Der Herr Bullerdick

von Tom Delißen (copyright)

Florenz’ Bullerdicks Kindheit gestaltete sich durchaus normal und angenehm.
Sein Vater, ein leitender Beamter in der Stadtverwaltung Hannovers, sorgte für ein harmonisches Familienleben.
Seine Mutter, eine Schriftstellerin, fand man stets über ihre Hefte gebeugt, sie ließ ihm jede Freiheit.
Nicht, dass der junge Florenz das ausgenützt hätte, er war ein ruhiges, introvertiertes Kind, nichts Besonderes, war man geneigt zu bemerken.
Diese Betrachtungsweise sollte sich an jenem Sonntagmorgen des Jahres 2006 grundlegend ändern.
Vater Bullerdick packte schon am Freitag seine Frau und die beiden Kinder, Florenz und die zwei Jahre ältere Schwester Susanne, in seinen Mercedes, um eine Kusine zu besuchen. Sie hatte in ein kleines landwirtschaftliches Anwesen eingeheiratet, das etliche Kilometer hinter Celle lag. 
Florenz betrachtete die vorbeisausende, weite Landschaft und geriet dabei in den Zustand einer sanften Trance, vermeinte die Struktur der Landschaft zu erkennen, ihren Zusammenhang mit der Flora und Fauna. Die Veränderung und Zerstörung durch den Menschen erfasste er mit Schaudern.
Worte für dieses Empfinden hatte der Fünfjährige nicht, so genoss er es einsam für sich selbst, während seine Schwester neben ihm entrückt dem Gedudel von „Tokio Hotel“ lauschte, hin und wieder einen Seufzer ausstieß.
Der ganze Stolz der drallen Kusine Bullerdicks senior war ein Rosenbeet vor der geräumigen Terrasse, auf der sie in der Morgensonne frühstückten.
Niemand konnte später sagen, wie es passieren konnte, doch der junge, ungestüme Stier Josef war aus seinem Gatter entkommen.
Mit wehendem Schwanz, blutunterlaufenen Augen lief er quer durch den Vorgarten, verwirrt und aggressiv auf die am Tisch versammelte, vor Schreck erstarrte Gesellschaft zu. 
Mit rollenden Augäpfeln hielt er vor dem Rosenbeet inne, blickte von Menschen zu den Blumen und begann, das sorgfältig gehegte Arrangement mit seinen Hörnern zu zerstören. Die Dornen der Pflanzen bereiteten ihm selbstverständlich Schmerzen, was ihn in noch größere Wut geraten ließ.
Dem Bauern schließlich gelang es, das Tier zu beruhigen, in den Pferch zurückzuführen.
Die exquisieten Rosenzüchtungen jedoch lagen geknickt, zerrupft, zerstört in die Erde getrampelt. Die dralle Kusine war untröstlich. Sie schluchzte, weinte, konnte das Unglück nicht fassen. Der kleine Florenz Bullerdick erkannte ganz selbstverständlich das Ausmaß der Tragödie für die Tante.
Während die anderen versuchten sie zu beruhigen, in der Aufregung umgeschütteten Kaffee aufwischten, erhob er sich, setzte sich mit seiner Teetasse vor die geschändeten Züchtungen. 
Vollkommen abwesend, den Blick auf etwas gerichtet, das nur er sehen konnte, das wohl irgendwo in der Unendlichkeit schwebte, nahm er den Stiel einer der Blumen, richtete das fast abgerissene, geknickte Holz gerade.
Er tauchte den Zeigefinger in den Tee, benetzte die Bruchstelle und den zerfetzten Blütenstand.
Die Pflanze stand wieder aufrecht, innerhalb einiger Sekunden spross eine Blüte, die sich duftend öffnete.
Unbemerkt von den anderen nahm er sich die nächsten Pflänzlein vor, bestrich hier einen Ast mit der Flüssigkeit aus seiner Frühstückstasse, fügte dort abgerissene Rosenköpfe an, streute Blütenblätter, die von selbst ihren Platz fanden, über das Chaos, setzte einen Stock wieder in die zerwühlte Erde.
Und der Wind flüsterte ihm die Geheimnisse des Weltalls zu, er hörte und verstand.
Nach einer knappen Viertelstunde, die Gesellschaft am Tisch war mittlerweile auf das Tun des Buben aufmerksam geworden, in andächtigem Staunen verstummt, erblühte das Beet in einem Prunk wie nie zuvor.
