsterte sie zitternd.” Medizinfrau hat gesagt, wir dürfen den Stab so nicht benutzen!”
Der Wolf starrte sie aus seinen grünen Augen an. Er war ein sehr ausgemergeltes Exemplar. Es war offensichtlich, dass er Hunger hatte. Seine Rippen stachen deutlich hervor, und sein Fell war stumpf. Er schlich immer näher auf sie zu. Es sah aus, als würde er jeden Moment zum Sprung ansetzen. Er fletschte die Zähne und knurrte laut.
”Du musst mit ihm sprechen, Einsamer Wolf! Schnell es ist dein Totem-Tier. Das ist unsere einzige Chance!”
“Mit ihm sprechen?”, fragte Einsamer Wolf bebend.
“Ja! Frag nicht, tue es einfach!”, entgegnete Sonnenblume bestimmt.
“Also, hör mal, Wolf. Wir sehen das du Hunger hast, aber du solltest uns trotzdem nicht anspringen, weil wir etwas Wichtiges erledigen müssen.”
Bevor Einsamer Wolf geendet hatte, ging eine seltsame Verwandlung in dem Wolf vor sich. Er hörte auf zu knurren, setzte sich auf seine Hinterläufe und stellte seinen Kopf schief.
“Red weiter, Einsamer Wolf!”, sagte Sonnenblume
“Wir sind auf dem Weg zum Traumgeist, um ihn zu bitten, unsere schlechten Träume von uns zu nehmen.”
“So, so”, sprach der Wolf.” Menschenkinder, die meine Sprache sprechen! Sehr seltsam! Trotzdem wärt ihr beide genau das was ich jetzt bräuchte um meinen knurrenden Magen zu füllen. Aber sagt erst noch, wie ihr heißt, bevor ich euch fresse!”
Einsamer Wolf konnte kaum noch atmen vor lauter Angst, doch er sagte tapfer:
“Ich bin Einsamer Wolf”, und auf Sonnenblume deutend,
“Sie heißt Blume-die-mit-ihrem-Gesicht-die- Sonne-sucht.”
Der Wolf stutzte, schlich um Einsamer Wolf herum, beschnüffelte ihn und sprach.
“Du also gehörst zu meinem Clan, und ich darf dich nicht töten. Da das Mädchen mit dir geht, werde ich auch ihr nichts tun. Doch ich habe wirklich furchtbaren Hunger und muss bald fressen, sonst werde ich sterben.”
Sonnenblume griff in ihren Beutel, den sie vorsorglich mitgenommen hatte und bot dem Wolf von dem Dörrfleisch an, das sie als Wegzehrung mitgenommen hatte.
“Hier, Wolf. Es ist nicht viel; aber wenn du dich ein wenig damit gestärkt hast, kannst du vielleicht einen der Hasen fangen, deren Bau wir unterwegs entdeckt haben.”
Der Wolf machte sich gierig über das Fleisch her. Dann setzte er sich auf die Hinterläufe und sprach:
“Ich danke euch für diese Gabe! Als Gegengeschenk gebe ich dem Jungen ein paar Haare aus meinem Schweif. Sie werden ihm die Angst vor allem, was Klauen und Zähne hat, verlieren lassen.”
Sprach’s und zupfte sich einige wenige Haare aus seinem Schweif. Einsamer Wolf empfing das Büschel, und sie verabschiedeten sich voneinander. Als der Wolf seines Weges gegangen war, seufzten beide Kinder erleichtert auf. Nachdem sie sich ein wenig von dem Schrecken erholt hatten, fragte Einsamer Wolf Sonnenblume:
“Sag mal, woher wusstest du, dass ich mit ihm reden musste?”
“Das kann ich dir nicht sagen. Ich wusste nur plötzlich, dass dies der einzige Weg war uns zu retten. Vielleicht ist es ein Teil des Zaubers den Medizinfrau uns mitgegeben hat.”
“Ja, das mag sein”, antwortete Einsamer Wolf nachdenklich. “Auf jeden Fall habe ich noch nie in meinem Leben eine solche Angst gehabt”, sprach Einsamer Wolf. “Doch jetzt fühle ich mich auf irgendeine Art sehr viel leichter.”
“Das freut mich, Einsamer Wolf. Jetzt lass uns weitergehen!”

