Hänschen klein. Ein Märchen aus Schlesien
von Urte Skaliks (copyright)
Es war einmal ein armes Elternpaar, das hatte von seinen vielen Kindern nur noch einen kleinen Jungen, das Hänselchen, und ein kleines Mädchen, die Marie, übrig behalten. Sieben ältere Geschwister waren ihnen schon auf dem Weg in den Himmel vorangegangen. Das wussten die beiden von ihrer verhärmten Mutter, die ihnen über jedes der Kindlein etwas erzählte: Das erste hatte einen ganz schwarzen Schopf gehabt, das zweite so blaue Augen, das dritte ein schelmisches Lächeln, das vierte war schon ganz früh gelaufen, das nächste war dem Hänschen ähnlich gewesen, das sechste hatte genau solche Locken gehabt wie Marie, und das siebte hatte die Mutter immer ganz traurig angesehen, wenn sie ihm nicht mehr zu essen geben konnte.
Da wussten Hänschen und Marie, dass die Mutter die Kinder sehr lieb gehabt hatte, aber sie dachten auch, dass sie selbst wohl auch bald in den Himmel kämen, weil sie soviel Hunger litten. Der Vater und die Mutter mussten bis spät in die Nacht am Webstuhl sitzen, und der karge Lohn aus ihrer Arbeit reichte kaum für das trockene Brot. Die Kinder schauten in die grauen Gesichter ihrer Eltern und wagten kaum noch, nach Essen zu fragen.
Wenn die Familie jeden lieben langen Tag von früh bis spät arbeitete, klagten die Eltern oft über Schmerzen im Rücken und in den Händen, und sie bejammerten ihr schweres Los. Dann erzählte die Großmutter davon, wie es früher doch soviel besser gewesen sei, und malte ihnen zum Trost auch die alten Sagen und Märchen in bunten Farben aus.
Eine Gestalt aus der heimatlichen Sage hatte es Hänschen besonders angetan, weil ihr Herz für die armen Leute schlug und weil sie schon so manchem aus dem Elend herausgeholfen hatte. Es war aber eine seltsame, launische Gestalt, die so manches Mal ganz üblen Schabernack getrieben hatte, wenn ein Mensch anmaßend oder böse war. Ja, ihr habt richtig geraten – es war der Rübezahl, der geheimnisvolle Geist der schlesischen Berge.
Hänschen glaubte nun ganz fest daran, dass der mächtige Rübezahl seinen armen, rechtschaffenen Eltern helfen würde. Ob er selbst immer brav genug gewesen war, da hatte er so seine Zweifel. Vielleicht würde ihm der merkwürdige Rübezahl deshalb sogar übel mitspielen. Aber er wollte es trotzdem wagen, ihn um Hilfe zu bitten. Schlimmer konnte das Elend in seiner Familie doch kaum noch werden. Und – jedenfalls würde es aufregend sein, einmal in die Welt hineinzugehen und den großen Berggeist zu treffen.
Aber genau da gab es eine Frage – wo sollte er ihn finden? Die Großmutter konnte ihm nicht sagen, wo der Rübezahl wohnte, und es schien, als sei er überall und nirgends zu Haus. Hänschen aber dachte sich, wenn er einfach in den Wald ginge, würde sich schon alles Weitere finden. Als er dann losgehen wollte, weihte er nur die kleine Marie ein. Das vorsichtige Mädchen versuchte, ihn davon abzuhalten, aber für ihn war es schon beschlossene Sache. Er versicherte ihr, er werde bald zurück sein.
Ihr könnt euch denken, wie die arme Mutter klagte und der Vater schimpfte, als Hänschen verschwunden war, aber sie wussten nun gar nicht, wo sie ihn suchen sollten, und eine Polizei gab es damals noch nicht. Also arbeiteten und webten sie weiter, beteten und hofften, dass der Junge bald wiederkommen möge. Nur Marie war guten Mutes und glaubte, ihr Bruder werde schon das Richtige tun.
Was nun dem Hänschen inzwischen passierte? Das Waldgebirge war ja nahe, und er ist schnell dort gewesen. Es war ein finsterer Wald, und es wurde ihm dort schon bald ein wenig ängstlich zumute, aber er wusste ja, was er suchte, und so ging er immer tiefer hinein. Das Hexenhäuschen ließ er links liegen, auch wenn es noch so gut duftete und die Hexe nicht einmal zu Hause war. Auf dem Rückweg wollte er ein paar Lebkuchen abreißen, falls er mal den Rübezahl nicht finden sollte.
