Die Macht des Wortes
von Tom Delißen (copyright)
Angefangen hatte Alles an jenem Morgen in den ersten Jahren des 3. Jahrtausends. Hakim M. Dschiballah hatte, nachdem er sein reichliches Frühstück vertilgt hatte, einen Ausritt auf seiner Lieblingsstute unternommen. Diese sportliche Betätigung half ihm beim Denken. Es gab viel zu überlegen. Hakim war der charismatische Anführer einer ultrakonservativen Splittergruppe der muslimischen Kämpfer für den Dschihad, den heiligen Krieg des Islam gegen alle Ungläubigen. Er war Fanatiker in des Wortes bestem Sinne, doch er war auch ein scharfsinniger, analytischer Mensch. So war er, durch eine schicksalhafte Verkettung seiner Gedankengänge, zu der Einsicht gekommen, es sei durchaus richtig, dass in jeder, auch noch so großen Lüge ein Stück Wahrheit liegt. Unter dieser Prämisse hatte er einen Aspekt der Bibel betrachtet, der ihm besonders am Herzen lag. Das Konzept der Gewaltlosigkeit. Wie, so fragte er sich, ließ sich dieser Glaubensgrundsatz in Aktion für die Idee der alleinigen Daseinsberechtigung des Islam ummünzen? Auf dem Rückweg, er konnte schon sein Weißgetünchtes Anwesen in der Ferne leuchten sehen, kam ihm die Erleuchtung. Vor Erstaunen über die Idee, zügelte er harsch sein Pferd, das erschreckt aufwieherte. Harun legte den Kopf in den Nacken und brach in ein dämonisches, hähmisches Lachen aus. Die Probleme, die bei dem Kampf gegen die Ungläubigen an allen Enden der Welt immer massiver auftauchten, waren grundsätzlicher Art. Die Behörden, Staatsinstitutionen hatten enorm dazu gelernt. Es wurde immer schwerer, Sprengstoff zu deponieren, Anschläge überhaupt vorzubereiten. Dabei war eigentlich alles so einfach! Er würde die Menschen gegen sich selbst als Waffe benützen! Hier war der Weg, die Ungläubigen zu vernichten. Sie mit ihrer Angst, ganz subtil von Innen heraus, zu zerstören. Die Vorbereitung für eine erste Probe war lachhaft einfach. Er zog sein Handy aus dem Gürtel und wählte eine Nummer in Bagdad an. Am 31.08.2005 kam es zu der ersten von vielen panischen Reaktionen in einer riesigen Menschenmasse. Sie kostete mehr als tausend Menschen das Leben. Hakim M. Dschiballah, in seinem palastähnlichen Bungalow, rieb sich befriedigt die Hände. Wesentlich effektiver als jede Bombe. Das Wichtigste bei der Angelegenheit war, dass man gut vorgebaut hatte. Jeden Tag waren überall auf der Welt die Sprengsätze explodiert, transportiert von jungen, naiven Tölpeln, die sich Eingang in ein Paradies versprachen. Die Gesellschaft war in äußerstem Maße sensibilisiert. Ein idealer Nährboden für jede Hysterie. Es war so simpel! Man benötigte keine Bomben! Es genügte, die naive Masse, die Herde der Menschen, glauben zu machen, da sei eine von ihnen. Sie waren wie die Rinder. Wie eine tumbe Kuhherde. Man musste sie nur zusammengetrieben, möglichst ohne große Fluchtmöglichkeit, erwischen. Die Brücke in Bagdad war kein schlechter Einfall für den Anfang gewesen. Mit grimmig verzogenem Gesicht dachte Hakim an Footballstadien, Konzertsäle, Massenveranstaltungen jeder Art. Das neue Terrorkonzept Hakims funktionierte. Bald war auf jeder größeren Ansammlung von Menschen einer oder auch ganze Gruppen seiner Leute vertreten, die, auf verschiedene Art und Weise, das gemeine Volk in eine Panikreaktion stürzten. Man konnte es offensichtlich bewerkstelligen, schreien, rufend warnen, oder aber, wesentlich subtiler, gezielt getuschelte “Neuigkeiten” verstreuen, die ganz schnell eine ungeheure Eigendynamik bekamen. In etwas weniger als einem halben Jahr, kamen auf diese Weise Zehntausende von Menschen um. Zertrampelt, erstickt, zerquetscht. Die Regierungen erließen Versammlungsverbote. Für kurze Zeit war es ruhig. Doch der Mensch schien tatsächlich abhängig von Zusammensein mit vielen anderen, und so gab es immer wieder Gelegenheiten, Hakims Theorie blutig in die Tat umzusetzen. Hätte man nun vielleicht gemeint, eine Gewöhnung an solche panikverbreitenden Bombenwarnungen würde eintreten, die Menschen vernünftig auf diese Bedrohung reagieren, sah man sich getäuscht. Hakim war auch so schlau, einige der Bombendrohungen in die Tat umzusetzen, so dass nie wirklich sicher war, ob eine Flucht nun sinnvoll und lebensrettend war, oder ob man wieder einer Falschmeldung aufgesessen war. Das Ergebnis, das der Muslim erwartet hatte, trat auch ein. Die Gesellschaft wurde übersensibel. Nahm jemand, zum Beispiel während eines Fußballspieles, das Wort “Bombe” oder das Idiom “Attentat” in den Mund, so konnte es gut sein, dass die Menge ihn auf der Stelle lynchte. Die