Lac du Salagou

von Dieter J. Baumgart (copyright)

Das Tal des Flüßchens Salagou, gelegen im südfranzösischen Languedoc zwischen Clermont l’Hlt. und Lodève, hat die Form einer 8 km langen und bis zu 3 km breiten Wanne zwischen zwei Bergketten mit einem extrem schmalen Durchlaß im Westen. Bedingt durch diese natürliche Einengung wurden bei den in der Region nicht seltenen schweren Regenfällen nicht nur die Weinfelder im Tal überschwemmt. Das Wasser strömte von den Berghängen und schoß, je höher es im Tal stieg um so schneller, durch die nach oben breiter werdende Öffnung und überforderte das Fassungsvermögen der Lergue, in die der Salagou nach wenigen Kilometern mündet, völlig. Nur 4 km weiter erreicht die Lergue den Hérault und das geballte Volumen aus zwei kleinen Flüssen ließ auch den Hérault so anschwellen, daß großräumige Überschwemmungen in der Region die Folge waren. Noch heute kann es geschehen, daß der Wasserspiegel nach einem starken Regen innerhalb von zwölf Stunden um fünfundsiebzig Zentimeter steigt. Das entspricht bei der gegebenen Wasseroberfläche von 750 ha einer Zunahme um mehr als 5,6 Mill. Kubikmeter Wasser innerhalb eines halben Tages.
So entstand Mitte der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Idee, die natürliche Öffnung des Salagou mit einem Staudamm zu verschließen, um mit den anfallenden Wassermassen die dringend notwendige Bewässerung der tiefergelegenen Ebenen zu verbessern und bei der Gelegenheit auch eine Möglichkeit zur Wasseraufnahme für die zur Waldbrandbekämpfung eingesetzten Löschflugzeuge der Canadair zu schaffen. Befürwortet wurde der Plan aber auch von Meteorologen, die vermuteten, daß sich eine größere geschlossene Wasserfläche auf die Wetterlage in der Region beruhigend auswirken könnte.
Gegen den großen Widerstand der von diesem Vorhaben betroffenen Bevölkerung, Weinbauern und die Bewohner des Dorfes Celles, das wegen des geplanten Stausees geräumt werden mußte, beschloß der Conseil Général des Departement Hérault im Jahre 1959 den Bau des 70 Millionen neue Franc teuren Staudamms. Im gleichen Jahr ereignete sich der folgenschwere Bruch des Staudamms von Malpasset am Reyran oberhalb der Stadt Fréjus in Südostfrankreich. Dort forderte eine 5 Meter hohe Flutwelle mehr als 400 Todesopfer. Aufwendige geologische Untersuchungen, die nach dem Unglück von Fréjus am Salagou durchgeführt wurden ergaben, daß ein ähnliches Desaster auch hier nicht völlig auszuschließen sei. So entschloß man sich, den geplanten Stausee nur bis zu dreiviertel der vorgesehenen Höhe zu füllen und auch nach der Inbetriebnahme laufend geologische und bautechnische Untersuchungen am Staudamm durchzuführen. Das Dorf Celles hätte angesichts des niedrigeren Pegels möglicherweise erhalten werden können. Doch die Umsiedlung war abgeschlossen, zudem wären kostenträchtige neue Verkehrs- und Versorgungsanbindungen nötig gewesen, da alle bisherigen Zugangsstraßen auch unter der verminderten Wasseroberfläche liegen würden.
