Am Bad der Aphrodite

von Christa Schmid-Lotz (copyright)

Der Sand ist grauweiß, grobkörnig, wärmt meinen nackten Bauch, dringt in die Haut meiner Ellenbogen, es kitzelt, es piekt, es beißt, ich spüre das Leben, das in den letzten Monaten wie das Herausschauen aus einem Rahmen gewesen war, wieder in mich hineinströmen. Ein sanfter Wind streicht mir über den Rücken, hebt meine Ponyfransen ein wenig von den Augenbrauen weg, zaust meine Haare, trägt den Duft von Orangenblüten herüber. Ich rieche Thymian, Rosmarin, rieche Ziegenmist und Olivenholzfeuer. Ein Himmel ohne Wolken, die weite Bucht, das Glitzern, schattenferne Berge, die sich wie Wale in den Dunst des Meeres schieben, Gischt sammelt sich, schlangenförmig wabert sie am Ufer, zerplatzt mit leisem Schmatzen, so wie schaumgeschlagene Träume zu platzen pflegen. Von durchsichtig blau verändert sich das Wasser ins Türkise, je weiter ich schaue, ins Dunkel-, ins Tintenblaue. Myriaden von Grillen zirpen vereint, ich rolle mich langsam herum und sehe Ginsterbüsche ihre Blüten auf den Strand gießen, es riecht nach Honig, daneben stehen weiße Riesenanemonen, sie zittern in der Brise und halten sich an ihren Blättern fest. Diese Bucht ist von Göttern hingeworfen, Zeus selbst hat sein schönstes Kegelspiel aufgebaut, hier müssen sich Aphrodite, die Schaumgeborene und Apollo gesehen, sich unsterblich verliebt, ihre Seelen und Körper in einem Creszendo des Lichts vereinigt haben, hier an diesem Ort und nicht bei jener Grotte, in der täglich Hunderte von Touristen in das eiskalte, verschattete Wasser starren.

Meine Seele wird weit und möchte die ganze Welt in sich schließen, jeden umarmen, umgarnen, jeden Grashalm, jede Blüte, jeden Bauern, der seine Schafe vor sich her treibt, jeden Popen in seiner Ikonenkirche, jeden Fischer in seinem kargen Boot, jeden Kneipenwirt mit seinen Olivenaugen zu den Klängen der Bouzuki küssen. Eine Möwe schreit, ein Jeep hält quietschend an der Auffahrt zum Strand, der an seinem Rand übersät ist mit Zistrosen, ein Mann, er trägt sein Badezeug bei sich, groß, schlank, fast sehnig, er sagt hallo, setzt sich in einiger Entfernung nieder, zieht sich nicht aus, schaut auf s Meer. Ich bleibe eingewickelt in mich selbst, lese in einem Buch. Die Sonne brennt mir auf den Rücken, er ist schon sehr braun, gehe zum Wasser, meine Füße glühen im Sand, hier ist er feuchter, die Zehen bohren sich hinein, schleudern kleine Brocken empor, es quatscht ganz leise, Muschelschalen und Steine glänzen weiß und marmoriert, eine Welle erreicht mich, ganz flach sind die Zungen des Meeres, es rauscht kühl um meine Beine, ich werfe eine Handvoll dieses durchsichtigen Blaus in die Luft, aufzuckend spüre ich das Nass auf meine Haut spritzen, wate hinein, tauche ein in das Türkis, schwimme, bis ich völlig durchtränkt bin von dem Element, der Klarheit, der Kälte. Ich werfe mich herum, sehe die Bucht in ihrer Totale, sehe die silbrig glänzende Sichel des Strandes, die Berge in der Ferne schweben, höre meine Atemzüge, das Gischteln, wenn meine Hände das samtweiche Wasser zerteilen, schmecke das Salz auf der Zunge. Die flirrende Luft nimmt mir den letzten krummen Gedanken aus dem Hirn, das Wasser hat jede Schwerkraft aufgehoben. Auf dem Scheitelpunkt von Meer und Himmel zieht ein Schiff dahin, als wäre es immer schon so gewesen und als gäbe es nur Frieden und Schönheit auf der Welt.

Zurück laufe ich über heiße Kohlen: wenn ich doch fliegen könnte!, lasse mich aufs Handtuch fallen, fühle mich heil und kühl und ganz und merke, dass der Mann ein Stück nähergerückt ist. Die Sonne steht im Zenit, ich drehe mich auf den Rücken, creme mir den Bauch ein, es riecht milchigsüß, bürste mir die Haare, das ziept ein bisschen, bin mir ganz der Realität dieses Momentes, meines Körpers, meines Daseins bewusst. Die Grillen zirpen viel lauter jetzt, sie schrillen, überkreischen das Plätschern der Wellen. Dann sind sie plötzlich still. Alles hält den Atem an.
Oh Mann, ich liebe dich, ich liebe dich, du kleine, miese, fantastische Welt und selbst wenn es der einzige Moment gewesen wäre, in dem ich wirklich einen Wurf nach dem anderen, dem Leben hin getan hätte, dann hat es sich schon darum gelohnt zu leben.
Aus dem Sand, aus dem Gras, dem Ginster, den Orangenhainen, den Blumenteppichen, den Bergen, dem Meer dampft mir der erste und letzte Schöpfungstag entgegen.

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