Florenz erwachte aus seiner Abwesenheit und betrachtete blinzelnd sein Werk.
Wunderschön. Er fühlte eine tiefe Liebe zu diesen Lebewesen.
Die Familie, insbesondere seine Mutter, versuchte, das offenbare Mirakel zu ignorieren.
Man verbuchte es unter „unerklärlich, nie geschehen!“, ging, nachdem man die Blumenpracht noch außerordentlich gelobt und dem kleinen Florenz anerkennend auf die Schulter geklopft hatte, wieder zum Alltäglichen über. Der Junge empfand das, wozu er sich in der Lage gesehen hatte, jedenfalls als phantastisch und wunderbar. Gleichzeitig fühlte er, dass seine Begabung, (es war eine Begabung, – er erkannte es auch mit seinem Kleinejungenverstand) etwas vollkommen Natürliches darstellte, das Natürliche schlechthin. Nur darum konnte er es vollbringen.
Dass die anderen Menschen das ihm Offenbare nicht sehen konnten, viel mehr nicht glauben wollten, war ihm nur recht. Die Liebe zur Natur, die er erkannt hatte, bedeutete für herkömmliche Menschen nichts, sie wirkten eher störend in dieser Sphäre.
 Er vermied es, über das Geschehene zu sprechen. So waren beide Seiten zufrieden.
Natürlich veränderte er mit seinem neu gewonnenen Verständnis auch seine Umgebung.
Sein Kinderzimmer verwandelte sich in ein Treibhaus, die Fünfzimmerwohnung quoll über vor Grün, der paradiesische Vorgarten – ein Objekt des Neides.
So vergingen die Jahre, Florenz Bullerdick wurde als der „Junge mit dem grünen Daumen“ über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. 
Mit der Pubertät degenerierten, ganz wie seine Mutter es vorhergesehen und wohl auch heimlich herbeigewünscht hatte, seine Fähigkeiten.
Die meisten der exotischen Pflanzen gingen in diesen eineinhalb Jahren ein.
Doch mit den ersten Barthaaren kehrte auch die Stärke seines grünen Daumens wieder..
Florenz versagte in der Schule auf ganzer Linie, an einen Übertritt in eine höhere Institution war nicht zu denken. So kam es, dass sein Herzenswunsch, sein einziges Bestreben bald erfüllt wurde. 
Er fand eine Lehrstelle als Gärtner in einem kleinen Unternehmen in der Vorstadt.
Mit ungeheurem Wissensdurst sog er das Surrogat all der Kenntnisse seines Chefs, eines erfahrenen, über sechzig Jahre alten Botanikers in sich auf.
Sein grüner Daumen erwies sich für den Mann als Quelle prosperierenden Reichtums. Für den ahnungslosen Florenz war es lediglich Arbeit, die ihm großen Spaß bereitete.
Begrüßte er morgens in den Treibhäusern die Pflanzen, so ging ein Rascheln, Murmeln, fast Gekicher durch die Reihen. Spazierte er an ihnen entlang, versuchten vorwitzige Gewächse ihn sanft zu berühren.
Mit Frauen hatte er, bis auf Susanne, seine Schwester, nichts zu tun. Er liebte seine Alkana, Pelagornium, Alchemilla und Abeliophyllum. 
Drei Monate, nachdem er seinen Gesellenbrief in der Hand hielt, verstarb der Chef, der es wohl mit seinem unerwarteten Reichtum etwas übertrieben hatte.
Er vererbte Florenz einen guten Batzen Geld. Mit diesem kleinen Vermögen erstand Florenz ein kleines Bauernhaus im Grünen, weit weg von jeder größeren Ansiedlung.
Es war die Erfüllung seines bisherigen Lebenstraumes. Die Schwester, immer schon vernarrt in ihren jüngeren Bruder, führte ihm den Haushalt.
Hier, in der Einsamkeit der Wälder, Hügel, Felder erkannte Florenz langsam das wahre, gigantische Ausmaß seiner Fähigkeiten. Die Samen der seltensten Pflanzen, vollkommen ungeeignet in diesen kalten Breiten, fingen an zu keimen, sobald er sie berührte.
Die Farben seiner Rosen, Orchideen und Tulpenzüchtungen schier unbegreiflich schön, einzigartig. Wie durch ein Wunder gediehen alle Gewächse unter seinen Augen, selbst auf kargstem Boden.
