Pirouette
von Tom Delißen (copyright)
Er marschierte mit staksenden Schritten durch das Häusermeer.
Betonfarbene Straßen unter einer Dunstglocke von Missgunst, Eifersucht und Habgier.
Graue Schemen kamen ihm entgegen, geduckt durch die immerwährende Dämmerung eilend, wie auch er, auf dem Weg in ein Daheim, das jeden Bezug zum Lebenswerten verloren hatte.
Keine Sonne, in diesen Schluchten der Einsamkeit, nur glanzloses Licht, ein wenig konzentriert im Westen, Schatten, die ineinander verschwammen.
Nebeltrübe Kopfgeburt die wahre Existenz.
Fröstelnd zog er den dicken, schweren, schwarzen Ledermantel fester um den hageren Oberkörper, ließ die Hände dann wo sie waren, verschränkt um sich selbst, schützend, eine tröstende Umarmung in der Isolation, die sein Leben beherrschte.
Er gelangte in das Gewirr einer Hochhaussiedlung, abertausende Schlafplätze für die Ameisen der Gesellschaft, Drehplätze für die skurrilsten Dramen, Tatorte.
Der Wind hatte zugenommen, heulte durch die Schluchten der Wohnblöcke, pfiff zwischen den Plattenbauten der Garagen, über kahle Spielplätze mit verrosteten Schaukeln und Sandkästen voll Hundekot.
Auf seiner rechten Seite nun, überraschend, eine Wand, Rückseite eines der Hochhäuser, schwarz gestrichen. Wie ein bunter Fleck in dem tristen, trüben, fahlen Grau.
Er hielt inne, stoppte seinen Schritt, blickte auf die rissige Fläche.
Sie schien ihm wie der Hintergrund einer bizarren Open-Air-Bühne, atmete die Erwartung, einen Darsteller zu umhüllen, ihm Halt zu geben, vor dem Publikum der Welt, das lethargisch in den Sitzen der Gesellschaft faulte.
Dann sah er den Schauspieler. Es war eine weiße Plastiktüte, sie lag am rechten Rand.
Ein Windstoß erfasste sie, ganz sanft nur, ein erster zaghafter Schritt. Dann, mit einem Mal, gewaltig hoch gewirbelt in die Mitte des Felsenschwarz, graziös sich um sich selbst drehend, erneut eine Pirouette, dann zu Boden, reglos. Den Applaus erwartend.
Wieder in die Höhe, schwerelos, ein Salto, ein sanfter weißer Ring in der Luft, wie schlank, wie anmutig, wie vereint mit den Elementen.
Tanz in höchster Vollendung, so engelgleich, so ästhetisch, ebenmäßig.
Und der Wind, die Luftbewegung trieb sie weiter, verlieh ihr Leben. Große Bögen jetzt, gewaltiger Sprung. Aufgebläht für einen Moment, über die schwarze Bühne hinaus katapultiert, großartig bis zurück auf den Asphalt, Stillstand, Ausruhen, Erschöpfung.
Jetzt erhob es sich erneut, das helle Plastik, tänzelte auf ihn zu, schien ihn aufzufordern, zu umwerben.
“Komm tanz mit mir!“
Und er ließ los.
Tat einen Schritt nach links, setzte den Fuß nach rechts. Die Hände in Hüfthöhe, weiter.
Das Weiß schien ihn anzuspornen, er tat es ihm nach, drehte sich, sprang, wirbelte.
Eine ungeheure Freude durchfloss ihn, vereint mit dieser Tänzerin seiner Phantasie, schleuderte er sich in den Sturm, wirbelte vor dem Schwarz der Wohnhauswand, vergaß die Zeit und alle Dimensionen. Unwichtig aller menschliche Ballast, all das schnöde Gedankengut, Gesellschaftsdenken.
Freiheit atmen, Liebe denken, sich selbst im Universum spüren, vereint mit jener kleinsten Winzigkeit, die so unendlich wie das Weltall ist.
Die weiße Plastiktüte tanzte mit ihm das Erkennen, hielt ihn an den Schultern, schwamm mit ihm, schwebte mit ihm durch den Schaum des Herbsturmes, vereint mit den Blättern der Bäume, den Dunstpartikeln der Großstadt. Eins mit sich selbst, das war er, unbeeinflusst von der gesellschaftlichen Wertigkeit des Lebens, das ihm so verkommen schien.
An jenem Abend ging der junge Mann nach Hause und schrieb ein Buch, das die Welt veränderte. Er schrieb und die Menschen verstanden.