Das Geheimnis von Neil Kant

Das Geheimnis von Neil Kant
von Tom Delißen (copyright)

Ich war so ziemlich am Ende, als ich, aus Haridwar kommend, in Rishikesh aus dem Bus stieg. Fertig in vielerlei Beziehung. Ich befand mich in einem ständigen Erschöpfungszustand, hatte so gut wie keine Barreserven mehr, vor allem aber sehnte ich mich nach Ruhe.
Man sollte meinen, in Indien fände man die Ruhe an jeden Laternenpfahl gelehnt, doch die vergangenen drei Monate hatten mich eines Besseren belehrt.
In der Gegend von Kaschmir hatte ich mit einem Sikh-Kaufmann zusammen auf sehr subtile Weise durch paar Schweizer eine Menge Geld beim Teppichverkauf verdient, hatte eine aufregende Zeit in der Wüste bei Pushkar erlebt, mit dem Ergebnis, dass ich meine Hasenpaniere zusammen nahm und nach Delhi flüchtete.
Eine aufreibende Stadt!
Hier im Himalajavorgebirge wollte ich nun die lang vermisste Friedlichkeit einatmen, nicht in einem der vielen Ashrams am Ufer des Ganges, der hier in die Ebene überging, seinen langen Weg quer durch Indien anzutreten. Nein, der Urwald lockte mich, die wüste Berglandschaft.
In einer kleinen Touristenkneipe im Paharagansch, so heißt ein bekanntes Geschäftsviertel in der quirligen Metropole Delhi, hatte mir ein heroinabhängiger Engländer in den schönsten Farben von einem kleinen Dörfchen hier in den Bergen erzählt. Neil Kant. Ein Shangrilah der Ruhe und Erholung. Allerdings nur durch einen langen Marsch über die Vorgebirge zu erreichen.
Richard, so nannte sich der vielleicht Vierzigjährige, zum Skelett abgemagerte Typ, der mit mir aus Pushkar in die Hauptstadt gereist war, um seine Brüder zu treffen, die ihn heimholen wollten. Wir trafen die zwei in einem Etablissement, dass sich „Old Delhi Muslim Hotel“ nannte, in einer der vielen verwinkelten Gassen von Alt-Delhi. 
Sie sahen, im Gegensatz zu uns Beiden, die wir neben langen verfilzten Haaren und buschigen Vollbärten nur Ledersandalen, leichte Baumwollhosen und Hemden trugen, wirklich zivil aus. Doch, wie so oft täuschte das Äußere, sie waren durchaus nicht uneigennützig auf diesen Kontinent gereist, mochte ihr hehres Ansinnen, den Bruder zu retten, auch seine Richtigkeit haben.
Am Abend, auf dem Flachdach des Hotelgebäudes, ein wunderbarer Ausblick über das Häusermeer der Altstadt, wohnte ich der Abschiedsparty bei. Am nächsten Tag würden sie Indien schon wieder in Richtung London verlassen. 
Als ich die Terrasse betrat, bot sich mir ein seltsamer Anblick. Die Drei saßen im Schneidersitz am Boden, vor sich ein jeder eine Schale mit einer undefinierbaren weißen Masse, daneben ein weißes Leinensäckchen, gefüllt mit brechbohnengroßen schwarzen Knöllchen. Mit offensichtlichem Appetit tauchten sie die schwarzen Teile in die weiße Masse, schluckten sie herunter, lachten, scherzten. Kurz darauf wurde mir die Lösung des Rätsels klar. In den Töpfen befand sich eine Art Joghurt, die schwarzen Knollen waren luftdicht in Präservative gepacktes Haschisch und Heroin. Sie würden es in ihren Gedärmen auf die britische Inseln transportieren. Ich habe keine Ahnung, ob es ihnen gelungen ist. Als ich am nächsten Morgen erwachte, waren sie schon verschwunden.
Ich beschloss, das von Richard beschriebene, geheimnisvolle Fleckchen im Himalaja zu finden und war nun hier am Fuß des Gebirges angelangt, an dem Ort, wo der Ganges, der heilige Fluss, die schützenden Palisaden des Gebirgswaldes und der Felsen hinter sich lässt, sich in die Ebene gießt, um sich in einem breiten fruchtbaren Strom gen Osten nach Uttar Pradesh zu wälzen.
Bedeutung und Zweck meiner Flucht nach Asien damals in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends, war die Suche nach Gelassenheit und Sinn in meinem Leben. Einer von Millionen war ich, doch mir selbst deuchte, wie Millionen Mitdenkern ebenfalls, ich sei berufen, erleuchtet, vollkommen anders und durchaus einzigartig.