amerikanische Regierung war die Erste, die, auf diese neue Bedrohung hin, ein Exempel statuierte. Sie stellte die Wörter “Sprengstoff, Attentat. Bombe, Terrorist” und “sterben” auf eine Liste von verbotenen Wörtern. Nachdem sich die Beschränkung des Ausspracheverbotes auf diese Wörter als nicht ausreichend erwies, wurde die Liste erweitert. Es kamen dazu “Heiliger Krieg, Dschihad, Islam, Koran, Allah.” In den folgenden Monaten wurde diese Aufzählung immer länger. Als Hakim M. Dschiballah starb, bei einem Reitunfall übrigens, hatten sich all die Geschehnisse schon längst selbstständig gemacht. Die Gefahr, die Jahrzehntelang durch Fundamentalisten des islamischen Glaubens bestanden hatte, verschwand, Lösungen wurden gefunden. Die Liste der verbotenen Worte aber wurde immer länger. Waren es anfangs nur Ausdrücke, Wörter gewesen, die benützt wurden, um Panik auszulösen, wurden mit der Zeit alle möglichen Begriffe aufgenommen, die irgendeine unangenehme Bedeutung für die Regierungen hatten. “Zins, Wucher, Umweltverschmutzung, Klimawandel, Atombombe, Krieg.” Es ging weiter. ”Selbstbestimmung, Demokratie, Freiheit, Recht, Demonstration, Polizei, Gefängnis.” Jeden Tag kamen mehr dazu, eine eigens abgestellte Kommission arbeitete dafür, man kam zu globalen Lösungen. Hatten die Bürger anfangs noch mit einem mitleidigen Lächeln reagiert, stellte sich bald heraus, dass ein Großteil der Bevölkerung aus purer Faulheit eine solche Beschneidung des Wortschatzes sogar begrüßte. Ermuntert dadurch, setzte die Kommission eine ganze Reihe von Fremdwörtern auf die Liste, die Reaktion darauf war so gut wie unmerklich. Nach einem Zeitraum von etwa 50 Jahren, man hatte wirklich hart gearbeitet, kam der für viele Mitarbeiter der Zensur wirklich große Augenblick. Die Aufzählung der verbotenen Worte wurde ersetzt durch eine Liste der erlaubten. Ein ganz neuer Typus von Mensch war entstanden, die Hörer. Die Hörer hatten nichts anderes zu tun, als den ganzen Tag Menschen zu belauschen, zuzuhören. Für jeden gemeldeten Verstoß gegen das Sprachgesetz wurden saftige Provisionen ausgezahlt, ein Umstand, der dem Dekret zu einer ungeheuren Durchschlagskraft verhalf. Niemand hatte mehr den Mut, den Antrieb, längere Reden zu halten. Im Laufe der Zeit, nach anfangs sehr heftigen Protesten, schliff sich das gesamte Verhalten der Menschheit ab. Anweisungen zur Arbeit waren die einzigen längeren Sätze, die ein Durchschnittsbürger in seinem Leben je zu hören bekam. Antworten darauf kannte er keine. Die Kommunikationsfähigkeit der Gesellschaft war zusammengebrochen. Eine schier unerträgliche Lethargie hatte sich breit gemacht. Das Leben bestand aus essen und arbeiten. Im Fernsehen, der einzigen Abwechslung der arbeitenden Bevölkerung am Feierabend, liefen Serien, die sich mit Tönen wie “Hä?; Oh!; Au!; Mhm;” und der Laute ein paar mehr, begnügten. Das Bildungsniveau der Bevölkerung wurde immer kleiner, immer geringer auch die Ansprüche. Eine Entwicklung, welche die Regierungen mit Unwillen und Bestürzung beobachteten. Die Wirtschaft stagnierte, der Konsum sank. Innerhalb von weiteren 100 Jahren war die menschliche Gesellschaft in eine Verhaltensweise zurückgefallen, vergleichbar mit dem Leben im Mittelalter, schweigend jedoch, stumm, ohne Worte. Kein Einlenken der Mächtigen half mehr. Die Entwicklung zurück hatte sich selbständig gemacht. Eine Re – Evolution. Die Erde jedenfalls erholte sich, als der Mensch immer weniger wichtig wurde. Die Emissionen waren nochmals 100 Jahr später gänzlich verschwunden, kein Urwald wurde mehr abgeholzt, Flugzeuge gab es schon seit ewigen Zeiten nicht mehr. Die Luft zum atmen war wieder frisch und klar. Und der Mensch degenerierte weiter, unaufhaltsam. Die Population der Ratten aber wuchs, obwohl man das Gegenteil hätte annehmen sollen, da die Menschen ja wesentlich weniger Abfall produzierten. Keiner kann es heute mit Gewissheit sagen, wann die Ratten zu der Einsicht gekommen waren, es sei notwendig, auch den kläglichen Rest der verbliebenen Menschen zu tilgen. Als jedenfalls zur Mitte des dritten Jahrtausends ein Raumschiff mit Außerirdischen landete, waren diese sehr verblüfft, ein grünes Paradies vorzufinden. Die humanoiden Wesen, die sie erwartet hatten, fanden sie nur als Skelette in Massengräbern. Sie gingen Verträge mit den Ratten, den Herrschern über den Planeten, ein, und so leben wir bis heute in einem glücklichen universalen Frieden. Und wenn der Mensch nicht irgendwie zurückkommt, wird das auch so bleiben.
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