Nordwind

von Tom Delißen (copyright)

Die Haare, die zu sehen waren, eine Strähne eigentlich nur, waren fettig, irgendwie schmierig. 
Die Sanitäter, die den Körper auch auf die Bahre gehievt hatten, waren sorgfältig bemüht gewesen, mit dem grünen Tuch den Tod zu verhüllen,. Doch diese Strähne hatten sie übersehen. Wäre sie nicht Beweis genug gewesen, dass ein Leben vorbei war? 
Sie wirkten genauso leblos wie der Leichnam, doch es regnete und ein Wassertropfen, der von dem Büschel tropfte, bewirkte, dass ihm der Gedanke durch den Kopf schoss, sie weinten, diese blonden Haare.
Seufzend hob er die Plane in die Höhe, und stolperte fluchend zurück.
Sie hatten vergessen, ihr die Augen zuzudrücken. Mit vorwurfsvollem Blick starrte ihn die Tote an.
Er trat näher und schob behutsam die Lider über die starren Pupillen.
Der Körper war bis auf ein Minimum abgemagert, die Rippenbögen stachen, wie bei einem verhungernden Kind aus Äthiopien, durch die Haut.
Die Finger wirkten lang, wie die einer Spinne, das Gesicht glich einem Totenkopf. Pergamentene Haut über weißen Knochen.
An den skelettdünnen Armen riesige Ekzeme, teilweise voll Eiter, über und über zerstochen alle Venen. 
Der Kollege hatte sich zu der Toten hinuntergebeugt, ein Papier aus der Hintertasche ihrer viel zu weiten Jeans befördert. Eine Passkopie.
Er faltete es, neben der jungen Frau kniend, auseinander.
”Aus Hamburg. Vom Wind hierher geweht. Ein Nordlicht.” sagte er.

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