Taxi

von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)

Heute bin ich glücklich und zufrieden – und eine reiche Geschäftsfrau.
Wie ich das erreicht habe? Nun, astrein ist meine Geschichte nicht. Ich will sie trotzdem erzählen.
Das hing alles mit den beiden Koffern zusammen. Aber erst einmal packte ich meinen Koffer. Ich wollte mit meinem Freund Herbert übers Wochenende verreisen. Ich wollte nicht viel mitnehmen auf diesen kurzen Tripp. Pullover, mein schönstes Kleid, Wäsche und Kosmetiksachen wanderten in meinem schicken schwarzen Lederkoffer. Einmal ausspannen – mit Herbert in einem Firstclass-Hotel mitten in München absteigen und die noble Welt schnuppern.
Die Bahnfahrt wird ätzend mit dem 25-Euro-Wochendticket – hin und zurück kostet das nur so viel (oder so wenig) -– billig, billig! Herbert sagt, man müsse sparen, wo man nur kann. Dreimal müssen wir unterweg umsteigen. Es herrscht Gedränge auf den überfüllten Bahnsteigen, und Randale liegt jedes Mal in der Luft. Kind und Kegel mit Sack und Pack, randalierende Jugendliche, brave Bürger – alle sind unterwegs. Anscheinend gibt´s keine Autos mehr. Ich wäre viel lieber mit dem EC gefahren . Herberts alte Nuckelpinne hält sich mal wieder in der Autowerkstatt auf. Irgendwann und endlich kommen wir in München an. Wir sausen mit der U-Bahn zu unserem Hotel. – – Und – und – und – schon auf den Stufen zum Hotel – bekatzbuckelt von einem Mann in Livree – beginnt das schöne Leben für dieses eine Wochenende. Mein teurer schwarzer Lederkoffer, auf den ich so stolz bin, wird mir förmlich aus der Hand gerissen, und der junge hübsche Hotelboy steigt mit mir in den feudalen Lift, nachdem wir uns an der Rezeption angemeldet haben. Wir fahren hoch in den dritten Stock. Der Boy trägt selbstverständlich meinen Koffer. Wir schreiten über einen mit dickem roten Teppich ausgelegten Flur. Er stellt meinen Koffer in meinem prächtigen Hotelzimmer ab und streckt nicht seine Hand aus fürs Trinkgeld. Das find ich gut.
Ich muss gestehen, bis jetzt habe ich nicht darüber nachgedacht, warum Herbert nicht mit uns in den Lift gestiegen ist. Das ging alles so schnell. Ich hab ihn gar nicht mehr gesehen! Sicher ist er gleich hier. Ich schleudere mit einer gelernten Kopfbewegung meinen roten (echten) Schopf in den Nacken, mache meine schönsten Augen, schau dem Pagen in seine schmachtenden Guckerl und drücke ihm einen Fünfeuroschein in die Faust, die sich nun doch öffnet. “Danke, gnädige Frau!” Ach wie schön!
Wo bleibt Herbert nur? Jetzt werde ich nervös. Der Junge ist fort, undich trete ans Fenster und streife die schweren Samtstores. Die Sonne geht glutrot über München unter. Auf der Straße vor dem Hotel herrscht reges Treiben, Autos hupen, Ampeln wechseln ständig die Farben. Und nun entdecke ich Herbert vor dem Hotel. Mir wird schlecht, meine Knie werden weich, hoffentlich falle ich nicht in Ohnmacht! Herbert wird auf offener Straße in Handschellen abgeführt und in ein Polizeiauto gestoßen. Warum drücken die Jungs in der grünen Uniform immer die vermeintlichen Straftäter am Kopf in die grüne Minna? Peng – . Das habe ich bisher schon unzählige Male in den Krimis gesehen und mich gefragt: “Warum machen die das so?” Und jetzt steck ich selbst mitten drin im Krimi. Live im Krimi? Nein – ich nicht! Ich hab nichts verbrochen. Die Hotelrechnung haben wir im Voraus bezahlt – halbe – halbe. Unter uns gesagt, ich kenne Herbert erst seit zwei Wochen. Er ist schon ein toller Hecht – attraktiv, groß, schlank, Waschbrettbauch – und er verfügt über ein sicheres Auftreten. Im Augenblick sieht es nicht so aus. Sein schönes schwarzes Haar ist zerzaust Kein Wunder! Die