Die Vision
von Jürgen Jesinghaus (copyright)
Brosheim saß im IC von München nach Stuttgart. Er war früh von der Messe zum Bahnhof gekommen, um einen Sitzplatz zu belegen. In der Wartezeit blätterte er aus Pflichtgefühl im Messekatalog. Dann legte er seinen Kopf an die Ohrenstütze und dachte in der losen, dem Traum verwandten Art des Gedankenspringens an die Tagesereignisse, unter die sich je länger er wachträumte, desto mehr Bilder der ferneren Vergangenheit mischten. Er dachte zurück an die Frauen, die er kannte, bis zu einer Frau unbestimmten Aussehens. Da brach die Kette, und ihm drängten sich Katastrophenbilder auf, die sich ohne logischen Zusammenhalt aneinanderreihten, bis zur Unerträglichkeit, so daß er sich zwang, Schachstellungen zu analysieren. Es gelang ihm nicht, und er verirrte sich in Bilderscherben, die gestochen scharf vor seinem Memory-Auge lagen, und auch an das Wort ´Memory-Auge´ selbst mußte er denken, weil er es heute an einem Stand auf der Messe gelesen hatte. Der Zug fuhr an. Brosheim bot seinem Geist die realen Bilder der Vorstädte und Bahnanlagen. Nach einer halbstündigen Fahrt konnte er in eine durch Agrar- und Forstwirtschaft geordnete Landschaft blicken. In der Donauebene entspannten sich die Augen und er schlief ein, so daß er die Kletterpartie in die Alb verpaßte. Beim langsamen Abstieg wachte er auf. Er brauchte nicht lange, um sich zurechtzufinden und alle Erscheinungen in dem engen Tal, durch das sie fuhren, zwischen zwei Wimperschlägen wahrzunehmen: Bäume, Felsvorsprünge, Zäune, Parallelstraßen, Wege ins Gehölz. Als sich der Zug aus dem Tal befreite und in die warme Lichtung stieß, fiel Brosheims Blick als erstes auf das Haus im Schein der Abendsonne. Er glaubte während eines Augenblicks jede Fuge einzeln zu erkennen. Später, als er Anlaß hatte, sich daran zu erinnern, erschien vor seinem Geist die blau-weiße Tafel, die am Giebel hing und in schwarzen Lettern einen Namen und eine Nummer trug.
Im Gleitfahren des Zuges sah er den Motorradfahrer auf das Waldstück zurasen, in das die Straße mit einer Rechtskurve eintauchte. Er sah auch, wie der Fahrer und seine Maschine über die Böschung rutschten. Er sah aber nicht mehr, wie das Gelände unterhalb der Kurve beschaffen war, denn der Zug strich schon an einem Tannenforst vorüber. Es dauerte einige Zeit, bis das Gehölz zurückfiel und Felsen und Kalkpfeilern Platz machte. Auf einem Riff bemerkte Brosheim einen runden Turm, bevor der Zug neue Bilder abrollen ließ. Jetzt erst studierte er die Landschaft, um später den Unfallort beschreiben zu können. Er wußte nicht, wo sich der Zug befand, nur, daß er im Schwäbischen war, immer noch auf Talfahrt. Brosheim schaute auf die Uhr und berechnete die Unfallzeit. Dann blickte er nach links aus dem Fenster in eine flache, sich nach Westen öffnende Mulde, in der sich eine Stadt ausbreitete. Die Himmelsrichtung schätzte er nach dem Sonnenstand. Er sah Fabriken und Lagerhäusr,
konnte aber keine Namen entziffern. Dazu hätte er aufstehen und an die gegenüberliegenden Fenster treten müssen, und als er es schließlich tat, wurde ihm die Sicht durch bewaldete Riffe entzogen. Erst einige Zeit später bot sich wieder die Aussicht auf die Stadt, die jetzt im Süden lag.
