Der Sturm

von Christa Schmid-Lotz (copyright)

Seit Tagen hatte der Sturm auf der Insel gewütet.
Als Annette morgens die Hotelhalle betrat, traf sie fast der Schlag.
Hunderte von Menschen hatten sich versammelt, Engländer, Österreicher, Amerikaner und Deutsche. Sie standen wie eine Traube an der Rezeption, saßen auf Korbstühlen, tranken Martinis, spielten Karten und hatten Unmengen von Gepäck um sich herum gestapelt. Der Lärm war ohrenbetäubend. Sie schob sich mühsam durch die Menge und steuerte das Frühstücksbüffet an. Auch hier drängten sich die Menschen, luden sich Eier, Speck, Toast, Porrigde, Käse, Marmelade , gebackene Bohnen und Tomaten auf ihre Teller. Annette nahm frische Ananas und ein Croissant und setzte sich neben eine grauhaarige Dame.

„Guten Morgen,“ überschrie sie das Stimmengewirr, „was ist denn heute los hier? Das ist ja wie im Krieg!“
„Es ist wegen diesem Sturm. Die Insel ist im Chaos versunken; der Flughafen von Funchal geschlossen. Die Leute sind sauer, weil sie nicht nach Hause können! Im Norden sind vier Touristen mit ihrem Leihwagen ums Leben gekommen, als Felsbrocken auf die Straße stürzten.“
„Um Gottes Willen, das ist ja furchtbar! So was habe ich noch nie erlebt. Ich wollte doch nur in der Sonne Kaffee trinken, durch Lorbeerwälder zu den Wasserfällen wandern, Orchideen und Drachenbäume sehen …und jetzt das! So ein Frust! Nicht mal im Pool kann man baden. Schauen Sie mal raus!“

Der Regen trommelte gegen die Scheiben, direkt vor dem Hotel türmten sich die Wellen sechs Meter hoch auf und brachen sich donnernd an dem schwarzen Kieselstrand. Die Gischt kam braungelb mit dem Sturm geflogen und überzog alles mit einem klebrigem Film. Annettes Kleidung fühlte sich feucht an und roch muffig; sie hätte aus der Haut fahren können. Sie knabberte lustlos an ihrem Croissant und stellte einige Zeit später fest, dass Wind und Regen langsam nachließen. Für einen Moment brach ein Sonnenstrahl durch das Bleigrau der Wolken. Sie hielt es jetzt nicht mehr aus, nahm noch einen Schluck Kaffee, verabschiedete sich hastig und lief hinaus ins Freie.
Die Naturgewalten waren noch in Bewegung, sofort waren ihre Haare zerzaust, salzige Luft schlug ihr entgegen. Überall sah sie Spuren der Verwüstung. Steinbrocken lagen auf den Wegen, Zedernäste, Teile von Drachen- und Gummibäumen, Myriaden von Blüten. Auf dem Weg zur Stadt war sie entsetzt über die Betonklötze, die trist in den Nebel ragten. Immer wieder musste sie über Pfützen springen, ihre Schuhe waren nass und quietschten bei jedem Schritt, ihr ganzer Körper dampfte. So musste sich ein begossener Pudel fühlen!

In der Altstadt, die sich das Flair einer südlichen Metropole bewahrt hatte, nahm das Leben schon wieder seinen gewohnten Lauf. Vor der Markthalle eilten Händler geschäftig hin und her, um die vom Wind verstreute Ware wieder an ihren Platz zu bringen. Hausfrauen strömten mit Einkaufskörben hinein und kamen voll beladen zurück. Annette ging hinein und ließ sich an den Ständen vorbeitreiben; es duftete nach Safran, Ziegenkäse, Thymian und Rosmarin. Hier lockten Oliven, dort standen Büschel mit Lorbeerblättern, in der nächsten Abteilung grinste der Metzger hinter seinen Schinken, Knoblauchwürsten und gelben Hähnchen hervor, an denen noch einzelne Federn hingen. Rufe und Lachen schwirrten hin und her.

