Die blaue Stunde

von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)

Die blaue Stunde ist das Fantastischste, das es für einen Menschen im Leben geben kann.
Der kleine Markus erkämpft sich mutig seine blaue Stunde.

1. Kapitel

Die blaue Stunde

Große Augen und spitze Ohren macht der 10-jährige Markus eines Tages beim Abendbrot, als er eine der vielen Weisheiten seines Vaters anhören muss, die da lautet: „Das Geld liegt auf der Straße, man muss es nur aufheben.“ Die knappe Entgegnung seiner Mutter: „Ja, ja, so einfach ist das eben“, versetzt ihn in ungewohnte Emsigkeit. Er läuft eine ganze Woche lang draußen herum und sucht Bürgersteige und Straßen nach Geld ab. Die Hausaufgaben vernachlässigt er, obwohl er aufs Gymnasium kommt. Der Vater droht mit Stubenarrest. Stubenarrest? Nur das nicht!
An jenem Abend im April ist er zufrieden mit sich selbst. Sein Zimmer ist aufgeräumt, Hausaufgaben sind fertig.. „Ich geh zu Uwe!“, ruft Markus an der Haustür. „Bleib nicht so lange!“ Seine Taschenlampe nimmt er mit – wer weiß ? Draußen räumt die Dämmerung für die anbrechende Dunkelheit den Himmel auf. Am Firmament erkennt Markus die Milchstraße. Er denkt an die Astronauten und stellt sich vor, wie die das Geld auf der Milchstraße einsammeln.
Schwaden, die unter einer flackernden Straßenlampe aus einem Kanaldeckel herausquellen, wecken seine Neugier. Mit ein paar Sätzen ist er unter der Laterne. Auf der gegenüberliegenden Seite parken Autos. Aus dem weißen Dampf schlüpft ein Männlein heraus, das ihn an Rumpelstilzchen aus seinem Märchenbuch erinnert. „Guten Abend“, sagt der Knirps, „knips‘ die Taschenlampe aus.“ Gesagt, getan. „Was willst du hier?“, fragt Markus irritiert. „Hallo, hallo! Ich freue mich, dass ich dich endlich treffe. Bist du an einer blauen Stunde in deinem Leben interessiert?“ „Ja sicher“, sagt Markus spontan, der das Ganze spannend findet. Zu Uwe kommt er immer noch. „Ja, dann kannst du ja deine erste blaue Stunde heute „live“ erleben. Du kannst dich glücklich schätzen, dass dir diese Ehre zuteil wird.
Komm mit, ich zeig dir was!“ Im Nu drehen die dünnen Ärmchen den schweren Kanaldeckel zur Seite, sodass das schwarze Loch frei wird. Schwups, ist das Männchen darin verschwunden. Markus springt hinterher. Angst hat er schon. Aber die Abenteuerlust siegt.. Den Kanaldeckel stemmt der kleine Kerl von unten wieder mit einer langen Eisenstange in die Öffnung. Muss der Kräfte haben! Das Männlein murmelt ein paar unverständliche Worte vor sich hin und zündet den langen Docht einer Petroleumlampe an, die karges Licht verbreitet. „Komm Markus, wir benutzen den geheimen Gang. Hier kann uns keiner begegnen. Wir, die wir hier unten leben sind Figuren aus Märchen, Träumen, dem Horror und der Wirklichkeit. Wenn du dich bewährst, kannst du unser Ehrenmitglied werden. Lass uns weitergehen. Du willst sicher heute noch einige und einiges kennen lernen.“
Weitergehen! Der ist lustig! Markus robbt sich mühsam durch diesen „geheimen“ dunklen Gang. Das Männlein trippelt behände vor ihm her und leuchtet mit dem Petroleumlampe die glänzenden Felswände ab, von denen unaufhörlich Wasser herabrieselt. Die Luft ist klamm und feucht. „Ja,“ erklärt das Männchen, „wir befinden uns in einer unentdeckten Tropfsteinhöhle. Wenn du öfter kommst, wirst du bald kein Asthma mehr haben!“ Und Markus merkt, dass er trotz seiner gebückten Haltung gut durchatmen kann. Da wird sich die Mutter aber freuen! „Mach schon, länger als eine Stunde darfst du als Fremder hier unten nicht bleiben!“ Der Gang verbreitet sich, und Markus kann endlich aufrecht gehen. Dann muss er zwangsläufig stehen bleiben, denn die beiden ungleichen Gestalten sind am Ufer eines Gewässers angelangt. Das Männchen stellt sich endlich vor: „Ich bin Mister Alfons. Ich bin mehr als tausend Jahre alt und sterbe nie. Dass du der Markus bist, weiß ich längst. Ich hab mich halb tot gelacht, als ich dich als Geldsucher unterwegs sah. Dafür, dass du schon 10 Jahre alt bist, hast du aber wenig Verstand! Das ist nur ein Spruch: „Das Geld liegt auf der Straße.“ „Als wenn ich das nicht längst wüsste!“, entgegnet Markus pikiert. Mister Alfons hat die Petroleumlampe ausgepustet. Das breite Gewässer, dessen Ufer sie erreicht haben, ist blau wie der Himmel über der Erde. Eine angenehme Helligkeit ergießt sich über Markus. Glitzernde große Fische springen mit den Wellen hoch und nieder. Platsch, platsch. Dem Markus ist es nicht mehr geheuer. Ein Riesenkrokodil mit Schuppen so groß wie ein Suppenteller, bewegt sich im Wasser träge hin und her. Ob es Ausschau nach Markus hält? Wie Unterseeboote ziehen Haie ihre Bahnen durch das trügerische blaue Wasser. „Ich will nach Hause!“, kreischt Markus voller Angst und Entsetzen. „So einfach ist das nicht, mein Junge. Jetzt musst du erst mal eine klitzekleine Mutprobe bestehen“, belehrt Mr. Alfons den wie Espenlaub zitternden Jungen. „Bringe mich zurück!“ kreischt Markus in wilder Panik. Der Kleine, der doch sein Freund sein will, stört sich nicht daran. „So mein Guter, jetzt musst beweisen, dass du tapfer bist. Ich verspreche dir, es passiert dir nichts. Du musst durch dieses Wasser an die andere Seite schwimmen. Das schaffst du bestimmt! Du bist dann der Gewinner der „Blauen Stunde“. Viele Menschen vor dir haben das Ufer nicht erreicht. Ich weiß nicht, wo die geblieben sind. Auf jeden Fall waren’s Feiglinge. Und du bist doch keiner!“ „Ich will nicht, ich will nicht!“ zetert Markus los. „Außerdem habe ich keine Badehose mit!“ „Du kannst getrost deine Klamotten anbehalten, das macht gar nichts. Du hast doch den Rettungsschwimmer in der Schule gemacht. Stell dich nicht so an!“ „Stell dich nicht so an! Stell dich nicht so an!“ schallt es vielstimmig vom gegenüberliegenden Ufer herüber und kommt als mehrfaches Echo wieder zurück. Schaurig schön klingt das. „Du brauchst nie mehr auf deine Blaue Stunde zu verzichten, die überall stattfinden kann. Aber – Voraussetzung hierzu ist ja nun, dass du deine Mutprobe bestehst,“ schmeichelt Mr. Alfons. Markus bibbert vor Angst. „Ogottogottogott! Was mach ich nur? Was mach ich nur?“ zermartert er sich verzweifelt seinen Kopf. Das Krokodil peitscht mit dem Riesenschwanz das Wasser zu einer haushohen Fontäne und reißt das große Maul weit auf.

