Winziges Händlein

von Tom Delißen (copyright)

Ich fühlte die heiße Sonne Afrikas durch die Fruchtblase im Bauch meiner Mutter, in der ich schwamm.
Ich war gespannt und neugierig auf das Leben da draußen, glücklich, dass sie mir es schenkte. Der brodelnde Atem der Savanne blies durch ihren Körper, trug den Duft der ausgedehnten Grasflächen, das Brüllen der Löwen zu mir.
Ich begrüßte die Welt kurz nach der Geburt, als ich in das helle Licht katapultiert wurde, mit einem lauten Schrei der Überraschung.
Schnell fand ich Zuflucht vor dem Unbekannten an der weichen, warmen Haut meiner Mama. Als ich jedoch instinktiv nach einer Nahrungsquelle suchte, gab es da nur schlaffe Haut. Nur wenige Tropfen Feuchtigkeit konnte ich aus welken Brustwarzen saugen.
War im Inneren ihres pulsierenden Leibes noch Schutz und Nahrung, so erwartete mich jetzt der Durst als entsetzlichstes Gefühl.
Eine unendliche Zeit später erst, der milchige Schleim vor meinen Augen hatte sich gelöst, ich war in der Lage die nähere Umgebung, dunkelbraune Gestalten, ein Strohgeflecht, das winzige Feuer, das ich auch roch, zu erkennen, wurde die brennende Pein, die mich nah an andere Dimensionen trieb, endlich gestillt.
Eine Frau, weiß gekleidet wie ein Engel, war in die Hütte meiner Eltern eingekehrt.
Sie duftete nach unbekannten, schweren Welten, nicht so flüchtig wie das Leben hier, weit von den Affenbrotbäumen, die auf dem Dorfplatz Schatten spendeten, entfernt.
Ihre Hände, die mich zart, unendlich fürsorglich berührten, warm wie die Bäuche der Dorfhunde, die bei mir schliefen. Dieses hellhäutige Himmelsgeschöpf stillte mit Flüssigkeit aus einem wunderbar durchsichtigen, schimmernden Behältnis meinen unsäglichen Durst. Sie stach mich auch mit Nadeln, doch ich bemerkte den Schmerz nicht, eingehüllt in ihre betörende Anwesenheit.

Durch sie erhielt ich die Kraft, der Hitze, dem Durst und Hunger des Daseins auf diesem Teil des Kontinents zu trotzen, mein kleines Persönchen in der Realität festzuhalten.
Sie verschwand, hinterließ einige Dosen des Milchpulvers, die für einen kurzen Zeitraum meine Ernährung sicherten. Eine Weile atmete ich die Kraft meiner Vorfahren aus der Savanne, die Welt des wilden Kontinents umarmte mich.
Mich verlangte so unendlich stark danach, mit den Antilopen in den roten Sonnenuntergang zu laufen, den Elefanten auf ihren Pfaden zu folgen, zu leben, Erfüllung zu finden.
Die Erde gab mir keine Chance, die Dürre war allmächtig.
Ab und an ein wenig Brei, hergestellt aus Pflanzenwurzeln.
Als auch diese Nahrungsquelle versiegte, trieb ich hinein in einen apathischen Zustand. Das Wenige an Flüssigkeit, das noch meinem Körper innewohnte, verlor ich mit einem von Krämpfen begleiteten Durchfall.
Infektionen beutelten meinen winzigen Leib, der Bauch schwoll ballonartig an. Meine Handgelenke, ebenso die Oberärmchen nicht dicker mehr als einer der dürren Äste der Sträuchlein, welche die Frauen verfeuerten.
Nicht lange, da aß der große Bezwinger vom Berge zuerst die Seele meiner Mutter, dann die meines Vaters auf. Er raubte sie beide im Schlaf.
Ich war allein, Brüderlein und Schwestern längst verdorrt.
Die erneute Ankunft des weißen, hellhäutigen Engels gewahrte ich als ein weiteres Licht im Hellen, eine leuchtende Flamme. Ich legte meine Händchen in ihre Hand, sie nahm mich auf den Arm, ich versank an ihrem weichen Busen, so weich wie die Bäuche der Hunde, die bei mir schliefen.
Der große Bezwinger kam, ich fürchtete ihn nicht, denn führte er mich doch heim zu Mutter, Vater und Geschwistern.
Barmherzig nahm der Geist des Universums mich wieder auf.

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