Aber er glaubte ganz fest daran, dass der Geist nicht weit sein konnte. Bald schon sah er in der Ferne ein Lagerfeuer, an dem finstere Gestalten grölend saßen und große Stücke Fleisch am Spieß brieten. Ob das hier schon Rübezahl mit seinen Gefährten war, die bekanntlich immer zechten und prassten? Hänschen näherte sich fast lautlos, und schon stieg ihm mit dem kräftigen Holzrauch ein nie erlebter Bratenduft in die Nase. Alles zusammen trieb ihm die Tränen in die Augen, und fast musste er in seinem Versteck auch noch husten.
Wie sollte er aber Rübezahl herausfinden? Er dachte sich, bloß einfache Räuber könnten das da vorn nicht sein. Aber es waren doch welche, und ihr Fährtensucher rief auch schon:
“Na, komm raus, du Leichtgewicht – so knurrt doch nur ein Kindermagen, der lange nichts zu essen bekommen hat. Wir hatten heute einen guten Tag. Komm essen!”
Hänschen traute sich kaum heraus, aber es blieb ihm nichts anderes übrig. Er ging zögernd auf die Männer zu, die ihm gar nicht recht geheuer waren, aber sie begrüßten ihn so freundlich, dass er seine Angst bald vergaß.
“Du siehst ja fast so aus wie mein kleiner Franjo zu Hause. Aber was machst du hier allein im Wald? Hast du denn gar keine Angst vor dem riesigen Rübezahl?”, fragte ein jüngerer Räuber und bot ihm einen Platz auf seinem Fell an. Er gab ihm einen großen Fetzen Fleisch zu essen, und sie fragten nach seinem Woher und Wohin.
Hänschen erzählte, dass er beim Rübezahl Hilfe für seine arme Familie erbitten wolle. Als er aber den Namen genannt hatte, kriegten es die Räuber selber mit der Angst zu tun.
“Hast du denn etwa gehört, dass der hier in der Gegend sein soll? Wir haben doch eben nur einen Scherz damit gemacht.”
Die Räuber merkten gleich, dass Hänsel keine Ahnung hatte, wo der Rübezahl zu finden sei, und beruhigten sich bald wieder. Sie wurden nach dem guten Essen immer träger, und einige begannen schon zu schnarchen. Hänschen durfte mit bei Franjos Vater auf dem Fell schlafen und vergaß erst einmal sein Vorhaben.
Aber im Traum sah er noch einmal den üppigen Spießbraten, und diesmal saß seine ganze Familie mit am Lagerfeuer und ließ es sich gut sein.
Als in der ersten Morgendämmerung ein Vogel leise zu flöten begann, schreckte Hänschen hoch und sah verstört auf die schnarchenden fremden Männer um sich herum. Sie hatten ihm am Abend noch angeboten, als Kundschafter bei ihnen zu bleiben, und ihn sogar scherzhaft “König Hänschen” genannt, aber er wollte doch viel lieber wieder zu seiner Familie zurück.
Er überlegte noch, was er tun sollte, als er auf einmal nicht weit entfernt vom Lager auf einer höher gelegenen Lichtung eine große, sehr alte Frau stehen sah, die ihm winkte mitzukommen. Hänschen erhob sich leise, streckte ein wenig seine klammen Glieder und schlich hinter der ehrwürdigen Alten her. Über Stock und Stein, bergauf und bergab ging es, immer tiefer in den Wald hinein. Der flötende Vogel flog vor ihnen her, und der Weg kam Hänschen unendlich weit vor.
Es wurde ganz langsam heller. Als er so an den Bäumen des Waldes vorbeiging, zeigten sich überall an den Stämmen alle möglichen Gesichter, und manche Astlöcher waren Augen, und alle schienen lächelnd zu dem Wanderer hinzuschauen. Manche Äste sahen aus wie Arme, die freundlich nach ihm greifen wollten. Er wunderte sich sehr und rätselte, was alles dieses wohl bedeuten sollte, und ganz allmählich verstand er die Stimmen der fremdartigen Wesen.
“Hol uns hier raus, mach uns lebendig, lass uns dir Gesellschaft leisten.”
Hänschen hatte in einem Märchen schon einmal etwas über verzauberte Menschen gehört, und während er ging und ging, grübelte er, wie er sie wohl aus den Bäumen herausholen könnte. Aber es wollte ihm nicht einfallen.
Die schöne alte Frau war längere Zeit vor ihm hergegangen, dann aber unbemerkt wieder verschwunden. Auf einmal sah er in der Ferne ein kleines Haus, und er wusste, dass dies sein Ziel war.
Hänschen trat in die Hütte ein und sah die Frau an einem hell flimmernden Fensterchen sitzend, durch das man in eine andere Stube hineinblicken konnte. “Schau einmal, mein Junge”, sagte sie, “wie sich deine Mutter zu Hause grämt, und selbst dein Vater kann kaum seine Tränen zurückhalten.”
Hänschen schaute durch das Fenster und sah wie durch ein Wunder seine Familie zu Hause am Tisch.
