Mein liebes Kind…weißt du, das war so:

von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)

Zechen – Fördertürme – Staub – Bergleute
Ach Kind, weiße, dein Opa, dat war noch so´n richtiger Malocher, damals in den Fünfziger Jahren. Da waren noch 48 Wochenstunden Pflicht – auch samstags und sonntags mussten die Kumpels innen Pütt, die Kohle raufholen. Die brachte Geld! Die Fördertürme durften nicht stille stehn. Dat war haate Knochenarbeit, wenn die Kumpels unter Tage in der siebten Sohle die Kohle locker machten und auf die Loren schippten. Und schwatt waren die, schwatt, wenn die wieder oben waren und in den Kauen unter die Duschen gingen. Die schwarzen Augenränder kriegten die mit Wasser und Seife nicht weg. Aber dat alles wurde gut bezahlt! Viele Männer arbeiteten unter der Erde im Pütt. Die schwarzen Diamanten – so sachte man damals – braucht heute keiner mehr. Kameradschaft war bei denen kein Fremdwort. Kuck mal hier, ich hab´noch die Grubenlampe von deinem Opa im Büfett! Dat war ihr einziges Licht unter der Erde. Ihre Lampen trugen die Bergleute um ihren Hals, wenn sie durch die von ihnen in den Stein geschlagenen unterirdischen Gänge robbten. Diese Lampe halte ich in Ehren!
Und wat haben die sich unter Tage alles erzählt! Dat weiß ich. Dein Opa hatte viele Witzkes und auch Zoten vonne 7. Sohle mit nach Hause gebracht. Dein Oppa hatte immer gesagt: “Da unten ohne Sonnenlicht sind wir ganz andere Menschen als über Tage. Wir frozzeln und reißen die gemeinsten Witze – auch über die Weiber – .” Aber wir Frauen hatten damit nix zu tun. Angst hatte ich immer um ihn. Wie oft ist ein Streb unter der Erde zusammengebrochen und hat Männer lebendig begraben. Ne weiße, die Erde bewegt sich ja manchma, da halfen die besten Abstützstempel nichts, wenn´s los ging! Und dann diese Steinstaublunge, die er sich geholt hat vom ständigen Einatmen des Kohlenstaubs da drunten unter der Erde. Atemschutz trugen die nicht, wohl einen Schutzhelm. Ja sicher. Es ist auch schon mal auf Zeche Prinz Regent ein Förderkorb abgestürzt und in die Tiefe gesaust. Gott sei Dank, war dein Opa da nicht drin! – Kind du sagst überhaupt nichts!” – “Ach Oma, erzähl doch weiter, ich hör´dir so gern zu!” – “Nun gut – dann musst du mir aber auch gleich von dir erzählen!” – “Ja sicher.” – “Ach mein Mädchen, Mitte Vierzig wurde dein Oppa Invalide! Weißt du, Silikose war wat Schlimmes! Diese Krankheit hat er sich unter Tage geholt vom ständigen Einatmen des Kohlenstaubs. Hat dein Opa gehustet und gespuckt – auch nachts. Aber von der Invalidenrente konnten wir gut leben. Die Knappschaft zahlt gut – auch heute noch!
Jetzt ist dein Opa schon lange tot. Er war kaum über Fünfzig. Aber er war noch so´n richtigen Kumpel, auch für mich! So einen findse nich no mal. Und den Fusel, den er hin und wieder brauchte zum Steinstaubherunterspülen hab ich ihm gegönnt! Dat war nich so einer, der immer inne Kneipe ging! Er trank sein Pülleken Schabau zuhause hinterm Kohleküchenherd. Jeden Tag hab ich den mit seinen vielen Ringen blank gescheuert. Dann war ich immer richtig stolz, wenn er glänzte. Dat es aber auch die Herde nicht mehr gibt! Immer stand ´ne Kanne heißen Kaffee auf der strahlend glänzenden Herdplatte. Der Herd heizte die ganze große Wohnküche mit dem großen Tisch in der Mitte, an dem wir alle saßen, aßen Mensch ärger dich nicht spielten – und meistens hat deine Mutter auch ihre Schularbeiten an dem Tisch gemacht. Ich hab ihr oft dabei geholfen. Später, als sie dann auf die Oberschule ging, natürlich nicht mehr. Mensch, war dat gemütlich! Wenn dein Oppa gut gelaunt war, hat er deiner Mutter Geschichten erzählt. Die saß dann aufm Fußbänksgen neben deim Oppa und konnte nie genuch kriegen. Manchmal glühte die Herdplatte vom vielen Prokeln mit dem Stocheisen. Ich hatte mich immer gefragt, wo er wohl die vielen Geschichten hernehme.
Die Kohlen krichten wir ja umsonst vonne Zeche. Wennt draußen nebelig war, konntesse nich rausgehen, da wurdesse ganz schwarz. Wenn die Wäsche draußen im Garten auffe Leine hing bei Tiefdruck, konntesse die noch mal waschen in der Waschküche mit dem großen Waschkessel. Da wurde die Wäsche noch sauber! Die wurde richtig gekocht. Nicht nur bei 90 Grad wie das heute bei den elektrischen Waschmaschinen üblich ist! Unn wenn ich den Nachtisch zum Abkühlen auffe Fensterbank raus gestellt habe und kein Tuch drübergelegt hatte, dann waren hinterher schwarze Brösel drauf, die hiessen bei uns „Bochumer Zucker“. Aber et war schön hier im Ruhrpott – damals, wenn die Zechenschlote qualmten. Da wusste man, hier wird malocht. Arbeit hatte jeder, wenn auch nicht bis zur gesetzlichen Altersgrenze, dat ging ja nicht mit der Silikose! Aber heute – bin ich eine alte Frau und Witwe dazu. Ich bin froh, dass ich vonne Knappschaft ´ne gute Rente bekomme!
Weiße, dein Opa liegt schon lange unter der Erde, und ich alte Frau hab ihn immer noch lieb! Kannst du das verstehen? Komm, bring die Gießkanne in dein Auto und lass uns die Blumen auf Oppas Grab gießen!
Weiße, dein Oppa fuhr immer mit dem Fahrrad auffe Zeche. Oft hab ich ihm den Henkelmann mit warmen Essen hingebracht, auch mit´m Rad! Damals gab´s nich viele Autos auf den Straßen. Höchstens son Prokurist vonner angesehenen Firma hatte eins auf Firmenkosten.
Und heute bringst du mir, mein liebes Kind, warmes Essen im Henkelmann mit deinem Auto und verdienst noch gar kein Geld, du studierst ja!
Wat hat deine Mutter denn gekocht?
Übrigens: Wat studiersse eigentlich?
Dein Oppa hätte auch das Zeug dazu gehabt. Aber weisse – können ja nicht alle – oder . . . . ?
Wie ist das heute?
Erzähl du doch mal deiner Großmutter von dir!”
“Ja Oma, jetzt hab ichs aber eilig!”

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