Diese Meinung vertrete ich heute noch, wissend und lächelnd.
Ich hatte all meine Habseligkeiten, viele waren es nicht, lediglich eine kleine Tasche, auf der ich meinen Filzschlafsack geschnallt hatte, ein Relikt aus den braun angehauchten Pfadfinderzeiten meines Vaters, in dem Hotel in Delhi gelassen. So stand ich nun, ohne unnötigen Ballast, am Rande des Himalajas. Ein Hohlweg führte den Berg hinauf in den Urwald, der sich schon von hier, am Rande aus, lärmend präsentierte. 
Affengekreisch, unzählige Vogelstimmen. 
Ich fand einen schattigen Platz unter einem der uralten Bäume am Rande des Weges. Hier saß ich etliche Stunden, ließ die Zeit an mir vorbeifließen.
Als ich Hunger und Durst verspürte, geschah es, dass drei Wanderer, ein etwa 30-jähriger Mann mit halbwüchsigem Sohn und Ehefrau oder Tochter, den Weg aus dem Wald entlangkamen, mich dort sitzen bemerkten und mir, sich verbeugend, einer Opfergabe gleich, etliche herrlich anzusehende Äpfel vor die Knie legten.
Mit gefalteten Händen vor der Brust und einem Senken des Kopfes sprach ich meinen Dank aus. Ein Lächeln war die einzige Kommunikation. 
Ich hatte mich in der Stadt erkundigt, wie man zu jenem Dorf gelange. Die Antwort war deutlich gewesen. Es war dieser Weg, doch man hatte mir dringend davon abgeraten, alleine zu gehen. Der Abend senkte sich über das Land. Kein potentieller Weggefährte, keine Gruppe von Wanderern hatte sich gezeigt. So machte ich mich auf. Etliche Kilometer zurück wusste ich etliche kleine Höhlen in die Uferböschung gegraben, Pilgerunterkünfte. Eine davon sollte mir als Nachtlager dienen.
Die Höhle, in die ich kroch, als es zusehends kälter wurde, ich befand mich immerhin schon in 900 Meter Höhe, entpuppte sich als belebter Kaninchenbau.
Ich fand Platz neben einem hageren Sadhu, der ohne Decke und Kissen, eingehüllt nur in seinen orangefarbenen Umhang, fest schlief.
Seine langen Haare, sein geflochtener Bart schimmerten goldblond im flackernden Licht einer Öllampe, die weiter vorne brannte.
Später erwachte er, erzählte zögerlich, er sei Norweger, habe sich für ein Leben als Bettelmönch entschieden. Wie zum Beweis zeigte er mir sein Blechgeschirr. Ja, er käme klar, die Leute ließen ihn nicht verhungern. Ich versuchte ein Gespräch anzuknüpfen, doch irgendwie erachtete er mich wohl für nicht würdig, mit ihm zu reden.
Im Sonnenaufgang krochen etwa Einhundert Schläfer verschiedenster Stände, Kaufleute, Pilger, Bettler, Tagediebe aus den Höhleneingängen entlang der Uferböschung.
Alles strebte über den Kiesstrand zum heiligen Fluss, sich zu waschen.
Ich marschierte zurück zu dem Baum am Eingang des Urwaldes, unter dem ich gesessen und vergebens auf einen Weggefährten gewartet hatte.
Kaum legte ich mein Pack an den Wurzeln der Magniole ab, wurde ich eines rauschenden, leise singenden Tones im Wipfel des Baumes gewahr.
Ich meinte einen Hinweis in dem Geräusch zu erkennen, drehte mich, mehr unbewusst, dem steinigen Pfad zu. 
Ein Greis, an seinem langen, schlohweißen Haar als solcher zu erkennen, klomm den Berg hinan. Ich erwartete ihn am Rande des Weges. Als er in meiner Höhe angelangt war, verbeugte ich mich, die Hände in hinduistischer Tradition vor die Brust gefaltet.
“Neil Kant?“ fragte ich.
Ohne in seinem Schritt innezuhalten lächelte er, nickte, winkte mir mit langen, dünnen Fingern, die aus dem Ärmel seines weiten, hellbeigen Umhanges zu kriechen schienen, ihm zu folgen. Ich lief neben ihm her, versuchte meinen Schritt dem seinen anzupassen, doch er ging sehr langsam. 
“Neil Kant?“ bedrängte ich ihn erneut, vielleicht hatte er mich nicht verstanden.
Wieder nickte er, lächelte aufs Neue, bewegte einladend seinen Arm.
Dann tauchten wir in das schwüle Gespinst des Waldes ein, der sich, rechts und links der schmalen Schneise, des seit Urzeiten ausgetretenen Pfades, machtvoll, undurchdringlich und geheimnisvoll aufbäumte.
