Die Hand Gottes
von Tom Delißen (copyright)
Aufgeregt, in dem für mich vollkommen unverständlichen regionalen Dialekt, redete der hagere Mann, dessen Gesicht nur der gewaltige Turban etwas Fülle verlieh, auf mich ein. Er zeigte hinunter in den Felsgrund neben der schmalen, gewundenen Straße, die sich unser alterschwacher, überfüllter Reisebus hinauf quälte. Mein Blick folgte seiner ausgestreckten Hand und ich konnte den Grund seiner Erregung verstehen. Da lag das auseinandergebrochene, rußschwarz gefärbte Wrack eines anderen Busses, dessen Fahrer die Serpentinen dieser Straße hier im Himalyavorgebirge nicht gemeistert hatte. Es rauchte noch. Der dünne Mann neben mir strahlte ein zahnloses Grinsen, wies zum Himmel. Er wollte mir wohl bedeuten, dass auch mein Schicksal in den Händen der Götter liege. Ich nickte zustimmend, lächelte, etwas gequält, zurück. Als der Fahrer den Bus auf der anderen Seite des Berges die Haarnadelkurven mit halsbrecherischer Geschwindigkeit, ohne auf die Möglichkeit von Gegenverkehr zu achten, hinunter raste, gab ich meinem Sitznachbarn verzweifelt Recht. Wir erreichten jedoch nach einer 12 stündigen Nerventortur Jammu, verbrachten die Nacht in einem vor Schmutz starrenden Zimmer, das wir mit so vielen Ratten teilten, wie ich sie noch nie vorher in meinem Leben hatte auftreten sehen. Morgens der Bus nach Srinagar, der Hauptstadt Kaschmirs und unser Ziel. Wunderbares Kaschmirtal! Damals, vor gut 20 Jahren, noch in seiner Blüte, das Bayern des Himalayavorgebirges. Der Dal Lake eine große Oase auf dem Wasser, mit tausenden von Wohnungen und Geschäften auf hölzernen Schiffen. Ich war mit zwei Schweizern unterwegs, die ihre Reise bis in das I-Tüpfelchen vorbereitet hatten, landete so auf einem sehr luxuriösen Hausboot, sie hatten die untere Etage komplett gemietet. Damals atmete der See noch trügerischen Frieden, waren Hunderte von Händlerdschunken unterwegs, die von Gemüse und Opium über Blechkessel und gackernden Hühner alles feilboten, das irgendeinen Gewinn versprach. Wir lebten wie die Fürsten, umsorgt von unserem Tea-Boy und der Mutter des Schiffsinhabers, die mit Linsen, Kartoffeln, Eiern und Fleisch für das leibliche Wohl sorgte. In den Räumlichkeiten über uns wohnte ein älterer Engländer, ständig mit einer ledernen Umhängtasche unterwegs, in der sein Gin steckte. Wir bezogen unser geistiges Wohl nicht aus Alkoholika. Kaschmir ist berühmt für andere edle Stoffe, denen wir durchaus ab und an zusprachen. An diesem denkwürdigen Morgen liehen wir uns das erste Mal das Bötchen unseres Gastgebers, ruderten über den See zu einem in der Mitte fest verankertem Restaurantdampfer, auf dessen Sonnendeck wir den Vormittag verbrachten. Wir fanden Vergnügen daran, vom Rand aus, in das kalte blaugrüne Wasser, etwa drei Meter unterhalb zu hechten. Gegen Mittag schlief ich ein, erwachte eine ganze Zeit später vollkommen durchgeschwitzt, die Sonne brannte. Ich beschloss, noch halb im Schlaf, mich abzukühlen. Ohne weiter nachzudenken lief ich zu der nur 20 Zentimeter hohen Holzreeling und setzte energisch zu einem Hechtsprung an, stieß mich ab. Zu meinem übergroßen Entsetzen sah ich, schon in der Luft, dass in der Zwischenzeit am Bordrand des Dampfers ein schwimmender Markt fest gemacht hatte. Eine Unzahl von Booten lag da, die Wasseroberfläche war versperrt. Ich sprang genau auf das Oberdeck eines großen Kahns zu. Ich wusste, ich würde mir das Genick brechen. Und in diesem Bruchteil der Zeit spürte ich sie, die Hand des Schöpfers. Sie kam aus der Unendlichkeit, aus einem Spiegel der Dimensionen, unendlich sanft und zart. Ihre watteweiche Berührung ging durch Mark und Bein, es war ein ungeheurliches Erlebnis, intensiver als die plötzliche Wirkung einer Droge, es erfüllte mich zur Gänze. Ich fühlte mich aufgelöst in eine Unendlichkeit von Atomen, nicht existent und doch so klar präsent wie niemals in meinem Leben zuvor. Mir war, als ob mich das Universum anhauchte. Dieser überirdische Impuls schob mich etwa zwei Meter nach rechts, so dass ich mit dem Kopf vorran zwischen den Bug zweier der festgezurrten Boote tauchte. Das ohrenbetäubende Theater, als man mir aus dem Wasser geholfen hatte, war unglaublich. Viele hatten meinem Sprung zugesehen, das Wunder beobachtet. Ich wurde beschimpft, umarmt, scheu berührt, einige fielen sogar auf die Knie. Auf der Rückfahrt nach Delhi traf mich eine Kugel pakistanischer Widerstandskämpfer in die Schläfe.
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