Materiell kannte das Geschwisterpaar keine Not, seit Susanne einen Amsterdamer Blumenzüchter auf den kleinen Hof eingeladen hatte. Der handelte Florenz als Geheimtipp. Der Verkauf einer einzigen neuen Schöpfung, für Florenz nicht mehr als ein Zucken mit den Augenbrauen, brachte genügend Geld für ein halbes Jahr.
So blieb ihm Muße, sich seiner Bildungsarmut bewusst zu werden.
Er suchte sie zu beheben und fand Gefallen an botanischen Handbüchern, stieg dann um auf Dokumentationen und wissenschaftliche Berichte, schließlich las er philosophische Betrachtungen.
Spinoza, Heidegger, Nietzsche, Kant, Kafka, – er verschlang sie, weil er verstehen wollte.
Doch es gelang ihm nicht. Sein Begreifen war zu archaisch, oder aber es war der Lesestoff, der seinem allumfassenden Verstehen nicht gerecht wurde.
Bullerdick senior starb, die Mutter zog zu ihren Kindern auf den Bauernhof, doch kein Vierteljahr verstrich und sie folgte ihrem Mann in das andere Blau.
Florenz mied nach wie vor die Außenwelt.
Dann trat ein erstaunlicher, neuer Schub in seinem Leben auf.
Er war an diesem Abend mit der Lektüre einer Gutenbergbibel beschäftigt, die er auf dem Dachboden des alten Hauses entdeckt hatte.
Als er die Johannesoffenbarung aufblätterte, entfiel dem uralten Buch eine getrocknete Benedikendistel mit Stängel. Sie schien wie in Zeitlupe zu schweben, landete dann auf dem Kaschmirteppich neben dem Rattansessel, in dem Florenz zur Winterszeit am offenen Kamin seine Lesestunden verbrachte.
Vorsichtig hob er sie auf, betrachtete das tote, ausgedörrte Pflänzlein eingehend, hielt es zwischen Daumen und Zeigefinger, während er mühsam den beklemmenden Text in altdeutscher Schrift las. 
Warum hatten die Menschen so viel Angst?
Während er sinnierend auf das Blümlein zwischen seinen knochigen Fingern blickte, war ihm, als ob es seine Farbe geändert hätte. Täuschte er sich, oder färbten sich die inneren fahlbeigen Blütenblätter jetzt langsam zu einem kräftigen Gelb? Begannen die äußeren Blätter nun ihre Kolorierung in rot-weiße Streifen zu ändern? 
Er schlug die Bibel zu, legte die getrocknete Distel auf den Buchdeckel, rieb sich die Augen. Es blieb dabei. Die getrocknete Pflanze begann sich zu erholen, die Pigmente ihrer Blüten erhielten irgendwoher Nahrung, sie regenerierten sich, ebenso der Stiel, der blassgrün schimmerte. Auch hatte die Distel an Volumen gewonnen. 
Erregt sprang Florenz Bullerdick auf, stieß dabei den Sessel um. Er flüchtete in das Erdgeschoß, ohne sich noch einmal umzudrehen, stürzte in die Küche, wo Susanne an der Arbeitsplatte stand, damit beschäftigt, seinen Lieblingskuchen zu backen.
Schwer setzte er sich an den massiven Holztisch, verbarg das Gesicht in den Händen.
Susanne drehte sich um, lächelte, doch Florenz sah nicht auf.
„Was ist los?“
Er schüttelte nur den Kopf.
Einem plötzlichen Einfall folgend hob er mit dem Taschenmesser einen Halm aus dem Strohdeckchen auf dem Tisch, nahm ihn behutsam zwischen zitternde Finger.
Er versenkte seinen Blick in das Röhrchen aus getrocknetem Gras. Ohne sein Zutun formulierte sein Verstand die Aufforderung: „Lebe jetzt!“
Er flüsterte es.
Und das Unmögliche, dessen Möglichkeit Florenz Bullerdick so große Angst bereitete, geschah. Der Halm begann, von der Mitte her, ein sanftes Grün zu zeigen.

Das Rad der Welt außerhalb des blühenden, vor Pflanzenpracht überquellenden Refugiums, das sich Florenz Bullerdick, weit entfernt von den Belangen des Systems geschaffen hatte, blieb nicht stehen.
Die Menschen brachten einander mit immer subtileren Methoden um, ein Religionskrieg, der sich in Wirklichkeit um die Energiereserven drehte, war von schwelender Glut zur hellen Flamme geworden, Naturkatastrophen erschütterten den Planeten. Jeder Dritte nagte am Hungertuch, entsetzliche Krankheiten wallten über die Kontinente.
