Ein Mann und eine Frau
von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)
Außer Atem erreichte sie ihr Auto, schloss die Tür auf, warf den Schlüssel auf den Sitz, verriegelte die Tür von innen und zog sie zu. Geschafft. Sie atmete heftig, klemmte sich hinters Steuer und griff den Schlüsselbund vom Beifahrersitz. Mit zitternden Händen brachte sie den Zündschlüssel ins Schloss. Ihre Plateausohlen rutschten von der Kupplung, die Knie versagten den Dienst. Das wutverzerrte Gesicht ihres Verfolgers presste sich ans Seitenfenster. Seine Fäuste trommelten wild an die Scheibe. Eingeengt hockte sie unter der Blechhaube. Ihr Herz pochte wild. Sie rang nach Luft. Sie bekam den Wagen nicht in Gang. Sie trat mit Vehemenz auf das Gaspedal, immer wieder. Abgesoffen! „Du Hure! Du Schandweib!“ Die Fäuste prasselten drauflos. Bemerkte denn niemand was? Ihr Wagen stand im Parkhaus am Rheinufer in Düsseldorf auf dem Frauenparkplatz nahe der Eingangstür zum 3. Parkdeck. Außer ihr und diesem Mann befand sich in diesem Moment kein Mensch auf dem Deck.„Lieber Gott, lieber Gott, so hilf mir doch!“ hämmerte es in ihrem Kopf. Ihr Handy klingelte. Ihre Hände waren nicht frei. Sie drehte den Zündschlüssel, bis die Batterie leer war und in den letzten Zügen röhrte. Ein schadenfrohes gellendes Gelächter ließ sie schaudern. Aus und vorbei? „Komm steig aus, treiben wir’s im Aufzug!“ grölte der ausgerastete Mann.
Dann war’s vorbei. Sie konnte nicht mehr aussteigen. Eine junge attraktive Frau saß zusammengesunken hinter dem Steuer ihres AUDI. Ihr Kopf war auf die Hupe gefallen. Die Lippen waren tiefblau gefärbt. Ein Mann verschwand in Windeseile im Aufzug. Der lang anhaltende, ohrenzerreißende Hupton zog die Aufmerksamkeit eines Wachmanns auf sich und dieser entdeckte schließlich den AUDI mit der leblosen jungen Frau. Im Nu bildete sich eine Menschansammlung. Wo waren sie, als diese Frau Hilfe brauchte? War Fremdeinwirkung im Spiel? Das Fahrzeug wurde mit Gewalt geöffnet. „Herzversagen“ stellte der herbeigerufene Notarzt nüchtern fest.. Die Polizei sperrte das gesamte 3. Parkdeck ab. Kurze Zeit später wurde ein Zinksarg die vielen Treppen heraufgetragen und in den vor dem Parkhaus stehenden Leichenwagen befördert. Gaffer hatten sich eingefunden. Sie zerstreuten sich, als sich der Leichenwagen entfernte.
Einige Tage später folgte ein tief trauernder Mann dem Sarg seiner Frau, die in einem Parkhaus in der Altstadt an akutem Herzversagen verstorben war. Dieser Mann war schnell genug von besagtem Parkdeck verschwunden. Keine Menschenseele hatte bemerkt, wie er zuvor seine schwer herzkranke Frau attackiert hatte. Ihre Klaustrophobie hatte ihr dann wohl den Rest gegeben. Die Obduktion ergab, dass eine Fremdeinwirkung nicht in Frage kommen konnte. Geschafft! Er wird das ansehnliche Vermögen seiner Frau erben. Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er an seinen Auftritt im Parkhaus dachte. Er wusste genau, wie seine Frau ihn verabscheute, hasste und sich in Todesangst vor seinen ständigen Angriffen hineingesteigert hatte. Das hat sie nun davon! Warum wollte sie auch unbedingt die Scheidung? Aber eigentlich hätte er nicht gedacht, dass es so leicht sein würde.
Weinend stand er am offenen Grab und warf rote Rosen in das stumme, dunkle Loch.