Es waren nur zwei Augenblicke gewesen, zuerst das Haus im Rohbau, dann der Motorradfahrer und sein Unfall. Zwei unwirkliche Augenblicke, denn die Bildchen waren unterlegt worden durch das monotone Fahrgeräusch des Zuges, in dem er saß und der allein den Rahmen für die Wirklichkeit bildete. Er hatte nicht das Motorrad und sein Schleifen über den Asphalt und auch nicht den Entsetzensschrei des Fahrers gehört. Wirklich war nur der Wagon, in dem er saß, die Menschen um ihn und die Fahrbewegungen zu beiden Seiten und die Scheibe, die ihn nach außen abschirmte. Hinter der Scheibe für zwei Augenblicke ein lautloser Unfall, der in Brosheims Erinnerung immer mit dem Haus im Rohbau zu tun haben würde, als käme der Fahrer von dort oder als säße dort hinter den spiegelnden Scheiben der Mörder des Kradfahrers. Für Brosheim war es klar, daß der Fahrer schwer verletzt, wenn nicht tot zwischen Kreidefelsen eingeklemmt hing. Die Geruch- und Lautlosigkeit der kurzen Sequenz eines Unfalls machten ihn irre. Er drehte sich nach hinten. Die Leute schliefen oder lasen oder starrten nach draußen. Er wandte sich wieder um und suchte in Fahrtrichtung nach Zeugen für die Zuverlässigkeit seiner Wahrnehmung. Ganz vorn pappte ein Kind an der Scheibe, drückte seine Händchen und sein Gesicht dagegen. Der Zug war mindestens zehn Kilometer vom Unfallort entfernt. Brosheim versuchte, sich die Gegend in Erinnerung zu rufen, aber ihm fiel nichts anderes ein als eine mittelgroße Stadt, ein Rundturm, einige Kalkfelsen und dann immer wieder dieses blinde Haus im Rohbau, ein Stück Feld am Hang, die Landstraße und der Nadelwald, der plötzlich an den Zug herangetreten war, wie um die Sicht zu versperren.
Brosheim fragte die Dame vor sich, nur um etwas zu unternehmen: “Haben Sie den Motorradfahrer gesehen?” “Welchen Motorradfahrer?” “Vor wenigen Minuten auf der Landstraße, parallel zur Eisenbahn?” “Ich habe heute einige Motorradfahrer gesehen, aber keinen bestimmten, auch Autofahrer, zum Beispiel den Taxi-Chauffeur, der mich zum Bahnhof gebracht hat.” “Er ist verunglückt – der Motorradfahrer, von dem ich spreche.” “Nein, ich habe niemanden gesehen, der verunglückt ist, gottseidank. Nein, ich habe niemanden verunglücken sehen.” Sie wandte sich abrupt ihrer Lektüre zu. Brosheim entschuldigte sich für die Unterbrechung. Er stand auf, beschloß, das Cabinet zu suchen und wankte den Gang hinunter. So kam er an dem Kind vorüber. Er begrüßte den Vater, zu dem das Kind gehörte, und setzte sich auf den Platz, den es verlassen hatte, um aus dem Fenster zu schauen. “Hast du einen Motorradfahrer gesehen?” “Da”, sagte das Kind, löste seine Hand von der Scheibe, um mit dem Zeigefinger wieder dagegen zu stoßen. “Da.” Brosheim sah einen Motorradfahrer in ein offenes Hoftor einbiegen. Das gelbe Ortsschild, an dem der Mann auf dem Krad vorübergefahren war, geriet außer Sichtweite. Der Zug hatte sich längst auf Reisegeschwindigkeit beschleunigt. Brosheim achtete auf das Ausgangsschild an der Zukunftsseite des Ortes, um wenigstens einen Anhaltspunkt in Schwaben namhaft machen zu können. “Was wollen Sie von dem Kind?” fragte der Vater. Brosheim antwortete gegen die Scheibe: “Fragen, ob es den Motorradfahrer gesehen hat.” “Ich denke ja, und jetzt können Sie gehen.” Brosheim wurde wütend. “Hören Sie, ich meine den Motorradfahrer, der vor ungefähr einer viertel Stunde verunglückt ist!