Der Rest des Lebens

von Annemie Fetten-Winklhofer (copyright)

Ich heiße Richard Block, bin 30 Jahre alt, arbeitslos und sitze zur Zeit im Knast.
Ich frage mich: „Ist das alles nur ein Albtraum?“ Meine Nachbarin, dieses gehässige Weib, liefert mich einfach an die Bullen aus für nichts und wieder nichts. Und dann gibt sie noch zum Besten, dass sie genau beobachtet hätte, dass ich am 20. Juli 2003 gegen 15.00 Uhr im unteren Bereich des Montanushofes inmitten einer Menschenmenge in meine Gesäßtasche gegriffen, einen metallenen Gegenstand herausgezogen und geschossen hätte. Das war genau der Zeitpunkt, an dem Hubert Albers erschossen wurde. Und jetzt sitze ich in Untersuchungshaft auf der Ulmer Höhe in Düsseldorf. Alle Indizien sprechen gegen mich. Mein Pflichtverteidiger rät mir, ein volles Geständnis abzulegen.
Und so lief mein Besuch im Montanushof ab:
Am Sonntag, dem 20. Juli 2003, war meine kleine Welt noch in Ordnung. Bei herrlichem Wetter strömten die Menschen von nah und fern herbei, um bei der Wiedereröffnung des Montanushofes dabei zu sein. Getränke gratis, Überraschungen, Attraktionen für die Kinder waren angekündigt worden. Ab 14.00 Uhr war ich dort. Das Ganze wirkte wie ein großer, bunter Bazar. Ich traf noch einen alten Kumpel. Gegen 15.00 Uhr fuhr ich mit dem gläsernen Fahrstuhl nach unten in den Eingangsbereich. Kinder sausten ausgelassen durch das Gebäude. Es war brüllend heiß geworden. Hier unten entdeckte ich den Landrat und den Bürgermeister unserer kleinen Stadt. Sie betrachteten einige Gemälde, die vor dem Frisörsalon ausgestellt waren. Ich ging näher an sie heran. „Wenn ich Gemälde sehe, entspanne ich mich und erfreue mich an den Kunstwerken.“ „Sie malen doch auch, Herr Landrat“, entgegnete der Bürgermeister. „Ihre Gemälde hängen überall in der Verwaltung aus.“ Der Landrat lächelte geschmeichelt. Zwei Männer in den besten Jahren, die es zu was gebracht haben, hielten small talk. Und ich armer Hund bin arbeitslos, weil meine Firma Pleite gemacht hat. Trotz des ohrenbetäubenden Lärms vernahm ich hinter mir zwei männliche Stimmen, und erst, als ich ein metallenes Klicken vernahm, wurde ich hellhörig. „Pass ja auf, dass du den Richtigen triffst in diesem Durcheinander, Frantischek“, zischte ein blonder, gut aussehender Mann im sportlich eleganten Outfit dem neben ihm stehenden, dicken, kleinen Glatzkopf zu. „Was denkst du denn? Ich bin doch kein Anfänger!“ rief dieser dem auf den Ausgang Zustrebenden nach. Ich angelte nach einem, sich in der Auflösung befindenden Schokoriegel in meiner Jeans-Gesäßtasche und schob mir die süße, braune Masse in den Mund. Und da peitschten auch schon 2 Schüsse los. Bruchteile von Sekunden blieb die Welt stehen. Dann schlug die Starre um in Panik. Geschrei: „Die Kinder, schafft die Kinder fort!