Der Turm am Ende der Welt

von Barbara Strauss (copyright)

Es war einmal, fast am Ende der Welt, da gelangte Martin an einen hohen Turm, dessen Spitze in den Wolken verschwand. Er ging einmal um den Turm herum, aber er konnte weder Fenster noch Türen entdecken. Und so ging er noch zweimal um das Bauwerk herum in der Hoffnung, doch noch einen Eingang zu finden. Als er die dritte Runde beendet hatte, ertönte von ganz weit oben plötzlich wunderschöne glockenhelle Musik. Verwundert ging Martin abermals um den Turm herum, und als er drei weitere Runden vollendet hatte, vernahm er eine sanfte Frauenstimme, die zu ihm sprach:

„Willst du in den Turm gelangen,
in welchem man mich hält gefangen,
musst du drei Prüfungen bestehen,
dann darf als Braut ich mit dir gehen!”
Noch viel erstaunter suchte Martin nun mit den Augen das Mauerwerk ab, aber er konnte niemanden entdecken. Also fragte er aufs Geratewohl: „Wer bist du, und warum hält man dich gefangen?” Da kam die Antwort von weit oben:
„Das Ungeheuer, das mich zur Frau begehrt,
hat mich hier oben eingesperrt.
Mein Vater ist König, Prinzessin bin ich.
Ich bitte dich sehr, ach, rette mich!”

„Nun denn, dann sag mir, was ich tun soll, um dich aus dieser Festung zu befreien!“ erwiderte da beherzt der Wanderer.
„Durch drei Gefahren musst du gehen,
willst du befreit mich vor dir sehen:
Zuerst dem Vogel mit den drei Köpfen
die Zauberfedern von jedem Kopfe schröpfen,
dann der gefährlichen Nixe im Teich
die Haare abschneiden sogleich,
zuletzt dem vierhörnigen Stier rauben das Stroh,
hast du dies vollbracht, bin ich von Herzen froh!”

Nachdem Martin erfahren hatte, was er wissen wollte, machte er sich auf den Weg zu dem Berg, auf dem der dreiköpfige Vogel sein Nest hatte. Er pfiff vergnügt vor sich hin, denn ihm schienen die Aufgaben der Prinzessin alles andere als gefährlich. Der junge Mann kletterte die Felswand mit Leichtigkeit hoch, fand das Nest und sah, daß der Vogel ausgeflogen war. Da versteckte er sich und wartete auf den Einbruch der Dunkelheit. „Wenn der Vogel dann kommt”, sprach er zu sich, „wird er wohl gleich einschlafen. Und dann brauche ich mir nur die Federn zu greifen und mich davonschleichen. So einfach ist das!”
Als nur noch ein paar Sonnenstrahlen die höchsten Berggipfel erhellten, rauschte es in der Luft über dem Nest, und ein riesiger Vogel landete. Der Jüngling erschrak. Damit hatte er nicht gerechnet, und jetzt erst bemerkte er, dass das Vogelnest eigentlich viel größer war, als alle Vogelnester, die er bisher gesehen hatte. Sogar ein Adlerhorst war klein dagegen. Inzwischen hatte der Vogel es sich bequem gemacht, und der erste Kopf sank müde zur Seite. Auch dem zweiten Kopf fielen die Augen zu. Jetzt muss ich nur noch warten, bis auch der dritte eingeschlafen ist, freute sich Martin, aber da wartete er umsonst. Wachsam drehte und wendete der Vogel seinen dritten Kopf hin und her, sodass kein herankommen möglich war. Ungeduldig starrte Martin auf die purpurroten, im Dunkeln leuchtenden Federn auf den Köpfen des Tieres, das ansonsten ein unscheinbar graubraunes Federkleid hatte. Nun war guter Rat teuer. Doch endlich sank auch der dritte Kopf sachte zur Seite. Martin freute sich und verließ hurtig sein Versteck. Aber gerade als er das Nest erreichte hatte, begann sich der zweite Kopf zu regen. Martin konnte gerade noch in sein Versteck zurückspringen, da hörte er schon ein bedrohliches Zischen. Furchterregend bohrten sich die Augen des soeben erwachten Kopfes in die Dunkelheit, aber zum Glück konnten sie den Burschen nicht entdecken. Nach einer Weile schlief auch dieser Kopf wieder ein, dafür erwachte der dritte, um Wache zu halten. Und als die Sonne aufging, war Martin in seinem Versteck eingeschlafen. Als er wieder munter wurde, stand die Sonne schon hoch am Himmel, und das Nest war leer. Missmutig er den Abstieg. Als er schon fast unten war, hörte er das ihm nun schon bekannte Rauschen der Flügel des riesigen dreiköpfigen Vogels. Hurtig schlüpfte er in eine Felsspalte und sah, wie der Vogel an einem Wasserloch am Fuße des Berges landete, darin badete und seinen Durst löschte.