Sie kamen an eine tiefe Schlucht.
Von einem Ende zum anderen war eine Hängebrücke gespannt. Als beide in der Mitte angekommen waren, gab die Befestigung auf der anderen Seite nach. Die Kinder klammerten sich angstvoll an ein Seil. Es hing nur noch an einem dünnen Faden und drohte jeden Augenblick zu reißen.

In diesem Augenblick entdeckte Sonnenblume eine riesige Spinne auf der anderen Seite. Sie schrie auf. “Einsamer Wolf, schau nur!”, rief sie, auf die Spinne zeigend. Doch Einsamer Wolf blieb ganz ruhig. Er sagte leise zu Sonnenblume: “Mach der Spinne Zeichen mit deinen Fingern und sie wird uns ein starkes Seil spinnen!”
“Aber, aber, sie ist so schrecklich groß!!”
“Tu es einfach!”, sagte Einsamer Wolf. Sonnenblume nahm eine Hand und, obwohl sie nicht wusste was sie da tat, webte sie mit der Hand Zeichen in die Luft. Die Spinne reagierte sofort und begann ein Tau zu spinnen. Sie verknüpfte es mit dem lose herabhängenden Ende des Seils. Einsamer Wolf nahm die zitternde Sonnenblume an die Hand und führte sie das letzte Stück über die Brücke.
“Puh, fast wären wir abgestürzt,” seufzte Einsamer Wolf erleichtert auf. Die Spinne hatte sich in eine Nische zurückgezogen. Sonnenblume starrte auf diese Nische und sagte stockend:
“Die Spinne, sie – sie hat uns geholfen!”
“Ja, weil du mit ihr gesprochen hast!”
“Aber ich habe doch gar nicht gesprochen. Ich habe doch nur Zeichen mit meiner Hand gemacht.”
“Ja, natürlich; aber das ist genau die Sprache, die eine Spinne versteht”, sagte Einsamer Wolf.
“Schau nur, da liegt etwas auf dem Boden!” Sonnenblume hob einen glitzernden Faden auf, der alle Farben des Regenbogens in sich zu haben schien. Plötzlich verstand sie, dass dies ein Geschenk der Spinne war. Als sie den Faden in die Hand nahm, spürte sie wie alle Angst vor allem, was kriecht und fliegt, von ihr abfiel. Einsamer Wolf war inzwischen weiter gegangen. Sonnenblume schloss zu ihm auf und erzählte ihm von ihrem wundersamen Erlebnis. Einsamer Wolf reagierte nicht gleich, denn er war in Gedanken vertieft. Doch dann sagte er:
“Sonnenblume, weißt du eigentlich, wie es hier weitergeht? Ich habe keine Idee mehr, in welche Richtung wir weiter müssen!”
Sonnenblume blieb stehen und sah sich um. “Nein, Einsamer Wolf, ich weiß es auch nicht. Doch wir haben ja unseren Stab. Vielleicht kann der uns jetzt helfen.”
Einsamer Wolf sah den Stab in seiner Hand an, und zu seinem Entsetzen verwandelte sich der Stab in eine Schlange. Er ließ das sich windende Etwas sofort mit einem Schrei los und sprang zurück. Die Schlange bewegte sich schnell in eine Richtung. “Schnell, folge ihr Einsamer Wolf! Sie weist uns den Weg.”
“Ich laufe doch keiner Schlange hinterher. Was nur hat uns die Medizinfrau da nur mitgegeben?”
Sonnenblume ließ Einsamer Wolf stehen und folgte der Schlange.
“Komm mit Einsamer Wolf. Hier geht’s lang”, rief sie über die Schulter. Zögernd kam Einsamer Wolf hinterher.
Nach einer Weile kamen sie der Schlange folgend, an einen Flusslauf. Wenige Meter vor ihnen erstarrte die Schlange und wurde wieder zu dem Stab, der sie gewesen war. Ohne dass Einsamer Wolf gewusst hätte, warum, begriff er die Weisheit aller Schlangen, als er den Lauf des Flusses betrachtete. Er hob den Stab wieder auf und war wie verwandelt. Doch Sonnenblume lief voran und rief:
“Einsamer Wolf, Einsamer Wolf, ich kann den Wasserfall hören. Komm hier entlang!” Einsamer Wolf folgte ihr, und tatsächlich, auch er konnte jetzt den Wasserfall hören. Bevor sie jedoch einen weiteren Schritt tun konnten, tat sich vor ihnen eine Feuerwand auf. Sonnenblume wollte schon flüchten, doch Einsamer Wolf hielt sie auf.
“Umfasse das Amulett. Ich bin sicher, es wird uns weiterhelfen.”
Das Mädchen ergriff bebend das Amulett an ihrem Hals. Sie schloss kurz die Augen und wusste, was zu tun war.
“Spring in den Fluss, Einsamer Wolf!” Bevor Einsamer Wolf noch etwas entgegnen konnte, zerrte sie an seiner Hand und riss ihn mit sich. Sie stolperten das Ufer hinunter und befanden sich bald darauf im kühlen Nass. Prustend sagte Sonnenblume: “So, und nun können wir durch die Wand hindurch gehen.” Sie sagte das mit solcher Überzeugung, dass er nicht widersprechen konnte.
Gemeinsam gingen sie auf die Feuerwand zu und ¾ durch sie hindurch. Beide Kinder warfen sich dahinter schwer atmend auf den Boden.
“Oh, Sonnenblume, du bist einfach großartig! Wie bist du darauf gekommen?”, fragte Einsamer Wolf, als sie wieder zu Atem gekommen waren.
“Ich weiß es nicht. Es war mir einfach klar, dass wir genau das tun mussten.”