„Da pass ich dreimal rein“, denkt Markus verzweifelt. Die Fische hechten über die Schaumkronen hinweg. Auf der anderen Uferseite fuchteln unzählige Gestalten mit den Armen in der Luft herum. Einige halten ein Mikrofon in der Hand. „Nu mach schon!“ zetert Mister Alfons. „Die da drüben warten schon lange auf deinen Besuch! Mach schon, sonst stoße ich dich ins Wasser!“ – Da steht der „Geldsucher“ am Ufer dieses unheimlichen Sees. Er klappert vor Angst mit den Zähnen. „Wie kommst du denn rüber?“, fragt er Mister Alfons mit zitternder Stimme. „Das lass nur meine Sorge sein. Ich bin schneller drüben, als du denken kannst.“ Und schon wachsen in Windeseile zwei Flügel aus seinen Schultern. Wow, da muss Markus aber staunen. Und schon mir nichts dir nichts breitet Mr. Alfons seine kleinen starken Flügel aus und zischt wie eine Rakete über das Wasser und landet in Sekundenschnelle wohlbehalten auf der anderen Seite. „Wenn du jemals wieder nach Hause willst, musst du schon rüberkomme!“ schreit er in ein hingehaltenes Mikrofon. „Allein findest du den Rückweg nie!“
„Komm, komm, wir lieben dich!“, schallt das Geschrei der anderen Gestalten herüber. Markus friert plötzlich ganz erbärmlich. Tränen rollen über sein verschmutztes Gesicht. Er ver-sucht, die Entfernung abzuschätzen. Sind’s 100, 200 oder gar 300 Meter? Er kann nicht mehr. „Was mach ich nur? Was mach ich nur?“, denkt er verzweifelt.
Eine tiefe Stimme aus der Grotte hinter ihm ertönt: „Mach, dass du ans andre Ufer kommst. Denk an deine arme Mutter. Beeile dich. Wenn deine blaue Stunde abge-laufen ist, bist du verloren. Du wirst elendig sterben! Außerdem wird es hier bald fin-ster sein!“ Eine starker Windstoß packt plötzlich den jammernden Jungen von hinten und schleudert ihn förmlich ins Wasser. Er schwimmt um mein Leben. Das Krokodil taucht vor ihm auf und peitscht das Wasser in die Höhe des Kölner Doms. Trotz sei-ner Kleidung, der blauen Jeans und seinem Lieblings-T-Shirt mit dem aufgedruckten Klassenfoto, fühlt Markus sich plötzlich hochgehoben und springt beflügelt über das Wasser und dann höher und immer höher und landet tatsächlich wohlbehalten auf der anderen Seite. Das Krokodil hat ihn nicht gefressen! Oder doch? Ist er etwa tot? Spielt sich diese Narretei etwa im Bauch des Krokodils ab? Nein. In seinen Ohren knackt es schauerlich. Irgendwas geschieht. Der Junge packt an seine Lauscher, entdeckt sein Gesicht im Spiegel des Wassers und staunt nicht schlecht, als zwei riesengroße Segelohren sich in die normale Größe zurückbilden. Wieso hatte er so große Ohren? Haben die ihn etwa über das Wasser getragen?
Mit Begeisterung empfängt ihn ein buntes Völkchen. Einige Gestalten erkennt er so-gar. Seine Kleidung ist gar nicht mehr nass. Nur in den Schuhen schwappt das Was-ser. „Schelmenohr, Segelohr, Hurra, du bist da!“ Ein Geschrei hebt an, das kaum we-gen des Echos kaum auszuhalten ist. Pippi Langstrumpf – ja, sie ist es! – löst sich aus der Schar der Schaulustigen und geht auf Markus zu. Sie zieht seine Schuhe aus und schüttet das Wasser heraus. „Du bis ja tapfer,“ lacht sie und dreht an ihren roten Zöpfen. „Schelmenohr, Schelmenohr!“ schreien die anderen. Sie stehen auf einer großen Gänseblümchenwiese um den kleinen Jungen herum, der sich jetzt wie ein Held fühlt. Sie ziehen an seinen Ohren. Mister Alfons weist sie zurecht: „Nun lasst doch mal den tapferen Kerl in Ruhe!“ Er wendet sich an Markus. „Ja“, freut er sich: „Du bist der erste richtige Mensch, der es geschafft hat bis hierher zu kommen. Dieses Mal hat die Windböe dich an unser Ufer geweht, deine Segelohren haben dabei geholfen. Weißt du, vor dir haben schon Verbrecher versucht, in unser spannendes und schönes Domizil einzudringen. Sie kamen in böser Absicht hierher, waren aber zu feige, durch das Wasser zu schwimmen. Diese Bankräuber wollten bei uns ihr Geld verstecken, stell dir vor, hier bei uns! Sie blieben auf der anderen Seite und fanden nie wieder den Weg zurück nach oben zu den Menschen. Die Windböe hatte sie in die Richtung des Schreckens verjagt. Dort müssen sie hundert Menschenjahre lang Euro-Scheine zählen. Wenn die damit jemals fertig werden sollten, sind die Scheine längst nicht mehr gültig. Sie prügeln sich oft, wenn einer sich wieder mal verzählt hat. Diese Schwachköpfe! Siehst du, das Geld liegt nicht einfach so auf der Straße, sondern steckt fest in der Unterwelt des Schreckens. Markus hockt im Schneidersitz auf der Gänseblümchenrasen und zieht seine Schuhe wieder an, immer noch umringt vom „Volk hinter dem großen Teich“ wie er die bunte Truppe für sich nennt. Mister Alfons wird unruhig und gibt Markus mit den Armen wedelnd zu verstehen, dass seine blaue Stunde bald abgelaufen ist. „Dalli, dalli! Wir müssen weg! Komm, komm, du willst doch wohl nicht für den Rest deines Lebens hier bleiben?“ Markus schüttelt unzählige Hände. Bekannte Gesichter lachen ihn an. Er freut sich jetzt schon auf seine nächste Blaue Stunde. „Beeilung! Beeilung!“, drängelt Mister Alfons.
Aber – alles ist zu spät! Nichts wird gut! Was ist los? O Schreck, o Graus!
Eine geschlossene Front von Ungeheuern nähert sich, aus der Richtung der tausend Ewigkeiten kommend, laut schnaubend den herumstehenden bunten Gestalten.. Eine Herde von riesigen Echsen trabt in weit ausholenden schweren Schritten auf die friedliche Gruppe zu, gemächlich und sich ihrer Sache wohl sicher, dass sie die für sie lächerlichen kleinen Kröten in aller Ruhe auflesen und verschlingen können. Aber – die Dinosauer sind doch schon vor mehreren Millionen Jahren ausgestorben!? Sind es überhaupt welche? Oder sind es nur Monster aus einer Schauergeschichte? Mister Alfons, der sich sonst immer tapfer verhält, gibt mit bebendem Stimmchen zu verstehen: „Hierher haben diese Biester Zugang wie alle Wesen auf dieser Welt, die ausgedachten, die ausgestorbenen und die lebenden. Ich hätte jedoch nie gedacht, dass die riesigen Echsen, die ihr Menschen Dinosaurier nennt, in unsere heimliche Welt kommen können.. Wir sind für sie ein Leckerbissen, den sie noch nicht probiert haben. So wie für euch Menschen Küken, Hähnchen, Schnecken, was du willst. O lieber Gott, hilf uns.“

