Ferien zwischen Krieg und Frieden

von Andreas Züll (copyright)

Über einen seltsamen Urlaub und einen sarazenischen Fakir

Als wir an einem milden Abend auf dem Flughafen von Antalya landen, keucht das „Gespenst” UN-Resolution bereits in den letzten Zügen. Bush proklamiert seine unerschütterliche Absicht, auch ohne die Zustimmung der Vereinten Nationen die US-Streitkräfte an der Spitze einer „Koalition der Willigen” in einen Krieg gegen Irak zu führen. Noch am Vortag unseres Fluges berichtet die FAZ von der Neubildung der türkischen Regierung, davon, dass 40 000 amerikanische Soldaten im Südosten des Landes stationiert werden. Dorthin fliegen wir also.
Doch schon bald nach unserer Ankunft muss ich feststellen, dass man in unserem Hotel nicht viel von alldem merkt. Man ist abgeschottet, Luxus und „all inclusive” wiegen die Touristen in Sicherheit, lassen einen die über unsere Köpfe hinweg donnernden Flieger gerne überhören. Es ist ein seltsames Gefühl, zu wissen, dass man plötzlich viel näher „dran” ist am Geschehen, ja, sogar freiwillig dorthin geflogen ist. Noch seltsamer aber ist es, sich wider besseren Wissens „weit weg” vorzukommen.
Die türkische Riviera scheint im wahrsten Sinne des Wortes am Reißbrett entstanden zu sein. Orange und Ocker getünchte Planbauten und Moscheen nach Schema „F” reihen sich in den größeren Städten wie Alanya aneinander, oder sind einfach dort, wo gerade Platz war, in die Landschaft gesetzt worden, vermischen sich mit den kulturellen Hinterlassenschaften der Römer und Seltschuken. Auf dem „echt” orientalischen Bazar werden Shirts, Jeansjacken, Tangas und Wasserpfeifen angeboten. Die Weltoffenheit im „Wartesaal der EU” hat seinen Bruder „Kommerz” mitgebracht. Die gigantischen Hotels bleiben eine hermetisch abgeriegelte Welt für sich. Die Leute hier leben Größenteils vom Tourismus, sind auf ihn angewiesen. Die Stimmung ist angespannt, das merkt man auch dem Hotelpersonal an. Die Angst vor Terroranschlägen unter den Urlaubern ist groß geworden. Einen Krieg im Nachbarland können sie hier nicht brauchen.
Das erklärt uns auch der Chefanimatuer unseres Hotels, der junge Tunesier Nino (24), den wir schon am ersten Abend kennen lernen. Noch lange nach der „Show” sitzen wir zu viert zusammen, reden und diskutieren. Man merkt, dass Nino froh ist, dass er reden kann, dass ihm deutsche Urlauber wirklich zuhören. Offen erzählt er von seiner Arbeit als Animatuer, dass er Kinder liebt und gerne lacht. Und auch von seinem Heimatland, seiner Mutter, der er den Großteil seines Verdienstes schickt, von Gefängnissen und korrupten Polizisten. Und während er spricht, wird mir zum ersten Mal wirklich klar, wie unterschiedlich die islamische Welt und der Westen doch zu denken scheinen und wie wenig sie einander verstehen. Während die Mächtigen zu ihrem „heiligen Krieg” rüsten, beginnt hier im Kleinen „Völkerverständigung”. Alle Unterschiede sind an diesem Abend kein Hindernis. Bush und Hussein, warum könnt ihr euch nicht so zusammen setzen? Nino versucht, uns zu erklären, wie die Menschen in den islamischen Ländern über die Krise denken.
“Darum Bin Ladin lieb, weil hat gesagt, ist schade um 11. September. Hat nicht einer von USA gesagt, ist schade, um Tote seit 1947.”
Irritiert, dass jemand Bin Ladin wirklich in Schutz nimmt, ihn fast schon als Befreier handelt, versuchen wir, zu widersprechen. Nino lächelt, zuckt mit den Schultern. Die Menschen leiden unter den – vom Westen gepuschten – Diktaturen, sie sind enttäuscht vom „großen Bruder” Amerika. So kämpft wenigstens einer für sie, sagt Nino. Verbrecher sind beide für ihn, Bush wie Bin Ladin. Doch …
„Wenn Bush uns befreien will, warum dann nur Irak? Wir warten alle auf Amerikaner. Seit Jahren. Warum kommen sie nicht?”
„Öl?” antworten wir ihm. Eine Frage, deren Antwort wir schon kennen.
„ Die Petrol!”
Bushs hehre „Befreiungsziele” wehrt er heftig ab.
„Die haben Diktator.” sagt er. Dabei fängt er dass Wort mit englischer Aussprache an und wechselt nach der ersten Silbe in ein langgezogenes Deutsch.
„Aber wenn Bush kommt und Saddam muss weg, holen die neuen, der ist zehnmal schlimmer, als alter Diktator. Geht nicht um Religion. Geht um die Petrol. Und um Macht. Ist egal, wie heißt, ob ein Diktator da ist oder Demokratie, bleibt für die Menschen gleich.” Sagt er und lächelt traurig. Der „sarazenische” Hüne hat eine seltsame Art, zu lächeln, frei und ehrlich, doch ebenso nachdenklich und melancholisch. Und aufmunternd. So, wie sein Lachen und seine freundliche Stimme. Ein facettenreicher Mensch. Wir werden uns noch oft bis zu unserer Abreise unterhalten, über den Krieg, meine Arbeit als Autor und seine als Animateur, über das, was uns trennt, und das, was uns verbindet.
An unserem letzten Abend tritt er als Fakir auf. Eine eindrucksvolle Show, Nino liebt seinen Job, er mach keine halben Sachen. Unwillkürlich drängt sich mir der Gedanke auf, dass die Menschen im Irak bald ebenso willensstark sein müssen wie Nino, Nägel und Scherben aushalten, um zu überleben.
Wir haben dort einen Freund gefunden. Es fällt schwer, ihn im Ungewissen zurückzulassen. Ich habe nicht alles verstanden, was er uns sagen wollte, aber ich habe in der kurzen Zeit große Achtung vor ihm und seiner Kultur gewonnen. Es sind die Kleinen die leiden – wie immer.
Die Kontrollen auf den Flughäfen sind verstärkt worden, überall nur schlechtgelaunte Polizei und Security. Stets muss man den Ausweis griffbereit haben. Dann sind wir „raus”, landen unsanft auf dem Konrad-Adenauer-Flughafen. Die FAZ begrüßt uns mit der Schlagzeile „Letztes Ultimatum Irak-Diplomatie gescheitert”. Wir sind im sicheren Deutschland.
Drei Tage später marschieren US-Truppen und britische Soldaten im Irak ein.

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