Umbrien / Gardasee – Italienische Impressionen Juni 1999
von Christa Schmid-Lotz (copyright)
Die Zeit war nasskalt und voller Stress gewesen. So wollten wir den alten Traum wieder träumen und aufbrechen in den Süden. Eigentlich brachen wir auf ohne ein bestimmtes Ziel. Bozen hatten wir uns als Ort zum Übernachten ausgewählt. Nach der Fahrt über das 2400m hohe Timmelsjoch ( am Brenner war Stau vorhergesagt), mit sich ewig wiederholenden, schwindelerregenden Kurven, Nebeldampf und schmutzigem Schnee, ging es ebenso steil wieder hinunter. Der Süden! Ein überwältigender Blick bis ins Trentino hinüber, die Berghänge grüner als auf der anderen Seite, Orchideen und Blauer Eisenhut am Weg. Auf halber Berghöhe eine kleine Gastwirtschaft, da gab es einen Augenblick, ganz gelassen auf einer Terrasse über dem Abgrund, einen Teller dampfende Spaghetti vor uns.
In Bozen kam dann etwas Panik auf: mitgerissen vom tosenden, hin- und herflitzenden Feierabendverkehr, fuhren wir so lange im Kreis herum, bis wir zu den Dolomiten hin einen Ausweg fanden. Es war eine wunderbare Fahrt in den Abend hinein, über Cavalese ins Fassatal, in dem sich linkerhand die ganz „Großen“ auftürmten, mit glühenden Häuptern: Rosengarten, Langkofel, Sella.
Aber auch diese Gegend stellte sich als wenig gastlich heraus. Es war viel zu kalt für die Jahreszeit, und die meisten Hotels und Pensionen hatten geschlossen. So drehten wir weiter nach Süden ab und fuhren und fuhren die ganze Nacht hindurch, bis wir kurz vor Ancona waren. Übermüdet, aber glücklich standen wir am Meer und sahen goldorange die Sonne emporsteigen.
Das Meer war durch die Uferstraße, gesichtslose Hotelbauten, Zäune und Müll verunstaltet; unwirtlich ist es geworden, man kann wohl nicht mehr träumen von den Stränden der Adria. Frieden fanden wir erst gegen Mittag, weit im Landesinneren. Durch die Marken fuhren wir, westwärts, auf jeder Kuppe ein Dorf aus dem Mittelalter, jede Kurve versprach eine neue Welt. Vorbei an Assisi, klingende Namen, wie Poesie. Nebelfetzen wallten uns aus den engen Schluchten entgegen, durch die sich die Straße zum größten aller italienischen Seen, dem Lago Trasimeno, hinunterwindet. Wir stießen auf ein Fleckchen Erde von paradiesischer Beschaffenheit. Auf einem Campingplatz direkt am Wasser, bepflanzt mit Dattelpalmen, Apfelsinenbäumen und Bananen, mieteten wir einen geräumigen Bungalow. Der Lago Trasimeno ist dem Bodensee nicht unähnlich, die Berge sind etwas flacher und das Ufer weniger verbaut. Aber mit dessen Licht und dem der Provence kann er sich durchaus messen. Über der Gegend liegt ein samtblauer Glanz, der See schimmert durchsichtig-türkis bis graugrün. Bei herannahendem Gewitter, und das erlebten wir hier oft, sieht er aus wie geschmolzenes Blei.
Die nächsten Tage waren erfüllt mit Ausflügen in kleine umbrische Städte wie Todi, Ovieto und Montepulciano. Allein das Ankommen in diesen Orten ist ein Erlebnis für sich, zumindest in der frühsommerlichen Zeit. Man fährt den Berg hinauf zu einer mittelalterlichen Befestigung, die wie eine Glucke droben thront. Gelassenheit breitet sich aus, wenn man den Wagen am Stadtrand abstellt, meist an einer Mauer. Der Duft blühender Linden kommt uns entgegen, sie verschatten die Straße angenehm. Drinnen tun sich enge, dunkle Gassen auf, das Leben in den Straßen quirlt, Schaufenster mit Schuhen, Trödel, Knoblauch, Kirschen- und man blickt mitten ins Herz der Familien hinein, das Tuten der kleinen Laster lässt uns auf den engen Gehsteig zurückspringen. Mopeds knattern vorbei. Von Kriminalität keine Spur. Schwitzend gelangt man die vielen Stufen hinauf, in der Nachmittagssonne in Todi und wird mit einem Ausblick von der großen, breiten Treppe über die Stadt belohnt. Drinnen strömt uns Weihrauchduft entgegen, romanische Bögen, Säulen, Heilige und geheimnisvolle Krypten versetzen uns in eine längst vergangene Zeit zurück.