Jetzt frohlockte der junge Mann, denn er wusste, was er zu tun hatte. Als es Abend wurde und er den Vogel wieder in seinem Nest wusste, ging er zum nächsten Wirtshaus und kaufte dort mit seinem letzten Geld drei große Fässer mit starkem Weißwein und einen Holzeimer. Mit Mühe rollte er die schweren Fässer zum Wasserloch und begann, das Wasser mit dem Eimer herauszuschöpfen. Dazu brauchte er fast die ganze Nacht. Als das Loch endlich leer war, schüttete er den ganzen Wein hinein, sodass es wieder ganz voll wurde. Zufrieden suchte sich Martin ein bequemes Plätzchen zwischen den Felsen und schlief augenblicklich ein. Um die Mittagszeit wurde er wie erwartet vom Flügelschlag des Vogels geweckt, der sich wieder an dem Wasser gütlich tun wollte. Das Tier badete und trank, und es schien ihm heute besonders zu schmecken, denn es hörte gar nicht mehr auf, von dem seltsamen Wasser zu kosten. Es dauerte nicht lange, da begann der Vogel hin- und herzuschwanken und fiel endlich betrunken auf die Erde. Das war der Moment, auf den Martin gewartet hatte. Blitzschnell sprang er hin und riss die drei Federn von den drei Köpfen. Dabei hatte er leichtes Spiel, denn der Vogel war fest eingeschlafen. Vergnügt zog Martin mit seiner Beute weiter.
Gegen Abend erreichte Martin den Teich der Nixe inmitten eines finsteren Waldes. Er setzte sich ans Ufer und dachte: Eine Nixe wird mir doch hoffentlich nicht gefährlich werden!
Zwar bemerkte er, dass sich kein Reh am Ufer des Teiches sehen ließ, um seinen Durst zu stillen, daß kein Schwan auf der spiegelnden Wasserfläche majestätisch seine Bahn zog und sich kein Fischlein in den Tiefen des Gewässers tummelte, aber er dachte sich nichts dabei. In Wahrheit verhielt es sich aber so, dass die Nixe alles Lebendige fraß, was sich zum oder in den Teich wagte, und so kamen schon längst keine Tiere mehr dort hin.
Um die Nixe hervorzulocken, seufzte der Bursche: „Ach, wie sehr verzehre ich mich vor Sehnsucht nach dir, holde Nixe! Ich bitte dich, lass dich doch sehen!” Kaum hatte er diese schmachtenden Worte gesprochen, tauchte auch schon ein hässliches Weib mit langen grünen Haaren aus der Tiefe des Wassers.
„Habe ich endlich einen Liebsten gefunden!” freute sich die Alte und setzte sich zu Martin. Und gerade, als er sich ihre Haare greifen und davonlaufen wollte, sagte sie: „Lass dich umarmen, mein Lieber, ich haben dich zum Fressen gern!” Dabei schlang sie ihre Arme so fest um den Mann, dass ihm fast die Luft wegblieb und er sich nicht mehr befreien konnte. Sie begann schon, ihn in ihr Reich hinabzuziehen, da fiel ihm eine List ein: „Halt, warte, ich habe dir ja meine Brautgeschenke noch nicht überreicht!” Neugierig hielt die Nixe inne: „ So, wo hast du sie denn?” „Nicht fern von hier, da habe ich 99 Rehlein, die sich an deinem Wasser laben und 99 Schwäne, die über deinen Teich schwimmen und 99 goldene Fischlein, die sich dort unten tummeln sollen.” Martin hatte gerade noch rechtzeitig erkannt, warum es hier keine Tiere gab und die Nixe richtig eingeschätzt. Diese forderte ihn nun auf, die Tiere zu holen. Martin aber bedauerte, dass er nichts habe, womit er die Rehe und Schwäne festbinden könne, um sie zur Nixe zu führen. Da schlug ihm das gefräßige Weib, das sich mit den Fischen alleine nicht begnügen wollte, vor, ihr doch die Haare abzuschneiden, denn die würden wohl reichen, die Tiere anzubinden. Martin schnitt ihr also die langen grünen Haare ganz nah an der Kopfhaut ab und versprach, bis zum Morgengrauen mit den Geschenken zurückzusein. Daran dachte er natürlich nicht einmal im Traum sondern zog frohlockend von dannen.
Zu guter letzt machte er sich auf die Suche nach dem Stier mit den vier Hörnern. Alsbald gelangte er zu dessen Stall, worin das mächtige Tier mit seinen wahrlich furchterregenden Hörnern auf einem großen Haufen Stroh schlief. Martin spähte vorsichtig durch einen Spalt in der Tür und entdeckte am anderen Ende des Stalles ein Fenster, das offen stand. Sogleich machte er sich einen Plan zurecht. Er öffnete das Stalltor weit und rief und pfiff, bis der Stier erwachte. Der sprang auf die Beine, schnaubte vor Wut und stürzte auf den Störenfried zu. Martin aber lief so schnell er konnte um das Gebäude herum, sprang durch das Fenster in den Stall und raffte soviel Stroh zusammen, wie er nur zu tragen vermochte. Als der Stier beim Fenster anlangte und sah, dass der Bursche sein Stroh stahl, machte er kehrt und stürmte zurück zum Stalltor. Martin jedoch warf das Stroh aus dem Fenster, sprang hinterher, lief ebenfalls zum Stalltor und schloss es hinter dem Stier, der sich nun wieder im Stall befand und nach dem Strohdieb suchte. Zufrieden machte sich Martin auf den Weg zurück zum Turm.