Die skurrilen Gestalten am Ufer des Sonnensees sind beinahe zu Tode erschrocken. Sie werfen sich alle platt ins Gras, als der Boden wie bei einem Erdbeben schwankt. Der See ist zu einem stürmischen Gewässer angeschwollen. „O Gott“, murmelt Alfred entsetzt, „jetzt haben sie’s geschafft.“ Der Himmel verfinstert sich mit schwarzem Rauch wie aus unzähligen Fabrikschloten, der aus den Nüstern der Ungeheuer steigt. Pippi Langstrumpf rettet sich auf ihr Pferd und stiebt in rasendem Galopp davon, weiß der Himmel wohin.
Die plumpen riesigen Leiber schleifen ihre zentnerschweren Schwänze hinter sich her. Sie nähern sich stampfend und laut röhrend dem zitternden Völkchen. Was ist zu tun? Wo haben diese mächtigen Kolosse sich in Millionen von Jahren versteckt gehalten? Mister Alfons wendet sich an Harry Potter, der gar nicht mutig wirkt, sondern wie versteinert auf der Erde liegt: „He, Harry, du kennst diese Monster aus deinen Träumen. Du hast mir erzählt, dass diese Biester Vegetarier sind, die fressen kein Fleisch!“ „Woher soll ich das wissen? Es gab solche und solche, die Pflanzen fressenden und die Vegetarier. Zerstampfen können sie uns allemal!“ „Steht endlich auf, Ihr Jammerlappen! Verschwindet in eure eigene Behausung!“, befiehlt Alfons mit immer schwächer werdendem Stimmchen, das nur vom Echo getragen wird… Im Nu verschwinden alle in die verschiedensten Richtungen. „Mach, dass du nach Hause kommst!“, schnauzt Alfons den wie Espenlauf zitternden Markus an. „Beeil dich, bevor deine blaue Stunde abgelaufen ist! Nimm denselben Weg übers Wasser zurück. Auf der anderen Seite des Sees können die Monster dich nicht mehr erreichen. Die Dinos sind wasserscheu. Spute dich!“ Da steht der arme Kerl ganz allein mit Mr. Alfons da. Von wegen! Dieser hat sich in Luft aufgelöst. Aber erteilt unsichtbar Befehle: „Du musst zurück! Nimm meine Socke mit, die hilft dir. Wie aus dem Nichts fliegt ein rotes Söckchen, das bis vor kurzem noch einen Fuß von Mr. Alfons bekleidet hat, dem Markus zu, das dieser geschickt auffängt. Und die Socke spricht zu ihm: „Keine Angst, wir schaffen das!“