“ “Sie hätte es mir gesagt, wie Kinder so sind.” “Ich frage nur, weil die Kleine gerade aus dem Fenster geguckt hat.” “Sie haben jemanden verunglücken sehen und gleichzeitig meine Tochter beobachtet?” “Nicht gleichzeitig, verstehen Sie doch, nicht gleichzeitig im Sinne von physikalisch. Und ´beobachtet´ ist der falsche Ausdruck.” “Ich habe verstanden, und Sie gehen am besten wieder auf Ihren Platz!” “Also, du hast nichts gesehen?” fragte Brosheim das Mädchen, das nun die beiden Männer beobachtete. Es schüttelte den Kopf. “Lassen Sie das Kind in Ruhe!” Brosheim begab sich wieder auf seinen Platz und vergaß seine Absicht, den Abort zu benutzen. Er mußte etwas unternehmen. Er drückte sich in das Polster und versuchte, sich auf das blau-weiße Schild zu konzentrieren. Er hatte das Schild gesehen und zweifellos auch einen Namen und die Telefonnummer. Sie waren also in seinem Gedächtnis verzeichnet, aber er fand keinen Zugang zu den Speicherstellen. Er sagte das Alphabet auf und horchte in sich hinein wie ein Schränker in den Geldschrank beim vorsichtigen Drehen der Ziffernscheibe. Er brach den Versuch ab, schloß die Augen und konzentrierte sich auf einen Punkt. Und aus dem Punkt entrollte sich das Bild des Hauses im Rohbau mit den feuerroten blinden Scheiben und das Bild der blauen Landstraße und des rasenden Motorradfahrers, der vor dem Nadelwald in die bleichen Klippen stürzte und im Schein der explodierenden Benzinmaschine zerfleischt wurde.
Jemand tippte Brosheim an. Der Schaffner erkundigte sich, ob er ihm vielleicht helfen könne. “Man sagt, Sie hätten Probleme mit einem Motorradfahrer.” Brosheim: “Sie müssen etwas unternehmen!” Er schilderte, was er durch das Fenster gesehen hatte. “Wo war das?” “Bei einer mittelgroßen Stadt in einer Mulde zwischen Kalkfelsen und Nadelwäldern, auf der Landstraße, die parallel zur Eisenbahn verläuft, kurz hinter einem Haus im Rohbau, an dem ein blau-weißes Schild hängt, vor einer halben Stunde. Der Motorradfahrer fuhr friedlich auf dieser Landstraße entlang, und ich habe zuerst das Haus gesehen und dann den Fahrer, wie er über die Landstraße fuhr. Dann rutschte er aus und über die Böschung. Ich habe nur das gesehen, leider hat es niemand sonst beobachtet. Wir fuhren dann eine Zeit lang an dem Nadelwald vorüber, bis ich den Turm auf dem Berg bemerkte. Es ging alles sehr schnell.” “Was kann ich da machen? Sie meinen, Sie hätten sich nicht vertan? Sie haben das wirklich gesehen?” “Wenn wir lange darüber diskutieren, ob ich es gesehen habe, weiß ich es selbst nicht mehr – und in der Zwischenzeit verblutet der Mann.” “Es war ein Mann Ihrer Meinung nach?” “Wir müssen etwas unternehmen!” “Es wäre doch sowieso alles zu spät. Sie wissen nicht einmal wann und wo. Eh wir jemanden erreicht haben, ist die Person längst gefunden worden oder sie hat sich selbst aufgerappelt. Wir können von hier aus gar nichts unternehmen.” “Rufen Sie wenigstens die Polizei in dieser Stadt an. Sie haben doch Funktelefon.” “In welcher Stadt anrufen? Wir sind in der letzten Stunde durch viele Ortschaften gekommen.”