Die Abende verbrachte ich am und im See, alles konnte ich loslassen in diesen Momenten, in denen das Wasser sich silbrig zerteilte, nur eine sanfte, unendliche Weite vor mir lag.
Ein Erlebnis wird mir dauerhaft im Gedächtnis bleiben. Wir hatten das wunderbare, fast vergessene Bevagna besucht, waren im Morgenlicht aufs Höchste inspiriert herumgewandert, hatten eine römische Therme mit Mosaiken aus Meeres- und Fabelwesen angeschaut und unseren Capuccino auf dem alten Marktplatz getrunken. Gegen Mittag erreichten wir Montefalco, ein Bergstädtchen, das sich auf den ersten Blick düster einen Berg empor windet, seine Reize jedoch erst im Inneren erschließt. Von oben bietet sich ein prächtiger Blick über das umbrische Hügelland. In einer Gastwirtschaft mit einer winzigen Terrasse bekamen wir ein Essen serviert, wie ich es zuletzt vor zwanzig Jahren im ländlichen Frankreich, in Neapel oder Barcelona erlebt hatte, auch, was den Preis betrifft. Freundlich servierte uns der Wirt Pasta al Sugo, Salat, „Salmi“, eine Spezialität aus Kaninchen und Huhn, in Rotwein geschmort, und als Abschluss Espresso. Bei meiner Abendlektüre stellte ich fest, dass vor fast hundert Jahren Herrmann Hesse, unser Meister und „Nachbar“ aus Calw, in diesem Ort abgestiegen ist.
„Durch das alte Tor führt eine steile Gasse eng und finster bergauf, und was man sieht und woran man vorüber geht, alles ist alt, mittelalterlich, steinern, kühn und hart.“(Hermann Hesse: Montefalco).
Ebenfalls einen starken Eindruck hinterließ Cortona. Im Vorbau des alten Theaters schlürften wir unseren Kaffee, die Männer saßen hochzufrieden vor ihrem Rotwein und wir sahen dem Treiben in dieser geschichtsträchtigen Stadt zu. Anschließend besuchten wir die Renaissance-Kathedrale und einen Palazzo mit Bildern von Reni und Giotto sowie römischen, etruskischen und ägyptischen Funden.
Am nächsten Tag schlenderten wir über den großen, bunten Markt in Castiglione, als sich plötzlich direkt über der Stadt ein heftiges Gewitter entlud. Ein komplettes Chaos entstand. Alles rannte, rettete, fluchte und lachte gemeinsam mit den Fremden, die sich zusammen mit ihnen in die Hauseingänge geflüchtet hatten. Erschreckt flatterten die Tauben um die Rathausuhr, die dröhnend die zwölfte Stunde schlug.
Am sechsten Tag begaben wir uns wieder auf die Autostrada Richtung Norden. Nach der tagelangen Ruhe war diese Fahrt ein Ritt durch die Hölle. Und so blieben die weiteren Eindrücke auch: neben großer Schönheit grandios Hässliches, neben Natur und Kultur die aberwitzigen Auswüchse menschlicher Profitsucht. Das Ankommen in Pesciera am Gardasee war bezaubernd: das blaue Wasser, die Zypressen und Pinien, die Weichheit eines südlichen Nachmittags … Beim Suchen nach einer Unterkunft nervte dann die Hektik der Uferstraße und der Anblick der Städte und Dörfer, die zu einer Mickymaus- und McDonald-Landschaft verkommen sind.