“ Neben dem Landrat war ein Mann zu Boden gestürzt. Nein, nicht der Bürgermeister, nur irgendein Besucher. Aus seiner rechten Schläfe sickerte Blut. Ist der Mann tot? Es war zu spät. Der Dicke mit der Glatze war verschwunden. Hektische Bewegung kam in die Menschenmenge. Wie eine gackernde Hühnerschar rannten die Leute auf die Stelle zu, wo am Boden lang hingestreckt der Mann lag, den die Kugeln getroffen hatten. Hysterisches Geschrei: „Schrecklich! Schlimm!“ Aber auch: „Nichts wie weg hier! Der Schütze ist vielleicht noch unter uns!“
Alle Handys traten in Aktion. „Platz da!“, schrieen die Sanitäter und bahnten sich mit einer Bahre den Weg durch das Spalier der Gaffer. Vergebens. Der Notarzt stellte den Tod fest. Der Ort des Geschehens wurde von der Polizei abgesperrt, die Menschen aufgefordert, das Gebäude zu verlassen. „Die sind ja alle schnell zur Stelle“, meinte meine plötzlich wie aus dem Nichts aufgetauchte, gehbehinderte Nachbarin. Sie wohnt auf derselben Etage mit mir im Haus in der Schillerstraße 15. Ich hatte sie vorher nicht bemerkt. Sie fuchtelte mit ihrem Krückstock wie besessen in der Luft herum. „Ich weiß, wer’s war!“, kreischte sie los. Sie zielte mit dem Stock auf mich, so dass ich in Deckung gehen musste. „Hier ist der Verbrecher! Ich habe genau gesehen, wie er geschossen hat!“ Die Menschen, die im Begriff waren, den Montanushof zu verlassen, hielten an und bildeten eine gefährliche Mauer um uns herum. „Halten Sie den Mund! Was fällt Ihnen ein?“, versuchte ich ihren Redefluss zu bremsen. „Von wegen!“ Der Stock fuhr wild auf und nieder. Sie krakeelte so lange, bis zwei Uniformierte sich den Weg zu uns bahnten. Sie fischten tatsächlich eine Pistole aus dem hinter mir stehenden Abfallbehälter und hielten mir das Ding triumphierend unter die Nase. „Sie sind verhaftet!“ Im Nu schlossen sich Handschellen um meine Handgelenke. Ich wurde abgeführt. Draußen vor dem Eingang standen der Kleinbus von der Spurensicherung, ein Leichenwagen und ein weiteres Polizeiauto. Mich stieß man mit dem Kopf in das Polizeiauto. Ich sah noch, wie man einen Zinksarg heraustrug. Es war nicht die brütende Sommerhitze, die mir den Schweiß den Rücken herunterjagte. Es war kalter Angstschweiß. Eine ganze Staffel von Polizisten war weiter damit beschäftigt, den Montanushof zu räumen. Der Tag hatte so schön begonnen. Und nun war etwas ganz Schlimmes passiert in dieser unseren Stadt, an diesem attraktiven Tag. Ein Mord war geschehen! Und ich sollte der Mörder sein! Der arme Kerl, der erschossen wurde, wer war das? Ich zerfloss nur in Selbstmitleid.
Bei meiner polizeilichen Vernehmung konnte ich eine ziemlich genaue Beschreibung der beiden Männer abgeben, deren kurzen Dialog ich mitbekommen hatte. Man glaubte mir kein Wort. Jedoch wurde ein ziemlich genaues Phantombild erstellt. Aber nur, um die Männer evtl. befragen zu können, ob auch sie als Zeugen gegen mich aussagen können.