In einer Halle wurden Fische aller Formen und Größen angeboten, wer weiß, unter welchen Umständen die Männer sie aus dem Meer gezogen hatten. Thunfische, Degenfische, Krabben, Hummer, Knurrhähne, dann eine Treppe höher Körbe, bestickte Decken, Papayas, Süßkartoffeln, Okraschoten, Girlanden aus Peperonis … eine Frau mit einer Zipfelmütze und bunt gestreiftem Rock hielt ihr ein Messer mit einem Fruchtstück entgegen.“ Cherimoya“, sagte sie lächelnd .Verdammt, die Hälfte landete natürlich mal wieder auf ihrer Bluse. Aber der Geschmack war so süß, erfrischend und fremd, dass eine Lust in ihr aufstieg, den Frustrationen einmal etwas entgegenzusetzen. Sie dankte der Frau und steuerte zielbewusst auf das Blumenmeer zu, das ihr entgegenleuchtete. Wie trunken sog sie das Feuerwerk der Farben und Düfte ein, ihr Brustkorb weitete sich, die Augen glänzten, und sie begann, Blumen auszusuchen. Sie kaufte Bougainvilleas, Orchideen, Hibiskus, Strelitzien, Feuersalbei, einen kleinen Leberwurstbaum, warf Purpurkränze, Fetthennen, eine Wolke von Hortensien, Levkojen dazwischen und verstieg sich schließlich zu blaublühenden Glücksbäumchen, Palmen, Lorbeerbüschen und einer Königin der Nacht. Wie rasend packte sie Venusschuhe, Weihnachtssterne, Trompetenbäume, Stechäpfel, Trichterwinden, Zylinderputzer und Wucherblumen dazu.

Dann hielt sie erschöpft inne. Der Schweiß lief ihr in Strömen herunter. Einige Marktbesucher waren stehen geblieben, lachten, diskutierten und luden die Blumenpracht auf mehrere Handwagen. Annette sah verschwommen die Rechnung, die ihr die Blumenhändlerin entgegenhielt. Zweihunderttausend Escudos – zweitausend Mark! Das war ihr gesamtes Reisebudget für den Rest der Tage. Wieder nüchtern geworden, zog sie ihre Scheckkarte heraus und ließ den Betrag abbuchen.
„The flowers to Hotel Atlantic Garden, please …”

Als sie nach einer Stunde – mit sich und der Welt hadernd – im Hotel ankam, waren die Pflanzen schon dort; sie hatten die Rezeption in ein Gewächshaus verwandelt. Einige flachbrüstige Engländerinnen mit grauen Haaren und Wanderschuhen hatten sich darum versammelt.
„Oh dear, was für herrliche Bäume,“ rief eine ihr entgegen. „Wo haben Sie die gekauft?“
„In der Markthalle von Funchal.“
„ May we buy some of them?“
„Entschuldigen Sie, wenn ich mich einmische,“ sagte ein Herr um die Fünfzig und zog seinen Hut. Er senkte die Stimme:
„Das wäre eine tolle Chance für Sie. Sie könnten Ihre Pflanzen mit Gewinn verkaufen. Ich selbst bin seit einigen Jahren Wanderführer auf dieser Insel und habe mir ein Häuschen am Waldrand gekauft. Sie sind sicher reif für die Insel!“
Sie sah ihn an, und jetzt fiel ihr ein, woher sie ihn kannte. Er hatte den ganzen Abend an der Hotelbar gesessen, immer wieder verstohlen in ihre Richtung geblickt, während die zwei Musiker aus Italien zum dritten Mal „As time goes by“ spielten.
Manchmal hat ein Frustkauf etwas Gutes, und sie hat diesen Schritt nie bereut.

Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackbackauf Deiner Seite einrichten. Drucken Drucken


Noch keine Kommentare. Seien Sie doch der Erste?

Geben Sie Ihre Meinung ab ...