Die Ratte
von Tom Delißen (copyright)
Jose schlief schlecht.
In seinen Träumen vertilgte er riesige Berge von Rinderfleisch, fetttriefend, knusprig.
Rinderfleisch! Was für ein überdimensionaler Traum! Er hätte seine Sandalen für einen Brocken Maisfladen gegeben.
Er spürte einen kurzen, stechenden Schmerz in seinem linken Zeh.
Immer noch schlaftrunken torkelte er aus seinen Hungerträumen in’s Aufwachen.
Ein katzengroßer Schatten am Fußende seiner fadenscheinigen Schlafdecke, eine Ratte. Fast meinte er, sie hätte ihn wecken wollen.
Oft schon hatte er die Angriffe von Ratten abgewehrt, die ihm das bisschen Nahrung stahlen, das er sich für den nächsten Tag aufgehoben hatte, doch noch nie hatte ihn eines dieser Plagegeister angefallen.
Entsetzt stieß er mit dem Fuß nach dem dunklen Schatten, hörte ein leises, Fiepen.
Doch er war müde, zu geschwächt, um aufzuspringen, auch die Angst vor diesen Allesfressern war nicht genug, ihn aus seiner Erschöpfungslethargie zu reißen. Er drehte sich um, die Seiten schmerzten.
Dann, er war fast schon wieder eingenickt, hörte er dieses Wispern neben seinem Ohr, roch einen feuchtmodrigen Duft.
Als er die Augen öffnete, das Atmen fiel schwer , blickte er genau in die rötlichen Pupillen einer wahrhaftig gigantischen Ratte, die auf seiner Brust saß, graubraun. Sie blickte ihn ohne zu blinzeln an, geradeheraus, ehrlich.
Er meinte immer noch zu träumen.
Der Schädel des Nagers, die Schnauze näherte sich seinem Gesicht.
Seine Barthaare kitzelten ihn an der Oberlippe.
Diese Äuglein! Er meinte hineinzufallen. Da sprach Weisheit , Erfahrung, Verständnis, doch auch Tücke, unverbrämtes Amüsement.
”Hola!”
sagte die Ratte.
”Was für ein dummes Spiel, nicht wahr?”
Jose nickte, voll stummen Entsetzens.
”Hast wohl großen Hunger?”
Wieder nickte Jose.
”Komm her, ich will Dich laben.”
Sie rutschte von seinem Brustkorb; kurz darauf spürte er dieses warme, weiche, so unendlich wohltuende Streicheln an seinen Lippen.
Unwillkürlich öffnete er den Mund und begann zu saugen.
Es strahlte wie ein Regenbogen in seinem Kopf.
Da floss süße, kräftige Nahrung. Er schmeckte jedes Partikel einzeln. Wundervoll!
Es war Milch, er spürte das Leben in der Flüssigkeit pulsen.
Leben!
Er trank von der kleinen Zitze, bis kein warmer Tropfen mehr auf seiner Zunge perlte, dann suchten seine gierigen Lippen die nächste Brustwarze.
Er war wie losgelöst von allem irdischen Dasein. Der Himmel, göttliche Verzückung. Warme Nahrung. Zum Bersten angereichert mit den wichtigsten Nährstoffen, Vitaminen, Eiweißen.
Die Ratte besuchte Jose jeden Tag zweimal, jeweils morgens und abends, ließ ihn von ihrer Muttermilch, die nie zu versiegen schien, trinken.
Joses Gesundheitszustand besserte sich, er gewann an Kraft, sein eingefallenes Gesicht würde etwas fülliger, seine verkümmerten Muskeln begannen sich zu regenieren.
Es war, als ob ihm Gott endlich eine Mutter geschenkt hätte, – mehr, – eine Familie. Denn nicht lange und die Ratte schickte auch ihre Schwestern und Tanten zu Jose, um dessen Hunger zu stillen.
Dann, nach vielleicht vier Wochen, führte die Ratte, die ihm das Leben gerettet hatte, ein langes Gespräch mit Jose.
Sie fand in dem intelligenten Jungen einen aufmerksamen Gesprächspartner der, obwohl er das Ausmaß des besprochenen noch nicht erkannte, Feuer und Flamme war. Von nun hatte das lethargische Dasein ein Ende.
Dank der Kräfte aus der Muttermilch der Ratten war er nun jeden Tag in den Straßen des Slums unterwegs, sprach mit den von Nahrungsmangel geschwächten Kindern, lud sie ein, in die Räumlichkeiten der stillgelegten Spinnerei, wo er wohnte. Angesichts der Versprechen, die Jose gab, war der Andrang groß. Jose und die Ratten hielten, was sie zugesagt hatten.
Ganze Scharen der grauen Säugerinnen sorgten nun dafür, dass die Kinder nicht hungern mussten. Keines von ihnen lehnte die erquickenden Nahrungsquellen ab, auch wenn da anfänglicher Ekel war.
Jose jedoch plagte, seit er wieder körperlich und geistig auf der Höhe war, die ganze Zeit über, ein beklemmender Gedanke:
Woher stammte letztendlich die Energie, die sie aus den Ratteneutern schöpfen durften?
Der Nager, den er befragte machte keinen Hehl aus der Angelegenheit:
“Wir suchen uns die fettesten Brocken unter den Menschen heraus. Die, denen es zu gut geht, diejenigen die schlemmen und verschwenden, egal ob eine Straße weiter Babys sterben, weil die Mutter sie nicht säugen können.
Wir haben diesen Krieg schon lange begonnen, gegen die humanoide Plage, die den Planeten gnadenlos ausbeutet und dem Untergang weiht.
Jetzt aber sind die Ratten dieser Welt sich einig, dass wir diesen Kampf nur gewinnen können, wenn wir trotzdem mit Menschen zusammenarbeiten. Den Kindern. Die sind unvoreingenommen, unsere Gesinnungsgenossen, sind Kameraden, Helfer, die dasselbe Ziel haben.
Du und Deine Freunde in diesen Favelas hier, sollen die Ersten sein.
Ihr werdet uns, mit der neu gewonnenen Kraft, die ihr aus der Milch unserer Weibchen gewinnt, helfen, an das Fleisch heranzukommen, das es verdient hat, vom Antlitz dieser Erde getilgt zu werden, um als Nahrung für die Elenden und Verhungernden zu dienen.
Nur so kann ein Gleichgewicht wieder hergestellt werden.
Ihr Jungen werdet von den menschlichen Parasiten auf dieser Erde leben, von denen wir uns ernähren, mit deren Eiweiß und Proteinen wir die Milch, die Euch zugute kommt, produzieren. Ihr werdet mit uns zusammen ein neues System auf diesem Planeten installieren, eine Symbiose von Ratte und Mensch.“
Und die Kinder gingen und taten das ihre.