grüne Minna düst los. Der Menschenauflauf verteilt sich. Die Rücklichter des Polizeiautos leuchten rot auf im letzten Abendsonnenschein. Die Stadt München begibt sich in eine leichte Kühle nach einem heißen Sommertag. Ich bin allein in meinem Hotelzimmer, und zwar so allein wie ich es in meinem ganzen bisherigen Leben noch nicht war. Habe ich einen Schock? Ich bewege mich wie eine Marionette. Wer mag die Fäden ziehen? Herbert hat den genau gleichen Koffer wie ich auf unsere Kurzreise mitgenommen. Die Beamten trugen seinen Koffer ins Auto. Bin ich traurig? Ich weiß es nicht. Herbert schaute sowieso immer nach anderen Frauen. Das Hotelzimmer ist bezahlt, und mein Ticket für die Bundesbahn gilt auch für die Rückreise. Wie gut, dass Herbert es nicht in seiner Tasche behalten hat. Sagt mir hier denn niemand Bescheid? Vielleicht ist alles nur ein Irrtum, das mit den Handschellen und so . . . . . Ich packe einfach meinen Koffer aus. Gedacht, getan. Ich will warten.
N e i n – n e i n – ich fall nicht um! Es ist überwältigend, was sich da vor meinen Augen tut! So viele gebündelte Tausendmarkscheine anzusehen, ist schon was Sensationelles! Wie im Traum. Ich reibe meine Augen, schließe sie, öffne sie wieder. Realität! Obenauf liegt ein Zettel: Zwei Millionen! Da konnte wohl jemand sein Glück – und jetzt ist es sein Unglück – nicht fassen! Lottomillionär ist Herbert nicht! Mir ist klar, dass unsere Koffer aus Versehen vertauscht worden sind. Das viele Geld kann nur aus dem Bankraub von Buxtehude stammen!
Ein Singsang in meinem Kopf: “Vertauschte Koffer, jetzt bin ich reich. Was soll ich tun? Ich muss übern Teich!” Die Melodie von “Verlorene Liebe, verwunschener Traum, es welken die Herzen wie Blätter am Baum.” Ich muss fort! Ich muss fort! In Windeseile bin ich an der Rezeption. Ich hab Angst. “Ich reise ab,” sage ich kühl. “Jawohl, gnädige Frau, gefällt es Ihnen bei uns nicht?” – “Sicher. Aber ich habe einen nicht voraussehbar gewesenen dringenden Termin, den ich unbedingt wahrnehmen muss.” – “Dann gute Reise!” – “Ein Taxi bitte.!” Der Hotelboy trägt meinen Koffer, den ich ihm zitternd überlasse, zum beigen Mercedes. “Nein nicht den Koffer in den Kofferraum, ich nehme ihn mit nach vorne.” Ich nehme das kostbare Stück an mich, und schon sitze ich neben dem Taxifahrer, der eine Ausstrahlung hat – ein Flair! Von dem träumen sicherlich alle Frauen und Mädchen aus München. Bestimmt ist der verheiratet. “Gnä Frau, wollen´s zum Hauptbahnhof oder zum Flughafen?” Und jetzt gehe ich aufs Ganze. Wie das aussieht, verrate ich nicht. Er ist nicht verheiratet! Er findet mich toll. Er ist süß. Er ist mein Traummann! Liebe auf den ersten Blick von beiden Seiten!
Wir zählen sehr bald beide im Taxi das Geld nach und nicht viel später fliegen wir beiden – ohne Gepäck – irgendwohin, wo uns keiner jemals finden wird. Auf Wiedersehen! Ob wir glücklich werden?
Ja – wir sind es geworden. Wo wir leben, verrate ich nicht.

Zwei Kinder mit roten Haaren haben wir in die Welt gesetzt. Die haben es gut, das heißt, sie haben es besser, als wir es in unserer Jugend hatten. Wir haben ein weltweites Taxiunternehmen ins Leben gerufen. Die zwei Millionen haben wir investiert, die sich sehr bald verdoppelten und verdreifachten. Mein Mann hat es gern, wenn ich “mein geliebter Taxifahrer” zu ihm sage. Noch heute nach Jahren zählen wir gerne Geld.
Wir sind gut angesehen in unserem Gastland.
Dem Herbert von damals konnte man nichts nachweisen. Er wurde sehr bald aus der Untersuchungshaft entlassen und verdient als Callboy sein Geld.
Hab ich ein Glück gehabt in meinem Leben!
Amen.

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