Realitäten

von Tom Delißen (copyright)

„Raus hier! Weg.!“
Sie schrie sich diese Worte selber zu. Wusste jedoch um ihre Kurzlebigkeit.
Nur Sekundenbruchteile an ihrer Lippe. Nicht länger.
Das war die Realität.
Verbissen kämpfte sie mit der Drahtschere und dem Stachelzaun, den Schneewehen und ihren halb erfrorenen, gefühllosen Händen.
Immer wieder blies der Wind ihr harte Schneekörner in das Gesicht, so heftig, dass sie wirklich weh taten.
Dann die harte Hand auf ihrer Schulter.
Das hämische Lachen.
Der schmerzhafte Stoß, der sie auf den Rücken warf.
Die Kälte des gefrorenen Bodens. Nach einer Weile im Schnee liegend, die Taubheit ihrer Wangen. Der Geschmack von Metall im Mund.
Nun wurde sie an den Haaren hochgerissen.
Sah den Soldaten, seine fehlenden Zähne, seinen gierigen Blick.
Das war die Realität.
Sein Gewicht auf ihrem Körper.
Der Gestank nach billigem Fusel.
Die Drahtschere in ihrer Hand.
Der blutige Hinterkopf.
Die roten Tropfen im Schnee.
Der Schuss aus der Waffe des zweiten Soldaten.
Und flauschiger Frieden.
Für immer.

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