Auf den Spuren der Götter? – Insel Kreta

von Andreas Züll (copyright)

Der Traum von der griechischen Insel Kreta. Wiege Europas oder Urlauberparadies?
Spüren wir dem nach. Vom Flughafen der Hauptstadt Heraklin, die im 2. Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde und daher, wie die Einheimischen unermüdlich betonen, nicht besonders hübsch ist, führt uns unser Weg in brütender Hitze weiter die Küste entlang nach Stalis und Malia. Auf der einen Seite blickt man auf eine oft atemberaubend zerklüftete Geröll- und Felslandschaft, auf der anderen ins ägäische Meer, dessen strahlendes Blau ins Unendliche zu reichen scheint. Das nächste Festland, könnte man es sehen, ist der schwarze Kontinent. Bis Kairo fliegt man hier für einen Tag hin und zurück für 300 Euro.
An der Küste selbst herrscht buntes Treiben, der einzige Gott, der hier herrscht, ist der Massentourismus, den die Einheimischen scheint’s als Notwendigkeit gutmütig belächeln. Die griechische Mentalität strahlt generell ein positives Temperament, aber auch Freundlichkeit und herzliche Gastfreundschaft aus. Man ist steht’s höflich, hilfsbereit, fröhlich und spricht dabei ein sympathisches Gemisch aus Griechisch, Deutsch und Englisch. Die Kreter sind stets um ihre Gäste bemüht, verfügen über ein ausgedehntes Nahverkehrsnetz und einen ausgezeichneten medizinischen Dienst, den man vielleicht schneller in Anspruch nehmen muss, als man denkt. Um Sonnenbrand und Hitzschlag vorzubeugen, muss man sich erst langsam an das Klima gewöhnen. Eine Reisekrankenversicherung sollte vor Reiseantritt abgeschlossen sein, eine Behandlung kann im Ausland zum teuren Spaß werden.
An den Badestränden sorgt die Küstenwache dafür, dass niemand in den Wellen der Ägäis bleiben muss. Auch für das von zuhause gewohnte leibliche Wohl ist gesorgt, wenn dies auch streckenweise groteske Züge annimmt, findet man hier schließlich auch dem kulinarischen Alltag, der Sinnbild bleibt für den Kulturkreis, dem man eigentlich für einige Tage entfliehen wollte. So laufen hier unter anderem die Fast-Food-Kulturen Deutschlands, Englands, Hollands zusammen, vermengt mit griechischen Aspekten. Auch an italienischer Pizza und chinesischen Frühlingsrollen mangelt es nicht. Unter dem oft chaotisch zusammen gewürfelten Mauerwerk der Städte existiert eine enorme vielfältige Subkultur, die sich freilich hauptsächlich auf den Tourismus ausgerichtet hat. Wer die griechische Küche und die typischen Tavernen sucht, wird in den Seitengassen und natürlich im Inneren der Insel fündig. Zwar wird dort auf jeglichen unnötigen Komfort verzichtet, aber die kretische Küche gilt nicht nur als gut, sondern als besonders gesund, da mit viel Gemüse und Olivenöl gekocht wird. Dort gibt’s denn auch den obligatorischen Ouzo, der nicht jedermanns Sache ist, aber irgendwie dazu gehört.

Die moderne Welt hat die Insel längst in ihren Griff bekommen, hat aus kleinen Küstennestern Hotelhochburgen wachsen lassen. Dennoch sind die Kreter stolz auf ihr „Criti“, vor allem auf ihre lange Kultur und Geschichte, die ihm Laufe der Jahrtausende Griechen, Römer, Venezianer, Türken und mit den Nazis leider auch die Deutschen an die Küste der alten Insel getragen hat. Die heutigen Griechen sind Patrioten, überall flattern einem blau-weiße Flaggen entgegen, dass man sich manchmal fühlt, als wäre man bei einem Heimspiel auf Schalke. Natürlich – Olympia war in diesen Tagen allgegenwärtigen, die Restaurants hatten riesige Monitore aufgestellt, auf denen mehrsprachig die Gäste den Wettbewerb der Völker miterleben konnten.

Der teilweise rekonstruierte Palast von Knossos, in dem einst der mächtige sagenhafte König Minos regiert hat, in dessen Labyrinth der Stiermensch Minotaurus gehaust haben soll und den der Brite Arthur Evans in dreißig Jahre seines Lebens wieder ans Tageslicht brachte, wirkt bei sengender Hitze und von Reisegruppen überflutet leider enttäuschend. Imposant hingegen das Umland, das die Ausgrabungsstätte umgibt und einen doch noch ob solcher Größen und Weiten schauern lässt. Ein Muss ist auch das Archäologische Museum in Heraklion, wo man wirklich etwas zum sehen und staunen bekommt, nämlich die Fülle an Ausgrabungsstücken, die man ihrem Grab im Stein und Boden entrissen hat. Man bestaunt riesige Doppeläxte, Wandmalereien, Stierköpfe und ganz Alltägliches, zauberhaft und präzise gearbeiteten Schmuck und steht am Ende vor einer gigantischen Statue der Athene, die einen mit hohlen Augen mahnend anstarrt. Faszinierend auch ein kleines goldenes Plättchen, auf dem eine Swastika zu sehen ist, jenes Symbol, das die Nazis in umgedrehter Form als Hakenkreuz und Hammer Thors verunstalteten.

Auch hier setzt man auf Kundenfreundlichkeit, Schüler, Studenten, Azubis etc. dürfen sowohl Ausgrabungsstätte als auch Museum kostenfrei besuchen und man darf überall überwiegend alles selbst photographieren. Aber auch ausreichend Literatur rund um Mythos und Geschichte (siehe Kasten) gibt’s reich bebildert und in mehreren Sprachen zu kaufen.

Kreta – bleibt ein Traum, der Traum von Europa, von Prunk und Pracht – und von Reisenden und Urlaubern. Der Zauber einer Insel, den nicht einmal der Massentourismus totkriegen kann. Der Zauber einer Insel, auf der unsere Zukunft einmal angefangen hat. Er lebt fort, auch auf der Strandliege und im Poolbecken der Hotels. Und wir tragen ihn heim ins oft so triste Deutschland. Verzaubert. Und mit der Hoffnung, irgendwann einmal zurück ins Paradies zu dürfen.

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