“Aber ich wollte doch nur…”
“Ja, ich weiß.”
“Und sie haben nun einen Esser weniger.”
“Dein Brot haben sie nicht angerührt, damit du es findest, wenn du wiederkommst.”
Tränen strömten aus seinen Augen, und er wünschte sich in Gedanken:
“Wenn ich doch nur schnell wieder nach Hause könnte. Ich bin ja noch ein Kind.”
Da glaubte er plötzlich zu sehen, wie sein Schwesterchen ihm durch das seltsame Fenster zublinzelte. Er versuchte, es zu öffnen, aber er fand keine Klinke, und da war es auch schon blind und undurchsichtig geworden.
Die alte Frau an dem Fensterchen sagte zu ihm: “Wenn du wirklich nach Hause willst, kann ich dir helfen, dass du nicht wieder den Räubern begegnest.”
“Ach, – so gefährlich kamen mir die gar nicht mal vor.”
“Ja, du bist wohl ein mutiger Junge.”
“Ich hab aber auch ein bisschen Angst. Ich fände wohl nicht mehr alleine zurück. Aber, sagt, Muhme, woher wisst ihr denn, dass ich wieder nach Hause will? Ich habe doch gar nichts gesagt.”
“Nun, mein Junge, du hast doch hier noch andere seltsame Dinge erlebt.”
“Ja, das stimmt, denn wie konnte ich von hier aus meine Eltern in ihrem Häuschen sehen?”
“Du bist auch klug, mein Kind. Das wird dir helfen.”
“Aber, liebe Muhme, wer seid ihr denn, dass ihr mir dies zeigen konntet? Wisst ihr vielleicht sogar, wo ich den großen Rübezahl finden kann?”
“Dazu kann ich dir nicht viel sagen. Wenn du ihn suchst, wird er dich fliehen. Und du wirst ihn gefunden haben, wenn du ihn gerade nicht gesucht hast.”
“Seltsam, Muhme, wie ihr mit mir sprecht.”
“Ja, das muss dir wohl so scheinen.”
“Und wer ihr seid, danach darf ich wohl nicht fragen?”
“Ich würde es dir nicht sagen. Bald wirst du es herausfinden.”
“Ja? Ach, dann zeigt mir doch jetzt bitte, wie ich den weiten Weg zurück zu meiner Familie finde. Ich werde auch nie wieder einfach so weglaufen.”
“Ja, ich weise dir die Richtung. Nun aber sieh hier mein Geschenk, – ein kleines Messerchen von ganz eigener Art. Nimm es mit und verwahre es gut. Wenn du durch den Wald gehst, wirst du wissen, wozu es dir dienen kann. Eure Not wird bald ein Ende haben, wenn du wieder zu Hause bist.”
Hänschen nahm das Messer, das nach gar nichts Besonderem aussah, und bedankte sich gar herzlich bei der großen alten Frau.
“Dreh dich nun einmal um und schau dir den Heimweg an. Geh deinen Weg.”
Es eröffnete sich ein Pfad, auf den er hinaustrat. Alsbald verschwand die Hütte hinter ihm.
Hans schritt rüstig aus und kam gut voran, während der flötende Vogel wieder eine ganze Weile vor ihm herflog. Plötzlich bemerkte er auf seinem Weg ein altes Stück Holz, das seinen Blick magisch anzog. Alsbald erkannte er darin ein verborgenes Gesicht, und das Messerchen der alten Frau sprang in seine Hand. Da befreite er das Gesicht aus dem verzauberten Holz, und schon hüpfte ein lebendiges Kind neben ihm her. Das bedankte sich herzlich bei ihm, weil er es erlöst habe, und sie gingen zusammen weiter. Hans fand noch viel mehr von solchem Holz und erkannte jetzt auch, was die Stämme der Bäume ihm hatten sagen wollen So hatte er bis zum Abend schon sieben kleine Gesichter herausgeholt. Alle gehörten zu verzauberten Kindern, die bald wieder lebendig herumtanzten und sich auf ihre Heimkehr freuten.
Heiter wanderten sie alle zusammen weiter und immer weiter bis nach Hause zu ihren Familien. Seine Eltern umarmten Hans voller Glück, als er endlich wieder durch die Türe trat. Die kleine Marie freute sich doppelt, weil er unterwegs auch noch eine hübsche Puppe für sie gemacht hatte.
*
Viele Jahre später hatte Hans der Schnitzer einen bescheidenen Wohlstand geschaffen. Auch seine Eltern wohnten in einem besseren Häuschen, und alle lebten zufrieden bis an ihr seliges Ende.
Ach so, ihr wollt wissen, ob er denn jemals noch den großen Rübezahl getroffen hat? Wusstet ihr schon, dass sich der große Rübezahl einfach in alles verwandeln kann, auch in eine alte Frau? Na?
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