Der Boden bebt. Die plumpen riesigen Kolosse nähern sich in einer geschlossenen Front zu zehn Tieren beinahe majestätisch, schnaubend und ächzend dem verzweifelten, allein gelassenen Knaben. Mit dem Mut der Verzweiflung springt er hinein in die tobenden Wellen und kämpft um sein Leben und hält kraulend die rote Socke über Wasser. Wird er das rettende Ufer erreichen? Oder wird er gar von dem grusligen Krokodil wie ein kleiner zappelnder Fisch gefressen? Grelle Blitze zucken. Die Windböe hilft ihm dieses Mal nicht. In der Mitte des Sees angelangt, wagt er einen Blick zurück. Gewaltige Kolosse bilden eine gefährliche Mauer am verlassenen Ufer. Ihre Nüstern weiten sich wie riesengroße Saugnäpfe, mit denen sie die im Wasser zappelnde Beute einsaugen wollen. Zu spät! Ermattet erreicht ein kleiner Junge in pitschnassen Jeans das rettende Ufer.
Unter Anleitung der roten Socke erreicht er sehr bald „seinen Kanaldeckel“, stemmt ihn mit letzter Kraft mit der Eisenstange hoch, hangelt sich an der dehnbaren roten Socke nach oben auf „seine“ Erde zurück und lässt sich erschöpft auf den Bürgersteig fallen. Die Kirchturmuhr schlägt zehnmal. „Geschafft“, geht es ihm durch den Sinn. Vor genau einer Stunde bin ich hier verschwunden. Wie mag es meinen neuen Freunden ergehen?“ Da meldet sich die rote Socke zu Wort: „Du musst mich morgen in deiner zweiten Blauen Stunde Mister Alfons wieder zurückbringen. Er ist ohne mich verloren. Denk dran. Das ist Ehrensache! Zeig mich nicht deinen Eltern. Deine Mutter käme auf die Idee mich in die Waschmaschine zu stecken. Damit würde ich meine Zauberkraft verlieren.“