Ein Kellner vermittelte uns eine Wohnung in Castellato di Brenzone, ein steiles Stück den Berg hinauf, schön ausgestattet, mit einer traumhaften Terrasse. Dort sind wir wieder bei uns angekommen, inmitten von Zitronen, Oliven, Hortensien, Oleander und zu unseren Füßen der See, der tiefblau heraufblinkte..
Im Alter von zwölf Jahren hatte ich schon einmal Urlaub an diesem Ort gemacht, in Malcesine. Inzwischen macht sich der Massentourismus auch in der Qualität des Angebots bemerkbar. Aber die „Liebesinsel“ und der Badeplatz unterhalb der Burg sind noch da. Immerhin hat der Besuch dieses Städtchens mich dazu angeregt, die „Italienische Reise“ von Goethe zu kaufen. Der entging um ein Haar der Inhaftierung, als er die Burg malte und für einen ausländischen Spion gehalten wurde.
1. Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Kennst du es wohl? Dahin!
Dahin möcht’ ich mit dir,
O mein Geliebter, ziehn.
2. Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach,
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
Was hat man dir, du armes Kind, getan?
Kennst du es wohl? Dahin!
Dahin möcht’ ich mit dir,
O mein Beschützer, ziehn.
3. Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier such im Nebel seinen Weg,
In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut;
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut.
Kennst du ihn wohl? Dahin!
Dahin geht unser Weg!
O Vater, laß uns ziehn!
Zum Baden bin ich in der Zeit nicht gekommen, weil das Wasser trotz der sommerlichen Temperaturen eiskalt war und immer wieder Gewitter niedergingen. Die Hausbesitzerin erklärte uns – auf italienisch- dass es keinen Frühling und keinen Herbst mehr gebe; die Ora, ein warmer Wind aus der Poebene, stößt mit dem kalten Fallwind aus den Bergen zusammen und treibt Wolken und Wasser vor sich her, so dass man manchmal den Eindruck hat, am Meer zu sein. Trotzdem fliegen Nachts unbeirrt die Fledermäuse, singt abends stundenlang die Nachtigall.
Unser Naturbedürfnis stillten wir in den Bergen, wo wir Massenbestände von Gelbem Enzian, Trolblumen, Akelei, Orchideen und Teufelskrallen fanden.
Das letzte Highlight dieser Reise war Verona. Im strömenden Regen, schon fast entmutigt, fuhren wir auf die San Zeno- Kathedrale zu. In diesem Moment hörte es auf zu regnen und wir gingen zunächst durch einen frühgotischen Kreuzgang mit uralten, nur zum Teil freigelegten Fresken. Beim Betreten der Kathedrale liefen mir Schauer den Rücken herunter, so überwältigend war der Anblick. Es wurde gerade eine Messe gehalten, eine Atmosphäre wie im Mittelalter. In jeder Ecke eine Kostbarkeit, Bilder unbekannter Künstler, Taufbecken, Altäre und eine Krypta mit den Gebeinen des Hl. Zeno.
Die große Arena haben wir noch gesehen, „Aida“ stand auf dem Programm, und die Festung, Palazzi und Plätze, es würde sicher eine Woche nicht reichen, um alle Schätze der Stadt Romeos und Julias zu erkunden. Wenn ich heute an Verona denke, habe ich immer noch den Geschmack des „Vitello tonnato“ auf der Zunge; es ist hauchfein geschnittenes Kalbfleisch mit Thunfischsoße.
Italien – das Land, wo die Zitronen blühen. Sie blühen immer noch, immer noch liegt der Duft und der Zauber des Südens über dem Land, aber es wird immer schwerer, sich zu diesen Oasen der Ruhe durchzukämpfen. Und wir selbst sind ja Teil der Massen, die jedoch etwas anderes zu suchen scheinen als wir. Meine Generation gehört zu derjenigen, die viele Länder sozusagen im Zustand der Unschuld erleben durfte und diese Bilder sind für immer in meinem Gedächtnis abgebildet.
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