Inzwischen war der Wasserfall auch zu sehen. Die Kinder setzten sich erschöpft auf einen großen Stein, der von der Sonne beschienen wurde. Eine Zeitlang sagten beide gar nichts, sondern ließen sich von der Sonne trocknen. Beide waren tief in ihren eigenen Gedanken versunken und dachten über ihre letzten Abenteuer nach. Nach einer geraumen Zeit sagte Sonnenblume:
“Weißt du, Einsamer Wolf, ich glaube es gibt kaum noch etwas, wovor ich wirklich Angst habe.”
“Genau das wollte ich auch sagen. Doch eins macht mir schon noch Sorgen. Wie sollen wir den Traumgeist herbeirufen, um ihm unsere Bitte vorzutragen?”, fragte Einsamer Wolf schläfrig.
“Das weiß ich auch nicht”, entgegnete Sonnenblume und schlief ein. Sobald beide die Grenze zwischen Wachen und Schlafen überschritten hatten, sahen sie hinter dem Wasser Fall einen uralten Mann mit langen weißen Haaren sitzen. Sein Gesicht war von unzähligen Falten gezeichnet. Er sprach zu ihnen: “Ich bin der Traumgeist. Was führt euch zu mir?”
Sonnenblume ergriff das Wort, obwohl ihr das Aussehen als auch die tiefe Stimme des Alten Respekt einflößte.
“Wir wollen beide von unseren bösen Träumen befreit werden!”, erklärte sie.
Der Traumgeist lachte schallend.
“Du, Sonnenblume, die du eben durchs Feuer gegangen bist, dass du so fürchtest. Die von einer Spinne Hilfe bekam, die dir unglaubliche Angst machte, du fürchtest dich vor Träumen? Und du Einsamer Wolf. Bist mutig der Schlange gefolgt, statt vor ihr zu fliehen, hast mit dem hungrigen Wolf gesprochen und ihm euer beider Leben abgehandelt. Was könnt ihr noch von mir wollen? Geht nach Hause zu euren Müttern! Sie ängstigen sich schon um euch. Nehmt von dieser Reise mit, was euch geschenkt wurde, und lasst mich weiter Träume weben!”
“Wir möchten doch so gerne schöne, statt schrecklicher Träume haben!”, protestierte Sonnenblume.
“Kannst du uns nicht helfen?”
“Geh nach Hause, kleines Mädchen, du wirst dort finden was du suchst!”
Unvermittelt wachten beide Kinder auf. Sie wussten nicht, ob sie geträumt hatten oder wirklich mit dem Traumgeist gesprochen hatten.
“Hast du auch eben mit dem Traumgeist gesprochen?”, fragte Einsamer Wolf seine Freundin.
“Ja, das habe ich. Doch er wollte uns scheinbar nicht helfen”, schloss Sonnenblume enttäuscht. ” Er sagte, wir sollten nach Hause gehen, und wir würden finden was wir suchten.”
“Stimmt, aber wozu sind wir dann diesen weiten gefährlichen Weg gegangen, wenn das, was wir brauchen, zu Hause ist?”
“Denk doch nach, Einsamer Wolf! Wir sind auf dem Weg hierher all unseren schlimmsten Ängsten begegnet, und wir haben jetzt keine Angst mehr!”
“Das mag ja sein, doch unsere bösen Träume haben wir wohl immer noch!”
“Nun, vielleicht… aber lass uns jetzt nach Hause gehen. Ich habe schrecklichen Hunger.”