Markus wankt nach Hause und fällt todmüde ins Bett. Die rote Socke versteckt er noch unter seiner Matratze. Die Mutter, die hereinschaut, wundert sich über die nassen Jeans und darüber, dass Markus keinen Hunger hat.

2. Kapitel (2. Blaue Stunde)

„Wie komme ich ohne viel Fragerei nach draußen?“, zermartert Markus sich am folgenden Tag den Kopf. Die morgendliche Strafpredigt der Mutter beim Frühstück hat er nicht vergessen. In der Schule hat er sich noch nicht getraut, seinem Freund Uwe von seiner ersten Blauen Stunde zu erzählen. Aber beim nächsten Mal, wenn er die rote Socke Mr. Alfons zurückgegeben hat! Als die Mutter spät abends telefoniert und der Vater am Computer sitzt, hat seine Stunde geschlagen. Er schleicht sich davon. Ganz egal, was draus wird. Er muss die rote Socke zurückbringen. Er weiß nur noch nicht, wie er das anstellen soll. Er legt einen Zettel auf sein Bett. „Bin gleich wieder da, spätestens in einer Stunde“, steht drauf. Er weiß, dass er sich weitere Scherereien bereitet. Aber was soll’s? Er schleicht sich aus dem Haus. Draußen bemerkt er, dass an fast allen Häusern die Lichter erloschen sind. Nur ein kleiner Hund, den sein Herrchen abgeleint hat, läuft über die Straße und hebt sein Beinchen an seiner Laterne.. Ein kurzer Pfiff und er schnellt zurück wie aus dem Flitzebogen. Aufatmend erreicht Markus „seine“ Laterne und müht sich ab, den Kanaldeckel hochzuheben. Er schaut sich um. Kein Mensch ist in Sicht. Mit all seinen ihm zur Verfügung stehenden Kräften schafft er es, den Kanaldeckel hochzuheben, und mutig springt er hinunter in das schwarze Loch.

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