Dort angelangt, berührte er mit der ersten Zauberfeder das Mauerwerk , und eine Tür erschien. Nun konnte Martin eintreten. Drinnen aber war es so finster, dass er rein gar nichts sehen konnte. Da hielt er die zweite Zauberfeder hoch, und die leuchtete ihm den Weg. Eine schmale Wendeltreppe führte ihn hoch, an deren Ende er an eine verschlossene Tür gelangte. Als er diese mit der dritten Zauberfeder berührte, sprang sie auf. Kaum aber war die Tür offen, sprang ein riesiger schwarzer Hund mit glühenden Augen, der die Gefangene bewachen sollte, auf ihn zu. „Schnell, wirf das Haar der Nixe über den Hund!” Blitzschnell griff Martin zu dem Haar, dass er sich über die Schulter gelegt hatte und warf es über das Ungetüm. Das Haar verwandelte sich in ein kräftiges Netz, und der Hund verwickelte sich ganz und gar darin. Jetzt konnte sich Martin in dem Turmgemach umsehen und erblickte das lieblichste Mädchen, das er je gesehen hatte. Die Prinzessin begrüßte ihren Befreier, dann nahm sie das Stroh, das Martin mitgebracht hatte, formte daraus eine lebensgroße Puppe und legte sie in ihr Bett. Die Strohpuppe sah dem Mädchen so täuschend ähnlich, dass man wirklich meinen konnte, die Prinzessin schliefe in ihrem Bette.
„So wird das Ungeheuer, das mich gefangen hat, wenn es zurückkehrt, nicht merken, dass ich entkommen bin”, erklärte die schöne junge Frau. „Sobald wir den Turm verlassen haben werden, wird auch das Netz den Hund wieder freigeben, und er wird weiter Wache halten, denn er ist genauso dumm wie er gefährlich ist.”
Und so kam es dann auch: Der Hund hielt getreu Wache, als das Ungeheuer zurück in den Turm kam. Es setzte sich an das Bett seiner vermeintlichen Braut um zu warten, dass diese aufwachen möge. Und es wartete noch, als die Prinzessin und Martin schon längst das Königreich ihres Vaters erreicht hatten und Hochzeit feierten. Und wenn es nicht gestorben ist, dann wartet es noch heute.

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