Der Tag danach – Montagmorgen
Um 7.30 Uhr in der Frühe bremst vor dem Polizeipräsidium in Neuss das Auto des Kommissars Günter Adel. Sein dichtes graues Haar ist kurz geschnitten. Seine Augen funkeln vor Tatendrang. Er springt aus dem Auto. Leichter Nieselregen verdampft auf dem Asphalt des Parkplatzes. Er betritt das Gebäude. In der Anmeldung steht der Landrat und blättert im Erft-Kurier. Das Titelblatt nimmt ein Riesenfoto ein. Eine weißhaarige, alte Frau mit zusammengekniffenen Lippen stellt es dar. Die knallige Überschrift lautet: „Alte Dame konnte den Mörder aus dem Montanushof dingfest machen.“ Der Landrat ist leger gekleidet. Die beiden Männer gehen in die Kantine, einen Kaffee zu trinken. „Der Mord in Grevenbroich ist ja wirklich total verrückt.

Wo ist das Motiv bei diesem festgenommenen Habenichts?“
„Ja, diese schnelle Aufklärung ist einfach zu glatt, Peter“, entgegnet der Kommissar. „Dafür, dass du herausfindest, welche Motive im Spiel waren, wirst du ja bezahlt, mein lieber Günter“, meint der Landrat trocken. Der Landrat verabschiedet sich bald wegen wichtiger Termine. Er steht unter Polizeischutz. Der Kommissar jongliert seine Tasse Kaffee in das Büro seines Mitarbeiters, Hermann Kruse. Der junge eifrige Beamte sitzt übernächtigt an seinem Schreibtisch hinter dem Computer. „Ihm gebührt irgendwann ein Lob“, sinniert der Kommissar. Er überfällt ihn förmlich mit Fragen. „Habt ihr den Ermordeten durch den Computer laufen lassen? Wir können nicht ausschließen, dass er vorbestraft war. Ist er?“ „Nein. Er ist nur 35 Jahre alt geworden, geschieden und lebte allein in einem Reihenhaus in Grevenbroich auf dem Usedomweg. Seinen PKW haben die Kollegen sicher gestellt. Richard Block, der Täter, ist ein arbeitsloser Techniker. Vielleicht ist er gedungen worden und sollte für Geld den Bürgermeister oder den Landrat töten.“ Fragen über Fragen. „Auf der Waffe waren keine Fingerabdrücke. Also trug er Handschuhe. Er ist nicht vorbestraft“, beendet Hermann Kruse seinen Redefluss. Es klopft an der Tür. Ohne auf ein Herein zu warten, betritt Ute Langenhagen das Büro. „Ich bin vom Lokalsender“, stellt sie sich vor. Die Blicke der beiden Männer irren zwischen dem zu engen T-Shirt und den blauen Augen hin und her. „Ist der Mordfall vom Montanushof wirklich aufgeklärt? Gibt es Einzelheiten, über die wir berichten können? Hatte der Mörder überhaupt ein Motiv?“, spult sie herunter. „Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen“, antwortet der Kommissar kurz angebunden. „Wir sollten uns im Auge behalten“, flötet die Schöne und drückt ihre Visitenkarte dem immer noch wie hypnotisiert dasitzenden Hermann Kruse in die Hand und rauscht hinaus. “Man sieht sich!“ „Kennen Sie die?“ „Nein. Natürlich nicht!“
Der nächste Tag – Dienstagvormittag
Am Grenzübergang Schwanenhaus in Kaldenkirchen halten zwei Zollbeamte gegen 10.00 Uhr einen schwarzen BMW mit Neusser Kennzeichen an.

Die schlenkernde Fahrweise des mit beiden Armen herumfuchtelnden, weizenblonden Fahrers, Henry Mey, der sich wohl heftig mit seinem glatzköpfigen Beifahrer, Frantischek Hofer, streitet, hat zur Folge, dass der attraktive Mann sich einem Alkoholtest unterziehen muss. Ergebnis: Negativ. Auch der Beifahrer muss aussteigen, während der jüngere Zollbeamte das Fahrzeug durchsucht. Überrascht entdeckt er eine Schachtel Patronen im Handschuhfach. Sie entsprechen dem Kaliber der Waffe, mit der am Sonntag in Grevenbroich ein Mann erschossen wurde. Eine Ahnung glimmt in den dunklen Augen des jungen Mannes auf, während sein Kollege noch mit den Fahrzeugpapieren beschäftigt ist. „Ja, das Phantombild“, geht es ihm durch den Kopf, „diese Ähnlichkeit.“ Er hat eine Idee.