Wie in einem Tunnel, von der Natur geschaffen, um den überheblichen Menschenwesen ihre Winzigkeit, ihre Bedeutungslosigkeit in dieser Dimension zu vergegenwärtigen, klommen wir stetig bergan. Ich spürte ganz bewusst die ungeheure schaffende und zerstörende Kraft der Mutter Erde, war froh, den schweigsamen alten Mann neben mir zu wissen.
Trotz, oder gerade wegen dieser Beklemmung empfand ich die Umgebung gleich einem schillerndem, kreischendem, jubilierendem, sich tausendfach widerspiegelndem Farbenuniversum.
Eine ganze Zeit lang begeleitete uns eine agile, neugierige Bande von Affen, die, neben dem Steig, in den Ästen, dem Dickicht der Vegetation, von Baum zu Baum turnten.
Als wir erneut in eine Talsenke liefen, verloren sie sich im Grün.
Außer zweier kurzer Sätze, am Anfang unserer gemeinsamen Wanderung, hatte der alte Mann, dessen Lebenszeit ich nicht einzuschätzen wusste, den ganzen Weg über geschwiegen.
“You go little step by little step“ und „don’t drink“ hatte er gesagt, war mit seinen kleinen Schritten vorwärts marschiert.
Ich hatte begriffen und es ihm nachgetan, war jetzt nach Stunden der Lauferei erstaunt, immer noch die Energie zu besitzen, zielstrebig dem Ort meiner Träume näher zu kommen.
Stunden später traten wir über einen schmalen Holzsteg in ein prachtvoll blühendes Plateauquart, im Hintergrund ein Flachbau, menschliche Anwesenheit verheißend.
Mein Begleiter beachtete das Gebäude nicht weiter, sondern ließ sich am Rande des kleinen Flüssleins nieder, das wir gerade überquert hatten.
Er kramte seine Rauchutensilien hervor, stopfte sich eine Pfeife, von der er mir ebenfalls anbot. Bald darauf verfiel er in ruhigen Schlummer.
Betäubt von der bezaubernden Kulisse in der wir rasteten, war ich auch kurz eingenickt.
Als ich, es war tatsächlich nur ein Augenblick des Schlafes gewesen, wieder erwachte, fanden meine Augen, in geheimbündlich geschlossener Allianz mit meinen Sinnen, die sonnenglänzende Schönheit des wie ein blühender Pilz sich über den Erdball ergießenden Flecken Landes.
Ich war aufgestanden, doch nun senkte ich die Knie in Demut. Mir blieb nichts als Staunen.
Hier erlebte ich die frühlingshaft anmutende Szene einer in Schwerelosigkeit verharrenden Biene vor einer Violettschimmernden Blüte, dort die winzigen Fühler einer Ameise auf der Suche nach Leckerbissen für die Mutter des Gebärens eines anderen Millionenvolkes.
Ich legte mich neben das gluckernde Bächlein, meinem Kopf in dieses duftende, wirbelnde Miteinander des Daseins am Rande des Baches, nur unsagbar glücklich, ein Teil davon zu sein.
Nicht lange und ich fiel in einen beseelten Schlaf voller wunderschöner Bilder. Mit der Vision eines kristallklar nieder rieselnden Wasserfalles schlug ich meine Augen auf, als der alte Mann sich über mich beugte und mit einem sanften Schubser einlud, den Rest der Strecke hinter uns zu bringen.
Ehe ich aus meinen Träumen vollends in die Realität zurückkehrte, hatte er schon etliche Schritte von mir weg getan.
Ich fuhr auf, beeilte mich, gegen das drängende Durstgefühl mit der Handfläche ein wenig des kristallklaren Nasses zu schöpfen, packte meine Tasche und trabte schließlich wieder, die wunderbaren Bilder Revue passieren lassend, neben meinem Führer. 
Kurz vor Beginn der Dämmerung erreichten wir das Dorf, dessen etwa dreißig Einwohner mich zurückhaltend begrüßten. Es herrschte eine trübe, milchige Stimmung.
Niemand kümmerte sich nach dem kurzen Auflauf bei meiner Ankunft noch großartig um mich, man wies mir ein Quartier zu, überreichte mir eine Decke gegen die nächtliche Kälte.
In der Nacht erwachte ich nach kurzem erschöpften Schlaf mit entsetzlichen Magenkrämpfen und einem Durchfall, der sich bis zu meiner gnädigen Ohnmacht in Wellen durch meinen Körper wühlte.
Ich überlebte um Euch zuzurufen:„Haltet ein!“


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