An einem warmen Frühlingsmorgen, sie frühstückten im Urwaldhaften Wintergarten, informierte Susanne, die ein Fernsehgerät in ihrem Bereich des Hofes besaß, Florenz mit gequälter Stimme: „Florenz, auch wenn Du mit all diesen schrecklichen Dingen nichts zu tun haben willst. Es ist so, dass wir am Beginn eines entsetzlichen Krieges stehen, der unser aller Ende bedeuten wird.“
In den nächsten Stunden erzählte sie ihm von den Dingen, die sie bewegten, vor denen er immer geflissentlich die Augen geschlossen hatte. 
Genmanipulation, Globalisierung, Energiekriege, Naturkatastrophen, Epidemien, Folter, Kinderarbeit, Hungersnöte, atomare Unfälle, Bomben.
Auswüchse, die ihm wie Metastasen auf der Haut eines Krebskranken erschienen.
 Das an jenem Morgen geführte Gespräch hatte ungeahnte Folgen. Er wollte mehr über die Machenschaften der Menschen erfahren.
Florenz ließ einen Internetanschluss installieren, kaufte sich einen Fernseher.
Keine drei Monate später war seine Entscheidung gefallen.
Florenz Bullerdick beschloss zu reisen.
Wo beginnen?
Am 22. Juli 2050 stieg er aus einem Bus, der mit ihm noch Zwanzig andere Demonstranten vor das weitläufige Gelände des weißen Hauses in Washington gebracht hatte.
Hier war, ohne dass die amerikanische Regierung einzugreifen wagte, ein Zeltlager mit Zehntausenden von Friedensrechtlern entstanden, die gegen die atomare Aggressionspolitik der Weltmächte protestierten.
Herr Bullerdick wusste mit Sicherheit um die Sinnlosigkeit ihres Unterfangens. 
Er hatte sich abseits der Menschenmenge, so nahe wie möglich am Zaun, der den Sitz des amerikanischen Präsidenten umgab, im Schneidersitz niedergelassen. Aus seiner kleinen Umhängetasche zog er einen Leinensack, gefüllt mit Samen des Rizinus communi, eine extrem schnellwüchsige, rote Blüten treibende Pflanze, auch bekannt als Palma Christi. Mit sich selbst murmelnd, die Augen geschlossen, ließ er die braunen Kapseln durch seine Hände rieseln, berührte eine jede.
Ein heiliger Zorn begann in ihm aufzuquellen, er fühlte, wie sich all sein Denken, sein Sein auf diese Wut fokussierte, eine positive Energie schuf, sich auf die Keimlinge übertrug. Einen nach dem anderen warf er durch den Zaun, bis etwa eine Handvoll gesät war.
Er breitete seine Arme aus, legte seine Stirn und die Handflächen auf den Boden, flüsterte: „Lebe jetzt!“
Noch während er aufstand, sich umdrehte, konnte er aus den Augenwinkeln sehen, wie der spanische Rizinus in die Höhe schoss. 
Als er in den Bus stieg, der ihn zum Flughafen, zu seinem Flieger nach Peking bringen sollte, war von dem Parkgelände um das weiße Haus nichts mehr zu sehen.
Eine Wunderpracht aus rotleuchtenden, sternförmigen Blüten stattdessen, üppiges Grün in allen Schattierungen.
Der Herr Bullerdick reiste nach China, Afrika, Asien, Russland, Australien, Südamerika und Kanada. Er hinterließ Zerstörung und neues Leben. Stellte das Übergewicht der Natur wieder her.
Regierungsgebäude, Kasernen, Raketenbasen, Atomkraftwerke verwandelten sich in Urwald. Industrieanlagen wurden zu Schlingengewächs, in den Häfen verschlang die Wasserpest die Containerschiffe. In den Wüsten der Erde verbreiteten sich tief wurzelnde Gewächse, das Klima schlug um. 
Die Erde ein Urwaldparadies.

Florenz legte sich nach seiner langen Fahrt, die ihn an die Grenze seiner Kräfte gebracht hatte, nieder, um zu schlafen.
Er starb mit einem Lächeln auf den Lippen.
Als er dem Schöpfer gegenübertrat, sagte der, freundlich nickend:
„Ah! Der Herr Bullerdick!“

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