Er tut einfach so, als hätte er die Patronen nicht bemerkt und fotografiert vorsorglich den Inhalt des Handschuhfaches. Die beiden Typen sind ihm nicht geheuer. Er befestigt eine Miniwanze unter dem Handschuhfach, die wohl kaum entdeckt werden kann. Bevor die beiden Männer zur Weiterfahrt aufgefordert werden, unterrichtet der junge Zöllner seinen Kollegen über seine Vorgehensweise und erhält dessen Zustimmung. „Gute Weiterfahrt! Und entschuldigen Sie die Unterbrechung!“ Der alte BMW setzt sich in Bewegung. Der Dicke chauffiert.
„O Gott Frantischek, was bist du nur für ein widerliches, dämliches Wesen“, sagt der neben ihm sitzende Henry Mey, als er das Handschuhfach öffnet und dann auf das bloße schwitzende Haupt des Fahrers starrt. „Du kannst dem lieben Gott auf Knien danken, dass diese Vollidioten die Patronenpackung nicht gefunden haben!“ Er kurbelt sein Fenster herunter und wirft die Schachtel hinaus. Schweißtriefend hockt der Dicke hinter dem Steuer. „Was ist, wenn ich, sollte es jemals dazu kommen, einfach sage, dass du geschossen hast?“ Der lange Blonde kann nur höhnisch erwidern: „Du Idiot hast alles vermasselt. Den Landrat solltest du killen und nicht so einen harmlosen, dahergelaufenen Nobody. Das Kopfgeld kannst du abschreiben. Du kannst nur hoffen, dass der Kerl, der verhaftet wurde, auch brummen muss.“ „Da mache ich mir keine Gedanken. Die Alte hat so toll ausgesagt, da kann ja gar nichts schief gehen.“ Die beiden ungleich aussehenden Männer beschuldigen sich gegenseitig lauthals mit Vorwürfen und verstricken sich immer mehr in ein astreines Geständnis. An der Maas wendet der BMW. An ihr eigentliches Vorhaben trauen sie sich nach dem heutigen Vorfall an der Grenze nicht heran. Sie wollten sich mit einem Rauschgifthändler treffen. Per Handy sagt Herbert Mey den Termin ab. Ja, und was die beiden sich in ihren allerschlimmsten Albträumen nicht vorstellen können, wird für sie zur traurigen Gewissheit. Sie haben in ihrer Streitsucht nicht bemerkt, dass sie auf ihrer Fahrt durch Venlo von einem weißen Renault verfolgt worden sind. Die Zöllner haben gute Arbeit geleistet und ihre Beobachtungen an die richtige Stelle weitergeleitet. Das zänkische, unbeabsichtigte Geständnis der beiden Verbrecher haben zwei Kripobeamte bis ins Detail mitgehört.
Und wie geht`s weiter?
Die beiden Verbrecher sitzen sehr bald in einem Polizeifahrzeug und werden gratis mit Blaulicht und in Handschellen über die Autobahn befördert. Die Männer baden in Angstschweiß und beschimpfen sich gegenseitig. In Neuss biegt das Fahrzeug ab. In halsbrecherischem Tempo, mit rotierenden Reifen stoppt der Wagen vor dem Polizeipräsidium. Die zwei Beamten führen die Verbrecher direkt ins Dienstzimmer des Kommissars, der schon ungeduldig wartet. So ein Pech aber auch! Bei der Leibesvisitation von Herbert Mey fällt den Beamten ein gelber, mit Zahlen und Zeichen beschriebener Spickzettel in die Hände. Herbert Mey verfärbt sich. Mit flinken Fingern haut Hermann Kruse, der Computerspezialist, in die Tasten. Nachdem der Computer abgestürzt und wieder in Betrieb gebracht wird, öffnet sich nach langem Hin und Her eine Web-Seite, die da lautet: http://www.mach-jeden-kalt.de. Einen fast todwunden Schrei gibt Frantischek Hofer von sich, als er erfahren muss, dass sein Kumpan bereits 20.000 EURO kassiert hat, von denen er nach Erledigung des Auftrages nur 5.000 abbekommen sollte. „Abführen!

Abführen! Abführen!“, tobt der Kommissar außer sich.
Neusser Computer-Experten werden fündig und verhaften die Homepage-Betreiber in einem Schnellverfahren, das einmalig ist. Diese Seiten gibt es nun nicht mehr im Internet. Die Betreiber sitzen. Es stellt sich heraus, dass irgend so ein selbst ernannter geistig verwirrter Künstler aus Köln die Homepage-Betreiber beauftragt hat, den Landrat zu töten, weil dessen Kunstwerke im Gegensatz zu seinen trivialen Bildern über die Grenzen Nordrhein-Westfalens hinaus Anerkennung finden. Auch dieser Möchtegern-Künstler wird verhaftet.
Für Richard Block öffnet ich das Gefängnistor. „Und heute beginnt der Rest meines Lebens“, erkennt er tief aufatmend.

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