Der Lautsprecher verkündete die nahe Ankunft in Stuttgart HBF. Der Schaffner sagte: “Na bitte” und meinte damit: Jetzt können Sie Ihre merkwürdige Angelegenheite selbst in die Hand nehmen und von Stuttgart aus jede Polizeidienststelle anrufen, die Sie wollen. Brosheim verstand es so. Er hatte sich nicht träumen lassen, heute in Stuttgart auszusteigen. Sein Gewissen war ein Stock in seinem Innern. Wenn er auf dem Stuttgarter HBF gefragt worden wäre, wo der Sitz des Gewissens ist, er hätte geantwortet: im Magen, ein Stock im Magen. Er mußte etwas gegen die Verstimmung tun. Es hätte ihm nicht genügt, sich auf der Weiterfahrt nach Köln auszukurieren. Zu diesem Stockgefühl paßte nicht das zarte Bild einer durch das Fenster eingerahmten Katastrophe, die Momentaufnahme eines fliegenden Motorradfahrers in einem Stummfilm der Deutschen Bundesbahn. Brosheim wandte sich an die Bahnhofspolizei. Er traf einen Beamten, dem er das Augenblicksereignis berichtete. Wo wars denn gewesen? Abstieg von der Alb, nahe einer mittelgroßen Stadt, im Kalkgebirge mit einem runden Turm. In der Stadt? Nein, ein paar Fahrminuten davor. Der Beamte versprach, der Sache nachzugehen. Als Brosheim wieder in der Bahnhofshalle stand, fiel ihm ein, daß der Beamte keine Notizen gemacht hatte. Das bedeutete, er würde gar nichts unternehmen. Brosheim fühlte sich schuldig am Tod eines Motorradfahrers, als hätte er selbst auf der Straße am Rohbau Öl ausgegossen. Warum mußte er just zu diesem Zeitpunkt aufwachen, in diesem Augenblick, wo ihm das Haus mit den Kupferblechen und den rotbeschienenen Fenstern herrisch entgegenleuchte? Zu dem Schuldgefühl paarte sich das Sendungsbewußtsein. Beide zusammen beschworen das Gefühl tiefer Bezüge, ein Anwehen von Schicksal. Ihm schien, daß er persönlich für den Motorradfahrer verantwortlich wäre und daß es nicht genügte, einer Amtsperson die Tatsachen ins Protokoll zu diktieren. Er alleine hatte den Vorfall gesehen, vielleicht noch ein Kind. Die Minutenbilder des Elends sehen Millionen Menschen im Fernsehen, und sie sehen auch, wie neben Leichen und Wracks die Männer in Helmen das Nötige regeln. Hier aber war er auf sich gestellt. Niemand außer ihm hatte es beobachtet oder keiner gab zu, es beobachtet zu haben. Es war alles so schnell gegangen. Die Menschen im Zug hatten geschlafen, gelesen, gestarrt, und nur er hatte diese Augenblicke einer Motorradfahrt gesehen, und außer ihm vielleicht noch ein zirkusgläubiges Kind.
Brosheim rechnete sich eine Stadt aus, eine Stunde von Stuttgart entfernt in der Alb, löste eine Karte dorthin und fuhr am selben Tag spät abends von Stuttgart ab. In der Nacht traf er ein und begab sich in das erste Hotel am Platz, das zu seiner Überraschung Tour Couronnee hieß. Er sah ein, daß so spät die Nachforschungen vergeblich sein müßten. Trotzdem rief er vom Hotel aus die örtliche Polizei an, schilderte das Haus, die Landstraße in das Tannengehölz, die Motorradfahrt, die plötzlich endete, als der Nadelwald an die Gleise vorstieß wie ein Panzer. Er gab das Hotel als seine Adresse an und wartete noch auf ein Zeichen, daß alles verstanden worden und das Gespräch beendet sei. Als aber kein Zeichen des Verstehens übertragen wurde, legte er den Hörer auf. Aus dem Kühlschrank im Zimmer nahm er eine Flasche Bier, trank, entkleidete sich und schlief ein. Er träumte von einem Zahnarzthaken, einem Instrument mit einer geschwungenen Stahlspitze. Ein solches Gerät, vergrößert, trägt ein Soldat in einem getünchten Raum. Der Soldat räumt auf. Er trifft auf ein schreiendes Bündel Mensch, das keine Beine und kein Becken mehr hat, hakt seinen Haken ein, versetzt damit das Bündel in Rotation und schleudert es in eine Ecke zum späteren Abtransport. In der Ecke bleibt der Mensch liegen, zusammengerollt wie ein schlafender Hund. Der Soldat packt die abgerissenen Beine und fegt sie zu dem Bündel in die Ecke, dann hebt er die Lanze und säubert die Wände von Fleischresten – Aufräumungsarbeiten nach einem Gefecht mit Handgranaten in der Dunkelheit tiefer Kasematten. Er hört ferne Explosionen wie von einer abziehenden Schlacht. Brosheim wurde durch den Frühzug aus Ulm geweckt. Er trank eine Kanne Kaffee, dann brach er auf. Die Bilder der Nacht hatten ihn vorbereitet. Er überquerte die Gleise, schlug sich in einen Nadelwald und verlor sich darin.