Dem letzten Bürgermeister von Celles, Henri Goudal, genannt „Riri“, gelang es schließlich nach jahrelangem Behördenkampf, daß Celles den Status einer selbständigen Gemeinde zurückerhielt. Die ehemaligen Bewohner des Dorfes hatten sich allerdings inzwischen anderswo etabliert und legten, auch weil ihre Weinfelder schließlich unter Wasser standen, keinen Wert auf eine Rückkehr. Lediglich das Rathaus wurde wieder instandgesetzt und diente längere Zeit dem Beauftragten des Gewässerschutzes als Unterkunft. Den Posten versah ein gebürtiger Spanier, der von seinen Freunden nur Bichette genannt wurde. Lange Zeit war er der einzige Bewohner des Geisterdorfes. Doch als er Ende der neunziger Jahre starb, hinterließ er zwar ein größtenteils noch aus Ruinen bestehendes Dorf, das aber nicht mehr dem Verfall preisgegeben war. Die Mauern aller Häuser sind konserviert und umzäunt, um unerwünschte Benutzer fernzuhalten und Unglücksfälle durch herabstürzende Mauer- oder Dachteile zu verhindern. Das weitere Schicksal des Dorfes selbst steht noch heute in den Sternen. Kaufangebote von Kapitalanlegern wurden stets abgelehnt, um eine nicht gewünschte Nutzung für Hotelanlagen oder damit in Verbindung stehende Spekulationen zu verhindern. Die Idee einer ökologisch ausgerichteten Oase für Künstler und Biologen mit Ateliers, Vortragsräumen und Möglichkeiten für Ausstellungen scheitert sowohl an realisierbaren Vorstellungen, wie auch daran, daß finanzielle Mittel nicht zur Verfügung stehen.
Fünfundzwanzig Jahre nach dem Beschluß des Conseil Général, den Stausee einzurichten, zog Henri Goudal Bilanz: „Vieles von dem, was man wollte, ist nicht erreicht worden. Die Bewässerung im großen Stil funktioniert nicht, weil der Wasserzufluß zu gering ist. Aber auch das Geld für die notwendigen großvolumigen Pumpwerke hätte nicht zur Verfügung gestanden. Der Einfluß der Wasserfläche auf das regionale Klima ist kaum meßbar. Immerhin, die Überschwemmungsschäden sind etwas zurückgegangen. Eines allerdings darf nicht vergessen werden: Im Kampf gegen die Waldbrände ist der Lac du Salagou nicht mehr wegzudenken. Er dient als Löschteich für die ganze Region. Die Löschflugzeuge der Canadair aus Marseille haben dank der idealen Geländeform beste Voraussetzungen für den An- und Abflug.“
Doch es ist noch mehr, was dieser See, dessen Gestade nicht im Entferntesten an einen Stausee erinnern, zu bieten hat. Inzwischen ist er fünfunddreißig Jahre alt. Eine vor einigen Jahren durchgeführte große Inspektion des Staudammes und seiner Verankerung verlief zufriedenstellend. Flora und Fauna haben sich an den Ufern und im Wasser so entwickelt, daß der See als ein Geschenk an die umgebende Natur angesprochen werden kann. Dank konsequent durchgezogener Nutzungsvorschriften zieren weder Hotels und andere „Ferienanlagen“ großen Stils seine Ufer, noch durchpflügen Motorboote seine Wellen. Als Anglerparadies ist er bekannt, Feriengäste aus aller Welt nutzen zwei kommunale und einen privaten Campingplatz. Die gesamte Region um den Lac du Salagou steht unter Naturschutz. Mit seinen an Miniatur-Fjorde erinnernden verschwiegenen, von Schilf und knorrigen Bäumen gesäumten Buchten und den vorgelagerten bizarren, teils flachen, teils steilen Inselchen aus der allgegenwärtigen rotbraunen Ruffe, einer Art Tonmergel, ein Sedimentgestein, daß vor 120 bis 40 Mill. Jahren durch Kontinental-verschiebungen an die Oberfläche gebracht wurde, ist der Lac du Salagou auch für Geologen ein besonderes Ziel. Und selbst der erdkundliche Laie wird durch zahlreiche erloschene Vulkane, deren Basaltsäulen wie Skulpturen an den Ufern stehen oder gleich erstarrten Wasserfällen aus den Felswänden treten, an die Ursprünge dieser Landschaft erinnert.

Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackbackauf Deiner Seite einrichten. Drucken Drucken


Noch keine Kommentare. Seien Sie doch der Erste?

Geben Sie Ihre Meinung ab ...