Und so machten sie sich auf den Rückweg. Sie bedankten sich im Geiste bei der Spinne und bei dem Wolf für ihre Hilfe. Gerade als die Sonne am Horizont versank, kamen sie in ihr Dorf zurück. Ihre Mütter waren überglücklich Sonnenblume und Einsamer Wolf wohlbehalten wieder zu sehen. Beide erzählten ihre Geschichte bei einem reichhaltigen Mahl. Danach waren beide Kinder so erschöpft, dass sie sofort einschliefen.

Am nächsten Morgen ging Sonnenblume zu der Medizinfrau, um auch ihr von ihrer Reise zu berichten.
“Geh ein Stück mit mir!”, sagte sie. “Ich muss noch ein paar Kräuter für eine bestimmte Salbe sammeln gehen.”
“Ja, gern!”, erwiderte Sonnenblume. Beim Kräutersammeln erzählte Sonnenblume ihre Geschichte. Währenddessen pflückte sie einige Vogelfedern aus einem Gebüsch, in dem sie hängen geblieben waren.

“Weißt du nun, was zu tun ist?”, fragte die Medizinfrau als Sonnenblume geendet hatte.
“Nein”, antwortete Sonnenblume. “Ich glaube, der Traumgeist hat uns nicht ernst genommen. Er wollte uns wohl nicht helfen.”
“Jeder, der den Traumgeist fragt, erhält eine Antwort, die ihm weiterhilft”, entgegnete die Medizinfrau. “Mit der Zeit wirst du es wissen.”
“Nun gut, Medizinfrau, ich hoffe, dass das bald sein wird. Hier hast du dein Amulett zurück. Vielen Dank dafür. Es hat uns sehr geholfen.”
Die Heilerin nahm das Amulett entgegen und schmunzelte. “Alles was du getan hast, hast du ohne die Hilfe des Amuletts erreicht”, sprach sie. “Tief in deiner Seele, wusstest du immer genau, was zu tun war. Der Talisman diente dir nur als Sammlungspunkt.”
“Wie aber soll ich ohne ihn wissen, was jetzt zu tun ist?”, fragte Sonnenblume verwirrt.
“Werde ruhig und schau in dein Innerstes. Glaub mir, du wirst es wissen!”

Inzwischen waren beide wieder im Dorf angekommen. Sonnenblume verabschiedete sich von der weisen Frau und ging nachdenklich in ihr Zelt. Sie sah eine Weidenrute an der Zeltwand stehen und hatte plötzlich einen Einfall.
Sie setzte sich hin, nahm die Federn aus ihrer Umhängetasche und knüpfte das, was heute vor dir liegt, liebe ……….. —
Einen Traumfänger.
Damit hatte sie etwas geschaffen, was nicht nur ihr bei bösen Träumen half, sondern allen Menschen auf der ganzen Welt.

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